"Die Theorie bestimmt, was wir beobachten können."
Albert Einstein
"Unternimm Schweres
ausgehend vom Leichten daran.
Schaffe Großes
ausgehend vom Kleinen daran."
Laotse, "Tao Te King"
Er behauptete bis zum Ende, er sei Geheimagent. Allerdings konnte niemand je in Erfahrung bringen, für welches Land er spioniert haben soll. Er selbst trug in dieser Frage keineswegs zur Klärung bei; er behauptete, eine mächtige, eine sehr mächtige Nation habe sich seiner Dienste versichert, schon vor langer Zeit.
"Aha. Und welche Nation war das?", fragte Major R. Rorty, ein schmaler, geduldiger Mann, der eine Zigarette nach der anderen rauchte und seinen blauen Blick in freundlicher Wehmut schwimmen ließ.
"Das kann ich nicht sagen." Der angebliche Geheimagent schüttelte den Kopf. Bedauernd, aber energisch. "Wenn ich es sagte, wäre nicht nur ich tot - Sie wären es auch! Und könnten wir wohl ein Fenster aufmachen? Ich ersticke hier drin!"
Eine Küstenstreife fischte ihn eines Morgens aus dem Wasser. Der Wind blies, es war kalt. Die Polizisten holten ins Patrouillenboot; der Mann war unterkühlt, mußte, nach ärztlicher Einschätzung, schon fast 24 Stunden in der eisigen See verbracht haben. Er trug einen Anzug und eine orangefarbene Schwimmweste. Das erste, was er sagte, war: "Das hätten Sie besser nicht getan, Gentlemen. Sie hätten mich besser da draußen gelassen."
Zumindest steht es so im Protokoll.
Nur zwei Dinge wiesen auf das Vorleben des Unbekannten hin. Zum einen war da seine Fähigkeit, Rachmaninow zu spielen, in konzertreifer Qualität - um so überraschender war es, daß sich seine Kenntnisse auf das zweite Klavierkonzert beschränkten. Das andere war ein Brief, den man in der Tasche des Unbekannten fand. Wer der Schreiber war, konnte nie ermittelt werden. Der Inhalt des Schreibens lautete:
"Das ist wirklich alles von einer Qualität, was du mir da berichtest aus dem Verlagsgewerbe, daß meine Berserkerigkeit mir schon wieder begründet erscheint. Was ist das eigentlich für ein Buch, an dem du arbeitest? Angeblich hat doch wohl Kurt Cobain über sich gesagt, er hasse sich selbst und wünsche zu sterben - um es einmal mit dem seit Thomas Bernhard adelsdiplomierten Stilmittel des Konjunktivs zu sagen. Ich hatte ja einmal auch das Vergnügen, der Lesung von A. M. aus seinem neuen Roman - ‚Kyrillow', oder so ähnlich - beizuwohnen. M.s ganze Kunst beschränkt sich, so mein Eindruck, buchstäblich darauf, den Konjunktiv einzusetzen und also sein Unvermögen, seine Figuren etwas sagen zu lassen, das lebt, das Interesse erweckt, das ergreift, durch dieses archivarische Mittel zu kaschieren. Eine grauenhaft fade Konjunktivsuada. Da habe einer das und das. Daraufhin sei ihm der Penis aus der Hose geglitten und habe auf das rote Kleid der Signorina einen fetten glitschigen Samenfleck gespritzt. Nein, so was kommt natürlich nicht vor. Daß einer vier Gläser Mummsekt trinkt und daraufhin den Rappel bekommt und mit dem Auto nach Hause fahren will, woran ihn dann der Doktor aber doch noch hindern konnte, zum Glück - solcherart sind die Exaltationen, denen M.sches Romanpersonal sich hingibt."
Das war der ganze Text des Briefes - das heißt nein, nicht der ganze; es folgte noch ein Satz, auf der Rückseite: "Wie kam ich eigentlich darauf? Ach, ja. Der Konjunktiv."
Wissenschaftliche Anmerkungen:
Die Versuche, den Code dieses Textes zu knacken, sind Legion; wir verweisen hier nur en passant auf die mit bewundernswerter Akribie von Kinbote erstellte Abhandlung zu dem Thema: "Closing the Gap By Crossing the Border?" Jeremiah Winston plädierte gar dafür, in "Goethe wird gesprengt. Museum" eine Art "Voynich-Manuskript der Gegenwart" zu sehen: "Bislang haben alle scharfsinnigen Untersuchungen keine wirklich überzeugende Lösung erbracht. Der Grund dafür mag einfach sein, daß es keinen Sinn gibt. Der Weg ist das Ziel. Die Lektüre ist das Ereignis."
Natürlich klingt so etwas nach Frevel in den Ohren jener, die davon überzeugt sind, daß sich in allem ein Sinn, ein Muster, eine Ordnung verbirgt. Egal aber, ob man Joseph Conrad ("Der Geheimagent") als Stemmeisen verwendet oder Richard Rortys liberalen Ironismus - der Safe bleibt zu.
Sagen wir es ganz offen: Wenn wir nicht ein vitales Interesse daran hätten, zu verstehen - ich rede von einer Art von Verständnis, die keinerlei kommerzielle Absichten verfolgt -, dann ließen wir diesen Text sicherlich auf sich beruhen. Er ist, insgesamt, reichlich unerheblich; wozu also sich seinetwegen Synapsen ausrenken? Leider aber ist es so, daß Verstehen nicht nur unser Geschäft ist - sondern unsere Passion. Wir beißen uns also an der Frage fest: Was soll das alles?
Aus diesem Grunde möchten wir die Leser des Goethezeitportals einladen, sich an einer Deutung des Textes zu versuchen. Die originellsten Ergebnisse werden wir veröffentlichen. Hier. In unserer Reihe: "Goethe wird gesprengt".
Robert Mattheis/Danica Krunic