Hinaus aufs Land!
Die Stadtflucht nimmt in der heutigen Zeit immer mehr zu, Magazine und TV-Sendungen propagieren ein schönes Landleben. Diese Tendenz kommt aus dem 18. und 19. Jahrhundert und war auch Thema in der Goethezeit.
Von Patrick Peters
Das 18. Jahrhundert und das frühe 19. Jahrhundert (also die Perioden vor und während der Goethezeit) kennen das Thema der Abwendung von der Stadt und die Hinwendung zu einem einfachen Landleben. Nicht einmal die Klassik ist davon ausgenommen, wiewohl man dies durchaus erwarten könnte durch ihre intellektuelle, poetische und moralisch-humanistische Höhe, die sich bisweilen weit von einer ‚profanen’ Welt entfernt.
Mit dem Ende des Barock und der beginnenden Aufklärung betritt die Anakreontik, die von ca. 1730 bis 1770 reicht, als lyrische Spielart des Rokoko die Bühne. Die Dichter, von Gleim bis Uz, von Haller bis Ramler, stellen enthusiastisch das rurale Leben einer imaginierten und auf antike Vorbilder (die Strömung berufen sich auf den altertümlichen griechischen Dichter Anacreon, der viele Jahrhunderte vor Christi Geburt lebte) zurückgehenden arkadischen Schäfer- und Hirtenidylle oder propagieren den Rückzug in einen nicht-öffentlichen, natürlichen Raum wie den Garten oder die viel beschworene Laube (als Ort des glückseligen Weingenusses), wo das Leben simpel ist und keine Merkmale städtischer Existenz aufweist.
Die Empfindsamkeit – wie die Anakreontik eine literarische Strömung der Aufklärung, die von ihrem Beginn in den 1740er Jahren bis in die 1770er Jahre reicht und Texte von Klopstock, Gellert, Goethe und anderen größeren wie kleineren Geistern umfasst – führt eine schwärmerische, gefühlskultisch emphatisierende Verbundenheit zur Natur vor, die sich scharf von der Stadt und den dort herrschenden Verhaltensweisen abgrenzt.
Auch der Sturm und Drang, diese wilde, von der Jugend getragene Geniezeit, wendet sich bewusst dem ländlichen Leben zu. Dies geschieht auch vor dem Hintergrund der Abwendung vor dem Artifiziellen, von gesellschaftlichen Normen: Die ungebändigte Natur ist der Bezugspunkt, in Sturm und Wind, auf dem Gipfel, den gewaltig stürzenden Fluss, der sich rücksichtslos Bahn bricht, unter sich, dort fühlt sich das Sturm und Drang-Genie wohl, dort ist es nicht einge- und beschränkt wie in der reglementierenden Gesellschaft. Freilich ist dieser Ansatz anders ausgestaltet als in Anakreontik und Empfindsamkeit, es geht den Geniedichtern nicht um eine heile Schäferwelt oder tränenreiche Betrachtung des langen Winters und das schwärmerische Erwarten des Frühlings. Vielmehr ist die Natur sowohl Raum als auch Metapher für Ausbruch, für Freiheit, für da Sprengen aller Fesseln.
In der Klassik, der höchsten Blütezeit deutschen Geisteslebens im unerreichten Zentrum Weimar, ist die Sicht auf die Einfachheit des ländlichen Lebens und die Rückwendung zur Natur beschränkt. Anakreontische oder empfindsame Tendenzen gibt es nicht, ebenso wenig wird auf den Sturm und den Drang, den Goethe und Schiller ja in der Klassik hinter sich gelassen haben, zurückgegriffen. Anders gestaltet sich die Wahrnehmung des natürlichen Raumes und des Lebens in diesem aus, die Wahrnehmung ist auf einer anderen Ebene angesiedelt und fokussiert andere Verhaltensmuster und Charakteristika als das die Strömungen davor tun. Wie dies in der Klassik funktioniert, werde ich unten an einem hochrenommierten Beispiel zeigen.
Im 19. Jahrhundert, dessen erste drei Jahrzehnte mit der zweiten Hälfte der Goethezeit (Sturm und Drang und Klassik bilden die erste Hälfte) zusammenfallen, ist der Widerspruch von Stadt und Land/Natur und die Bevorzugung von Naturräumen und einem Leben in dieser Umgebung feste Topik. Es lässt sich wohl kaum ein Text in Früh-, Hoch- und Spätromantik finden, in dem die Stadt beziehungsweise urbane Umfelder positiv bedacht werden. Selbst wenn auf der primären Bedeutungsebene keine Kritik spürbar ist: Spätestens auf Sekundärebene bricht diese durch. Der Fokus liegt ganz klar auf der Natur und ihrer Schönheit (und ihrem Schrecken), die es zu genießen, der es sich hinzuwenden gilt. Die Natur ist das höchste Gut, das man als Mensch erlangen kann. Gerade in der hochdekorierten Epik Novalis’, Eichendorffs und anderer lässt sich diese Tendenz erspüren.
Doch wie schlägt man die Brücke in die heutige Zeit? Was ist das spezifisch Zeitgeistige am Lob des Landlebens und der Emphase der Natur? Wohl die Tatsache, dass wir auch dieser Tage vor der Beobachtung stehen, dass sich ein stetiger Rückgang in die Natur abzeichnet. Und dieser Rückzug ist nicht theoretisch-literarischer Natur, sondern vielmehr ein praktischer. Das lässt sich leicht nachweisen; die Publikumsmedien helfen dabei.
Während es kaum journalistische Formate zu Themen wie ‚Urban Lifestyle’, ‚Stadtkultur’ etc. gibt, explodieren seit geraumer Zeit Magazine, Portale und TV-Sendungen, die sich mit Landliebe, privater Gärtnerei, Eigenproduktion von Gütern und anderen solcher Konzepten positiv befassen, mehr noch, die Leser, Hörer und Zuschauer dazu aufrufen, sich diesen Tendenzen anzuschließen und als Mentalität anzunehmen.
Diese Produkte haben mittlerweile enorme Reichweiten generieren können, woraus sich schließen lässt, dass die von Landlust und Co. propagierten Lebensstilkonzepte, die sich beinahe vollumfänglich mit den zwischen 1730 und 1830 vergleichen lassen, heute von besonderer Bedeutung sind. Die Tendenzen von Aufklärung und Goethezeit lassen sich also heute wiederfinden! Die Literatur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts hat also für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts höchste Relevanz und Aktualität, da sie die Basis geschaffen hat.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel, um die Beobachtungen gebündelt zu verifizieren. Handarbeit, einfaches, aber schönes Leben und eine stadtferne, mithin sehr natürlich, bisweilen karge Umgebung sind in allen hier genannten Strömungen das Summum bonum, um den antiken Begriff für das ‚höchste Gut’ zu benutzen. In Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre, ein großes, spätes Zeugnis klassizistischer epischer Kunst, geht es „wieder um den Menschen: wie angesichts der Gefahren und Schwierigkeiten des beginnenden Maschinen- und Massenzeitalters ein erfülltes Leben möglich sein kann“ (Wolfgang Wittkowski). Wilhelm Meister trifft auf seiner Wanderung auf den Handwerker Joseph, der ihm als ein Muster an Tugend und Frömmigkeit erscheint und dessen Familie ihn an die Heilige Familie des Neuen Testaments erinnert (wie Jesu Christi ‚Vater’ Joseph ist auch der epische Joseph Zimmermann). Dieser Zimmermann Joseph ist überall im Gebirge – dort lebt er in einer sehr ländlichen, einfachen Umgebung, die von vielen ärmlichen Menschen bevölkert wird – für seiner Hände Kunst bekannt, die sich somit dem Fortschritt der Zeit, der Maschinisierung und Industrialisierung, entgegensteht.
‚So vergingen einige Jahre’, fuhr der Erzähler fort. ‚Ich begriff die Vorteile des Handwerks sehr bald, und mein Körper, durch Arbeit ausgebildet, war imstande, alles zu übernehmen, was dabei gefordert wurde. […] Mein Meister war zufrieden mit mir, und meine Eltern auch. Schon hatte ich das Vergnügen, auf meinen Wanderungen manches Haus zu sehen, das ich mit aufgeführt, das ich verziert hatte. Denn besonders dieses letzte Einkerben der Balken, dieses Einschneiden von gewissen einfachen Formen, dieses Einbrennen zierender Figuren, dieses Rotmalen einiger Vertiefungen, wodurch ein hölzernes Berghaus den so lustigen Anblick gewährt, solche Künste waren mir besonders übertragen, weil ich mich am besten aus der Sache zog […]. (S. 29)
Dieser Emphase traditioneller Handwerkskunst wird das Lob der natürlichen Umgebung beigestellt, um diese gegen die ‚Stadt’ (symbolisiert im „flachen Lande“) abzugrenzen:
Überhaupt hat das Gebirgsleben etwas Menschlicheres als das Leben auf dem flachen Lande. Die Bewohner sind einander näher und, wenn man will, auch ferner; die Bedürfnisse geringer, aber dringender. Der Mensch ist mehr auf sich gestellt, seinen Händen, seinen Füßen muß er vertrauen lernen. Der Arbeiter, der Bote, der Lastträger, alle vereinigen sich in einer Person; auch steht jeder dem andern näher, begegnet ihm öfter und lebt mit ihm in einem gemeinsamen Treiben. (S. 26)
Die Medienhäuser der Republik sind der Beweis dafür, dass das, was Goethe seinen Zimmermann Joseph in Wilhelm Meisters Wanderjahre berichten lässt, auch heute noch Gültigkeit besitzt. Die heutige Publizistik ist genau wie die goethezeitliche und vor-goethezeitliche von einer Tendenz durchsetzt, die Gesellschaft aus der Stadt hinauszuführen – somit liegt der Ursprung dieses Konzeptes unserer Zeit weit in der Vergangenheit.
------ Der Autor Patrick Peters lebt und arbeitet als Journalist, Publizist und Wissenschaftler in Mönchengladbach und promoviert über den Männlichkeitsdiskurs der Göttinger Hainbündler am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaften an der Universität Wuppertal, wo er als Lehrbeauftragter unterrichtet. Patrick Peters, der auch Pressesprecher und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Goethezeitportals ist, führt das Textbüro Patrick Peters (www.peters-textbuero.com) und ist unter pp@peters-textbuero.com erreichbar.