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Tondokumente zu Schriften der Goethezeit

Johann Wolfgang von Goethe
»Das Märchen« (Teil 4)

Lesung mit Hans-Jürgen Schatz

Ein Mann von mittlerer Größe, der heraustrat, zog die Aufmerksamkeit der Schlange auf sich. Er war als ein Bauer gekleidet und trug eine kleine Lampe in der Hand, in deren stille Flamme man gerne hineinsah und die auf eine wunderbare Weise, ohne auch nur einen Schatten zu werfen, den ganzen Dom erhellte.

„Warum kommst du, da wir Licht haben?“ fragte der goldene König. -  „Ihr wißt, daß ich das Dunkle nicht erleuchten darf.“ -  „Endigt sich mein Reich?“ fragte der silberne König. „Spät oder nie.“ versetzte der Alte.

Mit einer starken Stimme fing der eherne König an zu fragen: „Wann werde ich aufstehn?“ -  „Bald,“ versetzte der Alte. „Mit wem soll ich mich verbinden?“ fragte der König. „Mit deinen ältern Brüdern,“ sagte der Alte. „Was wird aus dem jüngsten werden?“ fragte der König. „Er wird sich setzen.“ sagte der Alte.
„Ich bin nicht müde.“ rief der vierte König mit einer rauhen, stotternden Stimme.

Die Schlange war, indessen jene redeten, in dem Tempel leise herumgeschlichen, hatte alles betrachtet und besah nunmehr den vierten König in der Nähe. Er stand an eine Säule gelehnt, und seine ansehnliche Gestalt war eher schwerfällig als schön. Allein das Metall, woraus er gegossen war, konnte man nicht leicht unterscheiden. Genau betrachtet war es eine Mischung der drei Metalle, aus denen seine Brüder gebildet waren. Aber beim Gusse schienen diese Materien nicht recht zusammengeschmolzen zu sein; goldne und silberne Adern liefen unregelmäßig durch eine eherne Masse hindurch und gaben dem Bilde ein unangenehmes Ansehn.

Indessen sagte der goldne König zum Manne: „Wieviel Geheimnisse weißt du?“ -  „Drei,“ versetzte der Alte. „Welches ist das wichtigste?“ fragte der silberne König. „Das offenbare,“ versetzte der Alte. „Willst du es auch uns eröffnen?“ fragte der eherne. „Sobald ich das vierte weiß,“ sagte der Alte. „Was kümmerts mich!“ murmelte der zusammengesetzte König vor sich hin.
„Ich weiß das vierte,“ sagte die Schlange, näherte sich dem Alten und zischte ihm etwas ins Ohr. „Es ist an der Zeit!“ rief der Alte mit gewaltiger Stimme. Der Tempel schallte wider, die metallenen Bildsäulen klangen, und in dem Augenblicke versank der Alte nach Westen und die Schlange nach Osten, und jedes durchstrich mit großer Schnelle die Klüfte der Felsen.

Alle Gänge, durch die der Alte hindurchwandelte, füllten sich hinter ihm sogleich mit Gold; denn seine Lampe hatte die wunderbare Eigenschaft, alle Steine in Gold, alles Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine zu verwandeln und alle Metalle zu zernichten. Diese Wirkung zu äußern, mußte sie aber ganz allein leuchten; wenn ein ander Licht neben ihr war, wirkte sie nur einen schönen, hellen Schein, und alles Lebendige ward immer durch sie erquickt.

 

 

 

Johann Wolfgang von Goethe
»Das Märchen« (Teil 1)

Lesung mit Hans-Jürgen Schatz

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