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Tondokumente zu Schriften der Goethezeit

Johann Wolfgang von Goethe
»Das Märchen« (Teil 16)

Lesung mit Hans-Jürgen Schatz

 

Aus Goethes Briefwechseln über sein „Märchen“


Als Herausgeber der „Horen“ las Friedrich Schiller das „Märchen“ schon, bevor es überhaupt erschienen war. Er fand von Anfang an Gefallen an dem Text, wie er Goethe wissen ließ:

 

Schiller an Goethe:
Jena den 29. August 1795. 
   „Das Mährchen ist bunt und lustig genug, und ich finde die Idee, deren Sie einmal erwähnten, „das gegenseitige Hülfleisten der Kräfte und das Zurückweisen auf einander,“ recht artig ausgeführt. Meiner Frau hat es viel Vergnügen gemacht; sie findet es im Voltairischen Geschmack, und ich muß ihr Recht geben. Übrigens haben Sie durch diese Behandlungsweise sich die Verbindlichkeit aufgelegt, daß alles Symbol sei. Man kann sich nicht enthalten, in allem eine Bedeutung zu suchen. Die vier Könige präsentiren sich gar prächtig, und die Schlange als Brücke ist eine charmante Figur. Sehr charakteristisch ist die schöne Lilie mit ihrem Mops. Das Ganze zeigt sich überhaupt als die Production einer sehr fröhlichen Stimmung.“


Obwohl das „Märchen“ keine offensichtlichen politischen Aussagen enthält, hat Goethe sein Schreiben durchaus mit den Geschehnissen der Revolutionskriege in Verbindung zu bringen gewusst:

Goethe an Schiller aus Weimar am 26. September 1795:
    „Wie ich in dieser letzten unruhigen Zeit meine Tonne gewälzt habe wird Ihnen, werther Mann, aus beyliegenden bekannt werden. Selig sind die da Mährchen schreiben, denn Mährchen sind a l'ordre du jour.
Der Landgraf von Darmstadt ist mit 200 Pferden in Eisenach angelangt und die dortigen Emigrirten drohen sich auf uns zu repliiren, der Churfürst von Aschaffenburg wird in Erfurt erwartet.
     Ach! warum steht der Tempel nicht am Flusse!
     Ach! warum ist die Brücke nicht gebaut!
    Ich wünsche indeßen, weil wir doch immer Menschen und Autoren bleiben, daß Ihnen meine Producktion nicht mißfallen möge, wie ernsthaft jede Kleinigkeit wird sobald man sie kunstmäßig behandelt hab ich auch diesmal wieder erfahren. Ich hoffe die 18 Figuren dieses Dramatis sollen, als soviel Räzel, dem Räzelliebenden willkommen seyn.“


Goethe war von der positiven Aufnahme seines Textes erfreut und überlegte, ob und wie sich ein weiteres Märchen schreiben ließe und was diese Erzählform denn eigentlich ausmache.

Goethe an Schiller am 3. October 1795:
    „Der Wunsch Sie wieder zu sehen ist mir diese Zeit her immer vereitelt worden, Morgen hoffe ich bey Ihnen zu seyn und zu vernehmen was Sie in dem Zwischenraume gearbeitet haben.
    Daß mir, nach Ihrem Urteil, das Mährchen geglückt ist macht mir viel Freude und ich wünsche über das ganze Genre nunmehr mit Ihnen zu sprechen und noch einige Versuche zu machen.“


Der Prinz August von Sachsen-Gotha  drängte Goethe, doch eine Deutung des „Märchens“ zu veröffentlichen. Goethe lehnte aber ab und schrieb an den Prinzen am 21. Dezember 1795:

 „Ich finde in der belobten Schrift, welche nur ein so frevelhaftes Zeitalter als das unsrige für ein Mährchen ausgeben kann, alle Kennzeichen einer Weissagung und das vorzüglichste Kennzeichen im höchsten Grad. Denn man sieht offenbar daß sie sich auf das Vergangene wie auf das Gegenwärtige und Zukünftige bezieht.
    Ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht unter den Riesen und Kohlhäupter bekannte angetroffen hätte und ich getraute mir theils auf das vergangene mit dem Finger zu deuten, theils das Zukünftige was uns zur Hoffnung und Warnung aufgezeichnet ist abzusondern wie Ihro Durchl. aus meiner Auslegung sehen werden die ich aber nicht eher heraus zu geben gedenke als biß ich 99 Vorgänger vor mir sehen werde.
Denn Sie wissen wohl daß von den Auslegern solcher Schriften immer nur der letzte die Aufmerksamkeit auf sich zieht.“


Wilhelm von Humboldt  war für Schiller wie auch für Goethe ein geschätzter Diskussionspartner. Zwar war Humboldt selbst nicht literarisch tätig, doch konnte er, wie auch sein Bruder Alexander, schnell Zugang zu den Ideen Goethes und Schillers finden und deren Vorstellungen von idealer Literatur wichtige Impulse geben. So überrascht es nicht, dass Humboldt Goethes Konzept von einem Märchen durchschaute und in eigene Worte gefasst diesem vorlegte:

„Ihr Märchen scheint mir das erste Muster dieser Gattung in unserer Literatur. Die meisten Leser, deren Urteile mir hier zu Ohren gekommen sind, haben sich über die Maßen zerquält, einen philosophischen Sinn heraus- oder wenigstens hineinzudeuteln, und da sich mehrere deshalb an mich, als müßte gerade ich ganz eigne Offenbarungen darüber haben, wandten, so habe ich sie bei meinen Antworten in zwei Klassen geteilt. Für diejenigen, an deren Bekehrung ich gleich verzweifelte, habe ich aus dem Stegreif eine eigne Erklärung gemacht; den andern habe ich mich zu zeigen bemüht, daß es keiner bedürfe. Damit aber bin ich freilich nicht durchaus glücklich gewesen, und in der Tat ist es schwer die Gattung des Märchens scharf zu bestimmen, wenn man nämlich davon schlechterdings den Roman, die Fabel, die Allegorie, die Novelle u.s.f. rein absondern will. Noch schwerer aber scheint es mir, daß, wenn dies geschehen ist, recht viele, besonders deren, die sich nachdenkende und räsonnierende Köpfe nennen, und nie, wie sie sagen, bloß belustigt sein wollen, daran Geschmack finden sollten. Sobald das Märchen nicht bildlicher oder poetischer Ausdruck eines gedachten Satzes, also nicht Fabel oder Allegorie, sein soll, so steht ihm nur die Erzählung im weitesten Verstande […] entgegen, die ich, um sie vom Märchen zu unterscheiden, die natürliche, so wie das Märchen selbst die abenteuerliche nennen will. Bei jeder dichterischen Erzählung muß ein aus der Wirklichkeit genommener Stoff durch die Phantasie zu einem Ganzen bearbeitet werden, und der verschiedene Anteil, den die Wirklichkeit und ihr Charakter und die Phantasie und der ihrige in der Erzählung nehmen, scheint mir jene Einteilung zu begründen.
Bei der natürlichen Erzählung nimmt nämlich der Dichter eine Reihe von Begebenheiten, verknüpft sie auf eben die Weise, wie sie objektiv verknüpft zu sein pflegen, verleiht ihnen aber zugleich die nur der Phantasie eigne Freiheit, und macht sie dadurch zu einem dichterischen Ganzen; bei dem Märchen hingegen verknüpft er eine Reihe bloßer Einfälle allein nach der Willkür der Phantasie, stellt sie aber dennoch zugleich als wirklich geschehen dar, und mischt ihnen daher soviel von dem Charakter der Wirklichkeit bei, als notwendig ist, einem bloßen Traum augenblickliche Wesenheit zu verschaffen.
[…] Der Zweck des Dichters beim Märchen ist daher allein auf die Beschäftigung der Phantasie und zwar nicht bloß in ihrer Freiheit, sondern sogar in ihrer Willkür gerichtet, und ist daher so schlechterdings formal, daß alles, was Materie genannt werden kann, Handlungen, Gesinnungen, Charaktere, ihm nur mittelbar, nie wesentlich angehört, obgleich die Schönheit des Märchens gewiß immer in dem Grade steigt, in welchem die Form mehr Materie trägt, ohne von ihrer Leichtigkeit zu verlieren. Daher kann aber auch niemand wahren Sinn für diese Gattung haben, als wer gestimmt ist, die Form bloß um der Form willen zu lieben. […] Ich schäme mich beinah, in eine ordentliche Theorie des Märchens verfallen zu sein. Allein ich rechne auf Ihre freundschaftliche Nachsicht, und bitte Sie, doch mir gelegentlich Ihre Meinung über meine Gedanken zu sagen.“


Goethe dankte Humboldt für dessen Brief:

Goethe an Wilhelm von Humboldt aus Jena am 27. Mai 1796:
    „Sie haben, verehrtester Freund, die Güte gehabt, mir auf eine durch Schiller gethane Anfrage eine so umständliche und befriedigende Antwort zu geben, daß ich um Verzeihung bitten muß, wenn ich dagegen erst so spät etwas erwidere.
[…]
    Ich danke Ihnen für den Antheil, den Sie fortgesetzt an meinen Arbeiten nehmen. Was Sie über das Märchen sagen, hat mich unendlich gefreut. Es war freilich eine schwere Aufgabe, zugleich bedeutend und deutungslos zu sein. Ich habe noch ein anderes im Sinne, das aber, gerade umgekehrt, ganz allegorisch werden soll, und das also ein sehr subordonirtes Kunstwerk geben müßte, wenn ich nicht hoffte, durch eine sehr lebhafte Darstellung die Erinnerung an die Allegorie in jedem Augenblick zu tilgen.“

 

 

 

Johann Wolfgang von Goethe
»Das Märchen« (Teil 1)

Lesung mit Hans-Jürgen Schatz

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