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Katholische Publizistik – publizistischer Katholizismus

Deutsche Autoren stellen vermehrt ihren katholischen Glauben in den Vordergrund, sowohl in ihren Büchern als auch im medialen Feuilleton. Das gab es vor 200 Jahren schon einmal: Damals wendeten sich die Romantiker dem Katholizismus zu.

Von Patrick Peters

Zuerst exemplarisch zwei Namen: Martin Mosebach und Matthias Matussek. Diese Vertreter der zeitgenössischen deutschen Publizistik beziehungsweise Literatur und des zeitgenössischen deutschen Journalismus’ sind mindestens einem gebildeten Publikum, aber womöglich auch einer breiteren Schicht bekannt. Sie eint – abgesehen von messerscharfem Intellekt, hoher sprachlicher Kunst und ausgeprägtesten schreiberischen Fähigkeiten – ihr offen zur Schau getragener Katholizismus. Das hat es in der deutschen literarischen Landschaft und im deutschen Feuilleton lange nicht gegeben! 

Martin Mosebach, der große deutsche Erzähler und Büchner-Preisträger, und Matthias Matussek, ehemaliger „Spiegel“-Redakteur und heute unter anderem als Autor des Bekenntnis-Buches Das katholische Abenteuer (München: Deutsche Verlagsanstalt) berühmt, thematisieren ihre persönliche Sicht auf den Glauben, verteidigen Riten und Formschönheit der katholischen Kirche und beweisen, dass der Katholizismus in Deutschland intellektuell lange nicht zu Grabe getragen werden muss. Mosebachs Essay über die Tridentinische Messe, also die weitgehend auf Latein gehaltene Messe, bei der der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde steht – die Häresie der Formlosigkeit (München: Hanser) – ist mittlerweile in vielen Auflagen erschienen und hat sich im Bewusstsein des Feuilletons, des Publikums und der deutschsprachigen Katholiken, auch bei den Theologen und dem Klerus, festgesetzt. Und das, obwohl die Häresie der Formlosigkeit nicht leicht zu lesen ist und seinen Konsumenten mit einem flauen Gefühl zurücklässt: nämlich dem Gefühl der Hin- und Hergerissenheit zwischen der Schönheit des lateinischen Ritus und den modernisierenden Entscheidungen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Und Matussek springt auf eloquenteste, aber gleichzeitig auch höchst provokante Weise seinem „Verein“, wie er die römisch-katholische Kirche etwas jovial nennt, bei, um sie gegen Anfeindungen, der sie nun ja tatsächlich immer wieder, gerade in Deutschland durch die Phalanx linker Medien und einer immer mehr Abstand nehmenden Öffentlichkeit, und der Gefahr der Marginalisierung ausgesetzt ist, zu verteidigen. 

Das sind die beiden berühmtesten zeitgenössischen Beispiele, in welcher Form renommierte Publizisten und Schriftsteller ihren Katholizismus in die Öffentlichkeit tragen – ohne Scheu und immer bereit, für ihren Glauben und ihre Kirche einzutreten. Und sei es, dass sie sich damit dem Vorwurf der „Reaktion“ aussetzen, wie Martin Mosebach ihn stoisch und gelassen seit Jahren erträgt, oder sei es, dass sie gegen den Medien-Mainstream anschreiben, wie Matthias Matussek, der weiterhin pro-katholisch im „Spiegel“, kaum für eine kirchenfreundliche Haltung bekannt, publiziert, ohne Rücksicht auf atheistisch-agnostische und anti-römische Befindlichkeiten der Redaktion und der Leser.

Eine vielleicht gefärbte Bemerkung sei erlaubt, um den Brückenschlag zur Goethezeit herstellen zu können. Historisch gesehen hatte es die römisch-katholische Kirche spätestens seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland nicht leicht. Die Aufklärung, die gegen die Kirche – vor allem gegen die römische, vertreten durch den Papst als ‚Vordenker’ – die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit führen wollte, später der Kulturkampf der deutschen Nationalisten bismarck’scher Provinienz gegen die als anti-patriotisch verstandene Papsttreue der deutschen Katholiken, heute die vielfach kirchenfeindliche Haltung so mancher Medien und Kommentatoren vor allem des linken Spektrums gegen die als anti-modern, reaktionär und nicht mehr zeitgemäß empfundene römisch-katholische Kirche – die letzten fast 300 Jahre waren nicht immer rosig. Das hat sich auch intellektuell geäußert: Die Angriffe gegen die katholische Kirche und ihrer Oberhaupt waren zumal im späten 18. Jahrhundert bisweilen sehr scharf. Die Göttinger Hainbündler beispielweise sehen um 1772 im kirchlichen Rom eine neue Form des Imperium Romanum, das Deutschland unterjochen und das deutsche, auf die Germanen zurückgehende Erben ausschalten will. Deshalb forderten die Studenten eine neue Hermann-Generation, um diesen Feind in die Schranken zu weisen. 

Und so stoßen wir in die Romantik vor. Die literarische Epoche, deren Anfänge mit dem Ende des Klassizismus in Deutschland zusammenfallen – die Berliner und Jenaer Kreise entwickeln sich ab 1795, wenn in Weimar die deutschen Dichterfürsten noch den Mittelpunkt gesamteuropäischer Kunst und Kultur bilden. Die Romantiker entdeckten den Katholizismus neu, pflegten ihren Glauben und wendeten sich ihm öffentlich zu. Eine ganze Reihe romantischer Autoren konvertierte zum Katholizismus; Autoren indes, die in der Regel aus protestantischen Pfarrhäusern stammten und deren Pendants im 18. Jahrhundert die Literatur in Aufklärung, Sturm und Drang und Klassizismus Literatur und Kunst aus überzeugter protestantischer Argumentation und Perspektive heraus vorangetrieben hatten. 

Ein solches Beispiel ist Friedrich Schlegel. Der Vordenker der Romantik und Mitentwickler der den theoretischen Rahmen der Epoche stiftenden „progressiven Universalpoesie“ konvertierte am 16. April 1808 zur römisch-katholischen Kirche. Goethe beklagte, „dass im höchsten Lichte der Vernunft, des Verstandes, der Weltübersicht ein vorzügliches und höchstausgebildetes Talent verleitet wird sich zu verhüllen“ (Goethe an Reinhard, 22. Juni 1808). Gleichzeitig erkannte Goethe in Schlegels Schritt ein „Zeichen der Zeit“ (Goethe an Reinhard, 22. Juni 1808).

Dieser Befund ist eindeutig. Auf der einen Seite geht es Goethe darum, aus protestantischer Sicht die selbst verordnete Knechtschaft unter die Knute des Papstes zu kritisieren; auf der anderen Seiten identifiziert er es als zeitgeistiges Phänomen und belegt damit die Bedeutung des Themas.

Um erst einmal beim Beispiel Friedrich Schlegels zu bleiben: Warum wandte er sich dem Katholizismus zu, wo er doch familiär sehr protestantisch geprägt war und gerade in jener Zeit in Deutschland damit nicht allzu viel falsch machen konnte? Denn die Konversion bedeutete zuerst einmal keinen Gewinn an Ansehen oder die automatische Zugehörigkeit zu elitären Zirkeln. Schon in seinem Jugendwerk hatte er die verlorene Ganzheit, die Zerstückelung des Daseins beklagt: Für ihn war die identitätsgebende Kraft der Religion durch die Aufklärung verloren gegangen; dies empfanden Schlegel und zahlreiche weitere Romantiker als herben Verlust. Diese ‚neue’ Religion als eine Art Mythologie erdichteten sie sich – aber Schlegel wollte sich nicht mit dieser erdichteten Glaubenswelt begnügen. Deshalb suchte er nach einer Tradition, in die er sie einordnen konnte, nach einem Fundament, nach Bindung. In dem alten, konfessionell noch nicht zersplitterten Christentum sah er die Urreligion, die Uroffenbarung durch einen Schöpfergott, verwirklicht. Nach und nach verschmolz er in seiner Gedankenwelt die Vorstellung jener christlichen Urreligion mit dem Katholizismus seiner Zeit: In der katholischen Kirche also sah er sie fortleben. Im Einklang damit steht die Hinwendung zum christlichen Mittelalter als idealisierte katholische Epoche.

„Angewandtes, lebendig gewordenes Christentum war der alte katholische Glaube. […] Seine Allgegenwart im Leben, seine Liebe zur Kunst, seine tiefe Humanität, die Unverbrüchlichkeit seiner Ehen, seine menschenfreundliche Mitteilsamkeit, seine Freude an der Armuth, Gehorsam und Treue machen ihn als ächte Religion unverkennbar und erhalten die Grundzüge seiner Verfassung.“ So sprach der Protestant (!) Novalis 1799 vor den Jenaer Romantiker in seiner berühmten Rede über „Die Christenheit oder Europa“. Der Katholizismus als Universalreligion steht im Vordergrund dieser Überlegungen und definiert diesen als das Große, Allumfassende, das die Romantik als Literatur- und Lebensstil kennzeichnen soll. 

Die frühromantische Sehnsucht nach Unendlichkeit führte zum Katholizismus, und für die Spätromantik ist dieser Katholizismus sogar ein Stilmerkmal. Joseph von Eichendorff, selbst einer dieser großen katholischen Autoren, schreibt: „[...], der Inhalt der Romantik war wesentlich katholisch.“ (Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands, Zweiter Teil, 7. Kapitel). 

Essayistik, schriftstellerischer Journalismus und Fiktion sind vom katholischen Gedanken durchdrungen. Ein Beispiel ist Novalis’ eben erwähnte Rede, die zu lesen in Gänze sehr lohnt. Ebenso hat Friedrich Schlegel ein Exemplum katholischer Publizistik der Romantik geliefert: Seine Zeitschrift Concordia gilt als ein katholisches Produkt von Rang. Doch die innigsten und umfangreichsten Zeugnisse des romantischen Katholizismus in Deutschland sind die literarischen Texte selbst. Sie alle zu überblicken, ist eine eigene Monographie wert und kann somit hier nicht geleistet werde. Insofern will ich nur zwei Texte herausgreifen, um daran den katholischen Impetus und Habitus aufzuzeigen. 

Als ganz und gar katholisches Drama hat schon 1918 Richard von Kralik in seiner Weltliteratur im Lichte der Weltkirche Ludwig Tiecks Leben und Tod der heiligen Genoveva, das der renommierte Romantiker 1799 verfasst hat. Für Tieck gibt es keinen Zweifel, dass die „Religion […], die Wüste, die Erscheinungen […], wie der Ton des Gemälhdes [sind], der alles zusammenhält“ (Tieck an Solger, 30. Januar 1817) und sieht seinen Text als den Anfang einer neuen literarischen Tradition, der zahlreiche katholische Autoren folgen sollten (Tieck an Solger, 30. Januar 1817). Genoveva ist durchdrungen vom Glauben an den „Gottessohn, das Siegeslamm, den Schönen, / Der plötzlich alle Seelenwünsche stillet“ (Tieck, Genoveva, S. 421). Das ist der Aufruf zum umfassenden Christusglauben, den Tieck hier in seiner „melodramatische[n] Erlösungsgeschichte“ (Ueding, „Romantisches Drama“, S. 291) artikuliert. Tieck selbst war offiziell zwar kein Katholik: Aber die Forschung geht allgemein von einem Kryptokatholizismus aus, also einem Katholizismus im Geheimen.

Joseph von Eichendorff, der große Epiker und Lyriker der Hoch- und Spätromantik, hat das Lob des katholischen Ordenslebens an den Schluss seines herausragenden Romans Ahnung und Gegenwart gestellt. Graf Friedrich, ein kriegserfahrener Akademiker, kehrt nach ereignisreichen Jahren sich von der Welt ab und findet Kraft und Stärke in der Religion, der er sich als Mönchen ganz und gar hingibt. Die letzten Sätze des Romans, der in den Jahren vor und nach den europäischen Befreiungskriegen gegen Napoleon angelegt ist, sprechen eine deutliche Sprache; sie sollen deshalb auch hier für sich stehen und den Abschluss meiner Beobachtungen bilden: 

Friedrich hatte nichts mehr davon bemerkt. Beruhigt und glückselig war er in den stillen Klostergarten hinausgetreten. Da sah er noch, wie von der einen Seite Faber zwischen Strömen, Weinbergen und blühenden Gärten in das blitzende, buntbewegte Leben hinauszog, von der andern Seite sah er Leontins Schiff mit seinem weißen Segel auf der fernsten Höhe des Meeres zwischen Himmel und Wasser verschwinden. Die Sonne ging eben prächtig auf. (S. 328)   

 

 

Patrick Peters ------  Der Autor Patrick Peters lebt und arbeitet als Journalist, Publizist und Wissenschaftler in Mönchengladbach und promoviert über den Männlichkeitsdiskurs der Göttinger Hainbündler am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaften an der Universität Wuppertal, wo er als Lehrbeauftragter unterrichtet. Patrick Peters, der auch Pressesprecher und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Goethezeitportals ist, führt das Textbüro Patrick Peters (www.peters-textbuero.com) und ist unter pp@peters-textbuero.com erreichbar.

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