„Vielleicht ist das tatsächlich so. Vielleicht bleibt von einem Menschen nicht viel mehr übrig als die Dokumentation der Anstrengung, er selbst zu sein - mit seiner eigenen Stimme zu sprechen, in seine eigene Geschichte einzutreten. Gelingt das? Gelang das? Er hinterläßt Kladden, Notizbücher, besagte Dokumentationen jener so großen wie vergeblichen Anstrengung, ja, Leidenschaft. Alles, was so nebenbei abfiel, Briefe, Telefonrechnungen, Notate, auch Liebesgeschichten wohl, Zwischenmenschliches. Vielleicht mal eine Geschichte hier und da, ein Aufschwung in epische Regionen, ein Gedicht, von dem nicht recht zu sagen ist, ob es der vollendete Scheiß ist oder doch ganz gut.“
„All das ist nur Abklatsch, Wärmeabstrahlung. Abfallprodukt eines inneren Brennens, jener Raserei ums eigene Leben, um die Eigenheit, um den Eigensinn, um die Eigentlichkeit.“
„Wirkliche Not?“
„Ich habe für all dieses gedankengemachte Zeug nur bittere Verachtung übrig.“
„Seminararbeiten.“
„Artikel über.“
„Ich mag noch nicht einmal lachen.“
„Mich erstaunt nur, daß die Menschen das alles so bierernst nehmen. Pressemeldungen. Zeitungsartikel.“
„Die Wut, mit der die Menschen sich in diese Abseitigkeiten werfen, in diese allerhohlsten Formalismen, als gälte es ihr Leben, als wäre ihre Existenz ... wo diese doch auf einem ganz anderen Schlachtfeld auf dem Spiel steht. Oder?“
„Es ist alles einfach nicht wahr. Alles Makulatur.“
„Wahr, notwendig, zum Heulen real ist einzig jene verzweifelte Sehnsucht, endlich mit sich selbst übereinzustimmen.“
„Das Unbegreifliche dessen, daß es nicht gelingen soll, nicht gelingen kann.“
„Daß man immer der Schatten bleibt, den man selbst wirft.“
„Und daß man, solange das Licht nicht gelöscht ist, keine Chance hat, jene peinigende, beschämende Diskrepanz aufzuheben, jene Differenz zu kassieren ...“
„Ich verstehe kein Wort.“
„Sehen Sie.“
„Was heißt: Sehen Sie? Nichts sehe ich. Worum geht es? Wo sind die Figuren? Ich habe hier nur Sätze!“
„Abstrakte Literatur.“
„Was?“
„Ich habe abstrakte Literatur geschaffen. Keine Personen mehr. Nur noch das Material. Abstrakt. Nackt.“
„Abstrakt und nackt? Hier ist nichts nackt. Hier ist alles nur so sinnlos dahingeplappert!“
„Abstrakte Literatur.“
„Ich weiß nicht, ob das Literatur ist ...“
„Natürlich. Abstrakte Literatur.“
„Ohne Psychologie. Was wollen denn diese ganzen Schwätzer?“
„Es gibt keine Schwätzer. Es gibt nur Sätze.“
„Jeder Satz ist doch Teil eines Schwätzers. Das ist in der Natur nun einmal so.“
„Wie die Farben auf einem Gemälde von Kandinsky.“
„Aber die menschliche Rede besteht nicht aus Farben. Sie besteht aus Wörtern, die sich zu Sätzen verbinden.“
„Und wenn sie sich nicht verbinden?“
„Wird’s sehr schnell sehr ermüdend. Das wissen Sie. Ich finde nichts grauenvoller, als einen Haufen Wörter, die nichts verbindet. Die keinen Sinn haben.“
„Sie suchen nach Konkretion. Nach einer Aussage.“
„Klar. Tut doch jeder.“
„Man muß sich eben angewöhnen, darauf zu verzichten. Abstrakt zu lesen.“
„Das geht nicht. Das ist ... das ist nervtötend.“
„Es ist wie Jazz.“
„Jazz ist Musik. Musik ist ganz was anderes.“
„Und Zwölftonmusik.“
„Nervtötend.“
„Äußerste Abstraktion ... letzte Zuspitzung des Musizierens ...“
„Schön, meinetwegen. Aber ich begreife es nicht. Für mich ist das Pling, pling, pling. Das ist alles.“
„Wie Wörter, die keine Sätze bilden.“
„Exakt. Wörter, die einfach hinausgekräht werden. Die können mir gestohlen bleiben.“
„Sie wollen etwas über den Menschen erfahren.“
„Ja.“
„Über welche Menschen? Über Helden von Elmore Leonard? Über Gestalten Tolstois?“
„Nein. Ich will etwas über DEN Menschen erfahren. D. h. über Elmore Leonard und den Grafen Tolstoi.“
„Aber stellen Sie sich vor, wie schön das wäre, wenn man endlich aus allen menschlichen Zusammenhängen heraus wäre.“
„Das wäre ein Horror, Mann. Schön. Sie machen mir Spaß.“
„Sie müßten keinen Kaffee mehr bestellen, wenn Sie ins Café gingen.“
„Sondern? Einen Regenschirm? Der einer Nähmaschine auf einem Seziertisch begegnet?“
„Sie meinen, es handelt sich lediglich um einen höchst zweifelhaften Tausch von unsinnigen, restlos bedeutungslosen Dingen?“
„So ungefähr. Wo ist der Unterschied? Ob ich eine Zeitung lese oder das Zifferblatt einer Uhr?“
Bruno Beißer, München, 27.2.2006