„In der Dichtkunst geht alles ehrlich und aufrichtig zu.“
(Immanuel Kant, „Kritik der Urteilskraft“)
Der Deutsche-Bank-Boss Ackermann lächelt. Er macht das Victory-Zeichen, Zeige- und Mittelfinger gespreizt und in die Kameras gehoben. Auch Klaus Esser lächelt sein unheimliches, gnomenartiges Lächeln. Bereicherung? Die Herren wissen von nichts. Werte haben sie geschaffen! Dafür sollen sie nun bestraft werden? Was ist das nur für ein Staat, dieses Deutschland! Journalisten kritzeln diese Bedenken in ihre Blöcke, innerlich schütteln sie ungläubig die Köpfe. Mit einem kleinen Lächeln marschieren die Geschäftsmänner, Seite an Seite, in den Gerichtssaal.
Florian Gerster schließt die Tür hinter sich, sackt in sich zusammen. Er legt seine Stirn auf den Schreibtisch. Ein Schluchzen schüttelt ihn. Er versteht die Welt nicht mehr. Der Kanzler, auf Afrikareise, hat die schützende Hand von ihm genommen. Kein Kommentar zu seinem Fall. Wolfgang Clement verkündet im Fernsehen seinen Hinauswurf. Man jagt ihn davon! Dabei hat er doch nur helfen wollen! Dass er Beraterverträge vergeben hat, ohne öffentliche Ausschreibung – ja, Himmel, was ist denn da das Problem? Gerster hebt trotzig den Blick. Wo leben die denn? Das machen doch alle so! Er starrt auf seine Hände; die Fäuste sind geballt. Es sind kleine, leicht zitternde Fäuste.
Als er das Gebäude verlässt, von dem aus er den Arbeitsmarkt revolutionieren wollte, mit Agenturen statt Ämtern, sieht er am Ende des Ganges seine Helfershelfer, die die Journalistenmeute zurückhalten. Gerade noch hat er sich kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt. Er betritt seinen umstrittenen Privataufzug. Er hört seinen Atem in der engen Kabine. Am liebsten würde er sich auf den Boden setzen. Der Chauffeur öffnet ihm den Wagenschlag. Im Dienst-BMW fährt er davon, eine tragische Gestalt, wie er findet, im abgedunkelten Fond, von unbegreiflichen, grausamen Gewalten gefällt.
Hotel Rambouillet.
„Wenn der SPIEGEL über etwas berichtet“, sagt jemand, ein noch junger Mensch, Anfang 20, der vor akademischem Eifer brennt und es weit bringen will„dann kneift die eine Hälfte der Nation die Augen zusammen. Das ist der Ausdruck angestrengten, kritischen Nachdenkens. Die andere Hälfte der Nation legt ein kleines Lächeln auf ihre Lippen.“ Dieses Lächeln weise, Nabokov zufolge, in Tolstojs Werken stets auf „kühle Überlegenheit, wo nicht Selbstgefälligkeit“ eines Redenden1 hin. „Und so reden die klein Lächelnden dann ja auch. SPIEGEL? ‚So was schlage ich doch gar nicht auf!’“
Gelächter der Umstehenden. Das Personal, das sich hier versammelt hat, käme für das Projekt einer deutschen Eliteuniversität in Frage. Ein anderer, nicht minder ehrgeizig als sein Vorredner, nimmt dessen Gedanken auf. Aber wie auch immer die Adressaten sich verhielten, sagt er – die Wortmeldungen des SPIEGELs erfolgten ex cathedra. „Sie haben, anders als die diversen Neujahrs- und Weihnachtsansprachen der Bundeskanzler und Bundespräsidenten, absolute Autorität.“
„Lange Schatten ziehen hin über die Medienlandschaft“, raunt der erste, und wieder wird gelacht.
Warum sie sich das alles antue, fragt sich eine, die etwas abseits steht, das Gesicht zu einem besonders hübschen Lachen verzogen, in das die jungen Männer schamlos hineinstarren.
Pünktlich zum Jahreswechsel setzte der SPIEGEL Immanuel Kant aufs Titelblatt. Warum? Das solle so eine Art „Agenda 2004“ sein, sagte einer der Redakteure in Anspielung auf die „Agenda 2010“, die dem deutschen Staat eine neue Fasson verschaffen sollte. Ihr Schutzpatron: Kant.
„Wieso denn gerade Kant?“ Die Frage kam von einem Volontär, der vorher bei der WAZ gewesen war. „Warum der Pedant aus Kaliningrad, vormals Königsberg? Der ist doch nun wirklich ziemlich langweilig! Hat immer seine Uhr pünktlich aufgezogen, und das war’s dann.“
Wäre zum Schutzheiligen einer Mediengesellschaft (wenn es denn schon unbedingt ein Philosoph sein müsse) nicht eher ein national Umstrittener, Dissensfähiger wie Martin Heidegger prädestiniert?
Der Redakteur will darüber nicht nachdenken. Ihm ist schon klar, dass, wie der Volontär ihm nun ausführlich darlegt, eine Mediengesellschaft vom Skandal, vom bösen Gerücht lebt. Diese Einsicht ist ihm millionenmal durch die Ganglien, tausendfach durch die Finger in die Tastatur gegangen.
Er will trotzdem nicht unhöflich erscheinen und sagt: „Sie meinen also, wir sollten lieber einen Attraktiven nehmen? Eine Foto- und Telegenen, wie Julian Nida-Rümelin?“ Der zudem noch ein „Philosoph mit Königs- oder doch zumindest Kurfürstenthronerfahrung“ wäre?
Der Redakteur lächelt über seine, wie er findet, gelungene Formulierung, und hebt seine Kaffeetasse, die er in New York gekauft hat, vor vier Jahren. Damals standen die Twin Towers noch. Auf seiner Tasse steht: „Big Apple“. Dazu ist ein großer Apfel abgebildet, aus dem ein lächelnder Wurm kriecht.
Und warum hat man denn nicht einen unbegrenzt Eloquenten wie Peter Sloterdijk ausgewählt?, gibt der Volontär zu bedenken. „Aber nein – Kant! So ein kauziger, automatenhafter Ostpreuße.“
Der Redakteur nickt. Kant, in der öffentlichen Wahrnehmung die Schnittstelle zwischen Maschine und Mensch. Der erste Cyborg. Vielleicht braucht man in Zeiten wie diesen so etwas.
Montreal, Kanada. Ein Hotel mit französischem Namen. Ein Raum mit weichen Sesseln.
„Kann die Kunst, die Literatur etwas ändern? Wirklich, substanziell etwas verändern?“
Eine Reporterfrage ist das.
Der Schriftsteller hat den Nobelpreis bekommen. Das erscheint ihm unvorstellbar. Ich?, denkt er. Er fühlt sich übertölpelt, wie über den Kopf geschlagen. Hauptsächlich hat er Gedichte geschrieben. Und einen Roman. Für ein Gedicht braucht er, wie er findet, lächerlich lange. Ob das Ergebnis dann in einem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand steht?
„Natürlich“, antwortet er automatisch. Er ist eine distinguierte, publicityscheue Erscheinung. Keinerlei Geistesgegenwart. Sein kanadischer Verleger hat ihn auf diese Pressekonferenz gezerrt. Ihm ist es peinlich, all diese Aufmerksamkeit auf seine Person versammelt zu sehen. Überall Gesichter. Er freut sich, als ihm ein Trick einfällt, wie er es vermeiden kann, über sich selbst zu sprechen; er wird über jemanden reden, der dafür bezahlt wird, dass die Menschen über ihn reden. Er sagt: „Wenn George W. Bush seiner Nation erklärt, die Vereinigten Staaten von Amerika müssten auf den Mars fliegen, koste es, was es wolle, dann hat die Kunst durchaus in die Wirklichkeit eingegriffen. Man kann das werten als einen Triumph der Literatur.“2
Triumph der Literatur – gute Headline, denkt es in einem Kopf. Nur leider findet sich nie eine Nachricht dazu!
„Skeptiker werden sich natürlich an den Turmbau zu Babel erinnert fühlen“, führt der Schriftsteller aus. „Aber in Wahrheit ist diese spezielle Form von Fernweh eine H. G. Wells’sche Anti-Phantasie.“ Der Schriftsteller hat einmal einen Essay über H. G. Wells geschrieben – über den „Krieg der Welten“. Jetzt prescht er vorwärts. Seine Zunge ist wie geölt. „Bei Wells landeten die Marsianer auf der Erde und verwüsteten sie entsetzlich.“ Es sei doch vielleicht gar nicht so unvorstellbar, fügt der Schriftsteller mit einem kleinen Lächeln hinzu, dass es dem Präsidenten der USA bei seinem neuen, interstellaren Vorstoß um Rache an dem Roten Planeten gehe?3 „Ich meine, der Gedanke der Rache ist ein urliterarisches Motiv – die Rache ist mein, ich will vergelten –, vielleicht ist Literatur niemals etwas anderes als ein Rachefeldzug. Und gerade Bush scheint ja besessen zu sein von der Vorstellung, er sei auf der Erde, um sich zu rächen.“
Durch die Reporter, die dem Schriftsteller schwammartig erscheinen, geht eine schwabbelnde Lachbewegung. Der 11. September.
Ein Hotelangestellter bringt Kaffee. Der Schriftsteller greift nach der Tasse. Seine Finger sind jetzt ruhig. Bush hat ihn beruhigt.
Der SPIEGEL-Volontär, der langsam aufhört, sich Illusionen über Vollkommenheiten, auch über die Vollkommenheit des Wissens, zu machen, denkt nach. Was hat Kant überhaupt gewollt? Was hat er gesagt? Zwei Dinge sind ihm hauptsächlich in Erinnerung. Das eine ist Kants These, der Mensch solle nicht von etwas reden, wovon er nichts zu sagen vermag. Etwa von der Transzendenz. Oder vom Mars. Was wissen wir denn, was da oben ist? Mit der Welt in unserem Kopf, mit diesem wimmelnden, konfusen Datendiesseits haben wir ja schon genug zu tun!
Eine Behauptung, die gerade ein Journalist verstehen kann, denkt der Volontär.
Das andere ist ein Satz, der in die Kulturgeschichte eingegangen ist. Eine Maxime, die gewissermaßen die Umkehrung der Lex Talionis darstellt: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“
Der Volontär hat den genauen Wortlaut des Satzes aus dem Lexikon abgeschrieben; er wundert sich über den Konjunktiv. Ihm käme „könnte“ richtiger vor, aber da steht eindeutig „könne“.
Ein solcher kategorischer Imperativ tut gut in Zeiten von Grundsatzreden, die sich an jemanden wenden, der gar nicht mehr da ist. Die Gesellschaft gönnt sich Immanuel Kant wie Aspirin. Erst einmal ausnüchtern. Schauen, was wir haben. Und dann in aller Ruhe überlegen.
Der Volontär schreibt, für sich: „In der Philosophie, wie sie Kant betreibt, geht, wie im Frauenfußball, alles noch ehrlich und aufrichtig zu. Das entlockt uns einen nostalgischen, vielleicht sentimentalen Seufzer. Gegen Herrn Ackermanns Victory-Zeichen erscheint Kants aufrechte Haltung wie ein hochgereckter Mittelfinger, den man den Mächtigen der Welt präsentiert.“
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1 Der Sprechende bezieht sich offensichtlich auf die Anmerkungen zu Vladimir Nabokovs „Ada oder Das Verlangen“. Die Anmerkungen sind vom Autor, der ein letzter Abkömmling der von Tolstoj in ihrer Blüte beschriebenen russischen Salonkultur (vgl. etwa „Anna Karenina“) war, selbst verfasst.
2 Der Schriftsteller referiert, was er vorhin im Fernsehen gesehen hat, eine Rede des US-Präsidenten an seine Nation, in der dieser Bestrebungen ankündigte, den Mars zu erreichen.
3 Als Orson Welles mit seinem Mercury Theater im Jahre 1938 H. G. Wells’ Roman für den Rundfunk adaptierte, brach in den Vereinigten Staaten eine Massenhysterie aus. Frauen versuchten sich zu entleiben, um den vordringenden Marsianern nicht lebend in die Hände zu fallen. Man nahm das Gehörte, bei aller Irrealität, für bare Münze, weil es aus derselben Quelle kam, aus der neben Seifenwerbung auch die Nachrichten zu kommen pflegten. Auch die wiederholten Hinweise, es handele sich bei der Sendung um reine Fiktion, vermochten nichts gegen die Fakten schaffende Gewalt des Mediums. Der Cheffilmkritiker der „Süddeutschen Zeitung“ fühlte sich, während er im Kreise seiner Kollegen auf CNN am 11. September 2001 die Bilder aus New York und Washington verfolgte, an jenen Welles’schen Streich erinnert. War das am Ende auch alles eine Inszenierung? Er, dessen Beruf es war, sich mit den allerneusten US-amerikanischen Illusionskünsten zu beschäftigen, konnte nicht daran zweifeln, dass diese Überlegung eine gewisse Wahrscheinlichkeit hatte. Es war möglich, dass all das nur in einem Rechner und einem Studio stattfand. Diese Vorbehalte, möglicherweise immer noch gespeist aus dem Fake von 1938, traten auch in den bis heute kursierenden Verschwörungstheorien an die Oberfläche.
München, den 27.01.2004
Robert Mattheis
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