goethe


Goethe spricht in den Phonographen

Jutta Assel | Georg Jäger

Goethe spricht
in den Phonographen


Eine Liebesgeschichte

Groteske von Mynona
zu Neujahr 2020

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Oben: Gesegnetes neues Jahr. Signet: Rotophot, Berlin 5033/1. Gelaufen und datiert 1916.
Mitte links: Glückliches Neujahr. Signet: Neue Photographische Gesellschaft, Berlin. 2121. Beschriftet, aber nicht gelaufen.
Mitte rechts: Heureuse Année. Fauvette 1488. Adressseite: Made in France. Beschriftet, aber nicht gelaufen.
Unten: Innige Neujahrsgrüsse. Signet: Regel & Krug, Leipzig. 7186/6. Nicht gelaufen. Adressseite, im Briefmarkenfeld Signet der Neuen Bromsilber Convention: NBC im Dreieck mit strahlender Sonne.

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Salomo Friedländer alias Mynona (1871-1946) war ein Literat und Philosoph, der als freier Schriftsteller im Berliner Kreis avantgardistischer Künstler und Gesellschaftskritiker  lebte. Für seine literarischen Werke wählte er als Pseudonym "Mynona", das rückwärts gelesene Wort "anonym". Bekannt geworden sind seine Grotesken, die Heterogenes verbinden und "kalkuliert auf Irritation angelegt" sind (so Reto Sorg über die Groteske). Die hier ausgewählte, 1916 erstmals publizierte Groteske verbindet die etwas mühevolle Liebesgeschichte der Studentin Anna Pomke, die  schwärmend gern Goethes Stimme hören möchte, mit ihrem in sie verliebten Prof. Dr. Abnossah Pschorr, der – um sie für sich zu gewinnen – einen Spezial-Phonographen erfindet,  um einst gesprochene Sätze dieses berühmten Toten mit Hilfe ihrer andauernden "Tonschwingungen" wieder vernehmbar zu machen. Um Goethes Stimme möglichst authetisch einzufangen, bildet Prof. Pschorr dessen Luftwege und Kehlkopf nach. Dies gelingt ihm durch Studien an Goethes Leichnam in der Weimarer Fürstengruft, in die er einbricht und die dortige "Bewachungsgilde" hypnotisiert. Nach der Konstruktion seines kleinen Apparates mit Anna Pomke wieder in Weimar, erhält der Zutritt zu Goethes Arbeitszimmer, stellt seinen Phonographen dort auf und es gelingt ihm zur Ver- und Bewunderung aller Anwesenden "die wirkliche Wiederholung wirklich von ihm gesprochener Worte". Sie sind ans "Eckermännlein" gerichtet, polemisieren gegen  Newton und handeln über die Philosophie Schopenhauers, über den Mynona promoviert hat, und die Rolle des Willens, "den wahrhaften Urheber aller großen und kleinen Dinge". Auf mehrere historische Personen und Ereignisse in Weimar nimmt die Groteske spöttisch Bezug, so auf Elisabeth Förster-Nietzsche, die Schwester Nietzsches und Nachlassverwalterin ihres Bruders, die das Weimarer "Nietzsche-Archiv" begründete. Nach mancherlei Wirren findet die Liebesgeschichte im Weimarer "Elephanten" ihr happy end.

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Gliederung

1. Goethe spricht in den Phonographen
Eine Liebesgeschichte
2. Kurzbiographie von Salomo Friedlaender
alias Mynona
3. Notizen zur Groteske
4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Goethe spricht in den Phonographen.
Eine Liebesgeschichte

Quelle:
Mynona. Rosa die schöne Schutzmannsfrau und andere Grotesken. Hrsg. von Ellen Otten (Arche-Editionen des Expressionismus, hrsg. von Paul Raabe) Zürich: Arche Verlag 1989, S. 63-76. ISBN 3-7160.2100.8

Erstausgabe in: Schwarz-Weiß-Rot. Grotesken von Mynona. Leipzig: Kurt Wolff Verlag 1916 (Der jüngste Tag, Bd. 31), S.9-24.

«Es ist doch schade», sagte Anna Pomke, ein zaghaftes Bürgermädchen, «daß der Phonograph nicht schon um 1800 erfunden worden war!»
  «Warum?» fragte Professor Abnossah Pschorr. «Es ist schade, liebe Pomke, daß ihn nicht bereits Eva dem Adam als Mitgift in die wilde Ehe brachte; es. ist Manches schade, liebe Pomke.»
  «Ach, Herr Professor, ich hätte wenigstens so gern Goethes Stimme noch gehört! Er soll ein so schönes Organ gehabt haben, und was er sagte, war so gehaltvoll. Ach, hätte er doch in einen Phonographen sprechen können! Ach! Ach!»

   Die Pomke hatte sich längst verabschiedet, aber Abnossah, der eine Schwäche für ihre piepsige Molligkeit hatte, hörte noch immer ihr Ächzen. Professor Pschorr, der Erfinder des Ferntasters, versank in sein habituelles erfinderisches Nachdenken. Sollte es nicht noch jetzt nachträglich gelingen können, diesem Goethe (Abnossah war lächerlich eifersüchtig) den Klang seiner Stimme abzulisten? Immer, wenn Goethe sprach, brachte seine Stimme genau so regelrecht Schwingungen hervor, wie etwa die sanfte Stimme deiner Frau, lieber Leser. Diese Schwingungen stoßen auf Widerstände und werden reflektiert, so daß es ein Hin und Her gibt, welches im Laufe der Zeit zwar schwächer werden, aber nicht eigentlich aufhören kann. Diese von Goethes Stimme erregten Schwingungen dauern also jetzt noch fort, und man braucht nur einen geeigneten Empfangsapparat, um sie aufzunehmen, und ein Mikrophon zur Verstärkung ihrer inzwischen schwach gewordenen Klangwirkungen, um noch heutzutage Goethes Stimme lautwerden zu lassen. Das Schwierige war die Konstruktion des Empfangsapparats. Wie konnte dieser speziell auf die Schwingungen der Goetheschen Stimme berechnet werden, ohne daß Goethe leibhaftig hineinsprach? Fabelhafte Geschichte! Dazu müßte man eigentlich, fand Abnossah, den Bau der Goetheschen Kehle genau studieren. Er sah sich Bilder und Büsten Goethes an, aber diese gaben ihm nur sehr vage Vorstellungen. Schon wollte er das Ding aufgeben, als er sich plötzlich darauf besann, daß ja Goethe selbst, wenn auch in Leichenform, noch existierte. Sofort machte er eine Eingabe nach Weimar, man möge ihm die Besichtigung des Goetheschen Leichnams, zum Zwecke gewisser Abmessungen, auf kurze Zeit gestatten. Er wurde aber mit dieser Eingabe abschlägig beschieden. Was nun? -

   Abnossah Pschorr begab sich, ausgerüstet mit einem Köfferchen voll feinster Abmessungs- und Einbruchsinstrumente, nach dem lieben alten Weimar; nebenbei gesagt, saß dort im Wartesaal erster Klasse die stadtbekannte Schwester des weltbekannten Bruders im anmutigen Gespräch mit einer alten Durchlaucht von Rudolstadt; Abnossah hörte gerade die Worte: «Unser Fritz hatte stets eine militärische Haltung, und doch war er sanft, er war mit andern von echt christlicher Sanftmut - wie würde er sich über diesen Krieg gefreut haben! und über das herrliche, ja heilige Buch von Max Scheler!»
   Abnossah schlug vor Schrecken längelang hin. Er raffte sich nur mit Mühe wieder auf und nahm Quartier im «Elephanten». In seinem Zimmer prüfte er die Instrumente sorgsam. Dann aber rückte er sich einen Stuhl vor den Spiegel und probierte nichts Geringeres an als eine überraschend portraitähnliche Maske des alten Goethe; er band sie sich vors Antlitz und sprach hindurch:
                    «Du weißt, daß ich ganz sicher ein Genie,
                    Am Ende gar der Goethe selber bin!
   Platz da, Sie Tausendsapperloter! Oder ich rufe Schillern und  Karl  Augusten, meinen Fürsten, zu Hülfe, er Tölpel, er Substitut!»
   Diesen Spruch übte er sich ein, er sprach ihn mit sonorer, tiefer Stimme.

   Zur späten Nachtzeit begab er sich an die Fürstengruft. Moderne  Einbrecher, die ich mir alle zu Lesern wünsche, werden über die übrigen Leser lächeln, die einen Einbruch in die wohlbewachte Weimarer Fürstengruft für unmöglich halten. Sie mögen aber bedenken, daß ein Professor Pschorr, als Einbrecher, kolossale Vorteile vor noch so geschickten Einbrechern von Fach voraus hat! Pschorr ist nicht nur der geschickteste Ingenieur, er ist auch Psychophysiolog, Hypnotiseur, Psychiater, Psychoanalytiker. Es ist überhaupt schade, daß es so wenige gebildete Verbrecher gibt: wenn nämlich dann alle Verbrechen gelängen, so würden sie endlich zur Natur der Dinge gehören und so wenig bestraft werden wie Naturereignisse. Wer stellt den Blitz zur Rede, daß er den Kassenschrank des Herrn Meier schmelzt? Einbrecher wie Pschorr sind mehr als Blitze, denn gegen sie hilft kein Ablenker.

  Pschorr konnte ein Grausen hervorrufen und die vor Entsetzen fast Erstarrten obendrein durch Hypnose an die Stelle bannen; und das in einem einzigen Augenblick. Denken Sie sich, Sie bewachten um Mitternacht die Fürstengruft: auf einmal steht Ihnen der alte Goethe gegenüber und bannt Sie fest, daß nichts mehr an Ihnen lebt als der Kopf. In solche Köpfe auf scheintoten Rümpfen verwandelte Pschorr die ganze Bewachungsgilde. Bis der Krampf sich löste, blieben ihm gut und gern etwa zwei Stunden, und diese nutzte er kräftig aus. Er ging in die Gruft, ließ einen Scheinwerfer aufzucken und fand auch bald den Sarg Goethes heraus. Nach kurzer Arbeit war er mit der Leiche bereits vertraut. Pietät ist gut für Leute, die sonst keine Sorgen haben. Daß Pschorr zweckgemäß am Kadaver Goethes herumhantierte, darf ihm nicht verargt werden; er nahm auch einige Wachsabdrücke; im übrigen hatte er vorgesorgt, daß er Alles und Jedes wieder in die vorige Ordnung brachte. Überhaupt sind gebildete Amateur-Verbrecher zwar radikaler als die Fachleute, aber gerade diese Radikalität des exakten Gelingens gibt ihren Verbrechen den ästhetischen Liebreiz der Mathematik und restlos aufgelöster Rechenexempel.

  Als Pschorr sich wieder ins Freie begab, legte er noch einige Eleganz in diese Präzision, indem er absichtlich einen Posten wieder vom Bann befreite und ihn dann, wie oben, ins Gebet nahm. Dann riss er sich draußen sofort die Maske vom Antlitz und ging in langsamstem Tempo zum «Elephanten». Er freute sich; er hatte, was er gewollt hatte. Gleich am andern Morgen reiste er zurück.

   Nun begann für ihn die regste Arbeitszeit. Sie wissen, man kann nach einem Skelett den fleischernen Leib rekonstruieren; jedenfalls konnte das Pschorr. Die genaue Nachbildung der Goetheschen Luftwege bis zu Stimmbändern und Lungen hatte für ihn jetzt keine unüberwindbaren Schwierigkeiten mehr. Die Klangfärbung und Stärke der Töne, die von diesen Organen hervorgebracht wurden, war auf das leichteste festzustellen - brauchte man doch nur den Luftstrom, der Goethes nachgemessenen Lungen entsprach, hindurch streichen zu lassen. Es dauerte nicht lange, und Goethe sprach, wie er zu seinen Lebzeiten gesprochen haben mußte.

     Allein, es handelte sich darum, daß er nicht nur die eigne Stimme, sondern auch die Worte wiederholte, die er mit dieser Stimme vor hundert Jahren wirklich gesprochen hatte. Dazu war es nötig, in einem Raum, in dem solche Worte oft erschollen waren, Goethes Attrappe aufzustellen.

   Abnossah ließ die Pomke bitten. Sie kam und lachte ihn reizend an.
   «Wollen Sie ihn sprechen hören?»
   «Wen?» fragte Anna Pomke.
   «Ihren Goethe.»
   «Meinen?! Nanu! Professor»!
   »Also ja!»
   Abnossah kurbelte am Phonographen, und man hörte:
   «Freunde, flieht die dunkle Kammer ... » usw.
  Die Pomke war eigentümlich erschüttert.
   «Ja», sagte sie hastig, «genau so habe ich mir das Organ gedacht, es ist ja bezaubernd!»
   «Freilich», rief Pschorr. «Ich will Sie aber nicht betrügen, meine Beste! Wohl ist es Goethe, seine Stimme, seine Worte. Aber noch nicht die wirkliche Wiederholung wirklich von ihm gesprochener Worte. Was Sie eben hörten, ist die Wiederholung einer Möglichkeit, noch keiner Wirklichkeit. Mir liegt aber daran, Ihren Wunsch genau zu erfüllen, und darum schlage ich Ihnen eine gemeinsame Reise nach Weimar vor.»

   Im Wartesaal des Weimarer Bahnhofs saß wieder zufällig die stadtbekannte Schwester des weltbekannten Bruders und flüsterte einer älteren Dame zu:
   «Es liegt da noch etwas Allerletztes von meinem seligen Bruder; aber das soll erst im Jahre 2000 heraus. Die Welt ist noch nicht reif genug. Mein Bruder hatte von seinen Vorfahren her die fromme Ehrfurcht im Blute. Die Welt ist aber frivol und würde zwischen einem Satyr und diesem Heiligen keinen Unterschied machen. Die kleinen italienischen Leute sahen den Heiligen in ihm.»

Pomke wäre umgefallen, wenn Pschorr sie nicht aufgefangen hätte; er wurde dabei merkwürdig rot, und sie lächelte ihn reizend an. Man fuhr sofort nach dem Goethehaus. Hofrat Professor Böffel machte die Honneurs. Pschorr brachte sein Anliegen vor. Böffel wurde stutzig:
   «Sie haben Goethes Kehlkopf als Attrappe, als mechanischen Apparat mitgebracht ? Verstehe ich Sie recht?» -
   «Und ich suche um die Erlaubnis nach, ihn im Arbeitszimmer Goethes aufstellen zu dürfen.» -
   «Ja, gern. Aber zu was Ende? Was wollen Sie? Was soll das bedeuten? Die Zeitungen sind gerade von etwas Sonderbarem so voll; man weiß nicht, was man davon halten soll. Die Posten der Fürstengruft wollen den alten Goethe gesehen haben, und einen habe er sogar angedonnert! Die andern waren von der Erscheinung so benommen, daß man sie ärztlich behandeln lassen mußte. Der Großherzog hat sich den Fall vortragen lassen.»
     Anna Pomke blickte prüfend auf Pschorr. Abnossah aber fragte verwundert:
     «Was hat das aber mit meinem Anliegen zu tun? Es ist ja allerdings kurios ─ vielleicht hat sich ein Schauspieler einen Scherz erlaubt?«
   «Ah! Sie haben recht, man sollte einmal in dieser Richtung nachspüren. Ich mußte nur unwillkürlich ... Aber wie können Sie Goethes Kehlkopf imitieren, da Sie ihn doch unmöglich nach der Natur modellieren konnten?»
    «Am liebsten würde ich das getan haben, aber leider hat man mir die Erlaubnis versagt.»
     «Sie würde Ihnen auch wenig genutzt haben, vermute ich.»
     «Wieso?»
     «Meines Wissens ist Goethe tot.»
     «Bitte, das Skelett, besonders des Schädels würde genügen, um das Modell präzis zu konstruieren; wenigstens mir genügen.»
     «Man kennt Ihre Virtuosität, Professor. Was wollen Sie mit dem Kehlkopf, wenn ich fragen darf?»
     «Ich will den Stimmklang des Goetheschen Organs täuschend naturgetreu reproduzieren.»
     «Und Sie haben das Modell?»
     «Hier!»
     Abnossah ließ ein Etui aufspringen. Böffel schrie sonderbar. Die Pomke lächelte stolz.
    «Aber Sie können doch», rief Böffel, «diesen Kehlkopf gar nicht nach dem Skelett gemacht haben!?»
     «So gut wie! Nämlich nach gewissen genau lebensgroßen und -echten Büsten und Bildern; ich bin in diesen Dingen sehr geschickt.»
     «Man weiß es! Aber was wollen Sie mit diesem Modell in Goethes ehemaligem Arbeitszimmer?»
   «Er mag da manches Interessante laut ausgesprochen haben; und da die Tonschwingungen seiner Worte, wenn auch natürlich ungemein abgeschwächt, dort noch vibrieren müssen»,
   «Sie meinen?»
   «Es ist keine Meinung, es ist so!»
   «Ja?»
   «Ja!»
   «So wollen Sie?»
   «So will ich diese Schwingungen durch den Kehlkopf hindurchsaugen.»
   «Was?»
   «Was ich Ihnen sagte.»
   «Tolle Idee - Verzeihung! aber ich kann das kaum ernst nehmen.»
   «Desto dringender bestehe ich darauf, dass Sie mir Gelegenheit geben, Sie zu überzeugen, daß es mir ernst damit ist. Ich begreife Ihren Widerstand nicht; ich richte doch mit diesem harmlosen Apparate keinen Schaden an!»

   «Das nicht. Ich widerstrebe ja auch gar nicht; ich bin aber doch von Amts wegen verpflichtet, gewisse Fragen zu stellen. Ich hoffe, Sie verargen mir das nicht?»
«Gott bewahre!»
 
Im Arbeitszimmer Goethes entwickelte sich jetzt, im Beisein Anna Pomkes, Professor Böffels, einiger neugieriger Assistenten und Diener, die folgende Szene.
Pschorr stellte sein Modell so auf ein Stativ, daß der Mund, wie er sich vergewisserte, dort angebracht war, wo der Lebende sich einst befunden hatte, wenn Goethe saß. Nun zog Pschorr eine Art Gummiluftkissen aus der Tasche und verschloß mit dessen einem offenstehenden Zipfel Nase und Mund des Modells. Er öffnete das Kissen und breitete es wie eine Decke über die Platte eines kleinen Tisches, den er heranschob. Auf diese Art Decke stellte er einen allerliebsten Miniaturphonographen mit Mikrophonvorrichtung, den er seinem mitgebrachten Köfferchen entnahm. Um den Phonographen herum wickelte er nun sorgfältig die Decke, schloß sie wieder in Form eines Zipfels mit winziger Öffnung, schraubte in den offenen freien Zipfel, dem Munde gegenüber, eine Art Blasbalg, der aber, wie er erklärte, die Luft des Zimmers nicht in die Mundhöhle hineinblies, sondern aus ihr heraussaugte.

   Wenn ich, dozierte Pschorr, den Nasenrachenraum des Modells jetzt gleichsam ausatmen lasse, wie beim Sprechen, so funktioniert dieser speziell Goethesche Kehlkopf als eine Art Sieb, welches bloß die Tonschwingungen der Goetheschen Stimme hindurchläßt, wenn welche vorhanden sind; und es sind gewiß welche vorhanden. Sollten sie schwach sein, so ist eben der Apparat mit Verstärkungsvorrichtungen versehen.

      Man hörte im Gummikissen das Surren des aufnehmenden Phonographen. Ja, man konnte sich des Grausens nicht erwehren, als man innen undeutlich eine leiseste Flüstersprache zu vernehmen glaubte. Die Pomke sagte:
    «Ach bitte!» und legte ihr feines Ohr an die Gummihaut. Sie fuhr sofort zusammen, denn innen rauschte es heiser:
   «Wie gesagt, mein lieber Eckermann, dieser Newton war blind mit seinen sehenden Augen. Wie sehr gewahren wir das, mein Lieber, an gar manchem so offen Scheinenden! Daher bedarf insonders der Sinn des Auges der Kritik unsres Urteils. Wo diese fehlt, dort fehlt eigentlich auch aller Sinn. Aber die Welt spottet des Urteils, sie spottet der Vernunft. Was sie ernstlich will, ist kritiklose Sensation. Ich habe das so oft schmerzlich erfahren, werde aber nicht müde werden, aller Welt zu widersprechen und nach meiner Art gegen Newton Farbe zu bekennen.»
    Das hörte die Pomke mit frohem Entsetzen. Sie zitterte und sagte:
   «Göttlich! Göttlich! Professor, ich verdanke Ihnen den schönsten  Augenblick meines Lebens.»
   «Haben Sie etwas hören können?»
   «Gewiß! Leise, aber so deutlich!»

      Pschorr nickte zufrieden. Er blasbalgte noch eine Weile und meinte dann:
   Vorläufig dürfte das genügen.
   Bis auf den Phonographen verpackte er alle Utensilien wieder in seinem Köfferchen. Alle Anwesenden waren interessiert und erschrocken. Böffel fragte:
   «Sie glauben wirklich, Professor, einstmals hier gesprochene Worte Goethes reell wieder aufgefangen zu haben? ein echtes Echo aus Goethes eigenem Munde?» -
   «Ich glaube es nicht nur, sondern bin dessen gewiß. Ich werde jetzt den Phonographen mit Mikrophon repetieren lassen und sage Ihnen voraus, Sie werden mir recht geben müssen.»

   Das bekannte heisere Zischen, Räuspern und Quetschen. Dann ertönte eine besondre Stimme, bei deren Klang alle Anwesenden, Abnossah selber, elektrisiert zusammenzuckten. Man hörte die soeben zitierten Worte. Sodann ging es weiter:

   «Ei wohl! Er, Newton, er hat es gesehen. Hat er? Das kontinuierliche Farbenspektrum? Ich aber, mein Bester, ich wiederhole es, er hat sich getäuscht: er hat einer optischen Täuschung beigewohnt und selbige kritiklos hingenommen, froh darüber, nur sogleich zählen und messen und klügeln zu können. Zum Teufel mit seinem Monismus, seiner Kontinuierlichkeit, da doch ein Farben-Gegensatz den Schein dieser erst möglich macht! Eckermännchen! Eckermännlein! Bleiben Sie mir ja im Sattel! Das Weiße - weder gibt es Farbe her, noch ist aus Farben jemals Weißes zu gewinnen. Sondern es muß sich, durch ein Mittel, mit Schwarz mechanisch verbinden, um Grau; und chemisch vermählen, um das bunte Grau der Farben erzeugen zu können. Und nicht Weißes erhalten Sie, wenn Sie die Farbe neutralisieren. Sondern Sie stellen dann den ursprünglichen Kontrast wieder her, also Schwarz gegen Weiß: wovon man nun freilich nur das Weiße blendend klar sieht. Ich, Lieber, sehe die Finsternis ebenso klar; und hat Newton allein ins Weiße, so habe ich, mein gar Wertester, zudem noch ins Schwarze getroffen. Ich dächte doch, das sollte der weiland Bogenschütz in Ihnen baß bewundern! So und nicht anders ist und sei es! Und die fernere Enkel- - bedenkt man die absurde Welt, wohl gar allzu ferne Urenkelschaft wird über Newton von mir lachen lernen!»

   Böffel hatte sich gesetzt, alles jubelte durcheinander. Die Diener trampelten vor Vergnügen, wie die Studenten in des ungeheuer umwälzenden, hochherrlichen Reuckens, des bieder-dämonischen Greises, flammenden Vorlesungen. Aber Abnossah sagte streng:
   «Meine Herrschaften! Sie unterbrechen Goethes Rede! Er hat noch etwas zu sagen!»
Stille trat wieder ein; man hörte:
 
   «Nein und aber nein, mein Teuerster! Gewiß hätten Sie gekonnt, wofern Sie nur gewollt hätten! Der Wille, der Wille ist es, der bei diesen Newtonianern schlecht ist. Und ein schlechtes Wollen ist ein verderbliches Können, ein tätiges Unvermögen, wovor es mich schaudert, da ich es doch allenthalben über und über gewahr werde und daran gewöhnt sein sollte. Der Wille, mein Guter, der Sie harmlos genug darüber gesonnen sein mögen, ist der wahrhafte Urheber aller großen und kleinen Dinge; und nicht das göttliche Können, sondern das Wollen ist es, das göttliche Wollen, an dem der Mensch zuschanden wird und alle seine Unzulänglichkeit daran erweist. Würden sie göttlich wollen, so wäre das Können notwendig und nicht nur leicht, und gar manches, mein Lieber, wäre alltägliche Erfahrung, was jetzt nicht einmal ahnungsweise sich hervorwagen dürfte, ohne angefeindet oder verspottet zu werden.

   Da war der junge Schopenhauer, ein das Höchste versprechender Jüngling, voll vom herrlichsten Wollen, aber dieses durchaus angekränkelt vom Wurmfraß des Zuviels, der eignen Ungenügsamkeit. Wie, in der Farbenlehre, ihn die reine Sonne verblendete, daß er die Nacht als keine andre Sonne, sondern als null und nichts dagegen gelten und wirken ließ, so bestach ihn im Ganzen des Lebens dessen ungetrübter Glanz, gegen dessen reines Strahlen ihm das Menschenleben gar nichts und verwerflich schien. Ersehen Sie, mein Bester! daß der reinste, ja, der göttlichste Wille Gefahr läuft, zu scheitern, wenn er unbedingt starr sich durchzusetzen begierig ist: wenn er auf die Bedingungen, als auf ebenso viele mit Notwendigkeit gesetzte Mittel seines Könnens, nicht klüglich und geschmeidig einzugehen, sich bequemt! Ja, der Wille ist ein Magier! Was vermöchte er nicht! Aber der menschliche Wille ist gar kein Wille, er ist ein schlechter Wille, und das ist der ganze Jammer. Ha! haha! hehe! hi !» Goethe lachte sehr mysteriös und fuhr fast flüsternd fort: «Ich könnte sehr wohl, mein Köstlicher! Ihnen noch etwas anvertrauen, etwas verraten. Sie werden es für ein Märchen halten; mir selbst aber ist es zur vollen Klarheit aufgegangen. Der eigne Wille kann das Schicksal übermeistern, er kann es zwingen, daß es ihm diene, wenn er - nun horchen Sie wohl auf! - die göttlich ungemeine, wenn er die schöpferische Absicht und Anstrengung, welche in ihm ruht und angespannt ist, keineswegs wähnte, auch noch überdies in angestrengtester Absichtlichkeit äußern und durch die angestraffteste Muskulatur nach außen hin wirksam sein lassen zu sollen. Sehen Sie die Erde, wie sie es drehend treibt! Welcher irdische Fleiß! Welches unaufhörlich bewegte Treiben! Aber wohlan, mein Eckermännlein! dieser Fleiß ist nur irdisch, dieses Treiben nur mechanisch fatal - hingegen der magische Sonnen-Wille göttlich ruhend in sich selber schwingt, und durch diese so höchst ungemeine Selbstgenügsamkeit jenen Elektromagnetismus entwickelt, welcher das ganze Heer der Planeten, Monde und Kometen in dienendster Unterwürfigkeit wimmelnd zu seinen Füßen erniedrigt. Mein Lieber, wer es verstände, es erlebte, im allerdurchlauchtesten Geistessinne dieser hehre Täter zu sein! - - - Allein, genug und abermals genug. Ich bin es gewohnt gewesen, wo ich andre und oft sogar Schillern frei schwärmen sah, mir Gewalt anzutun, jener so göttlichen Aktivität zu Liebe, von der man nur schweigen sollte, weil alles Reden hier nicht nur unnütz und überflüssig wäre, sondern, indem es ein albern gemeines Verständnis, wo nicht gar das entschiedenste Mißverständnis erregte, sogar schädlich und hinderlich werden müsste. Denken Sie des, Trauter, und hegen es in Ihrem Herzen, ohne daß Sie es zu enträtseln trachteten! Vertraun Sie, daß es sich Ihnen einst von selber enträtseln werde, und gehen heut Abend mit Wölfchen, den es schon gelüstet, ins Schauspiel, da Sie denn mit Kotzebue gelinde verfahren mögen, wiewohl es uns widert!»

   «O Gott», sagte die Pomke, während die andern begeistert auf Abnossah eindrangen, «o Gott! Ach dürfte ich endlos zuhören! Wieviel hat uns dieser Eckermann unterschlagen!»
   Aus dem Apparat kam, nach geraumer Weile, ein Schnarchen, dann gar nichts mehr. Abnossah sagte:
   «Meine Herrschaften, Goethe schläft hörbar. Wir hätten vor einigen Stunden, wo nicht gar einem Tage, nichts mehr zu erwarten. Längeres Verweilen ist nutzlos. Der Apparat richtet sich, wie Ihnen einleuchten muß, so genau nach der Wirklichkeit des Zeitablaufs. dass wir, an dieser Stelle, günstigsten Falls, erst wieder etwas hörten, falls Eckermann am selben Abend nach dem Theater nochmals bei Goethe erschienen wäre. Ich habe keine Zeit mehr, das abzuwarten.»
   «Wie kommt es», fragte Böffel, ein wenig skeptisch, «dass wir gerade diese Aussprache mit anhören konnten?»
    «Das ist ein Zufall», erwiderte Pschorr. «Die Bedingungen, vor allem die Struktur des Apparats und sein Standort, waren zufällig so getroffen, dass (wie ausgerechnet) grade diese und keine andern Tonschwingungen wirksam werden konnten. Allenfalls habe ich respektiert, dass Goethe saß und den Platz des Sessels.»  
   «Ach bitte, bitte! Abnossah!» (Die Pomke war wie im Rausch, fast mänadisch, sie nannte ihn beim Vornamen, was noch nie geschehen war.) «Versuchen Sie's doch noch an einer andern Stelle! Ich kann nicht genug hören - und wenn's auch nur das Schnarchen wäre!»
   Abnossah ließ den Apparat verschwinden und schnallte den Koffer zu. Er war sehr blass geworden: «Meine liebe Anna - meine Gnädigste», verbesserte er sich: «- ein andermal!» (Die Eifersucht auf den alten Goethe zerwühlte ihm das Eingeweide.)

   «Wie wäre es», fragte Böffel, «mit Schillers Schädel? Das würde ja den Streit entscheiden, ob man den echten hätte.»
   «Gewiß», sagte Abnossah, «denn wenn man Schillern sagen hörte: <Wie wärsch mit e Scheelchen Heeßen?> – so wäre es nicht Schillers Schädel. - Ich überlege mir, ob sich die Erfindung nicht raffinieren ließe? Vielleicht stelle ich einen Durchschnittskehlkopf her, an dem man schrauben kann, wie an einem Operngucker, um ihn an alle irgend möglichen Schwingungsarten zu akkommodieren. Man könnte dann die Antike und das Mittelalter wieder sprechen hören, die richtige Aussprache der alten Idiome feststellen. Und die verehrten Zeitgenossen, die unanständige Dinge laut sagten, wären der Polizei auszuliefern.»

   Abnossah bot der Pomke seinen Arm, und sie gingen wieder nach dem Bahnhof. Behutsam traten sie in den Wartesaal, aber die Stadtbekannte hatte sich schon entfernt. Abnossah sagte:
   «Wenn sie mir den Kehlkopf des berühmten Bruders auslieferte? Aber sie wird es nicht tun; sie wird einwenden, das Volk sei noch nicht reif, und die Intelligenz habe nicht die Ehrfurcht des Volkes, und so ist nichts zu machen, Geliebte! Geliebte! Denn (oh!) das! Das sind! Das bist du! Du!»
   Aber die Pomke hatte gar nicht hingehört. Sie schien zu träumen.
   «Wie er die R's betont!» hauchte sie beklommen.
   Abnossah schneuzte sich wütend die Nase; Anna fuhr auf, sie fragte zerstreut:
   «Sie sagten etwas, lieber Pschorr? Und ich vergesse den Meister über sein Werk! Aber mir versinkt die Welt, wenn ich Goethes eigne Stimme höre!»

     Sie stiegen zur Rückfahrt in den Bahnwagen. Die Pomke sprach nichts, Abnossah brütete stumm. Hinter Halle a. S. schmiss er das Köfferchen mit dem Kehlkopf Goethes aus dem Fenster vor die Räder eines aus entgegengesetzter Richtung heranbrausenden Zuges. Die Pomke schrie laut auf:
   «Was haben Sie getan?»
    «Geliebt», seufzte Pschorr, «und bald auch gelebet - und meinen siegreichen Nebenbuhler, Goethes Kehlkopf, zu Schanden gemacht.»
     Blutrot wurde da die Pomke und und warf sich lachend und heftig in die sich fest um sie schlingenden Arme Abnossahs. In diesem Moment erschien der Schaffner und forderte die Fahrkarten.
   »Gott! Nossah!» murmelte die Pomke, «du mußt, du mußt mir einen neuen Kehlkopf Goethes verschaffen, du mußt - sonst -»
     «Kein Sonst! Après les noces, meine Taube!»

Prof. Dr. Abnossah Pschorr
Anna Pschorr geb. Pomke
Vermählte
z. Z. Weimar im «Elephanten»

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1. Zeile von oben, links: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Jahr! Signet nicht aufgelöst. 6685/86. Nicht gelaufen.
1. Zeile von oben, rechts: Prosit Neujahr! Signet Gustav Liersch & Co., Berlin. 4105/5. Gelaufen. Poststempel 1913.
2. Zeile von oben, links: Herzliche Neujahrsgrüße. Signet: BVB im Schild. Nicht aufgelöst. 1987/1. Gelaufen. Datiert 1920. Briefmarke abgelöst. Im Briefmarkenfeld Signet der Neuen Bromsilber Convention: NBC im Dreieck mit strahlender Sonne.
2. Zeile von oben, rechts: Prosit Neujahr. Signet Gustav Liersch & Co., Berlin. 3191/92. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
3. Zeile von oben, links: Glückliches Neujahr! Signet: MKB. Moderner Kunst-Verlag, Berlin. 172/1. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
3. Zeile von oben, rechts: Prosit Neujahr! Signet: LJ & FF in großem S. Nicht aufgelöst. 4213/3. Gelaufen. Poststempel unleserlich.
4. Zeile von oben: Das neue Jahr soll Dich vereinen / Bald wieder mit den lieben Deinen! Adressseite: 3376.3.Feldpost. Poststempel 1914.

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2. Kurzbiographie von Salomo Friedlaender
alias Mynona

Photoporträt, Berlin 1932

Salomo Friedländer (geb. 1871 in Gollantsch, Provinz Posen; gest. 1946 in Paris) – alias Mynona – wuchs in einer Arztfamilie auf. Er studierte 1894  zunächst in München Medizin, dann in Berlin Zahnmedizin, wechselte dort bald zum Studium der Philosophie, das er ab 1897-99 in Jena fortsetzte mit zusätzlichen Vorlesungen in Archäologie, Geschichte und Kunstgeschichte. Mit der Promotion "Versuch einer Kritik der Stellung Schopenhauer's zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der 'Kritik der reinen Vernunft'" schloss er 1902 seine Studien ab. Seit 1906 lebte er in Berlin in einem Kreis von meist avantgardistischen Literaten und Künstlern sowie gesellschaftskritischen Denkern und publizierte sowohl philosophische wie literarische Texte, letztere in expressionistischen Zeitschriften wie Herwarth Waldens "Sturm", darunter zahlreiche Grotesken, die des öfteren auch in Lesungen vorgestellt wurden. 1920 - 32 erschienen 20 Bücher grotesken oder philosophisch-didaktischen Inhalts von ihm. Als Pseudonym für seine literarischen Arbeiten wählte er "Mynona", das rückwärtsgelesene Wort "anonym". 1933, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, emigrierte er nach Paris, wo er sich bald ausschließlich mit Philosophie beschäftigte und 1946 verarmt starb.

(Teilweise übernommen aus der Zeittafel in: Mynona. Rosa, die schöne Schutzmannsfrau und andere Grotesken. Hrsg. von Ellen Otten. Zürich: Arche 1989, S.205-207.)

"Einen deutschen Voltaire nannte Maximilian Harden den jüdischen Philosophen und Groteskenschriftsteller S. Friedlaender-Mynona. Mit Recht - denn mit Voltaire ist dieser sprühende, mokante und malitiöse Witz der Grotesken Mynona's am ehesten vergleichbar, aber auch die tief ethische philosophische Geistigkeit dieser Grotesken. "

(Arthur Segal: Dr. S. Friedlaender-Mynona. In: Salomo Friedländer / Mynona 1871-1946. Akademie der Künste. Ausstellung und Katalog: Walther Huder. Berlin: Akademie der Künste 1972, ohne Paginierung.)

Literaturhinweise und Weblinks:
* Salomo Friedländer / Mynona 1871-1946. Akademie der Künste. Ausstellung und Katalog: Walther Huder. Berlin: Akademie der Künste 1972. Darin Arthur Segal: Dr. S. Friedlaender-Mynona, ohne Paginierung; Photoporträt 1932, Kat. Nr. 167.
* Eintrag "Salomo Friedländer" in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Salomo_Friedlaender
* Jörg Häntzschel: Der jüdische Schriftsteller und Philosoph Salomon Friedlaender ... In: Süddeutsche Zeitung. 10./11. November 2018. Nr. 259.

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3. Notizen zur Groteske

Das deutsche Wort "grotesk"geht über das vermittelnde französische "grotesque" zurück auf das italienische "grotesco", einer Ableitung aus italienisch "grotta" Höhle. "Grottesco bezeichnete zunächst in grottesca pittura phantastische antike Deckenmalereien, die in Grotten, Kavernen und anderen Gebäuden römischer Zeit gefunden und als Ornamentform bzw. Groteskenmalerei besonders in der Renaissance und mit dem Manierismus wiederbelebt wurden. (Wikipedia) Aus dem fachsprachlichen Bezug auf die spätantiken Grotten-Wanddekorationen löste sich der Begriff erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts und wird im Sinne von  wunderlich, verzerrt, seltsam oder übertrieben gebraucht.

Als literarischer Gattungsbegriff bezeichnet "Groteske" - so das "Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft" - einen kürzeren Text, "der in irritierender Manier Heterogenitäten kombiniert und zwischen Komik und Grauen oszillierende Effekte gestaltet". (Sorg, 748) Die Groteske ist "kalkuliert auf Irritation angelegt" (ebd); sie hebt - formuliert dies auch das "Literaturlexikon" -  "die Grenzen des heterogen Verbundenen" hervor, wobei es zu "ungewöhnlichen und überraschenden Grenzüberschreitungen des Gewohnten" kommt (Fischer, 378). Wiederentdeckt wird das Groteske als Schreibweise bzw. literarische Verfahrensform  in Deutschland um 1900, insbesondere durch das Kabarett (z.B. "Die elf Scharfrichter" in München), und konstituiert sich zu dieser Zeit auch als literarische Gattung ohne scharfe Grenzen.

Literaturhinweise und Weblinks:
* Rolf Haaser / Günter Oesterle: Grotesk. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. von Klaus Weimar. Bd. 1. Berlin: de Gruyter 1997, S. 745-748.
* Reto Sorg: Groteske. Ebd., S. 748-751.
* André Fischer: Groteske. In: Literaturlexikon. Hrsg. von Volker Meid. Bd. 13. München: Bertelsmann Lexikon Verlag 1992, S. 378-379.
* Eintrag "Groteske" in Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Groteske

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