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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Weihnachten 2017

Allerlei Weihnachtliches in Vers und Prosa
von Victor Blüthgen

Als Weihnachtsgabe 2017 ein Weihnachtsbuch.
     Das von dem Schriftsteller Victor Blüthgen (1844-1920) zusammengestellte, 1899 publizierte "Weihnachtsbuch" enthält, wie der Titel es verspricht, "Allerlei Weihnachtliches in Vers und Prosa": über 10 Gedichte, mehrere Märchen und Novellen sowie zwei Episteln, die alle auf Weihnachten Bezug nehmen. Als Publikum wird die ganze Familie oder Hausgemeinschaft angesprochen: Vater, Mutter und Kinder wie auch Weihnachtsgäste - Verwandte, Freunde oder Bedienstete. Texte wie Gedichte oder Märchen eignen sich zum Vorlesen. Die ganzseitigen Bilder sowie die zahlreichen Illustrationen ("Textbilder") machen das Werk zudem zu einem Bilderbuch, in dem man blättern, lesen und die Bilder betrachten kann. Die ganzseitigen Kompositionen wurden in unterschiedlichen Techniken reproduziert und sind offensichtlich dem Klischee-Fundus des Verlages entnommen oder auf dem Klischeemarkt erworben worden. Einheitlichkeit der Bildwiedergaben wurde nicht angestrebt, wie überhaupt kein Programm für Auswahl und Platzierung der Text- und Bildbeiträge zu erkennen ist. Zusätzliche, auf Leerseiten eingeklebte Bilder verstärken den Eindruck eines Sammelsuriums.
     Das unterhaltende, sich an breite Schichten wendende "Weihnachtsbuch" knüpft an die Familienblätter an, vor allem an die "Gartenlaube", an der Blüthgen nach dem Tod Ernst Keils, des Gründers der "Gartenlaube," 1878 zeitweise redaktionell mitgewirkt hat. Von den im "Weihnachtsbuch" vertretenen Künstlern waren mehrere auch für "Die Gartenlaube" tätig. Erschienen ist das bescheidene Prachtwerk, das eine kostengünstige maschinelle Herstellung mit einem 'vornehmen' Äusseren verbindet, im Verlag der "Gartenlaube", Ernst Keil's Nachfolger.

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Das Weihnachtsbuch. Allerlei Weihnachtliches in Vers und Prosa von Victor Blüthgen. Mit 7 Kunstbeilagen und zahlreichen Textbildern. Leipzig. Verlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H [1899]. Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. - Auf dem von zwei Engeln gehaltenen Spruchband ist zu lesen: "Ehre sei Gott in der Höh" und "Frieden auf Erden".

Zu den 7 ganzseitigen Kunstbeilagen kommen 4 eingeklebte Abbildungen mit Weihnachtsmotiven und 1 ganzseitige Illustration. Stempel auf dem Titel weisen das Buch als Leihbibliotheksexemplar aus: Buchverleih, Sophienstr. 6, H. Uehleke. Leihgebühr pro Woche -30 RM.

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Gliederung

1. Texte mit zugehörigen Textbildern
sowie alle ganzseitigen Kunstbeilagen
2. Kurzbiographie Victor Blüthgen
3. Kurzbiographien der Künstler
4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Texte mit zugehörigen Textbildern
sowie alle ganzseitigen Kunstbeilagen

Wiedergegeben werden 7 von 11 Gedichten,
alle Kunstbeilagen und eingeklebten Bilder
sowie drei Prosatexte:
* Zwei Weihnachtsepisteln
* Das Märchen vom Weihnachtsbaum
* Die alte Standuhr. Märchen

[Weihnachtsfeier unter dem Christbaum].
Eingeklebter Holzstich
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St. Nikolaus!
Eingeklebter Druck nach Zeichnung von Frida Fittbogen.
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Wahrscheinlich handelt es sich um Frieda Fittbogen
(Dölzig 1873-1947 Heiligenhafen/Schleswig-Holstein)

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Nach der Christmette.
Holzstich nach einer Originalzeichnung von R. Püttner.
Zuerst erschienen in "Die Gartenlaube" 1884.
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Ludwig Michalek: Weihnachtsabend. Farbendruck.
Mit Genehmigung der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in Wien.
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Eingeklebte Werbung.
Hoepner & Sohn G.m.b.H. Delmenhorst.
Fröhliche Weihnachten. Farbendruck.

Das Stammhaus wurde 1884 unter der Firma Hoepner & Sohn in Hannover gegründet. 1907 wurde das Unternehmen nach Bremen verlegt und in eine GmbH umgewandelt. 1921 siedelte es nach Delmenhorst über. Im Jahre 1925 nahm die Firma den Namen Delespa-Werke GmbH an. Das Wort "Delespa" ist die Abkürzung von "Delmenhorster Seifen- und Parfümerie-Fabrik".
     Hergestellt werden Feinseifen, Kernseifen, Industrieseifen, Waschpulver, Parfümerien und kosmetische Artikel (Darüber hinaus wurde früher aus dem in der Wollwäscherei abfallenden Wollfett das Lanolin gewonnen, das den Grundstoff für Salben aller Art bildet). Siehe:
http://www.fabrikmuseum.de/Heft_Delespa.htm

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Zwei Weihnachtsepisteln

Lieber Alfred!

Ich muß schreiben; ich sage Dir: ich muß. Es ist durchaus nötig, daß ich mich gegen irgendwen ausspreche, wenn sich der Aerger nicht versetzen und mich Karlsbad oder Kissingen in den Rachen werfen soll. Und Du bist Junggeselle (danke Gott!), das heißt, Du wirst meine Auslassungen nicht auf dem Umwege über Deine Frau an die meinige befördern ─ was mir nicht gerade angenehm wäre ─ und Du kannst Nutzen daraus ziehen, für den Fall, daß Deine vorgerückten Jahre Dich so wenig vor Heiratsgedanken schützen sollten, wie mich die meinen geschützt haben.

Diese Weihnachtsbeschererei bringt mich noch um. Jedes Jahr dieselbe Geschichte ─ gute Vorsätze, und dann: am Ende wird's wieder so "wie voriges Jahr es am heiligen Abend war" ─ singen eben der Chorus meiner Drei (meine Frau ist ausgegangen, "einkaufen" natürlich). Diese Kannibalen können hier singen, während ich mir die Haare ausraufen möchte! Natürlich: Lottchen hat wahrscheinlich ihre diesjährige Landschaft schon fertig (drei solche Monstra hängen bereits eingerahmt in meinem Zimmer; es "wäre ja unrecht, wenn man dem Kinde die Freude nicht machte!"), Fritz hat seine laubgesägte Konsole oder etwas Aehnliches vermutlich auch bereits zum Polierer geschleppt, wenigstens höre ich nicht mehr dieses entsetzliche Rasseln, das mich seit Wochen nervös gemacht hat. O, wie freut sich der gute Papa auf diesen mißratenen Staubfänger, den er künftig mit dem Blicke zu zerbrechen fürchten muß! Und Angela hat mir bereits in einem unbewachten Augenblicke angedeutet, daß ich mich auf eine unvergleichliche Fröbel-Kindergartenstickerei gefaßt machen darf. Dabei sitzen nun diese Würmer seit Wochen krumm und plagen sich, statt Schneemänner zu bauen und sich mit Bällen zu werfen und abends rechtzeitig schlafen zu gehen ─ denn außer den Eltern werden auch noch die lieben Onkel und Tanten, Vettern und Cousinen von ihnen beglückt. Nun denke Dir unsere beschränkten Räume im Winter ─ ein armer Oberlehrer kann nicht für jedes ein Zimmer heizen. Ich komme vom Spaziergang, sofort stürzt es durch alle Thüren davon: "Papa kommt!" Eine Zeitlang war ich von der gesamten Familie wie ein Aussätziger gemieden. "Hast Du auch nichts gesehen, Papa?" Hundertmal versichert man das Gegenteil, und wenn sie abgehen, hängen sie doch die Köpfe: "Jetzt ist mir die ganze Freude verdorben." Was meine Frau mir wieder stickt ─ natürlich muß sie sticken, da sie augenleidend ist ─ weiß ich nicht. Ein Sofakissen, einen altdeutschen Schoner, einen Tischläufer, was die Berliner "Kompottchaussee" nennen ─ kurz irgend etwas, was wahrscheinlich ganz nett, aber mit gewebtem Muster um die Hälfte billiger und reichlich so hübsch in einem Laden zu haben wäre. Siehst Du, das ärgert mich am meisten: diese Geschenke verderben den Charakter; natürlich bin ich Weihnachten gezwungen, vor Freude außer mir zu sein über die Gaben der Liebe ─ ─

Wenn das Glück gut ist und das Sofakissen besonders geraten, bekomme ich es überhaupt nur Weihnachten zu sehen. Später ist es mit einer weißen Häkeldecke verhängt und wird vertrauten Freundinnen in Stunden besonderer Seelenannäherung enthüllt. Geschlafen habe ich noch auf keinem. Der Sofaschoner wird, um ihn zu schonen, für hohe Festtage verwahrt (ich habe im vorigen Jahre solch ein Prachtstück bekommen, um das mir's selbst mehr leid gewesen wäre, als um das Sofa, wenn jemand den Kopf dagegen gelegt hätte). Die Kompottchaussee legt Bertha alle Jahre einmal auf, wenn wir große Gesellschaft haben.

Aber Du bekommst doch auch andere Geschenke? willst Du sagen. Jawohl, das versteht sich. Aber ich stehe Todesangst aus, wenn ich daran denke. Tante Jetta könnte mir zum Beispiel sehr wohl ein Eckbrett mit scharlachroten Lambrequins schenken, die sie bestickt hat ─ ich Unglücklicher fand neulich ein solches, bei dessen Anfertigung ich sie überraschte, recht hübsch, wiewohl mir Eckbretter ein Greuel sind und ein solches scharlachrotes Scheusal sämtliche Farben in jedem Zimmer tot machen würde.

Ich sollte einen Wunschzettel schreiben, aber ich kann mich dazu nicht entschließen. Ich will nichts, nichts ─ gar nichts!

Aber die Wunschzettel der Uebrigen habe ich in Händen. Lauter "Kleinigkeiten" natürlich: meine Bertha vielleicht einen neuen Pelzschmuck, Batist zu einem Kleide, zwei hübsche Tischdecken, einen Korallenschmuck ─ er muß aber genau so sein, wie der von der Direktorin ─ "endlich" eine Kette zu der goldenen Uhr etc. Natürlich zur Auswahl notiert, aber ich weiß genau: wenn ich das eine gekauft habe, wäre ihr gerade das andere lieber gewesen. Nun die Kinder! Es ist haarsträubend, was sich heutzutage für Spielsachen aufsummt. Wir haben uns in unserer Jugend königlich mit einer Schachtel der ordinärsten Bleisoldaten amüsiert, die wir mit Erbsen aus einer Holzkanone zu Falle bringen konnten. Jetzt will mein Junge durchaus den trojanischen Krieg haben. Diese Sammlung von ein paar Dutzend Bleikunstwerken aber ist unter fünfzehn Mark nicht zu beschaffen. Das ist erst ein einziges Geschenk! Für das, was heutzutage die standesgemäßen Puppen kosten, könnte ich beinahe einen Waisenknaben ernähren. O Zeitalter der Klapperpuppen und Waldteufel, wo bist du? Diese Rangen werden blasiert, anspruchsvoll ─ es hört alles auf!

Das Tollste ist aber das Besorgen von all dem Kram. Ich bin ein ziemlich unentschlossener Mensch im Einkaufen, denn ich muß genau wissen, ehe ich zugreife, daß ich mich nicht über den Kauf hinterdrein ärgere. Nun laufe einmal in diesen Läden herum: gestoßen, auf die Zehen getreten, ungeduldig ─ "He, Fräulein!" ─ "Gleich, mein Herr!" ─ jawohl, eine Viertelstunde warten, und wenn man aussuchen will, läuft einem dies Volk unter den Händen weg. Du lachst, mein Lieber ─ das ist sehr billig; Du "kannst auch lachen", Du hast Deine gemütliche Stube, Deine Spaziergänge, Deinen alten Skat, Du lässest wie alle Weihnachten Deine Spickgans, Deine Näschereien von der Wirtin für uns einpacken und merkst von alle dem Weihnachtselend nichts, behältst vor allem Dein schönes Geld, und ich armer Schulmeister werfe es für eine Menge unnützen Kram zum Fenster hinaus. Mit dem zehnten Teil von dem, was mich dieses Fest kostet, haben wir in unserer Jugend das lustigste Weihnachten von der Welt gehabt. Jetzt muß ich mich mit Privatstunden ein halbes Jahr abplagen, um dem "schönsten" Fest der fortgeschrittenen Neuzeit gerecht zu werden, und habe drei geschlagene Wochen keine Ruhe, den Kopf voll Sorgen, um alles recht zu machen: Vorwürfe rechts und links, Erwartungen, die ich enttäuschen muß, Kämpfe ─ dies und das ist noch nicht da; die schönsten Weihnachtsbäume habe ich mir vor der Nase wegnehmen lassen und komme mit einem Krüppel an; alles wird "bis auf den letzten Augenblick verschoben"; hier "dürfen wir uns nicht lumpen lassen"; da "können es doch andere auch, warum wir nicht?" Mein Portemonnaie windet sich krampfhaft in der Tasche ─ vergebens. "Es muß sein!"

Alfred, kennst Du dieses fürchterliche "Es muß sein"? ─ Nein, dasjenige, welches Du kennst, ist ein vernünftiges Produkt Deines inwendigen Menschen, dem Du die Hand reichst, indem Du sprichst: "Gut also, braves Muß." Dieses mein "Muß" ist ein fremdes Ding, das ich nicht begreife, ein Fatum, ein Verhängnis.

Ich habe schon daran gedacht, einen Verein von Familienvätern zur Beschränkung dieses Weihnachtsunfugs zu stiften. Umsonst! Ich finde keine Mitglieder. Sie erklären alle die Idee für nett, aber wenn es zum Schwur auf dem Rütli kommen soll, machen sie Ausflüchte: es würde sich nicht so konsequent durchführen lassen, es hinge so vieles von unberechenbaren Umständen ab ─ aha, "Nachtigall, ich hör' dir laufen!"

Um des Himmels willen: würden wir denn dieses Fest der Liebe nicht hundertmal gesegneter verleben, wenn wir uns nicht Wochen und Wochen vorher beständig die Stimmung verdürben ─ nicht abgehetzt, bis in den letzten Nerv zerschlagen, schier genußunfähig daran gingen, das nagende Portemonnaie in der Tasche, um mit Wippchen zu reden ─ friedlich still mit kleinen Freuden uns überraschen, beglückt auch von einem bescheidenen Etwas unter dem lichtstrahlenden Bäumchen? Muß denn der Weihnachtstisch zu einem Ausstellungsplatz für die Fortschritte des modernen Kunstgewerbes werden? Geht nicht die echte rechte Weihnachtsstimmung unter dieser Geschenkwut verloren, die nachher scheel auf ihr Teil blickt, weil es doch nicht ganz das geworden ist, was man sich davon versprochen?

Alfred, Du kennst meine Bertha. Sie ist eines der vernünftigsten Weiber, die es gibt: aber wenn Weihnachten anrückt, verzweifle ich an ihr. Nicht bloß an ihr: an der Welt, an der Zukunft unseres Vaterlandes, am gesunden Menschenverstande ─ an mir selber, der nicht die Kraft findet, auch hier im Handeln unentwegt zu seiner besseren Ueberzeugung zu stehen.

O meine Kasse, meine Kasse! Das Mädchen muß für mindestens zehn Thaler haben (sie hat schon angedeutet, daß sie Freundinnen besitze, welche stets für fünfzehn bekämen), es kommt die Waschfrau, der Barbier, die Kellner ─ bis Neujahr geht das so lustig weiter ─ ─

Herrgott, wer schenkt mir denn etwas? Jeder Lehrling bekommt seine baumwollene Weste oder sonst etwas Gutes, da hat er doch ein wirkliches Geschenk. Was mir geschenkt wird, bezahle ich doch schließlich auch, oder ich muß mich revanchieren, und da revanchiert man sich gegenseitig in die Höhe, daß man des Teufels werden möchte.

Alfred ─ ich sage Dir als Dein älterer Bruder: bleibe Junggesell, oder warte erst die Zeit der Umkehr ab. Denn so kann's nicht lange fortgehen in unserem lieben Vaterlande, oder wir schenken uns Weihnachten alle bankrott. Amen!

Es ist herunter vom Herzen. Ich schließe eilig, Bertha kommt eben an. Ich reiche Dir im Geiste die brüderliche Rechte und bitte um Dein Mitleid.


Dein treuer Bruder Konrad.

Lieber Alfred!

Du wirst Dich nicht wenig über meinen Zorneserguß vom 20. amüsiert haben. In der That ─ wenn ich auch in der Sache denselben Standpunkt einnehme: jener Brief dürfte mehr ein augenblickliches Stimmungsbild als eine objektive Würdigung der ganzen Frage darstellen.

Es ist doch ein famoses Fest, und das Herz geht einem so dabei auf, daß man, sobald die Kinder erst durch die Thür geschlüpft sind, die Wochen vorher total vergessen hat. Ich fühle mich angesichts der jüngst verlebten Tage durch Pflicht und Gewissen gedrungen, so manchem Schiefen und Einseitigen in dem frühern Briefe eine Korrektur nachzusenden.

Ein reizender Christabend, die Kinder im Himmel, Bertha rührend, ich so recht innerlich glücklich! Ich sah Dich im Geist mit noch ein paar braven Junggesellen um die Bowle sitzen, Schnurren erzählen wie alle Tage, Pfeife rauchen wie alle Tage ─ Junge, es ist etwas ganz Besonderes um so einen eignen Herd, ein geliebtes Weib und ein paar muntre Rangen, und nie fühlt man das deutlicher, als unter dem Christbaum.

Es ist allerdings wahr: diesmal ging mancher gefürchtete Kelch an mir vorüber. Das Eckbrett mit den Lambrequins habe ich freilich bekommen: na, in einer schattigen Ecke wird es ganz belebend wirken. Tante Jetta, das arme Wurm, hat sich redlich damit gequält. Die Landschaft war auch da, war aber diesmal keine Landschaft, sondern ein Porträt, und gar nicht übel. Das Mädel macht Fortschritte. Der Junge hat Verzierungen zu einem Schlüsselschränkchen ausgesägt ─ Ich habe mir überlegt, daß man sie ja auf festes Holz aufleimen kann; das wird sich nicht schlecht ausnehmen, etwa wie ausgestochene Arbeit. Bertha hat mir Vorhänge über mein Bücherspind gestickt, allerliebst, mit türkischem Muster ─ das hat große Vorteile, sie werden mir nicht mehr so oft alles umkramen, um abzustäuben. Lieber war mir noch ein prächtig gesticktes Sammetkäppchen ─ es hat mich riesig erfreut. Bertha hat's als Julklapp geworfen, und die ganze Verwandtschaft, die wie alljährlich unsern Weihnachtstisch zu sehen gekommen, stand bei dem Akt Gevatter. Die gute Seele, meine Bertha! Wie strahlte sie, daß ich mich so zufrieden gab! Auch sie war's ja ─ das Mißmutsfältchen wegen mangelnden Korallenschmucks ist verschwunden. Na und der trojanische Krieg ─ der Junge war aus Rand und Band. Er baute auf wie ein alter Homerkenner, sage ich Dir, und die große Luftbüchse und die gewaltige Puppe verfehlten ihren Eindruck nicht. Man stellt diese Sachen wirklich jetzt ganz allerliebst her. Im Grunde liegt das Geheimnis der Weihnachtserfolge doch darin, daß man jedem nicht das schenkt, was man ihm wünscht, sondern was er sich selbst wünscht. Schließlich wird man ─ entschuldige, ich wurde eben vom Barbier gestört, der brave Blutsauger hat sein Teil weg; rasiert auch wirklich wie mit einer Flaumfeder ─ auch mit dem Geldpunkt fertig. Ich bin schon über andere Ausgaben weggekommen, von denen ich weniger Freude gehabt habe, und an ein paar Privatstunden stirbt man nicht.

Schade, daß Du Dich nicht einmal entschließen kannst, ein Weihnachtsfest bei uns zu verleben. Du würdest an dem Aufbau des Baumes und den übrigen Arrangements Deine helle Freude haben. Mein Werk!

Adieu, altes Haus! Was ich Dir noch sagen wollte: Heirate! Du wirst es nicht bereuen. Trotz Weihnachten.
Brüderlich Dein Konrad.

Nachschrift. Deine Gans war delikat, und die andern Ueberraschungen stehen über dem Niveau der Junggesellenauswahl. Alles grüßt und dankt! Adieu ─ ich muß eine Puppenhand leimen.

*****

Wenn die Weihnachtsglocken klingen,
Kind, so denke, was sie läuten!
Hörst du nicht die Engel singen
Und die Glockenstimmen deuten?

    "Gottes Lieb' ist aufgegangen
    Ob der Wintererde,
    Ob der Menschen Reu' und Bangen,
    Daß es Frühling werde.
    Glaub', daß Gottes Hand dich hält,
    Mensch, in allem Wehe,
    Preis' das treuste Herz der Welt ─
    Ehre sei Gott in der Höhe!"

Wenn die Weihnachtsglocken klingen,
Kind, so denke, was sie läuten!
Hörst du nicht die Engel singen
Und die Glockenstimmen deuten?

    "Erbst du Gottes sel'gen Frieden,
    Werde still und milde,
    Daß du liebend wirkst hienieden
    Nach des Ew'gen Bilde.
    Fort das Rechten, fort den Zank,
    Fort die Drohgebärde,
    Daß es endlich, Gott zum Dank,
    Friede sei auf der Erde."

Wenn die Weihnachtsglocken klingen,
Kind, so denke, was sie läuten!
Hörst du nicht die Engel singen
Und die Glockenstimmen deuten?

    "Gottes Liebe kann nicht enden,
    Strahlt alljährlich neue.
    Schmückt ihr Fest mit tausend Händen:
     Pflanzt den Baum der Treue,
     Zündet Kerzen, spendet froh,
     Füllt die Hände allen,
     Daß aus Lieb' erblühe so
     Menschen ein Wohlgefallen."

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Der grosse Augenblick.
Nach dem Aquarell von J. R. Wehle. Rasterdruck in Brauntönen.
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Der Kinder Weihnachtsdank

Die Sterne funkeln in güldener Pracht,
Christkindlein das fliegt durch die Winternacht;
Es fliegt ins Haus, über Wald und Feld
Und hat einem jeden die Weihnacht bestellt.

Ein Buch und ein Spiel, ein Kleid und ein Spind;
Naschkätzchen gab Süßes das himmlische Kind;
Und auf den Bäumlein im weiten Land
Die Weihnachtskerzen hat's angebrannt.

Christkindlein das stand auf dem weiten Feld
Und sprach: "Nun schenkt' ich der ganzen Welt;
Ich hab' mich ja selber den Menschen geschenkt ─
Wo ist nun ein Kind, das auch meiner gedenkt?"

Zwei Kinder die guckten wohl aus dem Haus,
Christkindlein das stand in dem Garten drauß';
"Du liebliches Kind, hat dir niemand beschert?
Und willst du mein Püppchen? Und willst du mein Pferd?"

"Ich brauche keine Puppe und brauche kein Pferd;
Doch wenn ihr mich lieb habt, so ist es mir wert,
Und wenn eins recht fromm und gehorsam wär',
Mein Herz, das freute sich gar zu sehr."

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Das Märchen vom Weihnachtsbaum

Die Großmutter ist zum Besuch herübergekommen und hat einen ganzen Korb voll Aepfel und Nüsse mitgebracht. Durch den dicken Schnee ist die gute alte Frau gestiefelt!

"Nun essen wir alle Tage Aepfel und Nüsse," sagt die kleine Brigitte. "Ei bewahre," meint die Großmutter. "Die sind zu ganz anderem bestimmt." "Zu was denn?" "Die kommen auf den Weihnachtsbaum." "So? Großmutter, erzähle mir ein bißchen vom Weihnachtsbaum!" "Was soll ich denn da erzählen?" "Was du willst, du weißt schon etwas." "Dann setz dich einmal auf die Fußbank da und höre zu." "Aber das Tonerl auch mit." Das ist nämlich ihre große Puppe. "Sie will ganz still sein und zuhören."

"Nun also: Da ist der König Sommer - du hast ihn noch nicht gesehen, aber du merkst, wenn er bei uns ist, im dicken Wald, wo er sein Schloß hat. Dann laufen die Wasser, dann gibt es grünes Laub und blühende Blumen, und die Vögel singen, und die Sonne scheint warm. Im Frühjahr kommt er. Gerade wenn die Obstblüte ist, dann ist er angelangt, darum ist sie wie ein großes Fest. Ja, das ist eine andere Zeit als jetzt im Winter!

"Das Unglück ist nämlich, daß er ein so sehr großes Reich hat; es geht über ganz Afrika und Australien und noch weit auf das Meer hinaus. Dort muß doch auch nach dem Rechten gesehen werden, und so bleibt er denn nur bis gegen den Herbst hier, dann zieht er fort.

"So lange geht es natürlich lustig zu in dem Schlosse im Walde. Das ist dir ein Schloß! Die Wände von grünem Edelgestein mit braunen Säulen, die Decken von blauem Edelgestein und der Fußboden reines Gold. Da wird gegessen und getrunken ─ es fehlt an nichts, was einer sich wünscht; da wird gespielt und musiziert und getanzt ─ die Vögel singen's nach, und die Mücken tanzen's nach, so gut sie können."

"Hast du das Schloß gesehen, Großmutter?" "Nein; aber meines Großvaters Großvater, der hat einen gekannt, der sagte, er hätte es gesehen. In den Wald ist schon mancher gegangen, aber das ist solch ein Wald, in dem sich jeder verlaufen muß. Wenn er dann irgendwo herauskommt, denkt er, er hätte den ganzen Wald durchwandert, und es könnte solch ein Schloß gar nicht darin sein. Es ist aber doch so.

"Gegen den Herbst wird eingepackt ─ man merkt es daran, daß die Vögel zu ziehen anfangen. Die Zugvögel sind immer mit dem König Sommer. Das geht nun so ─ auf und davon, und wir haben das Nachsehen.

"Was danach kommt ─ ein Jahr wie alle Jahre ─ das ist recht verdrießlich.

"Nun ist's aus,' sagen die Bäume und werden blaß und rot vor Angst, lassen die Blätter fallen, schlafen endlich gar ein. 'Nur noch ein paar Blüten', sprechen die Rosen, 'in aller Eile!' 'Ich werde ein Narr sein,' sagt der Dachs zum Hamster, 'ich thu' wie die Feldmäuse ─ schlafen macht warm!' Damit geht er in seinen Bau, wie der Hamster und die Mäuse. 'Ist das eine Welt!' denkt die Sonne. 'Es lohnt gar nicht mehr, viel da zu scheinen; es ist ein Jammer!' und: 'Vater, kauf Holz und Kohlen ein,' sagt die Mutter.

"Jetzt ist's Zeit,' spricht oben, wo das Eismeer ist, der König Winter. 'Auf, alle meine Helden! Endlich ist das Land frei.' Und nun zieht da ein übles Volk aus dem blauen Eispalast zu uns herunter, Stürme und Fröste und schwarzes Gewölk. Alles Leben, das zum König Sommer geschworen, muß flüchten; es kriecht in die Wurzeln, es hat sich in die Sämereien, in die Nüsse und Obstkerne versteckt. Es schläft in Löchern, wie der Dachs, zwischen Laub und Ritzen, wie die Schmetterlinge und Käfer. Nur das Wild nebst ein paar Vögeln hält aus; es hungert und läßt sich vom König Winter und seiner wilden Jagd hetzen ─ wohin soll es sich verstecken? Immer dunkler wird's; die Sonne hat nicht Lust, die verdrießliche Wirtschaft lange zu besehen. Ein paar Stunden leuchten ist übergenug ─ damit man doch seine Pflicht nicht ganz vernachlässigt!'

"Ja, das ist eine böse Zeit; wenn wir da nicht die guten Häuser und die warmen Oefen hätten!"

"Und das Schliddern und Schneeballen und Schlittenfahren, Großmutter!"

"Ja, das hält einer aber nicht lange aus. Nun höre, was geschah. Eines Nachts war alles leer in dem grünen Palast mit den blauen Decken und den goldenen Fußböden ─ von den schönen Farben war gar nichts mehr zu sehen, so schmutzig hatte man alles gemacht. Die jetzigen Bewohner jagten mit wildem Toben im Walde umher ─ wer weiß wo?

"In der finsteren Speisekammer aber lagen noch Reste von der Sommerherrlichkeit, die man nicht aufgezehrt: Aepfel und Birnen und Quitten auf Latten; in einem Korbe noch eine Menge Nüsse; Kästen voll Pfefferkuchen, Marzipan und andere Bäckereien, wie sie König Frühlings Hofkonditor herrlich buk. Sogar eine mächtige Rosinenstolle. Dazu allerlei Flitterwerk, womit man bei der Tafel das Konfekt oder bei Spielen sich selbst verzierte. Dies alles war noch recht gut im stande. Die Fröste hatten nur mit einem Auge in diesen Raum geschaut ─ für die Tafel des Winters war das ganz und gar nichts und für sie auch nicht; jetzt aß man nichts als Wildbret in dem schönen Waldschlosse; und gar um Flitterwerk! ─ da kümmerte sich niemand."

"Haben denn die Mäuse nichts gefressen, Großmutter?" "Nun gar die! Die haben solche Angst vor den Eulen, welche mit jagen, daß Meilen im Umkreis von dem Schlosse keine bleibt. ─ In der stillen Speisekammer also, da stand auch eine Kiste, der man gar nicht ansehen konnte, was darin war. In dieser Kiste aber rührte sich etwas. 'Puff ─ noch einmal!' sagte es da unter dem Deckel. 'Wir wollen doch sehen, ob man sich ewig hier drücken soll.' Und: puff ─ puff ─da rutschte der Schiebdeckel der Kiste ein wenig vor, und es kamen Wachskerzen zum Vorschein, stämmige Kerlchen, die drängten endlich den Deckel ganz von der Kiste, daß er auf den Boden klappte. 'Ah,' sagten sie, 'das gab Luft' und kletterten aus der Kiste, immer mehr, die ganze Kiste war voll. Sie waren noch nicht verbrannt worden bei den lustigen Sommerfesten.

"'Hu, ist das eine Zeit!' sprach eine, die auf das Fensterbrett geklettert war. 'Da stehen die langen Schlagetots, die Bäume, und haben sich kahl rupfen lassen. Schnee ─ Schnee, überall Feinde, alles überwältigt. Nicht für fünf Pfennige Mut!'

"'Entschuldigen Sie,' sagte es auf dem obersten Lattenschlag, 'da hilft kein Mut. Wir haben keinen Oberbefehl, keinen König; die Sonne könnte wohl einspringen, wenn sie wollte, aber es paßt ihr nicht.'

"'Lebt da oben auch noch etwas?' fragte die Wachskerze zurück. 'Wer seid ihr?' 'Wir sind hier fünfzig Goldreinetten auf einem Fleck. Aber es sind noch andere Aepfel da.' 'Jawohl ─ jawohl ─ hier sind auch Nüsse ─' Die Nüsse klapperten aneinander, um ihre Gegenwart zu bezeugen.

"'Da unten gibt's noch Pfefferkuchen und Marzipan, aber das Volk scheint zu schlafen,' rief ein kleiner Borsdorfer. 'Denken nicht dran,' brummte die dicke Rosinenstolle.

"'Kinder, da sind wir ja eine ganze Armee hier beisammen! Und wir lassen uns das gefallen? Wir dulden es, daß, während unser guter König auf der Reise ist, Feinde sein Land verwüsten, in seinem Palaste hausen, alles knechten und binden? Schande über die Feiglinge da draußen.'

"Die Wachskerze im Fenster hatte sich so in Hitze geredet, daß sie mit einemmal anfing zu brennen.

"'Ja, was sollen wir thun?' fragte die Reinette, die sich jetzt mit ihren Genossinnen an den Rand drängte.

"'Hinausziehen ─ die Schlafmützen wecken im Walde ─ einen Aufstand machen. Was von Leben da ist, muß zu gleicher Zeit sich erheben. Ha ─ ich sehe sie flüchten vor uns, die Frechen, wenn sich alles um sie herum rührt ─ wie sie im Frühling flüchten, wenn der König kommt!'

"'wohl gesprochen ─ hurra!' riefen die Wachskerzen, und nun gab es ein großes Klettern auf das Fenster, alles drängte sich an die Flamme, um sich auch die Köpfe anzuzünden.

"'Ich bin dabei; was kann uns geschehen?' sprach eine Nuß. Knack war sie von den Latten auf den Boden gesprungen ─ knack ─ knack ─ die anderen hinterher. Einige hatten sich zwar dabei angeschlagen, aber die Wachslichter trösteten: Verwundungen seien ehrenvoll. 'Wir sind hart, knüppelhart,' rief der erste Pfefferkuchen, der aus dem Kasten stieg. 'Unsere Art wird sich bewähren. Aber dem Marzipan rate ich zur Vorsicht. Vielleicht empfiehlt sich's für ihn, sich im Kasten ziehen zu lassen und gewissermaßen vom Wagen zu kämpfen.'

"'Bitte sehr,' sagte gekränkt ein dickes Marzipanherz über den Kastenrand. 'Man muß eben aufzutreten wissen. Im übrigen sind wir leider nur zu sehr ausgetrocknet. Wir brauchen keine Schutzmaßregeln.' Es stieg nieder, der ganze Kasten leerte sich.

"Die dicke Stolle lag auf dem Deckel einer Kiste. 'Es ist zwar ein Unsinn,' brummte sie, 'aber ich will mich nicht ausschließen. Ich bin da, um aufgegessen zu werden, nicht um Krieg zu führen. Aber wie gesagt, ich bin dabei. Man zeigt seine Gesinnung.'

"Die Wachskerze, welche die Sache angezettelt, untersuchte mittlerweile das Fenster. 'Es ist sehr fest verriegelt,' sprach sie ärgerlich. 'Es wird viel Mühe und Zeit kosten, aufzustemmen.' Da polterte es unten ─ die dicke Stolle hatte sich von der Kiste gewälzt und gleich den losen Deckel mitgenommen.

"'Juchhei,' rief es lustig, 'jetzt komme ich mit meiner Armee!' Und wie die Wachskerzen hinableuchteten, war es ein Hanswurst und mit ihm Goldpapiersterne, Silberpapierketten, Flittergoldblumen ─ eine ganze Menge dergleichen kletterte über den Kistenrand. 'Was meint ihr, wie leicht mir ist, nun dieser dicke Alp da nicht mehr auf mir liegt.' Dabei gab er der Stolle einen Puff. 'Ich habe alles gehört, und jetzt werde ich euch helfen.'

"Mit einem Sprung war er auf dem Fensterbrett. 'Vorsicht ─ jetzt bleibt mir vom Leibe, ich bin feuergefährlich, und es gibt Luft!' Er riegelte auf ─da gab es einen Luftzug, daß alle Wachskerzen auslöschten. Sie schalten und brummten zwar, allein man tröstete sich, als der Hanswurst versicherte: im Grunde sei es besser so; der Schein würde vielleicht zum Verräter geworden sein.

"Hopp! sprang er in den Schnee hinab, ihm nach die Kerzen, Aepfel, Quitten, Birnen, Pfefferkuchen und Marzipansachen; und über ihnen schwirrten die Dingelchen aus Gold- und Silberpapier und der ganze Flitterkram.

"'Wir sind flott; wir besorgen das Kundschaftern,' sprach ein großes Goldnetz. 'Was mich betrifft, so transportiere ich allenfalls auch etwas.' Plump! ging's, das war die dicke Rosinenstolle. 'Eine harte Arbeit!' schnaufte sie. 'Ich habe doch kein Unglück angerichtet? Es krabbelt so unter mir.' Sie war richtig auf das Papiernetz gefallen; doch war der Schaden nicht so groß; das Papiernetz erhob sich, als sie Platz gemacht, und versetzte so obenhin: 'Kleinigkeit fürs Gefühl! Es wäre nur, daß ich einen Fettfleck bekommen haben könnte. Mit Erlaubnis!' Darauf schüttelte es sich den Schnee ab. Sie setzten sich in Bewegung über den hartgefrorenen Schnee, der Hanswurst voran. Die Nacht war still, von der wilden Jagd nichts zu hören. Bei dem ersten Baum, einer alten Eiche, klopfte der Hanswurst; aber das war umsonst, wie oft er's auch wiederholte. 'Sie stellt sich taub, ich wette,' sagte er, 'hier um das Schloß herum hat alles zuviel Angst. Ich schlage vor, wir ziehen erst weiter in den Wald hinein, da ist, wie ich glaube, mehr Courage.'

"Sie zogen ein Stück durch kahle Bäume; überall Schnee. Unter den Pfefferkuchen ging ein Gemunkel über nasse Füße, aber da begab sich die kriegerische Wachskerze zu ihnen und ermahnte sie, sich tapfer zu halten. Und am Ende der Rede sagte die dicke Stolle: 'Wer marode ist, kann aufsitzen. Ich habe hundert Rosinen im Leibe, und ich bringe sie fort ─ es macht mir gar nichts, ob noch ein paar Pfefferkuchen aufsitzen.'

"Sie begannen wieder, bei den Bäumen anzuklopfen, aber die mußten wohl alle einen wahren Totenschlaf schlafen, denn keiner gab Antwort.

"'Nun, das ist eine schöne Geschichte,' sagte der Hanswurst. 'Fangen wir von unten an; die Kleinen jagen die Großen.'

"Es gab da von Schnee kahle Flecken unter Dorngestrüpp, und darauf Grasnarbe und sonst allerlei welkes Gewächs. 'Heda, Kleine,' rief der Hanswurst über einer Veilchenstaude, die einen grünen Trieb merken ließ, 'wir wollen einen Aufstand machen und den falschen König mit seinem Anhang vertreiben; wir setzen das Vertrauen in dich, daß du mit dabei bist.'

"'Ach nicht doch,' lispelte das Veilchen, 'es nützt zu nichts; ohne die Sonne geht's nicht, und die thut nichts Ernstliches. Im vorigen Jahre hat sie uns Mut gemacht ─ es war viel später ─ und wir wagten uns heraus; nachher ließ sie uns im Stich. Was da alles erfroren ist!'

"Die anderen Blumen ─ das Gras ─ sie sagten dasselbe. Nur eine Waldmeisterstaude, die noch ein paar grüne Blätter bewahrt, war bereit. Etliche hundert Schritt entfernt ständen Tannen und Fichten, das wären die richtigen Leute für die Sache.

"Recht kleinlaut zog man dorthin. Die Pfefferkuchen besonders klagten untereinander, es sei ihnen so weichlich zu Mute, sie könnten kaum mehr gehen, und das große Marzipanherz hatte sich auf die Stolle gesetzt, ganz stillschweigends. Die kriegerische Wachskerze aber schalt zornig auf die Bäume und die Blumen.

"Da waren nun die Tannen und Fichten, große und kleine. 'Ha,' rief der Hanswurst erfreut, 'das sind Helden! Nicht eine Nadel haben sie hergegeben. Seid uns gegrüßt ─ wir sind hier ein kleines, aber tapferes Häuflein, welches dem angestammten Könige sein Land zurückerobern will und dazu Beistand wirbt.'

"Das ist gewiß ehrenwert,' sprach eine alte Tanne, "aber was den Erfolg betrifft, so versprecht euch nichts! Wir halten uns ─ wir halten uns, das ist aber auch alles. Ohne den König geht's nicht, wir haben's schon manchmal probieren sehen. Wenn's euch gefällig ist, bleibt in unserem Schutze und überlegt's euch.'

"Die Pfefferkuchen und Marzipane waren sehr für diesen Vorschlag. 'Wir sind krank, ganz schwach auf den Beinen und äußerst erkältet.' 'Kommt zu mir herauf,' sagte mitleidig eine hübsche junge Fichte; 'ich habe keinen Schnee mehr auf mir, ein Reh hat ihn abgeschüttelt, ich bin ganz trocken.' 'Wir auch?' fragte das Netz aus Goldpapier. 'Alle, soviel ich beherbergen kann.'

"Die kriegerische Wachskerze meinte zwar, es sei eine Schande, schon nach so kurzem Marsche Rast zu machen; aber der Hanswurst begütigte. 'Das wird ein richtiges Feldlager, was man ein Biwak nennt; und wenn Pfefferkuchen und Marzipan schwach sind, so haben sie verdient, daß man Rücksicht auf sie nimmt.'

"Die Pfefferkuchen und Marzipane hingen sich recht tief innen ein, auch die Quitten wegen ihrer Schwere, dann die Aepfel und Birnen; die Nüsse und Papiersachen mehr außen; die Kerzen aber stellten sich auf die Zweigenden. 'Wir können noch stehen für das Vaterland,' sagte die kriegerische Kerze; 'wir werden Wache halten.' Die dicke Stolle blieb unten, weil sie im Baum nicht unterkommen konnte, und auf ihrem Rücken machte sich's der Hanswurst bequem. 'Im Vertrauen gesprochen, süßer Schatz,' flüsterte er über ihr, 'aus der Sache wird nichts, aber wir haben Mut und guten Willen gezeigt.'

"'Quiek!' machte es hinter den letzten Tannen, und dann hörte man etwas laufen. Das war ein Wildschweinferkel, ein nichtsnutziges Geschöpf. Es wußte, in welchem Revier König Winter diese Nacht jagte, und lief, bis es das Sausen und Brausen hörte. Da kam ein Uhu geflogen und stieß auf das Ferkel nieder.

"'Thu mir nichts,' sagte dasselbe, 'ich bringe eine wichtige Botschaft.' 'Was für eine Botschaft?' fauchte der Uhu.

"'Ich weiß Tannen und Fichten stehen, da wird eine Verschwörung gesponnen. Da sind viele Leute auf einer Fichte, die wollen den Wald aufwiegeln und den König Winter vertreiben. Wenn ihr mir versprecht, daß ich auf immer Frieden habe, zeige ich die Stelle.'

"'Das ist wichtig,' sagte der Uhu und strich durch die Bäume ab. Nach kurzer Zeit kam er wieder, und das Sausen und Brausen der wilden Jagd hinter ihm her. 'Vorwärts!' murrte er und klappte mit den roten Glühaugen zu dem Ferkel hin. Nun lief das Ferkel, was es laufen konnte, bis zu den Tannen und Fichten.

"'Der Feind kommt,' rief die kriegerische Wachskerze, 'eigens unsertwegen; da ist, wie ich glaube, das Ferkel, welches vorhin entlief, und es hat ihn hergeführt.' 'Dann hilft das nicht,' sagten die Bäume, 'wir werden das Mögliche thun, ihn abzuhalten.'

"Hui! sausten die Stürme daher ─ die Wachskerzen schwankten ─ aber da geschah etwas Herrliches.

"Aus der Luft kam es niedergeflogen, ein weiß leuchtender blendender Stern; er flog zu der kleinen Fichte herab, welche die Gesellschaft aus dem Schlosse beherbergte. Jede einzelne Wachskerze berührte er, daß sie eine Flamme bekam, dann setzte er sich auf die Spitze der Fichte. 'Vom Himmel hoch, da komm' ich her,' sagte er.

"'O, es ist Weihnachten,' frohlockten die Tannen und Fichten; 'der König Sommer hat sich zu uns auf den Weg gemacht!'

"Hui! bliesen die Winde mit vollen Backen, aber die Luft um die Tannen und Fichten blieb so ruhig, daß kein einziges der Kerzenflämmchen flackerte. Ringsum tobte es, schneite es, der Hagel prasselte nur so, und die großen kahlen Bäume knackten vor Frost; mitten inne standen wie im Triumphe die dunkelgrünen Nadelbäume, die Kerzen strahlten, das Gold- und Silberpapier leuchtete, oben glühte der große weiße Stern.

"'Das haben wir dem Ferkel zu verdanken,' hörte man den König Winter wüten. 'Schleppt es mit, als Spießbraten zum Nachtschmaus! Fort in das Schloß!'

"'Mein Kompliment!' sagte der Hanswurst spöttisch.

"Das Sausen und Brausen zog ab, man hörte die Eulen schreien und das Ferkel quieken.

"'Gott sei Dank,' erklang darauf eine Stimme, jetzt werde ich wohl lebendig heimkommen.' Ein Mann trat hinter einem dicken Baumstamm vor; ein Kohlenbrenner, der just des Wegs daher in das Getümmel geraten war. 'Aber ist das eine Pracht!'

"'Das will ich glauben,' meinte der Hanswurst. 'Wir sind Leute von Mut. Hast du gehört, daß wir Weihnachten feiern? Auf eine hübsche Art, wie du siehst.'

"Der Kohlenbrenner stand und stand, er wagte sich nicht näher. Da verlosch prasselnd die kriegerische Wachskerze, und die anderen Kerzen kurz darauf nacheinander. Und nun stieg langsam auch der Stern wieder in die Luft. Der Kohlenbrenner bekam jetzt Mut, zündete seine Laterne an, die der Wind ausgelöscht, und trat zu dem dunkeln Baum.

"'Nimm uns mit,' sagte der Hanswurst. 'Ja, ja,' sprachen die Pfefferkuchen, 'man erstarrt hier, wir können uns nicht mehr halten; und mit dem Krieg ist's doch nichts.' Sie ließen sich fallen ─ der Kohlenbrenner öffnete einen Sack und las alles ein, was da auf der Fichte gehangen. Die dicke Rosinenstolle nahm er unter den Arm, und den Hanswurst steckte er in die Tasche. 'Ich werde dir unterwegs die ganze Geschichte erzählen.' sagte der, und das that er auch.

"Zu Hause lud der Kohlenbrenner ab, holte eine kleine Tanne und putzte sie an, wie er die Fichte im Walde gesehen hatte. Das ganze Dorf kam, die Herrlichkeit zu sehen, und alle Leute machten's ihm nach. Ein Bauer aber sagte: "Weil das Ferkel solch ein elender Wicht war, will ich alle Weihnachten ein Spanferkel essen.'

"In vielen Gegenden geht's seitdem den Ferkeln an den Kragen, bis auf diesen Tag. Siehst du, das war die Geschichte vom Weihnachtsbaum."

*****

Weihnachtstraum

Näher kommt die heil'ge Nacht
Still durch heut und morgen,
Nun des Jahres Blütenpracht
Schlummert frostgeborgen.

Fragend seufzt der Kinder Kranz:
Wie so lang sie säume?
Und ein Strahl vom Weihnachtsglanz
Fällt in ihre Träume. ─

Knabe schläft im Kämmerlein
Alles kühl und dunkel,
Nur durchs Fenster blickt herein
Leises Sterngefunkel.

Plötzlich in das schwarze Nichts,
In des Schlafes Leere
Bricht der Schimmer ew'gen Lichts,
Flattern Engelchöre.

Rings ein Rauschen feierlich
Wie von Taubenflügeln;
In des Schläfers Augen sich
Weihnachtswunder spiegeln.

Tannendüfte, würzig-schwer,
Wogen in dem Raume,
Lieblich schwebt ein Engel her
Mit dem Weihnachtsbaume.

Was sein kleines Herz gefüllt
Wünsche schwer seit Tagen,
Ros'ge Kinder, lächelnd mild,
Bringen es getragen.

Und dann setzt des Baumes Pracht
Sanft der Engel nieder;
Und er küßt so eigen sacht
Lippen ihm und Lider:

Mutterküsse fühlt er weich;
Die ihm Gott genommen,
Aus dem blauen Himmelreich
Ist sie hergekommen!

Selig starrt des Träumers Blick
In geliebte Züge
Und er schließt den Arm voll Glück
Um die holde Lüge ...

Dämmernd schwimmt der Traum davon,
Kaum bedacht, beweinet.
Tage, Nächte sind entfloh'n ─
Und das Fest erscheinet.

Und es kommt mit Lust und Licht
Und die Gaben prangen ─
Nur die Mutter bringt es nicht,
Die zu Gott gegangen.

*****

 

Die Andächtigen.
Nach einer Originalzeichnung von W. Firle.
Rasterdruck in Graublau.
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*****

Die alte Standuhr

 

In der Stube, in der die Kinder beschert bekommen hatten, war alles Licht schon seit einer Stunde erloschen, und durch die offene Kammerthür hörte man die Atemzüge der Schlafenden nebenan.

Da raschelte und schleifte es leise bei der Thüröffnung, und es kam jemand im weißen Hemdchen in die Stube geschlichen, das war der kleine Paul, der zog sein Deckbett und sein Kopfkissen nach sich bis zu dem Sofa, machte sich dort ein Lager zurecht, kroch hinein und lag mäuschenstill. Er wollte recht, recht nahe bei seinen Geschenken schlafen, damit er sie früh gleich sehen könnte, sobald er aufwachte. Es war so dumm, daß er so früh schon hatte aufhören müssen mit ihnen zu spielen! Die Winternacht war so lang, eine halbe Ewigkeit dauerte es, bevor es wieder Tag wurde.

Die Stube war dunkel, aber er sah das Gezweig des Christbaums, weil das noch dunkler war; und wenn er die Augen anstrengte, so meinte er in dem schwarzen Wirrwarr auf dem Platze, wo seine Geschenke lagen, den einen und anderen Gegenstand unterscheiden zu können. Er strengte wirklich die Augen an, so lange bis sie ihn schmerzten. Dann schloß er sie und nun hörte er bloß noch.

Vor den Fenstern draußen, auf der winterlichen Straße, war es fast ganz still; wenn jemand vorüberging, dämpfte der weiche Schnee seine Schritte. Ganz fern klang es, wie wenn Leute sängen. In der Stube aber war etwas immer lebendig, nämlich die große Standuhr.

Diese Uhr hatte der verstorbenen Großmutter zugehört, und sie bestand aus einem hohen, schmalen Schranke, der oben einen breiteren Aufsatz hatte, und in dem Aufsatz erblickte man hinter einer Glasscheibe das große Zifferblatt von Porzellan; von weitem sah die Uhr aus wie eine Figur, und das Zifferblatt war das Gesicht dazu. Der Schrank war auswendig sehr schön, denn er war voll eingelegter Figuren und Schnörkel aus Elfenbein und Perlmutter. Aber das merkwürdigste an der Uhr war zweierlei. Nämlich sie konnte auf kleinen Glöckchen, die sie in sich trug, sechs Lieder spielen, und sie spielte jedesmal eines davon, so oft der große Zeiger auf der Zwölf stand, also vierundzwanzigmal des Tages; war das Lied zu Ende, so schnarrte es in der Uhr, und dann schlug sie die Stunde. Außerdem aber: die beiden Male, wo der kleine Zeiger auch auf der Zwölf stand, knackte es über dem Aufsatz, und es kamen dort Figuren heraus, die Mutter Maria mit dem Christuskinde auf dem Arme und einer Goldkrone auf dem Kopfe, und rechts und links kleine hübsche Engel, die auf Wolken ritten.

Der kleine Paul hatte das alles schon vordem bewundert, wenn er die Großmutter besucht hatte, und er dachte oft daran, wie sie jedesmal, wenn die Uhr spielte, die Thür zum Vorsaale geöffnet hatte, wo die Uhr gestanden, und dann auf den langen Teppichläufern auf und ab gegangen war und dazu mit ihrer alten zitternden Stimme gesungen hatte: "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende," oder: "Befiehl du deine Wege," oder was die Uhr sonst spielte. Nun war die Großmutter tot und die Uhr hatte der Vater zu sich genommen in die Wohnstube.

Tick, tack! machte der Pendel, aber nicht so laut wie bei den Wanduhren, weil er hinter der Thür im Schranke drinnen ging, und auch nicht so schnell und munter, sondern schlürfend und ernsthaft, wie der Schritt der Großmutter auf dem Teppichläufer. Und der kleine Paul auf dem Sofa sagte auch in Gedanken: Tick, tack ─ tick, tack ─ ─ und er konnte nicht anders, als immer horchen, wie es in dem Schranke drinnen hin und wieder ging. ─ ─

Eben that die Uhr einen Ruck, und das Glockenspiel fing an zu spielen: Eine feste Burg ist unser Gott ─ ─ und danach schlug es knarrend Elf, der kleine Paul zählte es ab; und dann wollte er wiederum weiter sagen: Tick, tack. Aber die Uhr sagte gar nicht mehr tick, tack, sondern ganz deutlich: Flimm, flamm! und zugleich wollte es ihn bedünken, als vernähme er ein feines Knistern und verspüre einen schwachen Lichtschein im Auge. Er fuhr mit dem Gesicht herum, und da sah er, wie an dem Christbaum ein Licht nach dem anderen aufknisterte und sich entzündete: flimm, flamm ─ da brannten zwei Lichter, flimm, flamm ─ wieder zwei Lichter, und so ging es fort, bis auch das höchste Licht auf der Spitze entzündet war, welches der Weihnachtsengel in der Hand hielt. Dem kleinen Paul lachte das Herz im Leibe, denn jetzt konnte er alles deutlich sehen, was unter dem Baume lag; gerade vor sich hatte er die Festung mit den Wachtposten, wie er sie gestellt hatte, und die große Kanone, und dann den Säbel und die Zickzackscheren mit den buntlackierten Holzsoldaten darauf. Und da hinten lag wirklich der Hanswurst mit der großen Nase in scheckiger Jacke und Zipfelmütze, die alle beide mit kleinen Schellen besetzt waren; er lehnte halb aufgerichtet mit dem Kopfe an dem Gitter des Christbaumuntersatzes, und es wollte Paul so scheinen, als ob er ihn gerade ansehe und mit den Augen blinzle.

Schnick, schnack ─ sagte mit einemmal die Standuhr ─ schnick, schnack, und da sprang der Hanswurst auf die Beine, daß alle Schellen klingelten, die er an sich trug. "Gott sei Dank," krähte er lustig mit einem feinen Stimmchen, "endlich kann man doch einmal ein Glied rühren." Und dann schlug er einen Purzelbaum durch die Luft. "Aber nun muß ich gleich sehen, wo die schöne Prinzessin hingekommen ist, die vorhin so dicht neben mir war, denn ich muß sagen: sie hat mir ausnehmend gefallen; ich werde sie wiederfinden, und sollte ich den ganzen Tisch absuchen." Damit stieg er über die Kanone hinweg und weiter bis zu dem Platze, wo die Geschenke von Pauls Schwesterchen Helene lagen.


"Ich bitte um die Ehre, Ihnen aufhelfen zu dürfen, hochmächtigste Prinzessin," hörte ihn Paul hinter dem Christbaum sagen, und gleich darauf kam er zurück und führte die neue Puppe Helenens mit den Fingerspitzen.

"Ich weiß nicht, was Sie wollen," sagte diese, "ich bin gar keine Prinzessin."

"Erlauben Sie," versetzte der Hanswurst, "das weiß ich besser. Sie tragen das herrlichste blaue Seidenkleid mit echtem Spitzenbesatz, und dann haben Sie so etwas Hoheitsvolles in den Augen und eine gewisse steife Haltung, welche sehr majestätisch ist. Eine Prinzessin kenne ich unter Hunderten heraus."

"Dann sind Sie wohl auch ein Prinz?" fragte die Puppe. "Sie tragen wirklich sehr schöne Kleider, alle Regenbogenfarben sieht man darauf. Und wenn Sie sich rühren, machen Sie Musik. Das ist außerordentlich."

Natürlich bin ich ein Prinz," nickte der Hanswurst. "Wo ich mich zeige, errege ich Aufsehen, daran kann man einen Prinzen erkennen. Sehen Sie nicht den Zackenbesatz an meiner Mütze? Das bedeutet die Krone. Und das alles, was Sie hier erblicken, ist mir unterthänig. Aber ich will Ihnen erst einen Hofstaat holen; es schickt sich nicht, daß eine Prinzessin ohne Hofstaat ist." Damit lud er die Puppe ein, auf der Kanone Platz zu nehmen, und ging fort, und als er wiederkam, hatte er alle die kleinen Puppen aus der Puppenstube Helenens hinter sich, die mußten sich vor die Kanone stellen und knixen.

"Ich werde Ihnen ein Fest geben," sagte der Hanswurst zu der blauen Puppe. "Sie sind bei mir auf Besuch, und man muß für Unterhaltung sorgen. Ich führe Sie auf den Balkon dort, von da nimmt sich alles viel besser aus." Damit faßte er wieder ihre Hand mit den Fingerspitzen und führte sie eine kleine Treppe hinauf, die Paul früher nie gesehen hatte, in den Untersatz, in welchem der Christbaum stand; der Puppenhofstaat folgte, und nun standen sie an dem Gitter wie auf einem Balkon und sahen auf die Kanone und die Festung und die Soldaten hinab. Der Hanswurst aber stieg wieder hinunter.

Zick, zack ─ machte die Standuhr ─ zick, zack. "Zuerst gibt es eine Parade," sagte der Hanswurst. Und da fingen auch die Scheren mit den lackierten Soldaten schon an sich zu bewegen; erst zogen sie sich in die Breite, und dann in die Länge, ganz wie die Standuhr kommandierte: Zick, zack ─ zick, zack ─ und so marschierten sie vorbei, erst die mit blauen Röcken und roten Hosen, dann die mit roten Röcken und grünen Hosen, welche die Käppi aufhatten. Die dritte Kompanie aber war die schönste, denn sie bestand aus Gardisten mit rosa Röcken und weißen Hosen, und auf den Köpfen hatten sie große schwarze Bärenmützen mit Kokarden. Es war ein herrlicher Anblick. Zuletzt stellten sich die Kompanien vor dem Balkon auf und präsentierten die Gewehre, und der Hanswurst pfiff dazu auf zwei Fingern und trommelte mit der anderen Hand auf der Pappwand der Festung.

Piff, paff ─ sagte die Standuhr ─ piff, paff, und da standen die Soldaten auf den Scheren und rührten sich nicht mehr. Der Hanswurst aber nahm die Finger vom Munde und rief: "Jetzt kommt das große Festungsmanöver!" Und piff, paff ─ sprangen die Deckel von den Bleisoldatenschachteln, und was darin war, kletterte heraus. In der einen Schachtel befand sich Artillerie, die schleppte mühsam ihre Kanonen auf den Tisch hinunter. Der Hanswurst teilte alles in zwei Haufen, davon mußte der eine die Festung besetzen, der andere sich davor aufstellen und sie belagern.

"Los!" schrie der Hanswurst. Und dann ging ein Schießen und Kanonieren an, daß einem Hören und Sehen verging und daß der kleine Paul dachte, in der Kammer nebenan müßte alles wach werden und hereinkommen; aber es kam niemand. Die Puppen auf dem Balkon schrieen, das konnte man manchmal hören, und der Hanswurst rief hinauf, sie möchten sich nicht fürchten, es wäre bloß blind geladen; dann hörte das Schießen auf und er kommandierte: "Sturm!" Und nun kletterten die Belagerer auf die Festungsmauern, und das gab ein Stoßen und Fechten ─ ─

Bumm! ging es mit einemmal ─ das war die große Kanone, die der Hanswurst losgeschossen hatte. Die Bleisoldaten krochen so schnell sie konnten wieder in ihre Schachteln, und dann war alles still.

Kling, klang ─ sagte die alte Standuhr.

Die kleinen Puppen auf dem Balkon waren alle umgefallen, bloß die große blaue Prinzessin stand noch fest. "Es war sehr interessant," meinte sie, "aber es greift die Nerven an. Mein ganzer Hofstaat ist ohnmächtig geworden."

"Sehen Sie, daß Sie eine Prinzessin sind?" sprach der Hanswurst triumphierend. "So etwas kann nur eine Prinzessin vertragen. Warten Sie ein wenig, ich werde gleich Hilfe bringen." Damit ging er und brachte die Gießkanne der kleinen Helene herbei, welche diese am Abend gefüllt hatte; mit der stieg er die Treppe hinauf und begoß den Hofstaat, als wären es Blumen, bis alle die Puppen wieder aufgestanden waren. "Um Vergebung," sprach er dann, "ich werde jetzt ein Konzert veranstalten, aber ein ganz zartes; das wird Ihre Nerven wieder beruhigen."

Kling, klang ─ machte die Uhr noch immer.

Und der Hanswurst trug die Gießkanne fort und kam mit dem Klimperkasten des kleinen Ernst wieder, und als er ihn auf den Tisch setzte, fing er an zu klimpern, ohne daß jemand daran drehte, und der Junge und das Mädchen oben darauf, die so hübsch geputzt waren, tanzten dazu. Aber das dauerte nicht lange, denn mit einemmal ging es in der Uhr: Führe, fahre ─ führe, fahre ─ ─ das Klimpern hörte gleich auf und die Tänzer standen wie angewurzelt und hielten noch jedes ein Bein gegeneinander in die Luft.

"Gefällt es Ihnen, eine Spazierfahrt mit mir zu machen, allergnädigste Prinzessin?" fragte der Hanswurst zum Balkon hinauf. Die blaue Prinzessin nickte, und da kam auch schon die neue Kutsche Pauls mit den beiden Apfelschimmeln gefahren, aber nicht auf dem Tische, sondern unten auf den Dielen. Und als der Hanswurst die Puppe vom Balkon führte, da fragte diese ängstlich, wie sie da hinunterkommen sollte. Der Hanswurst aber sagte: "Nichts leichter als das, wenn Sie mir allergnädigst erlauben, meinen Arm um Ihre Taille zu legen." Er faßte sie auch gleich um den Leib und sprang mit einem Satze auf die Dielen; es geschah so rasch, daß sie nicht einmal Zeit hatte, zu schreien. Nun setzten sie sich in die Kutsche, und fort ging es, immer im Carriere um den Weihnachtstisch herum, der Hofstaat aber stand pudelnaß auf dem Tischrande und sah zu. Einmal fuhren sie so nahe an dem Sofa vorbei, auf welchem Paul lag, daß er dachte, er könne sie mit den Händen greifen; aber sie kümmerten sich nicht um ihn.

"Halt!" sagte die blaue Puppe in der Kutsche. "Ich bin ganz schwindelig." Und der Hanswurst sagt auch: "Halt!" und die Apfelschimmel standen still. Da faßte der Hanswurst die blaue Prinzessin wieder um die Taille, und mit dem ersten Sprunge waren sie aus der Kutsche, und mit dem zweiten standen sie oben auf dem Tische. Ueber den ganzen Hofstaat waren sie hinweggesprungen.

"Ich bin angegriffen," sprach die Puppe und wehte sich mit der Schürze Kühlung zu.

"Wie schade," meinte der Hanswurst; "ich hätte Ihnen gern auf dem Steckenpferde da unten etwas vorgeritten; und dann sind hier zwei Säbel, die hätte ich vor Ihren Augen miteinander fechten lassen. Es wird gewiß daran liegen, daß Sie Appetit haben."

"Sie sind sehr gütig," antwortete die Puppe. "Sie geben sich sehr viel Mühe meinetwegen.

"Schönste Prinzessin," rief der Hanswurst und steckte beteuernd einen Arm in die Höhe, "wer nur ein einziges Mal Ihre Vergißmeinnichtaugen gesehen hat, der ist gewiß bereit, alles für Sie zu thun. Und ich werde jetzt etwas Außerordentliches für Sie thun, wogegen alles verschwindet, was Sie bisher gesehen haben. Essen Sie gern Nüsse?"

"Ja," lispelte die Prinzessin.

"Schön, ich werde Ihnen drei Nüsse mit der Nase aufknacken."

Er pflückte drei Nüsse vom Christbaum, welche ganz tief hingen und wartete einen Augenblick, wobei er nach der Uhr sah. Knick, knack ─ sagte der Pendel in der Standuhr. Knick, knack ─

"So, jetzt kann ich anfangen," meinte der Hanswurst, und nun schlug er mit seiner langen, spitzen Nase auf die Nüsse. Knick, knack ─ knick, knack ─ ging das nun, bis die Nüsse auseinanderbrachen. Da schälte der Hanswurst die Kerne heraus und die blaue Prinzessin aß sie.

"Nun, was sagen Sie dazu?" fragte der Hanswurst stolz.

"Es gehört viel Kraft dazu," antwortete die Puppe; "aber Sie können gewiß noch Besseres." "Natürlich," sagte er, "und Sie sollen es gleich sehen. Wie heißen Sie, allerliebste Prinzessin, wenn ich fragen darf?" "Karoline," versetzte die Puppe.

Im selben Augenblick hörte Paul, daß die Uhr wieder etwas anderes sagte; nämlich sie sprach ganz deutlich: Hip, hop ─ hip, hop ─ ─

"Passen Sie gefälligst auf," meinte der Hanswurst, "jetzt tanze ich Buchstaben."Damit stellte er sich auf den Kopf und begann so herumzutanzen; und die Puppe paßte auf, welche Buchstaben er tanzte.

"Reizend," sagte sie dann, und sah ihn zärtlich an; "Sie haben meinen Namen getanzt, ich konnte ganz deutlich Karoline lesen."

"Nicht wahr?" rief der Hanswurst, der mittlerweile wieder auf die Füße gesprungen war. "Sie werden nicht so leicht wieder jemand finden, der Ihnen Ihren Namen auf dem Kopfe vortanzt. Jetzt Numero drei!"

Wip ─ op ─machte plötzlich der Pendel der Standuhr, und auf das hin fing der Hanswurst an zu springen, erst bloß einen Fuß hoch und dann immer höher und höher, bis zu dem höchsten Ast des Christbaums, wo das mächtige Zuckerherz hing mit der zuckergebackenen roten Flamme oben darauf; das pflückte er im Springen ab und überreichte es zierlich der Puppe, indem er sich vor ihr auf die Kniee niederließ. Es war ein Zettel darauf geklebt, auf dem stand gedruckt:

"Mein Herz glüht nur für dich allein,
Sprich: willst du nicht mein eigen sein?"

"Das war das herrlichste Kunststück," sagte die Prinzessin, wie sie den Zettel gelesen hatte, und war ganz rot geworden und sehr gerührt. "Einstweilen dürfen Sie mir einen Kuß geben, aber Sie müssen dabei die Nase ein bißchen auf die Seite thun."

"Gilt es auf Abschlag?" fragte der Hanswurst. "Ja," antwortete die Puppe, "man kann sich glücklich schätzen, wenn man Sie zum Manne bekommt, denn Sie sind sehr unterhaltend und artig." Und sie machte die Augen zu, und der Hanswurst gab ihr einen Kuß, daß es schallte.

"Jetzt bin ich wirklich müde," meinte die Puppe, "und möchte schlafen. Sie können sich ein Stück davon setzen und mich einsingen. Erst aber können Sie meinen Hofstaat nach Hause schicken, denn zum Schlafen brauche ich ihn nicht."

"Nur eine Kammerfrau," nickte der Hanswurst. Nun gingen die kleinen Puppen fort bis auf eine, welche das hübsche Häubchen trug; die begab sich zur Prinzessin und beide legten sich auf den neuen Rock, den Paul bekommen hatte, und der Hanswurst setzte sich wieder auf seinen alten Fleck und sang ganz sanft mit seinem krähenden Stimmchen vor sich hin:

"Und der Hanswurst liebt die Prinzessin,
Und die Prinzessin liebt den Hanswurst ─"

immerzu dasselbe, bis sie alle miteinander einschliefen. Die alte Standuhr aber brummte: Dunke, dunke ─ dunke, dunke ─ ─ schneller wie vorhin, und dabei erlosch ein Flämmchen auf dem Christbaum nach dem anderen. Und wie das letzte erloschen war, sagte sie: Knack! ─ Da brach aus dem Aufsatz oben ein goldheller Schein, und dort erschien die Mutter Maria mit dem Christuskinde und den Engeln. Die Uhr spielte ihr Lied, und die Engel sangen niedlich dazu:

"Dies ist der Tag, den Gott gemacht,
Sein werd' in aller Welt gedacht,
Ihn preise, was durch Jesum Christ
Im Himmel und auf Erden ist."

Das war so wunderlieblich, daß dem kleinen Paul auf dem Sofa das Herz hoch aufpochte vor Entzücken.

Dann schlug es Zwölf in der Uhr, und wie der letzte Schlag vorbei war, da war alles finster in der Stube.

Der kleine Paul konnte lange nicht einschlafen; erst gegen Morgen schlummerte er ein wenig, und als er aufwachte, da waren alle anderen schon aufgestanden und angezogen. Der Vater schalt, daß er nicht im Bette geblieben war, und als er erzählte, was er in der Nacht gesehen und gehört, da lachte man ihn aus. Aber die beiden Puppen lagen wirklich auf dem neuen Rocke, und dicht daneben das schöne große Zuckerherz. "Wenn es bloß heruntergefallen wäre, dann könnte es doch nicht ganz geblieben sein," meinte Paul.

"Noch manchmal, wenn er abends im Bette lag und alles still war, horchte er auf das, was der Pendel in der alten Standuhr sagte, und das waren wirklich die allerverschiedensten Worte. Aber bei den Worten blieb es auch; ein Märchen ist nie wieder daraus geworden.

*****

Da stand Billa - weit vorgeneigt, mit starren Augen ...
Illustration. Rasterdruck in Grau, monogrammiert.
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Illustration zu der Novelle "Überraschungen," S.84-114. Billa ist dabei, dem elterlichen Haus zu Weihnachten zu entfliehen, um den von ihr Geliebten zu heiraten, den die Eltern nicht akzeptieren wollen. Doch was sie noch nicht weiß: Die Eltern haben ihren Widerstand aufgegeben. Billa erhält ihren Geliebten gleichsam als Bescherung unter dem Weihnachtsbaum. Illustrierte Textstelle:

Da stand Billa ─ weit vorgeneigt, mit starren Augen ... ein Schrei, wie einer auf dem Schafott ihn ausstößt, dem "Gnade!" zugerufen wird ─ und wie ein Gedanke flog sie auf den bekränzten Korbstuhl unter dem Weihnachtsbaum zu: "Adolf, mein Adolf!" und da lag sie auf den Knieen, schluchzend, küssend ─ (S.112)

*****

Unser Fest

Kommt die liebe heil'ge Nacht,
Geht's in alter Weise:
Vater, Mutter treibt's mit Macht
Aus gewohntem Gleise;
Heimlich Wort ─ verborg'ner Gang ─
Hier ein Knistern ─ dort ein Klang ─

Kommt die liebe heil'ge Nacht,
Sind so froh die Kleinen!
Weihnachtsmann hat eingebracht,
Christbaum will nun scheinen:
Wochen sehnt' ich schon dir zu ─
Heil'ge Nacht, was zögerst du?

"Unser Fest!" Wie klug sie sind!
Nacht und Sterngefunkel,
Auf dem Felde steht ein Kind,
Augen tief und dunkel:
"Hab' ich gleich nicht Gut noch Geld,
Bin ich doch der Herr der Welt."

*****

Weihnachtsabend in den Alpen.
Rasterdruck in Schwarzgrau.
Nach dem Gemälde von A. Rieger.
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*****

Da ist die liebe Unruh' wieder

Da ist die liebe Unruh' wieder,
Die rasch erschreckte Heimlichkeit!
Die Kinder üben Weihnachtslieder,
Derweil's vom Himmel graut und schneit.
Im Zimmer Ofen herrscht und Lampe,
Der Winter draußen und die Nacht;
Schon schwankt der Vorhang vor der Rampe ─
Geduld! Bald steigt die alte Pracht.

Mein Lockenkopf in weichem Kissen,
Du weißt's: wie lange braucht's noch Zeit?
Nur Stunden soll dein Aug' noch missen
Die heißerwünschte Herrlichkeit.
Knecht Ruprecht hörte, du kannst beten,
Und daß du seiner Fürsprach' wert ...
Getrost! Christ kann sich nie verspäten,
Wird's wieder Nacht, so wird beschert.

Herbwürz'ger Lebensduft der Fichte ─
Die Seele geht auf deiner Spur
Und schaut in heiterm Traumgesichte
Vergang'ne, künftige Natur.
Komm, laß dich schmücken, Lenzstandarte,
Um die der Feind vergeblich tobt!
Dein stolzer Wappenspruch: Ich warte!
Trügt keinen, der sich ihm gelobt.

Schon strahlst du sieghaft, Kampfgeselle,
Erharrend frohen Angesichts,
Daß traumerlöst vom Bogen schnelle
Den ersten Pfeil der Gott des Lichts!
Schon ordnet sich an deinem Fuße,
Womit die Liebe sich bedenkt;
Die fleiß'ge Hand vergönnt sich Muße:
Die Nacht ist da, wo alles schenkt.

Nun singt die ewig jungen Weisen,
Indes vom Turm die Glocke summt,
Und glaubt, daß Engel weiter preisen
Die sel'ge Nacht, wenn ihr verstummt.
Komm her, mein Kind ─ nun dürft ihr schellen;
Weit auf die Thür, daß Flügel schwingt
Der Jubel, der auf Feuerwellen
Mir meine Kindheit wiederbringt!

*****

Wieder schwebst du still hernieder

Wieder schwebst du still hernieder,
Heil'ge wonnenvolle Nacht,
Und die Engel singen Lieder,
Und das Opfer wird vollbracht:
Keusch vermählt dem Erdenstaube
Christ den Erdenlauf beginnt,
Und ein sel'ger Kinderglaube
Grüßt das schöne Wunderkind.

Aus der unbekannten Ferne,
Aus des ew'gen Friedens Zelt
Kam der schönste Stern der Sterne,
Kam die Liebe in die Welt.
Von des Stalles morscher Krippe
Glänzt ein Schimmer fremden Lichts:
"Friede," spricht die stumme Lippe,
"Für die Kinder des Gerichts.

"Wo des Zornes Flamme sprühte ─
Frieden bring ich und Geduld;
Frieden jeglichem Gemüte,
Das sich quält um alte Schuld;
Frieden allem Erdenkummer,
Allen Thränen, aller Not,
Frieden eurer Nächte Schlummer,
Und noch süßern eurem Tod."

Liebe mit dem Kinderherzen,
Die da selig werden läßt,
Unter Tannenduft und Kerzen
Feiern wir dein holdes Fest.
Daß sich heut die Menschheit eine,
Schließ uns sanft in deine Macht:
Einen Strahl von deinem Scheine
Schick uns allen diese Nacht!

Eine Gabe laß uns spenden,
Ob sie arm und ob sie klein;
Ein Geschenk aus lieben Händen
Laß uns unverhalten sein!
Wer in diesen Stunden brütet
Ungeliebt und liebeleer ─
Besser wär der Mensch behütet,
Wenn er nie geboren wär.

Hört es, die im Kampf hienieden
Ihr um Frieden sehnt und sinnt:
Nur die Liebe bringt den Frieden,
Und die Liebe ist ein Kind.
Auf! Die Dämm'rung sinkt zur Erden,
Leise glimmt die Sternenpracht:
Wie die Kinder laßt uns werden!
Nur die eine heil'ge Nacht!

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Nach der Wohlthätigkeitsvorstellung.
Nach einer Originalzeichnung von Hanns Fechner jun.
Rasterdruck in Brauntönen.
Zuerst erschienen in "Die Gartenlaube" 1893.
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Weihnachtsmorgen.
Holzstich nach einer Originalzeichnung von R. Püttner.
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Auf dem Christbaummarkt.
Eingeklebter Holzstich.
Originalzeichnung von W. Zehme.
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Weihnachtswanderung

Vom bewölkten Himmel schwebt
Aschefahler Dämmrungsschleier;
In der Stadt, die um mich lebt,
Wirkt das Volk die Weihnachtsfeier.
Aus den weißen Dächermassen
Lockt und winkt ein Summen, Klingen,
Will mich in die hellen Gassen
Noch ein kurzes Stündchen zwingen.

Wohl, mir steht der Baum geschmückt,
Dran die Früchte golden reifen,
Und ich mag so gern beglückt
Als ein Weihnachtswandrer schweifen.
Aus der Enge steig' ich nieder,
Daß mein Herz sich mög' erweitern,
An der Lust der Menschenbrüder
Sich die eigne Lust verbreitern.

Märchenwonne, Weihnachtsglanz!
Welch ein Drängen, eifrig Regen!
Im Gewühl verloren ganz
Wall' ich über feuchten Wegen.
Durch die Lichtflut, rings zu schauen,
Tauch' ich, ein verklärter Schwimmer,
Und aus Augen, braunen, blauen,
Trink' ich heißer Wünsche Schimmer.

Weiter treibt's und weiter fort;
Kinderlachen führt mich munter.
Aus den Fenstern hier und dort
Strahlt schon Christbaumglanz herunter.
Enger wird's; die Füße tragen
Bald den Träumer sonder Willen,
Wo der Vorstadt Häuser ragen,
Die verschneiten, winterstillen.

Bei der Brücke wach' ich auf:
Ist die Weihnachtswelt zu Ende?
Drüben überm Grabenlauf
Wärmt ein Weib die frost'gen Hände:
Tannen kauft man, wo im Becken
Rötlich dort die Kohlen glosten;
Bis ins nächt'ge Feld erstrecken
Sich der Weihnacht letzte Posten.

Dann beginnt das kahle Land;
Schnee und Dämmrung, weit zurücke!
Und mich zieht's, wie eine Hand,
Fort von der belebten Brücke:
In das frostig ernste Schweigen
Tret' ich ein mit leisem Schauer.
Was bewegt dich, Herz, so eigen
In dem Feld voll Tod und Trauer?

Abgeschieden hält mein Fuß;
Ferne summt der Weihnachtstrubel,
Gleich versagter Freuden Gruß
Klingt herüber Kinderjubel.
Mich ergreift ein fremdes Sehnen;
Melancholisch krächzen Raben ─
Und mir wird zu Mut wie jenen,
Welche keine Weihnacht haben.

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2. Kurzbiographie Victor Blüthgen

Blüthgen, Viktor, Dichter und Schriftsteller, geb. 4. Jan. 1844 in Zörbig bei Halle, studierte in Halle Theologie, ging später nach Marburg, führte 1876–77 die Redaktion der »Krefelder Zeitung« und trat nach E. Keils Tode vorübergehend (bis Herbst 1880) in die Redaktion der »Gartenlaube« in Leipzig, die schon vorher seinen Roman »Aus gärender Zeit« (Sonderausgabe 1884, 2 Bde.; 1901 auch in Reclams Universal-Bibliothek) veröffentlicht hatte, um sich dann ganz der freien literarischen Tätigkeit zu widmen. Seit 1881 lebt Blüthgen teils in Berlin, teils in Freienwalde a. O. Er hat besonders als anmutiger Jugendschriftsteller mit dem »Schelmenspiegel« (Leipzig 1876), »Froschmäusekrieg« (das. 1878), einem Band Märchen: »Hesperiden« (3. Aufl., Stuttgart 1900), und seinen Begleitversen zu Bilderbüchern von O. Pletsch rasch Anerkennung gefunden. In seinen »Bunten Novellen« (Leipzig. 1879, 2 Bde.; 2. Aufl., Berlin 1887), den Romanen: »Ein Friedensstörer« (Berlin 1883), »Der Preuße« (1884), »Poirethouse« (1884), »Die Stiefschwester« (1887), »Frau Gräfin« (1892, 2 Bde.), »Die kleine Vorsehung« (1901); »Die Spiritisten« (1902) und seinen »Gedichten« (Leipzig. 1880; vermehrte Ausgabe, Berlin 1901) bewährt er sich als lebendiger Erzähler und für Formschönheit empfänglicher Dichter.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage 1905–1909 (Digitale Bibliothek; 100) Berlin: Directmedia 2003, S. 22363.

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Blüthgen, Victor, geboren am 4. Januar 1844 zu Zörbig in der Provinz Sachsen als der Sohn eines Postvorstehers, der 1861 nach Galizien verzog und dort auch in Boriniki [Boriniči, Istrien] starb, empfing seine Gymnasialbildung auf der lateinischen Schule der Franckeschen Stiftungen in Halle, studierte daselbst Theologie, lebte seit 1865 einige Jahre als Hauslehrer und Vorsteher einer Privatschule in Mücheln bei Merseburg und besuchte dann noch 1869 das Predigerseminar in Wittenberg. Um die Herausgabe eines theologischen Lexikons, bzw. dessen Abfassung für eine Buchhandlung in Elberfeld zu vollenden, begab sich Blüthgen 1871 dorthin, ging 1874 nach Marburg, um sich für orientalische Sprachen zu habilitieren, gab aber aus Mangel an Mitteln diesen Plan auf und übernahm im Herbst 1876 die Redaktion der "Krefelder Zeitung". Diese unerquickliche Tätigkeit warf er schon Ostern 1878 wieder von sich, lebte ein Jahr lang teils bei den Seinen in Ungarn, teils in Leipzig, trat nach E. Keils Tode (1879) vorübergehend in die Redaktion der "Gartenlaube" ein und lebt bei seiner Verheiratung (1881) als unabhängiger Schriftsteller in Freienwalde a. d. O. während er die Wintermonate hindurch seinen Wohnsitz in Berlin hat. Nach dem Tode seiner Gattin (1885) und einem langen Witwerstande verheiratete er sich 1898 wieder mit der bekannten Schriftstellerin Klara Eysell-Kilburger. Bei Gelegenheit seines 60. Geburtstages verlieh ihm seine Vaterstande Zörbig das Ehrenbürgerrecht. [ Blüthgen verstarb am 2. April 1920 in Berlin.]

Quelle:Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. 1, 6. Aufl. Leipzig: Reclam 1913, S. 269 f.

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3. Kurzbiographien der Künstler

Von den genannten Künstlern sind mehrere auch für "Die Gartenlaube" tätig gewesen. Vgl. die Liste der Illustratoren der "Gartenlaube":
https://de.wikisource.org/wiki/Die_Gartenlaube/Illustratoren

Fechner, Johannes "Hanns" (* 7. Juni 1860 in Berlin; † 30. November 1931 in Schreiberhau) war ein Maler, Grafiker, Medailleur und Schriftsteller. Hanns Fechner hat sich vor allem mit Porträts von Theodor Fontane (1890), Rudolf Virchow (1892) und Wilhelm Raabe (1893) einen Namen gemacht.
     Fechner besuchte das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und die Königliche Realschule in Berlin und wurde anschließend zunächst von seinem Vater Wilhelm Fechner (1835–1909), einem Maler und Fotografen, unterrichtet. Von 1877 bis 1883 studierte er an der Akademie der Künste und war anschließend Meisterschüler von Franz Defregger in München. Seit 1892 war er Professor und Konservator am Herzoglich-Anhaltinischen Kupferstichkabinett in Berlin.
     Fechner betätigte sich neben der Porträtmalerei als Illustrator von Texten, fertigte Lithografien und zeichnete Motive aus seiner Heimatgemeinde Wilmersdorf. Als Berliner Lokalmaler ist Fechner allerdings kaum noch bekannt.
Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Fechner

Firle, Walther, auch Walter Firle (* 22. August 1859 in Breslau; † 20. November 1929 in München) war ein Porträtmaler und Genremaler. Er kam als Sohn eines Kaufmanns zur Welt und erhielt schon in jungen Jahren Malunterricht. Er arbeitete kurze Zeit im Unternehmen seines Vaters, ehe er 1879 gegen den ursprünglichen Willen seiner Eltern an der Akademie der Bildenden Künste in München das Studium aufnahm. Zu seinen Lehrern zählten dort Alois Gabl, Gabriel von Hackl und Ludwig von Löfftz.
     1882 brach er aus finanziellen Gründen sein Studium ab. In den folgenden Jahren unternahm er Reisen nach Italien und Holland, ehe er sich in München niederließ. Dort malte er Genrebilder und Bilder mit religiösen Themen und wurde Mitglied der Münchner Künstlergenossenschaft. Als sein erstes bedeutendes Bild gilt die Morgenandacht in einem holländischen Waisenhause, das von der Berliner Nationalgalerie angekauft wurde. 1890 wurde er zum königlichen Professor berufen.
Firle widmete sich zudem der Porträtmalerei und malte unter anderem den Prinzregenten Luitpold von Bayern, Nikolaus Graf von Seebach, Ludwig III. von Bayern sowie den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Die bayerischen Briefmarkenserien unter König Ludwig III. sind alle nach Firles Porträts gestaltet.
Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Firle

Michalek, Ludwig (* 13. April 1859 in Temeswar/Banat; † 24. September 1942 in Wien) war ein Maler, Grafiker und Kupferstecher. Nach Besuch der Realschule in Brünn kam er 1873 an die Akademie der bildenden Künste in Wien. Hier wurde er Schüler von August Eisenmenger, Christian Griepenkerl und Carl Wurzinger. 1876 folgten weitere Studien bei dem Grafiker Louis Jacoby. Nach dem Studium wurde er 1884–1887 Assistent an der allgemeinen Malerschule der Wiener Akademie für das Fach Aktzeichnen. Zahlreiche Studienreisen führten ihn nach Italien, Frankreich, England, Holland und Deutschland.
     Michalek gehörte zu den Begründern der Radierklasse an der Wiener Kunstschule für Frauen und Mädchen, wo er seit 1898 den Hauptkurs für „Kopf und Akt“ und weitere Kurse für „Tagesakt und Halbakt“ sowie „Naturstudien zur Vorbereitung kunstgewerblicher Zwecke“ abhielt. Zum Schuljahr 1909/10 wurde er vom Arbeitsministerium als Professor an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt berufen. Diese Funktion übte er bis 1919/20 aus, gab aber parallel noch Nebenkurse in Radieren an der Frauenkunstschule.
     Michalek schuf zahlreiche Serien von Stichen und Radierungen, etwa Komponisten, Dichter, österreichische Alpenbahnen, landschaftliche und technische Sujets. Er fertigte ebenso Reproduktionen nach alten Meistern. Neben diesen Arbeiten entstand eine Vielzahl von Porträts, die er in der Mehrheit als Pastellzeichnungen ausführte. Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Michalek

Püttner, Richard (* 1. Januar 1842 in Wurzen; † 1. November 1913 in München) war ein Zeichner und Illustrator. Er war für diverse Zeitschriften und Zeitungen tätig, u.a. vielfach für "Die Gartenlaube", "Daheim", "Illustrierte Zeitung" und "Über Land und Meer", und illustrierte auch Prachtwerke wie "Unser Vaterland" und "Rheinfahrt". Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Püttner

Rieger, August (* 1. Juli 1886 in Wien; † 22. April 1941 ebenda) war ein autodidaktischer Landschaftsmaler. Geboren als Sohn eines Kunsttischlers, war er ursprünglich von seinen Eltern zum Priester bestimmt, kam in ein katholisches Priesterseminar, verließ aber vorzeitig das Theologiestudium und trat in den Finanzdienst.
     Erst in den 1920er Jahren begann er als Autodidakt Landschaften zu malen. Seine Werke mit Ansichten von Wien und Wiener Vororten, wie Nußdorf, Grinzing, Sievering, Neuwaldegg, Hütteldorf, Klosterneuburg und Perchtoldsdorf stellte er in Wiener Kunstsalons aus.
     Trotz fehlender akademischer Ausbildung war er von den Kritikern als professioneller Künstler anerkannt. Im Jahre 1938 wurde er Mitglied des Hagenbundes.
Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/August_Rieger_(Maler)

Wehle, Johannes Raphael, Maler und Illustrator (* 4. Juni 1848 in Radeburg in Sachsen; † 16. September 1936 in Helfenberg bei Dresden). Erhielt den ersten Zeichenunterricht bei seinem Vater, dem Dresdner Genremaler, Zeichner und Illustrator Robert Wehle. Dann Besuch der Zeichenschule der Porzellanmanufaktur Meißen, der Dresdner Akademie und der Kunstschule Weimar. 1869 nach Dresden zurück. 1872 nach München, bald darauf nach Wien und längere Zeit wohnhaft in Brunn bei Wien. Viel Erfolg mit Illustrationen, deren er in den Jahren 1873/88 etwa 1500-1600 schuf. Reisen durch Bayern und nach Italien. Unterrichtete 1894-1919 an der Dresdner Akademie. Landsitz auf der Stallberghöhe über dem Helfenberger Grund bei Pillnitz. (Thieme-Becker, gekürzt; Ries)

Zehme, Werner (* 1859 Hagen i.W.; † unbekannt [um 1924?]), Genremaler, Graphiker und Illustrator. Er lebte in Berlin und seit 1916 in München. Tätig war er u.a. für "Die Gartenlaube" und den Verlag Velhagen und Klasing. (Ries)

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Weihnachtsseiten des Goethezeitportals

Weihnachten 2016
Franz Graf Pocci: Weihnachtslieder
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Weihnachten 2015
Leise rieselt der Schnee ...
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Weihnachten 2014
Der Weihnachtsbaum in Bildern und Texten
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Weihnachten 2013
Für Mutter und Kind
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Weihnachten 2012
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Die Weihnachtskrippe
Hirten, Drei Könige, Sternsingen (2011)
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Weihnachtsgaben (2010)
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"O du fröhliche Weihnachtszeit". Die Bescherung (2009)
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Münchener Bilderbogen und Gedichte (2008)
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Weihnachten in Bildern und Texten (2007)
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"Stille Nacht, heilige Nacht!" und das Weihnachtsfest (2006)
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