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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Verona
Romeo und Julia

Stand: Januar 2016

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Romeo und Julie, die leuchtenden Dioskuren der zärtlichsten Treue, das liebende Paar, über welches Shakespeare die höchsten Zauber seiner Muse, und Bellini in der Oper gleiches Namens alle Süßigkeiten seiner Melodien ergoss. Entsprossen den zwei feindlichen Häusern der Montecchi und Capuletti in Verona, konnten sie nimmer von ihren beiderseitigen Eltern die Einwilligung zu dem Bund ihrer Herzen erwarten. Da ersinnt Juliens Arzt ein kühnes Mittel der Rettung: durch einen Trank versinkt Julie in einen todtenähnlichen Schlummer, und wird als wirklich Gestorbene in die Gruft ihrer Väter beigesetzt, um, – so war sein Plan –, fortan todt für ihre grausamen Eltern, zu neuem Leben an des Geliebten Seite zu erwachen. Dieser aber unglücklicher Weise von dieser List nicht benachrichtigt, gibt sich den Todesstoß über ihrem Sarge, worauf sie leider zu spät von ihrem Schlummer erwacht.

Damen Conversations Lexikon, Band 8. [o.O.] 1837, S. 473. Online: http://www.zeno.org/

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Oben links: Verona - Casa di Romeo. Verso: 00135 Edit. A. Zannoni e f. - Verona. 1668 - Uff Revisione Stampa Milano. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1918.
Oben rechts: 1888 Verona Casa di Giulietta. Verso: Ed. Zampieri - Verona. Cartolina Postale. Nicht gelaufen. [Ungeteiltes Adressfeld]. - Inschrift über dem Bogen: "Das waren die Häuser der Capuletti, aus welchen Julia hervorging, welche die zarten Herzen so sehr beweinten und die Dichter [...] besangen." (Gsell Fels: Ober-Italien und die Riviera [Meyers Reisebücher] 5. Aufl. Leipzig u. Wien: Bibliographisches Institut 1892, Sp. 485.)
Unten: 419 Verona - Casa di Giulietta - Il Balcone. Verso: Bromostampa - Milano. Vera Fotografia. Nicht gelaufen.

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Heinrich Heine
Shakespeares Mädchen und Frauen
Julie

In der Tat, jedes Shakespearesche Stück hat sein besonderes Klima, seine bestimmte Jahreszeit und seine lokalen Eigentümlichkeiten. Wie die Personen in jedem dieser Dramen, so hat auch der Boden und der Himmel, der darin sichtbar wird, eine besondere Physiognomie. Hier, in „Romeo und Julie“, sind wir über die Alpen gestiegen und befinden uns plötzlich in dem schönen Garten, welcher Italien heißt...

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn? –


Es ist das sonnige Verona, welches Shakespeare zum Schauplatze gewählt hat für die Großtaten der Liebe, die er in „Romeo und Julie“ verherrlichen wollte. Ja, nicht das benannte Menschenpaar, sondern die Liebe selbst ist der Held in diesem Drama. Wir sehen hier die Liebe jugendlich übermütig auftreten, allen feindlichen Verhältnissen Trotz bietend und alles besiegend ... Denn sie fürchtet sich nicht, in dem großen Kampfe zu dem schrecklichsten, aber sichersten Bundesgenossen, dem Tode, ihre Zuflucht zu nehmen. Liebe im Bündnisse mit dem Tode ist unüberwindlich. Liebe! Sie ist die höchste und siegreichste aller Leidenschaften. Ihre weltbezwingende Stärke besteht aber in ihrer schrankenlosen Großmut, in ihrer fast übersinnlichen Uneigennützigkeit, in ihrer aufopferungssüchtigen Lebensverachtung. Für sie gibt es kein Gestern, und sie denkt an kein Morgen ... Sie begehrt nur des heutigen Tages, aber diesen verlangt sie ganz, unverkürzt, unverkümmert ... Sie will nichts davon aufsparen für die Zukunft und verschmäht die aufgewärmten Reste der Vergangenheit ... „Vor mir Nacht, hinter mir Nacht“ ... Sie ist eine wandelnde Flamme zwischen zwei Finsternissen ... Woher entsteht sie? ... Aus unbegreiflich winzigen Fünkchen! ... Wie endet sie? ... Sie erlöscht spurlos, ebenso unbegreiflich ... Je wilder sie brennt, desto früher erlöscht sie ... Aber das hindert sie nicht, sich ihren lodernden Trieben ganz hinzugeben, als dauerte ewig dieses Feuer ...

Ach, wenn man zum zweitenmal im Leben von der großen Glut erfasst wird, so fehlt leider dieser Glaube an ihrer Unsterblichkeit, und die schmerzlichste Erinnerung sagt uns, dass sie sich am Ende selber aufzehrt ... Daher die Verschiedenheit der Melancholie bei der ersten Liebe und bei der zweiten ... Bei der ersten denken wir, dass unsere Leidenschaft nur mit tragischem Tode enden müsse, und in der Tat, wenn nicht anders die entgegendrohenden Schwierigkeiten zu überwinden sind, entschließen wir uns leicht, mit der Geliebten ins Grab zu steigen ... Hingegen bei der zweiten Liebe liegt uns der Gedanke im Sinne, dass unsere wildesten und herrlichsten Gefühle sich mit der Zeit in eine zahme Lauheit verwandeln, dass wir die Augen, die Lippen, die Hüften, die uns jetzt so schauerlich begeistern, einst mit Gleichgültigkeit betrachten werden ... Ach! dieser Gedanke ist melancholischer als jede Todesahnung! ... Das ist ein trostloses Gefühl, wenn wir im heißesten Rausche an künftige Nüchternheit und Kühle denken und aus Erfahrung wissen, dass die hochpoetischen heroischen Leidenschaften ein so kläglich prosaisches Ende nehmen! ...

Diese hochpoetischen heroischen Leidenschaften! Wie die Theaterprinzessinnen gebärden sie sich und sind hochrot geschminkt, prachtvoll kostümiert, mit funkelndem Geschmeide beladen und wandeln stolz einher und deklamieren in gemessenen Jamben ... Wenn aber der Vorhang fällt, zieht die arme Prinzessin ihre Werkeltagskleider wieder an, wischt sich die Schminke von den Wangen, sie muss den Schmuck dem Garderobemeister überliefern, und schlotternd hängt sie sich an den Arm des ersten besten Stadtgerichtsreferendarii, spricht schlechtes Berliner Deutsch, steigt mit ihm in eine Mansarde und gähnt und legt sich schnarchend aufs Ohr und hört nicht mehr die süßen Beteurungen: „Sie spielten jettlich, auf Ehre« ...

Ich wage es nicht, Shakespeare im mindesten zu tadeln, und nur meine Verwunderung möchte ich darüber aussprechen, dass er den Romeo erst eine Leidenschaft für Rosalinde empfinden lässt, ehe er ihn Julien zuführt. Trotzdem, dass er sich der zweiten Liebe ganz hingibt, nistet doch in seiner Seele eine gewisse Skepsis, die sich in ironischen Redensarten kundgibt und nicht selten an Hamlet erinnert. Oder ist die zweite Liebe bei dem Manne die stärkere, eben weil sie alsdann mit klarem Selbstbewusstsein gepaart ist? Bei dem Weibe gibt es keine zweite Liebe, seine Natur ist zu zart, als dass sie zweimal das furchtbarste Erdbeben des Gemütes überstehen könnte. Betrachtet Julie. Wäre sie imstande, zum zweiten Male die überschwenglichen Seligkeiten und Schrecknisse zu ertragen, zum zweiten Male, aller Angst Trotz bietend, den schauderhaften Kelch zu leeren? Ich glaube, sie hat genug am ersten Male, diese arme Glückliche, dieses reine Opfer der großen Passion.

Julie liebt zum ersten Male und liebt mit voller Gesundheit des Leibes und der Seele. Sie ist vierzehn Jahre alt, was in Italien soviel gilt wie siebzehn Jahre nordischer Währung. Sie ist eine Rosenknospe, die eben, vor unseren Augen, von Romeos Lippen aufgeküsst ward und sich in jugendlicher Pracht entfaltet. Sie hat weder aus weltlichen noch aus geistlichen Büchern gelernt, was Liebe ist; die Sonne hat es ihr gesagt, und der Mond hat es ihr wiederholt, und wie ein Echo hat es ihr Herz nachgesprochen, als sie sich nächtlich unbelauscht glaubte. Aber Romeo stand unter dem Balkone und hat ihre Reden gehört und nimmt sie beim Wort. Der Charakter ihrer Liebe ist Wahrheit und Gesundheit. Das Mädchen atmet Gesundheit und Wahrheit, und es ist rührend anzuhören, wenn sie sagt:

Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht,
Sonst färbte Mädchenröte meine Wangen
Um das, was du vorhin mich sagen hörtest.
Gern hielt' ich streng auf Sitte, möchte gern
Verleugnen, was ich sprach: doch weg mit Förmlichkeit!
Sag, liebst du mich? Ich weiß, du wirst's bejahn,
Und will dem Worte traun; doch wenn du schwörst,
So kannst du treulos werden; wie sie sagen,
Lacht Jupiter des Meineids der Verliebten.
O holder Romeo! Wenn du mich liebst:
Sag's ohne Falsch! Doch dächtest du, ich sei
Zu schnell besiegt, so will ich finster blicken,
Will widerspenstig sein und nein dir sagen,
So du dann werben willst: sonst nicht um alles.
Gewiss, mein Montague, ich bin zu herzlich;
Du könntest denken, ich sei leichten Sinns.
Doch glaube, Mann, ich werde treuer sein
Als sie, die fremd zu tun geschickter sind.
Auch ich, bekenn ich, hätte fremd getan,
Wär ich von dir, eh' ich's gewahrte, nicht
Belauscht in Liebesklagen. Drum vergib!
Schilt diese Hingebung nicht Flatterliebe,
Die so die stille Nacht verraten hat.


Heine schrieb den Text 1838 im Auftrag des Pariser Buch- und Kunsthändlers H. Delloye zu einem Zyklus von Kupferstichen von Shakespeares Frauengestalten. Das buch erschien 1839 unter dem Titel „Shakespeares Mädchen und Frauen mit Erläuterungen von H. Heine“ bei Delloye in Paris sowie Brockhaus und Avenarius in Leipzig.

Digitalisiert in: Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Großbibliothek (Digitale Bibliothek; 125) Berlin: Directmedia 2005, S. 247.116 – 247.121 (mit Kupferstich). – Online bei Zeno org: http://www.zeno.org/Literatur/ sowie bei Gutenberg-DE: http://gutenberg.spiegel.de/.

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Josef Kainz als Romeo mit Anna von Hochenburger als Julia

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1. Bild von oben: Romeo und Julie. Shakespeare - Serie. II. Verso: Postkarte. Nicht gelaufen. [Ungeteiltes Adressfeld]
2. Bild von oben: Romeo u. Julia. Was ist ein Name? / Was uns Rose heisst, / Wie er auch hiesse, / würde lieblich duften. Signet: RPH im Kreis mit Rössel. S 2086/5 I.T. Im Bild signiert: Schmoll Berlin. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
3. Bild von oben: Ah! ne Fuis pas encore! laisse, / Laisse ta main s'oublier dans ma main! Im Bild signiert: Walery Paris. Signet: ELD. Gelaufen. Ohne Poststempel. Carte Postale.
4. Bild von oben: Sous les baisers de flamme, / Le ciel rayonne en moi! / Je t'ai donné mon âme! / A toi! ... toujours à toi! ... Im Bild signiert: Walery Paris. Signet: ELD. Gelaufen. Ohne Poststempel. Carte Postale.
5. Bild von oben: Verona - Romeo e Giulietta. Verso: Edizione Onestinghel - Verona. Bromfoto Milano. Vera Fotografia. Nicht gelaufen. - Hier sieht man im Innenhof den 'historischen' Balkon. Das Liebespaar wurde auf die Fotografie gemalt.
6. Bild von oben: Josef Kainz (1858-1910) als Romeo mit Anna von Hochenburger als Julia. Foto in: Paul Wiegler, Josef Kainz. Ein Genius in seinen Verwandlungen. Berlin: Deutscher Verlag 1941, nach S. 64.

Für die Illustrationen der Goethezeit siehe auch den italienischen Maler Giambattista Gigola (1769-1841). Vgl. Neoclassico e Troubadour nelle Miniature di Giambattista Gigola. Milano, Museo Poldi Pezzoli 1978. IV Giulietta e Romeo, p. 105-152, Tav. VI-X.

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Die Novelle „Romeo und Julia“ von Matteo Bandello (um 1485 bis 1561), auf die sich Shakespeare stützte, ist in Übersetzung online nachzulesen bei Gutenberg-DE http://gutenberg.spiegel.de/. Bei Google Bücher findet sich digitalisiert: Das Novellenbuch; oder Hundert Novellen nach alten italienischen, spanischen, französischen, lateinischen, englischen und deutschen bearbeitet von Eduard von Bülow. Mit einem Vorworte von Ludwig Tieck. 3. Teil, Leipzig: Brockhaus 1836, S. 568-614; für die Stoffgeschichte vgl. S. VII-IX.

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Links: Romeo & Julia. Ich will Dir deine Lippen küssen, / Vielleicht hängt noch ein Tropfen Gift daran. Signet: GLco. [Gustav Liersch & o. Berlin] 1600-9. Photochemie. Verso, im Briefmarkenfeld: Made in Germany. Nicht gelaufen.
Rechts: Romeo u. Julia. O willkommner Dolch! / Roste da, und lass mich sterben. Signet: RPH im Kreis mit Rössel. S 2087/6. II.T. Im Bild signiert: Schmoll Berlin. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1909.

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August Lewald: Aquarelle aus dem Leben

August Lewald (1792-1871): Aquarelle aus dem Leben. Dritter Theil. Mannheim Verlag von Heinrich Hoff 1837, S. 201-211 (Digitalisiert durch Google).

Ich war in Verona. Unweit der Brücke di Pietra steht ein altes Haus, worin jetzt ein schlechter Gasthof ist, den selten ein Reisender aus Deutschland bezieht, er müsste denn ein sentimentaler Narr meinesgleichen sein. Mir hatte man ihn auch nicht genannt, wenn ich mich nach Gasthöfen erkundigte, sondern immer nur von den zwei Thürmen, dem Tower von London und Groß-Paris gesprochen. Das Aushängeschild des alten Wirtshauses am Ponte di Pietra bestimmte mich aber, auf Gefahr einiger Unbequemlichkeit diesem vor allen übrigen den Vorzug zu geben. Es war nämlich darauf zu lesen: Albergo Capeletti. Seltsam bewegt trat ich ein, und auf meine Frage erwiderte mir ein bleiches Mädchen, schwarz gekleidet, einen Messaro über die braunen Locken geworfen, dass dies das Haus der unglücklichen Giulietta sei, und dass die Halle im ersten Stock, worin wir uns eben befanden, jener Ballsaal wäre, wo der junge Romeo zuerst ihre Bekanntschaft machte. Es schien jetzt, nach Jahrhunderten, noch eine Wehmuth das junge Mädchen zu ergreifen, bei der bloßen Erwähnung dieser tragischen Liebesgeschichte, und mit großer Theilnahme sah ich ihr zu, wie sie mir – selbst eine Merkwürdigkeit – andere Merkwürdigkeiten ihrer Stadt zur Collation auftrug, herrliche Feigen, stark duftende Salami und fette Aale aus dem nahen Lago di Garda.

Ich aß, weil ich hungrig war, doch ohne die Vortrefflichkeit aller dieser Gegenstände zu genießen, und hatte nur Augen für das Mädchen, nur Gedanken für Giulietta Capeletta. Ich dachte mir dieses Mädchen auch verliebt – verliebt in den Sohn des Feindes ihrer Familie und in erhöhterer Stimmung vernahm ich den Zank des Wirthes mit einem eintretenden jungen Burschen. Zwist musste in diesem Hause herrschen fort und fort, worin er einst so Grässliches heraufbeschworen hatte; ich versank immer tiefer in die Vorzeit, oder ich stieg vielmehr immer höher in ihr hinauf – meine Täuschung wuchs, je länger ich das junge Mädchen betrachtete. Aus ihrem bleichen Gesichte leuchteten zwei Augen, so matt und schwimmend, dass man leicht ihnen ansehen konnte, sie seien im Weinen geübt. Sie hatten ihren Romeo schon erblickt; meine Scene spielte nach der Nacht auf dem Balkon. Der Mund war leicht geschlossen, von schmalen, wenig gefärbten Lippen, und eine längliche, doch feine Nase, gab dem Gesichte Charakter und edeln Ausdruck. Der Messaro, der nur beim Ausgange umgeschlagen wird, war abgelegt worden und das Haar in Zöpfen geflochten, mit großen platten Silbernadeln am Hinterkopfe aufgesteckt. Sie musste auch Julia heißen – sie musste – ich wagte aber nicht darnach zu fragen, aus Furcht, dass mein schöner Traum gestört werden könnte. Stundenlang saß ich da, ganz vertieft in Gedanken, Leute kamen und gingen, Niemand kümmerte sich um den Fremden – auch das Mädchen – Giulietta, wie ich sie nannte, kam und ging und hatte viel zu schaffen. Endlich, nachdem es ruhiger geworden war, stemmte sie eine zierliche Spindel auf die noch zierlichere Hüfte, führte den Faden zu den bleichen Lippen, gleich als ob sie ihn küsste, und blickte dabei in den Himmel. Mein Auge verweilte wohlgefällig auf ihr. Plötzlich scholl ein lauter Ruf: „Marietta“ durch’s Haus. Das Mädchen rührte sich nicht. Nun wurde noch stärker zu wiederholtenmalen gerufen – und schnell warf sie Spindel und Knäuel weg und eilte hinaus. – Ach, sie hieß nicht Julia!

Ich sprang auf und öffnete mein Taschenbuch.

„In der Franziskanerkirche, unweit der Arena, sei noch der Sarg zu sehen, worin Julia scheintodt gelegen habe,“ so hatte mir irgend ein Reisehandbuch es nachgewiesen, und ich wollte dahin gehen. Diese Stunden sollten nun einmal gänzlich der alten rührenden Geschichte geweiht sein.


Bis zur Arena war es von meinem Gasthause ein tüchtiger Weg. Ich kam schwitzend an und fragte nach der Franziskanerkirche. Aber Niemand wollte davon etwas wissen. Endlich fragte ein alter Schuhflicker, welcher in einer Halle der Arena unter einem wildwuchernden Feigenbaume seine kleine Werkstatt aufgeschlagen hat, ob ich vielleicht zum Sarge der Giulietta hinwollte, und als ich dies bejahte, war gleich ein kleiner Junge zur Hand, der sich zum Wegweiser anbot, und sehr genau von den Schicksalen der Kinder der Capeletti und Montecchi unterrichtet war, wie er mir auf dem Wege offenbarte. Wir durchschnitten den Platz Bra und bogen in die breite Via Pallone, von wo wir durch einen langen Bogen in den Bicola Franceschine traten.

Ein altes klosterähnliches Gebäude sah uns betrübt an. Es regnete, und sein ganz verblichenes Grau nahm hie und da eine etwas schwärzere Färbung an. Wir traten durch eine kleine Pforte in die ärmliche Wohnung einer alten Frau, die sogleich mein Begehren errieth, noch ehe mein Führer es ihr mitgetheilt hatte. Wir mussten wieder über die Straße zu einem Thore, das einst der Kirche angehört haben mag. Gleich links daneben steht ein großer, offener, steinener Sarg auf einer Stufe, in welchem Julie wirklich gelegen haben soll. In dem Augenblicke, da ich vor ihm stand, ließ der Himmel seine Thränen hineinfallen. Ringsum lagen Heu, Geräthschaften, Kinder und Schmutz. Das Ganze war ein von sehr dürftigen Leuten bewohnter Raum, die sich des Sarges manchmal als Wäschetrog bedienen sollen.

Von den Behörden kann man eine besondere Auszeichnung für dieses Denkmal nicht erwarten, aber irgend eine reiche Veroneserin, die glücklich liebt, sollte der Reliquie ihrer unglücklichen Landsmännin mehr Aufmerksamkeit schenken und sie vor Profanation schützen. Wirklich sollen einige schon einmal eine ähnliche Anwandlung verspürt haben, und man sieht Säulenfragmente und Steine daliegen, die dazu bestimmt waren, ein kleines Gebäude zum Schutze des Sarges aufzuführen. Das heilige Feuer währte jedoch nicht lange und Alles blieb beim Alten. Ich untersuchte den Ort nach allen Seiten. Dass hier eine kleine Kirche war, sieht ein Jeder, selbst wenn es ihm die Leute nicht sagten. Aber hinter der Kirche, zur Seite des Nebengebäudes, ist ein kleines, von hohen Mauern umgränztes Gärtchen, wo Pater Lorenzo, oder wie er geheißen haben mag, die unheilbringenden Kräuter zu dem verhängnisvollen Schlaftrunke pflückte.

Wäre dies in Paris geschehen, selbst in Berlin – man hätte gewiss andere Vorsorge für dieses rührende Ueberbleibsel getroffen, und in allen Gasthöfen würde eine Karte in allen Sprachen die Reisenden davon unterrichten. In Italien, wo die Vorwelt so große Spuren hinterließ, verschwindet der Sarg des armen, verliebten Mädchens neben den Mausoleen der Scaliger, neben den Riesentrümmern der Arena.

Verdrießlich und schwermüthig kam ich in meinen Gasthof zurück. Ich schrieb einige Briefe und legte mich dann in’s offene Fenster. Es war Abend geworden; der Mond schien, unter mir ein Garten, das Fenster hatte – freilich wie alle übrigen – einen Balkon. Schauer überlief mich – dies musste ihr Zimmer gewesen sein! – Alle süßen Gespräche, die Shakespeare den beiden Verliebten in den Mund legt, und die sie gewiss nicht anders getauscht haben können, wurden in mir wach. Ich sah Romeo unten – ich selbst war Julie – ich ward zum Narren.

Bei brennendem Lichte und offenem Fenster schlief ich von Träumen geschaukelt ein. Diese Träume aber entrückten mich der Gegenwart, wie der fernen Vergangenheit, und dennoch blieb ich in meinem Zimmer.

Ich sah dieselben Wände, dieselben Möbel. Um den langen, alterthümlichen Tisch in der Mitte, mit abgerundeten Ecken und gedrehten Füßen, setzten sich nun mehrere Frauenzimmer, zum Theil von widerwärtigem, uneinnehmenden Aeußern. Mein bleiches, italienisches Wirthshaustöchterchen hieß Marietta, und diese wollten nun alle Julie heißen, so wenig auch der Name für sie passte und so sehr es mich verdross.

Da war eine übermäßig Dicke, die mit schmelzendem Flötentone eine widrige Sentimentalität zum Besten geben wollte und wie Zettel im Sommernachtstraum einmal über’s andere rief: „Pyramus fein! Mein Liebster fein! Deine Thisbe fein!“ – Dann eine Große von überlegenem Alter und Verstande, die mir die Liebe der siebzehnjährigen Veroneserin so klar versinnlichte, dass ich beim Anfange schon an dem tragischen Ausgange nicht zweifeln durfte. – Auch ein hübsches, feuriges Mädchen war zugegen, die – was die Sinnlichkeit betraf – wohl für eine verliebte Italienerin gelten konnte. – Neben ihr saß, mit Ernst in den Blicken, eine junge Frau, fast mit männlichen Zügen, und bildete sich steif und fest ein, sie sei die wirkliche Julie Capelett, denn es habe ihr dies ein Hofrath in Dresden auf Ehre und Gewissen versichert. – Was noch da war, zierte und spreizte sich so frech, kokett, dumm und gänzlich unbekannt mit den heiligen Regungen einer liebenden Jungfrau, dass mir träumte, ich schlösse erst im wachen Schlafe die bereits geschlossenen Augen und wendete mich voll Ekel von den Gästen an dem alten Tische in meinem Zimmer hinweg.

Da schwebte leise und von den Weibern unbemerkt ein Schatten zur offenen Thüre herein, den Messaro um die Locken und die Hände auf der Brust gefaltet. Es war Julia – Shakespeares Julia – Romeo’s Giulietta – wie sie einst lebte. – Sie sah wehmüthig lächelnd auf die Gruppe, und näherte sich mir, indem sie sich leise über mich beugte.

Ich erwachte – Alles war verschwunden und die holde Marietta stand vor mir mit dem herabgebrannten Lichte. Sie hatte mir das Frühstück gebracht.


[Mit dem „Hofrat in Dresden“ wird auf den Dichter Ludwig Tieck angespielt, der die Übertragungen von Shakespeares Dramen durch A. W. Schlegel und Andere herausgab (9 Bände, 1825-1833) und vielfach über Shakespeare gearbeitet hat.]

Illustrationen: Shakspeare’s Bildnis und fünf Darstellungen zu Romeo und Julia. Gezeichnet von Georg Emanuel Opiz (1775-1841), gestochen von Antoine Cardon (1772-1813), Antoine Jean Baptiste Coupé (1784-?), Prot (Reproduktionsstecher um 1800). Zugabe zu den Kupfern: Ueber Shakspeare, von Bernhard Rudolf Abeken (1780-1866). Aus: Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1819. Leipzig: F. A. Brockhaus 1819 (Digitalisiert durch Google).

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Wilhelm Gail (1804-1890): Tomba di Romeo e Julietta - Brunnenhof in Verona, 1831.
Öl auf Pergament. Höhe: 35,4; Breite 27,7 cm. Ausriss.

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Oben: [Ohne Titel.] Verso: Verona - Tomba di Giulietta. [Nummer unleserlich] A. Giulianelli - Verona. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
Mitte:Verona. Tomba di Giulietta. Oreste Onestinghel - Verona. Verso: 902 - Fotocromo C. Bassani - Milano. Cartolina Postale. Nicht gelaufen [Ungeteiltes Adressfeld]. - Die Ansicht zeigt links das Porträt eines Geistlichen, wahrscheinlich von Pater Lorenzo, der das Liebespaar traute.
Unten: 2683 Verona - Tomba Giulietta e Romeo. Verso: Cartolina Postale. Rechts unten: 904. Nicht gelaufen. [Ungeteiltes Adressfeld.] - Anderes Exemplar datiert 1906. - Die an der Wand hinter dem Sarkophag angebrachten Zettel von Liebenden haben heute ihre Entsprechung im Durchgang von Giuliettas Haus.

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Ludwig Tieck
Reisegedichte eines Kranken

Juliens Grab

Dieser öde Winkel, dieser kalte Stein
Soll das Grabmal seyn
Jener Liebesblüthe,
Die des Dichters himmlisches Gemüthe,
So rührend nah, vertraut bekannt
An unser Herz mit tausend Leiden band?

Braucht der Sage holder Traum
Zeit und Raum?
Fernab baut sie nur aus Lichtern
Und aus Schattendunkel,
Ihre Bühne: weh den Dichtern,
Wenn so kalte nackte Wände,
Ohne Schmuck und Zier
Bieten dürre Todtenhände,
Starr entgeistert stehen wir.

Alles widerstrebt, was Phantasie
Uns gezeigt und vorgespiegelt,
Dieses war der Kirchhof nie,
Der die Liebenden im Tod vereint,
Wo noch Romeo geweint,
Und ein Kuß den letzten Schmerz versiegelt.

Alte Sagen gehn und kommen,
Orient und Occident
Oft zu einem bunten Licht zusammenbrennt:
Hat die Mähre Platz genommen
Und tönt von des Volkes Munde,
Sucht der Freund dann Zeit und Stunde,
Haus und Raum
Lügenhaft dem süßen Traum;
Vor Gerippe wird man hingestellt:
Diese waren,
Heißt es dann, vor Jahren
Einst die Schönheitsmuster aller Welt.

Ludwig Tieck: Gedichte. 3. Tl. Faksimiledruck nach der Ausgabe von 1821-23.
Mit einem Nachwort von Gerhard Kluge (Deutsche Neudrucke, Reihe Goethezeit)
Heidelberg: Lambert Schneider 1967, S. 118f.

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Oben: Verona - Tomba Giulietta e Romeo. Verso, Signet: vTv im Dreieck [V. Tosi - Verona] . 055. Proprietà riservata. Nicht gelaufen.
Unten: Verona - La Tomba di Giulietta e l'Erma a Shakespeare. Verso: Edit. O. Onestinghel - Verona. Cartolina Postale Italiana. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1911.

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