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Jutta Assel | Georg Jäger

Bernardin de Saint-Pierre

»Paul und Virginie«

Stand: August 2012

Paul, der Nachbar, der Sklave Domingo und der Hund Fidel (Fidèle) am Grab Virginies bei der Kirche der Pampelmosen. 

Farbige Aquatintaradierung von Charles Melchior Descourtis (1753-1820)
nach Jean-Frédéric Schall (1752-1825).

Gliederung

1. Einführung
2. Illustrationen
3. Mauritius, Haiti. Artikel aus dem "Damen-Conversations-Lexikon", 1835/36
4. Kurzbiographie von Bernardin de Saint-Pierre und Bertrand François Mahé de Labourdonnais
5. Vorwort von Saint-Pierre
6. Herder über Saint-Pierre
7. Literatur und Weblinks

1. Einführung

"Ich wünschte", schreibt Bernardin de Saint-Pierre im programmatischen Vorwort zu "Paul und Virginie", "mit der Schönheit der Tropennatur die moralische Schönheit einer kleinen Gesellschaft zu verbinden. Dabei beabsichtigte ich den Beweis von mehreren großen Wahrheiten herzustellen, z. B. von der, daß unser Glück einzig und allein auf einem natur- und tugendgemäßen Wandel beruht. Ich brauchte nicht erst einen Roman zu ersinnen, um glückliche Familien zu schildern. Ich kann versichern, daß Diejenigen, von denen ich sprechen will, wirklich gelebt haben, und daß ihre Geschichte in den Hauptbegebenheiten wahr ist." 

Damit sind wesentliche Faktoren des Erfolges genannt: die rousseauistische, zivilisationskritische Moral, die farbenreiche Schilderung einer exotischen Landschaft und der Anspruch auf >Wahrheit< der rührenden Geschichte, die reale Begebenheiten (wie den Untergang des Schiffes Le Saint Geran 1744), Personen der Zeitgeschichte (wie den Gouverneur de Labourdonnais) und Örtlichkeiten der Insel Mauritius (Ile oder Isle de France) aufgreift und mit der fiktiven Liebesgeschichte verwebt.

Paul und Virginie sind die einzigen Kinder zweier alleinstehender Frauen, Frau de la Tour und Margarete, die mit einem Sklavenpaar, Domingo und Marie, abgeschieden, außerhalb der Stadt und abseits des Verkehrs, in zwei benachbarten Hütten für sich leben, in engerem Kontakt nur mit einem stets hilfsbereiten Nachbarn, dem nachmaligen Erzähler der Geschichte. Der Handlungsort, wie er sich nach dem Tod beider Familien und in der Erinnerung darstellt, wird wie folgt beschrieben:

    Seitwärts gegen Osten von dem Berge, welcher sich hinter Port-Louis auf Isle-de-France erhebt, sieht man in einem vormals angebauten Landstrich die Ruinen zweier kleinen Hütten. Sie liegen beinahe in der Mitte eines von großen Felsen gebildeten Beckens, das nur eine einzige Oeffnung gegen Norden hat. Zur Linken gewahrt man den Berg, welcher der Hügel der Entdeckung heißt, und von wo aus die Schiffe signalisirt werden, die an der Insel landen, und am Fuße dieses Berges die Stadt Namens Port-Louis; zur Rechten sieht man den Weg, welcher von Port-Louis in das Quartier der Pompelmusen führt; dann die Kirche dieses Namens, welche sich mit ihren Bambuszugängen mitten in einer großen Ebene erhebt, und weiter hin einen Wald, der sich bis an die äußersten Enden der Insel ausdehnt. Vor sich hat man an den Küsten des Meeres die Bucht des Grabes, ein wenig rechts davon das unglückliche Vorgebirge und darüber hinaus die offene See, über deren Wasserspiegel einige unbewohnte Inselchen zum Vorschein kommen, unter andern der sogenannte Richtkeil, welcher einer Bastei mitten in den Fluten gleicht. 

    (Übersetzung: G. Fink, 1840)

 

In diesem Landstrich lebt eine kleine Gesellschaft: zwei alleinstehende Mütter mit ihren Kindern, das Sklavenehepaar Domingo und Marie sowie ein Hund. Frau de la Tour wie Margarete haben gesellschaftliche Konventionen verletzt, indem die eine unstandesgemäß geheiratet, die andere ein uneheliches Kind, den "Bastard" Paul, zur Welt gebracht hat. Als >Aussteiger< genießen sie ein friedliches und genügsames, harmonisches und naturnahes Leben. Paul und Virginie sind von Geburt an füreinander bestimmt und wachsen in wechselseitiger Fürsorge und Liebe auf. Diesem glücklichen Zusammenleben, das auch das Sklavenehepaar einschließt, setzt die Tante von Frau de la Tour ein Ende, indem sie Virginie unter der Bedingung, dass sie zu ihr nach Frankreich kommt, zu ihrer Alleinerbin einsetzt. Die vermögende, standesstolze und herrschsüchtige Tante will Virginie nach ihren gesellschaftlichen Vorstellungen umerziehen und einem alten Höfling zur Frau geben. Da Virginie sich weigert, wird sie enterbt. Auf der Rückreise geht sie mit dem Schiff vor der Küste von Mauritius unter ("Cap Malheureux"). Unter Anteilnahme der ganzen Bevölkerung, aller Ethnien und Religionen, wird Virginie, als Muster der Tugend gerühmt, zu Grabe geleitet und wie eine Heilige verehrt. Paul, beim verzweifelten Versuch ihrer Rettung verletzt, führt fortan ein unstetes Leben, bis er aus Gram und Sehnsucht stirbt; ihm folgen die Mütter und die treuen Diener. Der Nachbar, nunmehr ein Greis, berichtet:

    Die Stimme des Volks, die bei den Monumenten, welche man dem Glanz der Könige errichtet, schweigt, hat einigen Theilen dieser Insel Namen gegeben, die das Schicksal Virginiens verewigen werden. Nahe bei der Insel Ambra, mitten unter Klippen, ist ein Ort, den man die Durchfahrt des St. Geran nennt, vom Namen des Schiffes, mit dem sie aus Europa zurückkehrte. Der äußerste Theil jener langen Erdzunge, welche Sie drei Meilen von hier erblicken, und die halb von den Wellen des Meeres bedeckt ist, welche das Schiff den Tag vor dem Sturme nicht umsegeln konnte, um in den Hafen zu gelangen, heißt das unglückliche Vorgebirge, und gerade vor uns am Ausgange dieses Thales erblicken Sie die Grabesbucht, wo Virginie im Sande begraben gefunden wurde, gleich als hätte das Meer ihre Leiche den Ihrigen bringen und dadurch ihrer Schamhaftigkeit die letzte Ehre erweisen wollen, auf demselben Ufer, das sie durch ihre Unschuld geehrt hatte.

    (Übersetzung: G. Fink, 1840)

 

"Paul und Virginie" wurde zu einem Best- und Longseller, in ca. 30 Sprachen übersetzt und vielfach illustriert; der Stoff regte zu Gemälden und Plastiken sowie zu mehreren Opern (Rudolf Kreutzer, 1791; Jean François Le Sueur, 1794; Victor Massé, 1876) an. Paul und Virginie gelten noch heute als "der Romeo und die Julia von Mauritius", die Insel ist voll der Erinnerungsorte.

Eine vollständige, reich illustrierte Übersetzung (Paul und Virginie. Von J. H. Bernardin de Saint-Pierre. Neue Uebertragung durch G. Fink, Pforzheim, Verlag Dennig, Finck u. Co. 1840) ist als elektronischer Text verfügbar im Projekt Gutenberg-DE.

Französischer Text (Document fourni par la société Bibliopolis). 

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2. Illustrationen

Die Illustrationen sind folgender Ausgabe entnommen:

     

  • Bernardin de Saint-Pierre: Paul und Virginie. Aus dem Französischen übertragen von Chr. Schüler. Weimar: Gustav Kiepenheuer 1916. Hof-Buch- und Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar. Mit sechs Lichtdrucken nach Stahlstichen der ersten französischen Ausgabe. (Der Liebhaberbibliothek Dritter Band). 

Die Illustrationen stammen von Anne Louis Girodet-Trioson (1767-1824), französischen Maler, Illustrator und Schriftsteller, Lieblingsschüler von David. Eines seiner Hauptwerke ist die Bestattung Atalas nach Chateaubriand, 1808. Gestochen durch Barthélemy Roger (1767-1841).

1. Jede Mutter soll zwei Kinder, jedes Kind zwei Mütter haben.
2. Paul trägt Virginie über den reißenden Fluß.
3. Der Gouverneur kündigt die Erbschaft an und verlangt die Heimkehr Virginies nach Frankreich.
4. Paul will sich von Virginie nicht trennen lassen, sondern mit ihr reisen.
5. Virginie bewahrt ihre Keuschheit und geht mit dem Schiff unter.
6. Die Grabstätte der Liebenden und ihrer Mütter.

 

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3. Mauritius, Haiti. Artikel aus dem "Damen-Conversations-Lexikon", 1835/36

Mauritius, Isle de France, eine der zauberisch schönen Inseln im indischen Ocean, östl. von Madagaskar, nordöstl. von Bourbon, 55 Quadrat M. groß, ward 1505 von den Portugiesen entdeckt, 1642 von den Franzosen erobert und ist seit 1814 im Besitz der Briten. Ein Feenland für die Idylle geschaffen, durch die herrliche Geschichte von Paul und Virginie, die noch jetzt im Munde aller seiner Bewohner lebt, verewigt, scheint es gleich einer Blume im weiten Schooße der See, von den Gluthen der Sonne geboren. Ein schönes Oval bildend erhebt sich aus dessen Mitte das hohe Pouçegebirge mit seinen Wäldern, Caskaden und Felsenspitzen, mit den Mammellen, dem kegelförmigen Piton und dem 3000 F. hohen Piterboot, dessen Gründen mächtige Flüsse entspringen. Wild und düster nimmt dieß Inselgebirge immer freundlichere Farben an, jemehr es in grüne, sanfte Thalebenen ausläuft. Mit Palmenhainen gekrönte Felsenketten vollenden die Einrahmung der beckenförmigen Thäler, die ihre Entstehung und ihre unermeßliche Fülle von Fruchtbarkeit den Vulkanen verdanken, durch welche diese im Tropengürtel der Natur ewig jung und schön glänzende Insel sich dem Schooße des Meeres entwand. Das Klima, stets heiter und gesund, wird nur im December durch heftige Gewitter und Orkane unfreundlich. 40-50 der kostbarsten Holzarten und der Anbau von Reis, Mais, Sago, Bataten und Maniok sind die unversiegbaren Quellen des Handels und der Nahrung. Die Ernten von Kaffe, Baumwolle, Indigo, Zucker und Gewürzen geben 70,000 Cntr. jährlichen Ertrag; man rechnet 100,000 Ew., Farbige, Weiße und Negersclaven. Die Hauptst., Port Louis, gewahrt, vom Hafen aus gesehen, eine reizende Ansicht. Das Kap Malheureux, die nordöstlichste Spitze der Insel, ist der noch immer besuchte Ort, wo Virginie in den Wellen ihren Tod fand.

Damen-Conversations-Lexikon. Hg. von Carl Herloßsohn. 10 Bde, Leipzig 1834-1838. Bd. 7, 1836, S. 152f. Digitale Bibliothek 118, S. 7217f.

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Paul & Virginie, groupe en bronce érigé à Curepipe (Ile Maurice) par P. d'Epinay. Verso: Carte Postale. Nicht gelaufen.

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Robert Cauer, Paul & Virginia. Atelier - Gebr. Micheli Berlin 1906. Axel Eliassons Konstförlag, StockholmPaul & Virginia

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Links: Paul & Virginia. Cauer. Signet: AE ligiert [Axel Eliassons Konstförlag, Stockholm] 2257. Atelier - Gebr. Micheli Berlin 1906. Gelaufen. Poststempel unleserlich. - Robert Cauer, Bildhauer, geb. 1831 zu Dresden, gest. 1893 zu Kassel. Siehe den Artikel in der ADB. Vgl. Elke Masa: Die Bildhauerfamilie Cauer im 19. und 20. Jahrhundert. Neun Bildhauer aus vier Generationen. Berlin: Mann 1989. ISBN 3-7861-1582-6

Rechts: [Paul & Virginia] 129. Verso: Paul & Virginia. Signet unleserlich. Im Briefmarkenfeld: NBC um strahlende Sonne im Dreieck [Neue Bromsilber Convention GmbH]. Nicht gelaufen.

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Haiti, Auszug:
Ihre [der Haitier] glühende Phantasie umfaßt mit Liebe die großartigen Romane Bernhardin's de St. Pierre, und wer bei ihnen auf Bildung Anspruch macht, muß sie kennen. Man wird in Haiti kein Haus finden, wo man von Paul und Virginie nicht wüßte, Kreolinnen und Negerinnen würden die Unbekanntschaft mit einem Gemälde unverzeihlich finden, das alle Reize der tropischen Welt in entzückenden und bis jetzt unübertroffenen Farben malt.

Damen-Conversations-Lexikon. Hg. von Carl Herloßsohn. 10 Bde, Leipzig 1834-1838. Bd. 5, 1835, S. 124. Digitale Bibliothek 118, S. 4880.

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4. Kurzbiographie von Bernardin de Saint-Pierre und Bertrand François Mahé de Labourdonnais

 

Bernardin de Saint-Pierre. Phototypie Légia Liége

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Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre. Poète. Né au Hâvre eu 1737, mort à Erargny-sur-Oise en 1814. Oeuvres: Voyage à l'lle de France, Harmonies de la Nature Etudes, Chaumière indienne, Paul et Virginie, etc. Verso: Signet: Legia. Phototypie Légia Liége. Nicht gelaufen.

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Saint-Pierre, Bernardin de, ausgezeichneter franz. Schriftsteller, geb. 19. Jan. 1737 in Havre, gest. 21. Jan. 1814 in Eragny (bei Pontoise), genoß eine freie Erziehung, machte früh weite Reisen, immer von dem Verlangen erfüllt, irgendwo seine ideale Republik, wie er sie in der "Arcadie" (Angers 1781) beschreibt, zu gründen, war bald in französischen, bald in russischen Diensten, in Polen, Preußen und auf der Ile de France, aber nirgends ließ ihn sein unruhiger Geist verweilen, bis er endlich 1771, von allen Hilfsmitteln entblößt, sich in Paris niederließ.
     Sein erstes Werk: "Voyage à l'Isle-de-France" (1773, 2 Bde.), hatte keinen Erfolg, um so größern aber die "Études de la nature" (Paris 1784, 3 Bde.), in denen er die Vorliebe seiner Zeit für die Natur und ihren Haß gegen die gesellschaftlichen Mißbräuche auf das glücklichste traf. Von der größten Bedeutung für diese Studien war sein Verkehr mit J. J. Rousseau gewesen, der bis zu dessen Tod ein inniger blieb. Der vierte Band dieser "Études" (1787) enthält das unzählige Male aufgelegte, in fast alle Sprachen übersetzte reizende Idyll "Paul et Virginie" [...], das seinen Ruhm so vermehrte, daß er zum Lehrer des Dauphins bestimmt, zum Nachfolger Buffons in der Leitung des Botanischen Gartens gewählt und zum Professor der Moral an die neugegründete Normalschule berufen wurde, Ämter, denen er in keiner Beziehung gewachsen war, und die er bald aufgeben mußte. Er wurde 1795 Mitglied des Instituts und 1798 durch eine Pension von 8000 Frank in sorgenfreie Lage versetzt.
     Uns widerstrebt die Überschwenglichkeit seines Gefühls und der Schwulst seiner Sprache, aber er bleibt für uns der Hauptvertreter Rousseauscher Ideen.

Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage 1905-1909; Bd. 17, S. 449; Digitale Bibliothek 100, S. 170744-46. Gekürzt, Absätze eingefügt.

Vgl. den Artikel Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre in Wikipedia, der freien Enzyklopädie.

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La Statue de Bernardin de Saint-Pierre. Le Havre

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Le Havre. - La Statue de Bernardin de Saint-Pierre. 108. ND

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Labourdonnais, Bertrand François Mahé de, berühmter franz. Seeoffizier, geb. 11. Febr. 1699 in St.-Malo, gest. 9. Sept. 1753, war schon 1723 Kapitän in der Marine der Französisch-Indischen Kompanie. 1724 zeichnete er sich bei der Einnahme von Mahé an der Küste Malabar aus und erhielt deshalb diesen Namen beigelegt. Seit 1734 Gouverneur der Inseln Ile de France und Bourbon, erhob er diese zu blühenden Kolonien. 1740 mit dem Kommando über eine Flottenabteilung in den ostindischen Gewässern betraut, fügte er den Engländern 1741-44 bedeutenden Schaden zu, zwang 21. Sept. 1746 Madras zur Kapitulation, verließ es aber wieder, da er auf dem Festland keine Eroberung machen sollte, gegen eine Kontribution von 9 Mill. Livres. Deshalb vom Generalgouverneur Dupleix beschuldigt, das Interesse der Kompanie verraten zu haben, kehrte er 1748 nach Paris zurück und ward hier nach dreijähriger Haft in der Bastille 1752 für schuldlos erklärt und in Freiheit gesetzt. Er hat "Mémoires" hinterlassen (Paris 1750). In "Paul et Virginie" ist sein Andenken verewigt; in Port Louis auf Ile de France wurde ihm 1859 eine Bildsäule errichtet.

Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage 1905-1909; Bd. 12, S. 9-10; Digitale Bibliothek 100, S. 111937.

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5. Vorwort von Saint-Pierre

Ich habe mir bei diesem kleinen Werke große Dinge vorgesetzt. Ich versuchte einen Boden und eine Vegetation zu schildern, die von der Europa's himmelweit verschieden ist. Lange genug haben unsre Dichter ihre Liebenden an Bachesufern, auf Wiesen und unter dem Laubwerk der Buchen ausruhen lassen. Die meinigen mußten sich auf dem Gestade des Meeres, am Fuße der Felsen, im Schatten der Cocospalmen, der Bananen und blühenden Citronenbäume niedersetzen. Es fehlt der andern Hälfte der Welt nur an Theokriten und Virgilen: sonst hätten wir schon längst mindestens eben so interessante Gemälde von ihr, als von unserm eigenen Lande. Ich weiß, daß geschmackvolle Reisende uns begeisterte Schilderungen von mehreren Inseln der Südsee entworfen haben; aber die Sitten ihrer Einwohner, und noch mehr die der Europäer, die dort landen, verderben oft die Landschaften. Ich wünschte, mit der Schönheit der Tropennatur die moralische Schönheit einer kleinen Gesellschaft zu verbinden. Dabei beabsichtigte ich den Beweis von mehreren großen Wahrheiten herzustellen, z. B. von der, daß unser Glück einzig und allein auf einem natur- und tugendgemäßen Wandel beruht. Ich brauchte nicht erst einen Roman zu ersinnen, um glückliche Familien zu schildern. Ich kann versichern, daß Diejenigen, von denen ich sprechen will, wirklich gelebt haben, und daß ihre Geschichte in den Hauptbegebenheiten wahr ist. Mehrere Bewohner von Isle-de-France, mit denen ich in genauer Bekanntschaft stand, haben mir dieß verbürgt. Ich selbst habe bloß einige unbedeutende Umstände hinzugefügt, die aber für mich persönlich sind und dadurch auch Anspruch auf Realität haben. Als ich vor einigen Jahren eine höchst unvollkommene Skizze von dieser Art Idylle entworfen hatte, bat ich eine schöne Dame, die sich viel in der großen Welt umhertrieb, und einige ernste Männer, die fern von ihrem Geräusche lebten, um Erlaubniß, sie ihnen vorzulesen, um ihren Eindruck auf Leser von so verschiedenen Gemüthsarten zum Voraus einigermaßen berechnen zu können: und es wurde mir die Befriedigung zu Theil, sie Alle in Thränen zu sehen. Dieß war mir Urtheils genug und ich verlangte nicht mehr zu wissen. Aber wie oft große Fehler mit kleinen Talenten Hand in Hand gehen, so brachte mich dieser Erfolg auf den eiteln Gedanken, meinem Werke den Titel: ein Naturgemälde zu geben. Glücklicher Weise fiel mir noch ein, wie sehr mir die Natur selbst des Klima's, wo ich geboren bin, fremd war; wie sie in den Ländern, wo ich ihre Erzeugnisse nur als Reisender gesehen habe, so reich, so mannigfaltig, so liebenswürdig, so prachtvoll und so geheimnißvoll ist, und wie es mir so gänzlich an Scharfblick, Geschmack und Ausdrücken fehlt, um sie vollkommen zu erkennen und zu malen. Ich besann mich also eines Bessern, reihte diesen schwachen Versuch als Anhang meinen Studien der Natur an, die das Publicum so wohlwollend aufgenommen hat, und da ich in diesem Titel die Unzulänglichkeit meiner Kräfte selbst zugestehe, so hoffe ich auch ferner auf seine Nachsicht rechnen zu dürfen. 

(Übersetzung: G. Fink, 1840)

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6. Herder über Saint-Pierre

Sein Namensgenannter, Bernardin de St. Pierre, ein echter Schüler Fenelons, hat jede seiner Schriften bis zur kleinsten Erzählung im Geist der Menschenliebe und Einfalt des Herzens geschrieben. Gern verbindet er die Natur mit der Geschichte der Menschen, deren Gutes er so froh, deren Böses er allenthalben mit Milde erzählet. "Ich werde glauben, sagt er [Reise nach den Inseln Frankreich und Bourbon, Altenburg 1774, Vorrede, S. 3], dem menschlichen Geschlecht genutzt zu haben, wenn das schwache Gemälde vom Zustande der unglücklichen Schwarzen ihnen einen einzigen Peitschenschlag ersparen kann, und die Europäer, (sie, die in Europa wider die Tyrannei eifern und so schöne moralische Abhandlungen ausarbeiten,) aufhören in Indien die grausamsten Tyrannen zu sein." In gleich edelm Sinn sind sein Paul und Virginie, das Kaffeehaus von Surate, die Indische Strohhütte und die Studien der Natur geschrieben. [Etudes de la Nature, Paris 1776. Man erwartet jetzt von ihm ein Werk, Harmonie de la Nature pour servir aux elements de la Morale, das nicht anders als in einem guten Geist abgefaßt sein kann. Während der Revolution hat er sich weise betragen.] Mit Seelen dieser Art lebt man so gern, und freuet sich, daß ihrer noch Einige da sind.

Briefe zur Beförderung der Humanität. Zehnte Sammlung. 115. Brief. Johann Gottfried Herder: Briefe zur Beförderung der Humanität. Hg. von Hans Dietrich Irmscher (Werke in zehn Bänden; 7) Frankfurt a.M.: Deutscher Klassiker Verlag 1991, s. 695.

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Der Sturm [1880], New York. Pierre Auguste Cot. Geb. 1837 in Bédarieux, gest. 1883 zu Paris. War Schüler von [Alexandre] Cabanel, Léon Cogniet und [William Adolphe] Boug[u]er[e]au. Signet: Stengel. Stengel & Co., G.m.b.H., Dresden 29164, Made in Germany. Nicht gelaufen. - Wahrscheinlich eine Darstellung von Paul & Virginia. Dazu siehe den Artikel über das Gemälde The Storm in der englischen Wikipedia.

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7. Literatur und Weblinks

* Hinrich Hudde: Bernardin de Saint-Pierres Paul et Virginie. Studien zum Roman und seiner Wirkung. München: Fink 1974 (Münchner romanistische Arbeiten; 41)).

*Paul et Virginie, un "livre de peintre" qui ouvre le dix-neuvième siècle. Prachtausgabe im Verlag Didot 1806.

Au tournant des XVIIIe et XIXe siècles, Pierre Didot (1761-1853) se fait l'éditeur de livres luxueux auxquels collaborent les plus grands peintres. Virgile, Racine, Horace, La Fontaine illustrés par David, Fragonard, Gérard, Girodet, Prudh'on ou Percier inaugurent un nouveau genre, le >livre de peintre<. Le Paul et Virginie de 1806 signe une rencontre d'exception, celle de l'auteur et de ses peintres. En 1803, excédé par les contrefaçons de sa célèbre pastorale publiée pour la première fois en 1788, Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre (1737-1814) lance par souscription une édition à cinq cents exemplaires qu'il entend contrôler entièrement. La préface est un manifeste. L'auteur a fixé le programme de l'illustration, choisi "les plus grands maîtres", finalement Gérard, Girodet, Isabey, Lafitte, Moreau, et Prud'hon, ce "La Fontaine des dessinateurs" dont il célèbre l'émouvant naufrage de l'héroïne. Pierre Didot, son parent, est chargé de l'impression. Le mécénat de Joseph Bonaparte sauve la publication présentée en février 1806 à l'empereur. Il avait pour cela envisagé avec Lacépède un exemplaire sur vélin enrichi des dessins originaux. Ils ornèrent finalement cet exemplaire transmis par la veuve de l'auteur.

  

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* In der Sammlung textes rares. Témoignages sur le monde de l'édition du XVe au XIXe siècle findet sich die Ausgabe Paul et Virginie suivi de La Chaumière indienne précedé d'un essai historique sur sa vie, par M. Aimé-Martin, Paris 1834, mit 9 Illustrationen von H. Cobould, gestochen von G. Cobould.

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* Charles Pinot: Enfance de Paul et Virginie par Charles Pinot, Image d'Épinal, 1864.

 

Die Flauberts "Madame Bovary" gewidmete Seite enthält eine Reihe von Illustrationen zu "Paul et Virginie".

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Die Seite L'île Maurice bietet Informationen über Mauritius, darunter Le plan de l'île Marurice und Le Jardin de Pamplemousses. "Jacques-Henry Bernardin de Saint-Pierre, dans son livre >Paul et Virginie<, indique que ses héros sont enterrés ici, à Pamplemousse, près de l'église, au pied de bambous. Un monument rapelle cela dans le jardin, et dès lors, la tradition populaire veut que ce soit le lieu de leur sépulture."

 

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