goethe

In der Nacht im Kreis

Es war einer jener Tage, an denen ... ah, nein. Mist. Ich bin drauf reingefallen. In die Falle gegangen. Wieder mal. Seit Chandler fängt ja jeder Möchtegerngroschenheftautor seinen Text mit den Worten an: "Es war einer jener Tage ..." Und dann etwas Witziges. Die alte Masche.
Wie gesagt, erstmalig gestrickt - oder zumindest patentiert - von Raymond Chandler, mit einer Pfeife im Mund. Fangen wir also neu an.
Die Sonne schien, wie an jedem Tag, sie kann ja gar nicht anders, ebenso, wie wir nicht unsichtbar sein können - aber eine dicke Wolkenhülle hatte sich um sie gelegt. So kam es, daß ihre Strahlen mich nicht erreichten. Sie wärmten mich nicht, kitzelten nicht meine Nase usw. Ist ja klar. Statt dessen tröpfelte mir etwas Nasses auf den Kopf. Regen? Der Verdacht blieb unbestätigt. Ich sprang schnell in mein Lieblingsschnellkochrestaurant. Hinter mir dröhnte und rauschte es. Eine Toilettenspülung? Oder war ein Damm gebrochen? Ein Staudamm? Aber wo gab es hier denn eigentlich den nächsten Staudamm? Wie auch immer, eine gigantische Flutwelle spülte draußen durch die Straße. Sie riß die Autos von ihren Parkplätzen, warf Menschlein wütend hoch auf Häuserdächer, platzte in gute Stuben hinein und richtete beträchtliche, betrübliche Wasserschäden an. Da half kein Regenschirm mehr - da half noch nicht einmal ein Schlauchboot.
Zurück zu meinem Lieblingsschnellkochrestaurant, dessen Tür ich gerade noch rechtzeitig hinter mir hatte schließen können. Hier war ich zum Mittagessen verabredet. Mit einer wunderschönen Frau. Mit einer Blondine, deren Augen so tief waren wie der Gardasee und doppelt so blau. Ihre Brauen waren so fein geschwungen, als hätte Michelangelo persönlich bei ihrer Gestaltung ein Wörtchen mitgeredet. Dabei war ihr Vater ein Müllmann. Ein Bierkutscher. Ein Journalist. Ein Trunkenbold. Das Gegenteil eines Aristokraten.
Was weiß ich, was ihr Vater war.
"Hi, Tom", sagte ich und ließ mich hinter den Tisch gleiten.
"Bob, grüß dich", sagte Tom und drückte meine Hand.
"Laß mich doch erst die Handschuhe ausziehen", sagte ich.
Tom lächelte freundlich.
"Ein warmer Tag, oder?"
"Findest du? Aber die Sonne scheint doch gar nicht."
"Trotzdem. Das sind doch bestimmt 28 Grad. 29."
Tom saß wahrhaftig in einem T-Shirt da. Ich zog schnell meine Handschuhe aus und stopfte sie in die Tasche.
"So. Hast du dir schon was ausgesucht?"
"Ich nehme die Ente süß-sauer."
"Und ich nehme die gebratenen Nudeln mit Hühnchen."
"Vielleicht sollten wir das alles lieber dem Kellner erzählen? Ich meine, wenn er vorbeikommt?"
Ich schüttelte mir eine Zigarette aus dem Päckchen und steckte sie zwischen meine Lippen.
"Seit wann rauchst du denn?" Tom schaute mich verblüfft an.
"Ich rauche nicht", murmelte ich.
"Aber ... du hast dir gerade eine Zigarette zwischen die Lippen gesteckt. Oder?"
"Nein. Das hat dieser Typ nur so geschrieben. Dieser Autor. Dieser Herr Autor, der uns hier durch die Zeilen schindet."
Zum Glück stand in just diesem Augenblick der Kellner am Tisch.
"Tag, die Herren. Was darf's sein?"
"Für mich bitte die Pekingente", sagte Tom. "Und könnte ich statt Bambus Bambule haben?"
"Klar. Wenn Sie mir sagen, was Bambule ist?"
"Bambule? Das ist so eine Art Trommel, oder? Oder ein Negertanz. So was in der Art. Stimmt das?"
"Das Wort 'Neger' können wir unmöglich so durchgehen lassen", sagte der Kellner.
"Dann hängen Sie halt ein Sternchen dran und setzen Sie eine Fußnote."
"Geht nicht mehr."
Der Kellner machte einen wirklich bekümmerten Eindruck.
"Streichen Sie's durch", schlug ich vor.
"Dann müßte ich ... hm, hm ... nein, unmöglich. Können Sie's nicht entschärfen? Indem Sie etwas Relativierendes sagen?"
Der Kellner kratzte sich das Kinn.
"Etwas Relativierendes?" Tom blickte ratlos zu mir hin.
Ich sagte: "Na ja. Einer meiner besten Freunde, ich meine, der ist ein Neger. Also schwarz. Ein Farbiger. Ein Deutscher mit dunklerer Hautfarbe, als üblich. Wäre so was in Ordnung?"
Der Kellner atmete auf. So ein kleiner, aufatmender Asiate in schwarzer Weste und billigem Kaufhaushemd. Tut gut, so ein Anblick.

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