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Jutta Assel | Georg Jäger

Moritz von Schwind

Herr Winter
Münchener Bilderbogen Nro. 5

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Eingestellt: Januar 2016

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Moritz von Schwind illustrierte für die "Fliegenden Blätter" den Gedichtzyklus "Der Winter" des österreichischen Schriftstellers Hermann Rollett. Zweitpubliziert wurden diese Bilder mit neuem Prosatext als "Münchener Bilderbogen" Nro. 5, 1848. Sowohl die humoristische und satirische Zeitschrift wie die Bilderbogen erschienen im Münchner Verlag Braun & Schneider, der den Künstlern die Zeichnungen mit allen Rechten abkaufte und daher mehrfach verwenden konnte. Rollett, im Vormärz ein politischer Dichter mit republikanischer Gesinnung, nannte den Gedichtzyklus im Untertitel "eine Zeitgeschichte" und spielte auf die verbreitete Metaphorik an, wonach der Winter für Unterdrückung und der Frühling für den politischen Aufbruch (Märzrevolution!) steht. Während der Herrschaft des Winters findet der Frühling in der Dichtung ein Refugium. Im Prosatext des Bilderbogens sind diese politischen Anspielungen getilgt worden. Darüber, sowie über die "Fliegenden Blätter" und die "Münchener Bilderbogen" wie auch über Rollett wird der Leser orientiert.

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Gliederung

1. Herr Winter. Münchener Bilderbogen Nro. 5, 1848
Bilder und Texte
2. Notizen zu den Münchener Bilderbogen
3. Herr Winter. Eine Zeitgeschichte von Hermann Rollett
in den "Fliegenden Blättern"
4. Notizen zu den "Fliegenden Blättern"
5. Notizen zu Hermann Rollett
6. Rechtlicher Hinweis und Kontaktanschrift

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1. Herr Winter.
Münchener Bilderbogen Nro. 5
Bilder und Texte

 


Vorlage
:
Moritz von Schwind: Herr Winter. Münchener Bilderbogen. 1. Buch 1848/49. Nro. 5. Herausgegeben und verlegt von K[asper] Braun und F[riedrich] Schneider in München. Schnellpressendruck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Höhe: 44, 5; Breite: 35,5 cm.

Reproduktionen:
* Schwind. Des Meisters Werke in 1265 Abbildungen. Hrsg. von Otto Weigmann (Klassiker der Kunst in Gesamtausgaben; 9) Stuttgart und Leipzig: Deutsche Verlagsanstalt 1906, S. 256.
* Schwind. Eine Auswahl aus dem Lebenswerk des Meisters in 114 Abbildungen. Hrsg. von Gustav Keyssner. Stuttgart, Berlin: Deutsche Verlags-Anstalt 1921, S. 30.

Eine Kurzbiografie Schwinds finden Sie in der Dichter- und Denkerenzyklopädie sowie auf weiteren Schwind-Seiten des Goethezeitportals (Links vor Abschnitt 5). Von 1848 bis 1858 hat Schwind 12 Münchener Bilderbogen gestaltet. Siehe Ulrike Eichler: Münchener Bilderbogen (Oberbayerisches Archiv, Bd. 29) München 1974, S. 91f.

Die Bilder werden im Folgenden nummeriert - von links nach rechts und von oben nach unten. Der zugehörige Text findet sich unter den Bildern.

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   Wie der gestrenge Herr Winter sein Regiment antritt, die Eisdecke bei stiller Nacht über den Strom spannt und mit emsigem Fleiße ebnet und glättet.

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   Wie Herr Winter am andern Morgen bei dem Bauer einkehrt und für seine Arbeit ein warmes Morgensüpplein begehrt
…“Was? den Winter auch noch füttern?“ schreit der Bauer, „hinaus Du kalter Gesell aus meinem Hause, hier ist Deines Bleibens nicht!“

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   Da trollt Herr Winter gar traurig hinaus und breitet eifrig den weißen Schnee über Weg und Steg. Doch auch hier gibt’s für ihn keine Rast, mit Schaufel und Besen zerstört der Straßenkehrer sein mühsam Werk und verjagt den silberbärtigen Alten.

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   „Gehts nicht auf dem Lande, so geht’s in der Stadt,“ meint der Herr Winter. Doch wehe ihm, schon im ersten Bürgerhause, wo er einkehrt, bindet eine rasche Dirne den Greis an den warmen Ofen und peinigt ihn mit der Hitze, bis er wüthend vor Schmerz seine Banden zerreißt und ins Freie stürmt.

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   Die Christnacht ist gekommen. Aus allen Fenstern erglänzt heller festlicher Schein und das Jubeln der fröhlichen Kinder schallt hinaus bis auf die schneebedeckten einsamen Straßen. Da trippelt ein Männlein gar eifrig einher und späht von Thür zu Thür, ob nicht Jemand ihm öffne und den geschmückten Weihnachtsbaum annehme als willkommene Spende. – Vergeblich! – keine Pforte geht auf, den einzulassen, der ja das Christfest unter seiner Herrschaft begehen läßt von Groß und Klein.

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   Da entschließt sich Herr Winter auf den Ball zu gehen und bei dem Klange der rauschenden Musik und im raschen Tanze sein Leid zu vergessen. Doch schon an der Stiege des festlich geschmückten Hauses fliehen schaudernd die fröhlichen Gäste seine Nähe, und mit groben Worten weist der bärtige Thürhüter den eisigen Gast hinaus in die düstere Nacht.

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   So gehts dem Winter während seines ganzen Regiments, Niemand verstattet ihm gastliche Einkehr. Wann aber die Eisdecke bricht und die warmen Sonnenstrahlen den Schnee von Berg und Thal verbannen, da sucht der Alte das erste Schneeglöcklein, das legt er dem Frühling auf die schmucke Wiege und kehrt unter Sturm und Wetter in die eisige Heimath zurück, bis wieder seine Zeit gekommen.

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2. Notizen zu den Münchener Biilderbogen

Der Künstler Kaspar Braun (1807-1877) und der Buchhändler Friedrich Schneider (1815-1864) brachten 1844 als ihr erstes Verlagsprodukt den Bilderbogen "Der erste Bock" zur Bockbierzeit heraus. Der Münchner Verlag, dem eine "Anstalt für Holzschneidekunst" angeschlossen war, "machte den Humor zu seinem Spezialgebiet" (Eichler, S.9). Auch die "Fliegenden Blätter" wurden hier seit 1844 herausgegeben; 1865 brachten sie Wilhelm Buschs Best- und Longseller "Max und Moritz" sowie später weitere Bildergeschichten  auf den Markt.

Die "Münchener Bilderbogen" erschienen als Einzelblätter 14tägig, zu jedem zweiten Wochenende, von 1848 bis 1898 in insgesamt 1200 Nummern, die zu 50 Büchern zusammengefasst wurden. Die im Holzstich hergestellten Bilderbogen waren in Schwarz-Weiß und in Schablonenkolorierung erhältlich und für breiteste Kreise erschwinglich. Die weite Verbreitung ergiebt sich aus den Auflagenzahlen; die durchschnittliche Höhe der Erstauflage betrug Mitte der 60er Jahre 10.000 bis 12.000 Exemplare (Eichler, S.38). 1860, in einem einzigen Jahr also, brachten Braun & Schneider 447.500 Bilderbogen in Erst- und Neuauflagen heraus. (Eichler, S.39)

Braun und Schneider reussierten mit >künstlerischen< Bilderbogen, "die von akademisch geschulten Illustratoren entworfen wie auch signiert wurden" (Eichler, S.12). Die Reihe war jedoch "ein vorwiegend kommerzielles Unternehmen" (Eichler, S.15), bei dem künstlerische und volksbildende Interessen hinter ökonomischen Erwägungen zurück traten. Da die Künstler ihre Verwertungsrechte gegen eine einmalige Abfindung abtraten, konnte der Verlag die zeichnerischen Entwürfe für andere Unternehmen vielfältig nutzen. Unter den insgesamt 138 Künstlern, die an den "Münchener Bilderbogen" mitarbeiteten, sind Wilhelm Busch (1832-1908) mit 50 Bilderbogen, Adolf Oberländer (1845-1923) mit 43, Franz von Pocci (1807-1876) mit 29 und Moritz von Schwind (1804-1871) mit 12 die bekanntesten.

Thematisch waren die "Münchener Bilderbogen" nicht spezialisiert, vielmehr wollten Braun & Schneider "mit einer breiten Themenskala möglichst viele Käufer ansprechen." (Eichler, S.17) Mit zahlreichen Themen wandten sich die Bilderbogen an Kinder, mit anderen Motiven und eigenen thematischen Serien (z.B. "Die Welt in Bildern", "Bilder aus dem Alterthume") lieferten sie Anschauungsmaterial und wollten im Medium der volkstümlichen Grafik bilden und belehren.

Literaturhinweise:
* Ulrike Eichler: Münchener Bilderbogen (Oberbayerisches Archiv, Bd. 99) München: Verlag des Historischen Vereins von Oberbayern 1974 (grundlegend).
* Bilderbogen. Deutsche populäre Druckgraphik des 19. Jahrhunderts. Hrsg. vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe 1973.
* Wolfgang Brückner: Massenbilderforschung. Eine Bibliographie bis 1991/1995 (Veröffentlichungen zur Volkskunde und Kulturgeschichte; 96) Würzburg 2003. Darin 5.0: Bilderbogen 18./19. Jahrhundert.

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Weitere Seiten zu Münchener Bilderbogen

Wilhelm Tell
Der Münchener Bilderbogen Nro. 3
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Münchener Bilderbogen und Gedichte
Eine Dokumentation zu Weihnachten 2008
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=4095

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Will ich in mein Gärtlein gehn ...
Ein Volkslied im Bilderbogenund seine regionalen Varianten
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6452

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3. Herr Winter. Eine Zeitgeschichte
von Hermann Rollett

Vorlage:
Fliegende Blätter, Bd. 6, 1847, Nr. 124, S. 25-29.
Digitalisiert durch Universitätsbibliothek Heidelberg
http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digilit/fliegendeblaetter.html

Literatur:
* Fliegende Blätter. Eine Auswahl aus dem ersten Jahrzehnt. Hrsg. von Marianne Bernhard (Die bibliophilen Taschenbücher) Dortmund: Harenberg Kommunikation 1979, S. 80-83 (vier Bilder).
* Ursula E. Koch: Die Münchner "Fliegenden Blätter" vor, während und nach der Märzrevolution: "ein deutscher Charivari und Punch"? In: Hubertus Fischer / Florian Vaßen (Hgg.): Politik, Porträt, Physiologie. Facetten der europäischen Karikatur im Vor- und Nachmärz (Forum Vormärz-Forschung. Vormärz-Studien, XVIII) Bielefeld: Aisthesis 2010, S. 199-255. Hier S. 230f.

Hermann Rollett, um 1848 ein politischer Dichter mit republikanischer Gesinnung, betitelt sein Gedicht "Herr Winter. Eine Zeitgeschichte". Er sieht in Herrn Winter -  einem "Herrn" von Stand - den eiskalten Reaktionär, den Unterdrücker allen Lebens, der überall abgelehnt und vertrieben wird und schließlich dem Frühling, d.h. dem neu aufblühenden Leben weichen muss. Während des Winters wird das Frühlingskind im "Dichter-Kämmerlein" liebevoll umsorgt und aufgezogen. Allerdings wird diese negative politische Wertung des Winters nicht durchgehalten. Herr Winter ist "der gute Alte", der die Weihnachtsgeschenke bringt; er bezeichnet sich selbst als "armer, verstoßener Mann" und wird, als er den Frühling, sein "stillgebornes Kind", besucht, nochmals als "der gute Alte" angesprochen.

Die politische Metaphorik, welche die Unterdrückung des Volkes als Winter und die Revolution als Frühling ansieht, ist im Vormärz verbreitet und - wie aus dem folgenden Gedicht ersichtlich - auch Rollett geläufig gewesen.

Hermann Rollett
Deutscher Frühling
(1848)

O welch' ein frisches Wehen
    Durchzieht nun Berg und Thal, -
Ein heilig: Auferstehen!
    Ruft hell der Frühlingsstrahl.
Und auferwacht vom Traume,
    Erzittert Baum und Strauch, -
Und sieh! am Lebensbaume
    Da treibt und drängt es auch!

Ein langer Winterschauer
    Umfing das deutsche Land,
Und, ach! in stummer Trauer
    Erstarrte Herz und Hand!
Nun aber, wie vom Traume,
    Erhebt sich Baum und Strauch -
Und sieh! am Freiheitsbaume
    Da keimt und sproßt es auch!

O heilig Auferstehen
    In Wald und Berg und Thal!
O Völkerfrühlingswehen
    Im Freiheitsmorgenstrahl!
Es lodern, hell wie Kerzen,
    Die Zweige rings am Strauch, -
Und sieh' in unsern Herzen
    Da flammt und glüht es auch!

Das ist ein frohes Leben
    Nach langer Traurigkeit.
Die Blumen alle heben
    Die Blüthenflügel weit.
Des Segens goldne Wolke
    Berührte Baum und Strauch, -
Und sieh! im deutschen Volke
    Erblüht der Frühling auch!

Über die Entstehung der Illustrationen zu "Herrn Winter" schreibt Rollett in seinen Erinnerungen: "Das Jahr 1847 führte auch mich [wie schon Schwind] nach München, und ich fand da Schwind in voller Tätigkeit. Er zeichnete zu jener Zeit auch manches für die dortigen 'Fliegenden Blätter', unter anderm auch die nachmals berühmt gewordenen Illustrationen, die mit meinem Lieder-Zyklus 'Herr Winter' darin erschienen. Die von Schwind erfundene Gestalt des Winters ist bleibend ungemein bekannt und beliebt und hat - wie eine Stimme [Schnürer] es aussprach - ' in Thon, Porzellan, Pappe u.s.w. die Runde um den Erdball gemacht.'" (Begegnungen, S. 145f., vgl. Katscher, S. 15f.)

Braun & Schneider zahlten den Zeichnern "eine einmalige Abfindung, mit welcher sie alle Rechte an ihren Werken abtraten und keinen Anspruch mehr auf eine Gewinnbeteiligung bei Neuauflagen besaßen. Der Verlag hingegen benutzte viele Entwürfe zu mehrmaligem Abdruck, z.B. zuerst in den 'Fliegenden' und dann auf 'Münchener Bilderbogen'" (Eichler, S. 16). So geschah es auch in diesem Fall. Schwind hatte das Gedicht Rolletts in den "Fliegenden Blättern" mit Illustrationen versehen. Für die Adaption im Bilderbogen "wurden nur die Bilder übernommen und andere, kürzere, einfachere Bildunterschriften dazugesetzt." (Eichler, S. 22) Der neue Prosatext vermied alle politischen Anspielungen des Gedichts von Rollett.

Literaturnachweise:
* Gedichte von Hermann Rollett. Auswahl. Leipzig: Franz Wagner 1865, S. 161f.
* Begegnungen. Erinnerungsblätter (1819-1899) von Hermann Rollett. Wien: C. W. Stern (Buchhandlung L. Rosner) 1903, S. 144-146.
* Leopold Katscher: Hermann Rollett's Leben und Werke. Festschrift der Stadt Baden zu seinem 75. Geburtstag. Wien: Moritz Perles 1894, S. 15f.
* Ulrike Eichler: Münchener Bilderbogen (Oberbayerisches Archiv, Bd. 99) München: Verlag des Historischen Vereins von Oberbayern 1974.

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Die Verse sind von 1 bis 7 durchnummeriert und den Bildern zugeordnet. Im Vergleich mit dem Bilderbogen ist die Bildfolge umgestellt: Das zweite Bild im Bilderbogen - Herr Winter bei der Bauernfamilie – ist hier das sechste, vorletzte Bild.

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Wer muß denn nur gezogen sein
Heut Nacht in unser Land herein?

Es funkelt und glänzt ja ringsumher,
Als ob ein König gekommen wär‘!?

Ein jedes Fenster voll Blumen steht [,]
Die Wege sind blüthenübersät,

Und jeder Halm und jedes Blatt
Ein Kleid von hellem Silber hat! –

Doch seh ich recht, so ist es fast
Als wär’s ein unwillkommner Gast.

Nicht Einer fragt, wer kommen sei,
Man geht an all der Pracht vorbei,

Und Niemand weiß, wer über Nacht
Den reichen Glanz und Schmuck gebracht. –

Doch, horch! Was rührt sich dort am Bach?
Das ist ein Klirren, ein Gekrach,

Das ist ein Trippeln und ein Geseg‘,
Als ob das Bächlein im Kampfe läg! –

O seht das Männlein in grauem Gewand,
Mit warmer Hülle an Fuß und Hand,

Mit weißem Bart voll Eisesglanz,
Die Stirne geschmückt mit eisigem Kranz!

O seht nur, wie es rasselnd fegt,
Und wie es das Bächlein in Bande schlägt,

Und wie es die Fessel der armen Well‘
Mit kaltem Lächeln versilbert hell! –

Du also, Männlein im Schneegewand,
Du bist der Gast, der unser Land

Auf unfreiwilliger ewiger Flucht
Mit seinem Gefolge heimgesucht? –

O lieber Herr Winter, hast recht gethan,
Daß du dir selbst geschmückt die Bahn,

Daß du dir selber Blumen gestreut,
Denn – uns hat dein Kommen wohl nicht erfreut!

O lieber Herr Winter, o zieh vorbei
Mit deiner frostigen Tyrannei;

Und willst du uns drücken mit eisiger Hand, -
Wir jagen mit Feuer dich aus dem Land!

*****

Und sieh! auf allen Wegen
    Das graue Männlein schafft, -
Hat allen Gottessegen
    Auf einmal hingerafft.

Die Blumen sind gestorben
    Vor seinem kalten Hauch,
Kein Zweig blieb unverdorben
    Am blätterlosen Strauch.

Die Vöglein alle schweigen,
    Und wie in tiefem Leid
Die Halme still sich neigen
    Im weißen Todtenkleid. –

Das sollst du aber büßen,
   Du böser Winter, du!
Du wirst dich flüchten müssen, -
   Wir lassen dir nicht Ruh!

Es soll dich Jeder plagen
    So viel und wo er kann, -
Wir wollen dich verjagen,
    Du frostiger Tyrann!

Doch nicht – wie’s Brauch gewesen -
    Mit Feuer und mit Schwert; -
Mit Feuer und mit Besen,
    Denn mehr bist du nicht werth!

*****


   Herr Winter, wie gefällt es dir [,]
Wie geht dir’s bei uns zu Lande?
    Nicht wahr, es ist nicht wohnlich hier
Für Herren von deinem Stande?

    Denn wo du nur erscheinen magst
Mit deinem Despoten-Wesen,
    Verjagen wir dich – und wie du klagst -
Mit Feuer und mit Besen! –

    Sogar das stille Frauengeschlecht
Will nicht im Kampfe säumen, -
    Es jagt dich fort in heißem Gefecht
Aus allen Zimmerräumen.

    O lieber Herr Winter, in Stube und Saal
Empörst du die listigen Zofen, -
    Sie quälen dich alle mit aller Qual
Mit deinem Feinde – dem Ofen!

*****

Voll Ärger schleicht er aus jedem Haus
Und zieht sich in’s weiße Feld hinaus,
Und trippelt in seiner warmen Tracht
Herum in der funkelnden Sternennacht.

Da denkt er sich still in seiner Qual:
Nun will ich aber doch sehn einmal,
Ob ich mir armen, verstoßenem Mann
Die Liebe der Welt nicht erringen kann!

Und sieh, was flimmert aus jedem Haus!
Es schaut der Jubel beim Fenster heraus,
Viel Lichtlein glänzen hinaus in die Nacht,
Denn Weihnacht hat der Winter gebracht!

Nun hab ich’s aber doch recht gemacht!
So flüstert Herr Winter in stiller Nacht,
Und pocht an jedes Fenster an,
Und fleht, daß ihm wird aufgethan.

Herr Winter aber darf nicht hinein!
Man will nur – die Geschenke sein;
Der gute Alte, der’s gebracht,
Muß draußen bleiben in kalter Nacht.

*****

Jetzt sei noch ein Versuch gemacht -
So ruft der Winter in dunkler Nacht -
Ich will doch sehn, ich verstoßner Mann,
Ob ich mir nicht Liebe erzwingen kann!

Er streicht sich rasch den flimmernden Bart
Und schmückt sich das Haupt nach Maskenart;
Und zieht die härenen Stiefel aus,
Und schreitet beschuht in’s funkelnde Haus.

Schon hört er – von Klängen der Lust umschallt -
Den Jubel, der ihm entgegenhallt, -
Er führt ja am Arme zum flimmernden Saal
Die hohe Prinzessin Karneval!

Schon ist er am Ziel, - doch an der Thür
Da tritt ein bärtiger Diener herfür,
Und ruft ihm entgegen: Ein solcher Gast
Wohl nicht zu unserem Feste paßt! –

Und wie er auch flüstert manch freundliches Wort, -
Der liebe Herr Winter muß fort, muß fort!
Was soll auch im Jubel der glühenden Lust
Das graue Männlein mit eisiger Brust!

*****

Im düsteren Stübchen beim Abendbrod
    Da sitzen Bäurin und Bauer,
Sie reden frierend von ihrer Noth
    Und von des Winters Dauer.

Sie können sich erwärmen kaum
    Mit Ihrem kargen Essen,
Ihr Sohn fällt in der Noth einen Baum
    Im Garten unterdessen.

*****

Nun weiß der arme Winter
    Nicht mehr wo ein, wo aus,
Man hat ihn fortgetrieben
    Aus jedem, jedem Haus.

Von jedem Weg und Stege,
    Aus Hütte und Pallast
Verjagten sie ihn Alle
    Als unwillkommnen Gast.

Da steht er nun in Thränen
    Im frohen Märzenwind
Und denket an den Frühling [,]
    Sein stillgebornes Kind.

Der liegt in goldner Wiege,
    Umglänzt von Liebesschein, -
so lang es drauß‘ noch stürmet -
    Im Dichter-Kämmerlein.

Da hat er treue Pflege,
    Da hat er treue Huth,
Da wird er großgezogen
   An lichter Liebesglut.

Da wird auch froh und freundlich,
    Wie ein Vertrauter fast,
Sein Väterchen – der Winter -
    Begrüßt als lieber Gast! –

Und als der gute Alte
    Ins Stüblein kommen war,
Da klangs, als schwäng‘ er helle
    Schneeglöckchen, wunderbar!

Der Dichter konnt‘ die Klänge
    In Worte fassen kaum, -
Und bald umzog die Erde
    Des Frühlings holder Traum!

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4. Notizen zu den "Fliegenden Blättern"

Die "Fliegenden Blätter" wurden digitalisiert durch die Universitätsbibliothek Heidelberg:
http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digilit/fliegendeblaetter.html

Hier finden Sie auch eine Charakterisierung der Zeitschrift, dem die folgenden Zitate entnommen sind, und weiterführende Literatur:

Die humoristisch-satirischen, reich illustrierten "Fliegenden Blätter" erschienen von 1844 bis 1944 (!), ab der Nummer 60 wöchentlich. Jeweils 26 Hefte mit über 500 Holzschnitten nach Originalzeichnungen bildeten einen Band. "Allgemeine Wertschätzung erfuhren die 'Fliegenden Blätter' für ihre zielsichere und satirische Charakterisierung des deutschen Bürgertums. Sie gelten als Kompendium humoristischer Zeitkritik. In unterhaltenden, spöttischen und humorvollen Einzelkarikaturen und Fortsetzungsgeschichten nahmen sie nahezu alle Berufe, Gesellschaftsschichten und Lebensbereiche unter die Lupe."

"Als gleichermaßen künstlerisch wie drucktechnisch bedeutsam gelten die 'Fliegenden Blätter' durch die hohe Qualität ihrer Ausstattung. Der Verlag sorgte durch die Schulung seiner Stecher dafür, dass die Drucke direkt vom Holzstock – erst ab 1885 im galvanischen Verfahren – eine große Ausdrucksfähigkeit erreichten. Die Illustrationen in den 'Fliegenden Blättern' stammen von namhaften Künstlern wie etwa Wilhelm Busch, Adolf Oberländer, Franz Graf von Pocci, Moritz von Schwind und Carl Spitzweg."

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Siehe auch:

Ludwig Richter
Für's Haus. Im Winter

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5. Notizen zu Hermann Rollett

Hermann Rollett (* 20. August 1819 in Baden bei Wien; † 30. Mai 1904 ebenda) geriet im Vormärz "in den Bannkreis der politischen Dichtung. Wegen seiner revolutionären Gesinnung von der österreichischen Polizei verfolgt, floh Rollett 1845 nach Deutschland, wo er ein unstetes Wanderleben führte. U.a. schrieb er "Kampflieder" (1848) und gab im gleichen Jahr ein "Republikanisches Liederbuch" heraus, eine Anthologie der besten politischen  Gedichte. Als Radikaler trat er für eine republikanisch-demokratische. Verfassung ein. Nach 1848 emigrierte Rollett in die Schweiz", kehrte jedoch 1854 in seine Heimat zurück. Er studierte Pharmazie, wirkte als politischer Mandatar und war ab 1876 Leiter des von ihm aufgebauten Stadtarchivs in Baden. "In seiner Badener Zeit trat Rollett vor allem mit kunst- und kulturhistorischen sowie topographischen Arbeiten hervor."

Text: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950 (ÖBL) Bd. 9, 1988, S. 228.
Online: http://www.biographien.ac.at/oebl_9/228.pdf

Bildnis:
Wikipedia. Lizenzbestimmungen.

Siehe auch den Eintrag in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Rollett

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Der Winter in einer Landschaft

Vorlage:
Der Winter in einer Landschaft. In:Schwind. Des Meisters Werke in 1265 Abbildungen. Hrsg. von Otto Weigmann (Klassiker der Kunst in Gesamtausgaben; 9) Stuttgart und Leipzig: Deutsche Verlagsanstalt 1906, S. 227.

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Weitere Schwind-Seiten im Goethezeitportal

Moritz von Schwind, Ritter Kurts Brautfahrt
nach der gleichnamigen Ballade von Goethe
(mit Kurzbiographie Schwinds)
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6354

Graf von Gleichen
und seine Doppelehe
(mit Kurzbiographie Schwinds)
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mit den Illustrationen von Moritz von Schwind
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6446

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http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3075

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http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=6749

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der heiligen Elisabeth
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