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Der Mann aus der Vergangenheit  

Wer sich heute mit der Männlichkeit befasst, wird vermehrt einen weichen, empfindsamen Typus vorfinden. Dieser ist aber keine Schöpfung der Gegenwart, sondern so alt wie der philosophische und literarische Diskurs über den Mann.

Von Patrick Peters

Die Autorin Nina Pauer hat sich Anfang des Jahres in der Wochenzeitung Die Zeit empört (http://ninapauer.wordpress.com/2012/01/06/die-schmerzensmanner). Pauer, bisher nicht in der Geschlechterforschung in Erscheinung getreten, beklagt in ihrem Artikel, der Antworten in renommierten Blättern wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach sich zog, den Verlust von Männlichkeit in der Gegenwart.   

„Der junge Mann von heute feiert nicht trunken vor Glück mit seiner neuen Liebsten – er steht abseits und fröstelt. Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich ist er, melancholisch und ratlos. Er hat seine Rolle verloren“ – das ist der Kern von Pauers Artikel. Sie präsentiert einen Männertypus, der sich durch eine umfassende, charakterliche wie körperliche Weichheit auszeichnet: „Einfühlsam, reflektiert, rücksichtsvoll und bedacht, gerne auch einmal: schwach sollte er sein“, dies sei ihm durch die Anforderungen der modernen Gesellschaft eingegeben.    

Für Nina Pauer sind die Merkmale aber gerade nicht die, die den Mann eigentlich konstituieren sollten. Das lässt folgende Deduktion zu: Pauer erwartet von einem Mann das Gegenteil! Er soll nicht weich sein, sondern zwingend andere Merkmale explizieren. Doch welche Merkmale sind das oder könnten das sein? Und woher kommt der Widerspruch innerhalb der Männlichkeit, den Pauer durch ihre Kritik an diesem Typus impliziert?  

Um diese Fragen zu beantworten, muss der Blick zurückgehen in die Goethezeit. Denn ab 1770 bricht nicht nur erwiesenermaßen die Geschlechterdifferenz in philosophischen und literarischen Texten durch. Auch die grundlegende Definition von Männlichkeit wird vorgenommen, und es wird mit dem empfindsamen Mann ein dem traditionellen Männlichkeitsverständnis diametral entgegengesetzter Typus entworfen. Diesen Konflikt will ich als Binnendifferenz der Männlichkeit bezeichnen. Die Goethezeit ist also auch die Zeit verschiedener Männlichkeiten – einen Begriff, den ich unter anderem gemeinsam mit dem Straßburger Germanisten Klaus Wieland nutze –, und diese männlichkeitsgeschichtlichen Denksysteme haben sich ihren Einfluss bis in unsere Zeit erhalten. Nina Pauer gibt uns mit ihrem „junge[n] Mann“ das plakative Beispiel dafür.  

Spätestens mit dem beginnenden Sturm und Drang definieren Literaten und Philosophen die Männlichkeit und gestalten das Wesen des Mannes nachhaltig. Kants Ehemänner, Schillers Karl Moor, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts hoch verehrte mythohistorische Figur Hermann der Cherusker: Sie alle bringen spezifisch männliche Merkmale in den Diskurs mit ein, die das ganzheitliche, positive Bild des Mannes prägen und auch heute noch landläufig als Ausprägungen 'echter' Männlichkeit angesehen werden – so von Nina Pauer, der genau diese Merkmale beim Typus in „Baumwollstrickjacke hinter einer Hornbrille“ fehlen.  

Der Wiener Historiker und Männlichkeitsforscher Wolfgang Schmale hat, ausgehend von seinen historischen, sozial- und literaturgeschichtlichen Untersuchungen eine Übersicht über die Merkmale, durch die sich Männlichkeit ab dem späten 18. Jahrhundert definiert, zusammengestellt. Einige Beispiel für Merkmale, denen eine besondere konstitutive Rolle zukommt und die gerade auf der Grundlage der Beobachtungen Pauers von Interesse sind, sind: „Angreifer (gegenüber der Frau)“, „Mut“, „Stärke“, „Erzeuger des Lebens“, „Phallus“, „energisches Auftreten“ und „fester Wille“.    

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, aber man erkennt anhand dieser Auswahl, in welche Richtung Charakter und Körper des Mannes deuten, wie sich Männlichkeit präsentiert und durch welche Merkmale ein Mann überhaupt zum Mann wird. Schließlich bedeutet, ein Mann zu sein, nicht nur, keine Frau zu sein. Männlichkeit ist eine gleichermaßen biologische wie soziale Ausprägung, und diese Kategorien – in der Geschlechterforschung als sex und gender bezeichnet – müssen zusammenspielen, damit der Mann als Mann wahrgenommen wird.  

Was passiert, wenn sich der Mann diesen von ihm erwarteten Ausprägungen entzieht, ja sogar absichtlich sich als Gegenteil davon definiert, hat die Goethezeit ebenfalls dargelegt: in Form des empfindsamen Mannes. Er betritt bereits im Sturm und Drang, also im Laufe der 1770er Jahre, die Bühne – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn gerade im Drama entwickeln Autoren den Typus des empfindsamen Mannes, immer im Widerspruch zur anderen männlichen Hauptfigur der Epoche, dem genialen Mann, auch als Kraftkerl bezeichnet. Dieser Kraftkerl ist die personificatio aller männlichen Merkmale, die Schmale für die Zeit als grundlegend auffasst, und übersteigert diese in vielerlei Hinsicht so weit, dass er seine eigene Männlichkeit absolut und gleichsetzt mit seiner Geniehaftigkeit und dieser Haltung alles andere unterordnet.  

Wenn Schmales gesammelte Merkmale den Mann beschreiben, wie er sein sollte, dann spiegelt der empfindsame Mann den Typus, den Pauer vor Augen hat: Den nämlich, der „denkt und fühlt und leidet“. Nehmen wir Johann Anton Leisewitz' Figur Julius von Tarent des gleichnamigen Dramas als Beispiel. Der Fürstensohn entzieht sich der traditionellen Männlichkeit, indem er seiner öffentliche Repräsentationspflicht nicht nachkommt und den Krieg zum Wohle der Nation ablehnt, indem er verbale und körperliche Konflikte vermeidet und zu tränenrühriger, ausladend erläuternder Weltbeobachtung neigt, und indem er es nur durch Vermeidung und Verständnis schafft, seine Ziele durchzusetzen.    

Der empfindsame Mann ist in allem das Gegenteil des Mannes, wie er sein sollte und wie er positiv wahrgenommen wird. Der Verständnisvolle, Weiche, Sensible ist kein Vorbild, er kann sich in der Welt nicht behaupten: In keinem literarischen Text wollen andere Figuren sein wie er, in keinem theoretischen Text wird er zum gesellschaftlichen Ideal stilisiert, und ums Leben kommt er, in Drama wie Roman, ohnehin.    

Ihm fehlen nicht nur die männlichen Merkmale, sondern dadurch auch die Wahrnehmung als Mann im Ganzen. Er will nicht einmal ein Mann sein, er lehnt sogar die ganze geschlechtliche Semantik ab und platziert sich außerhalb dieser Kategorie: „In der Tat, diese Idee scheint die Vernunft zu erwecken; ich rief: ‚Julius, Julius, sei ein Mann!‘ – Ja, ich sprach das ‚Julius, Julius!‘ als wenn es die Standhaftigkeit spräche, aber das ‚sei ein Mann!‘ zerschmolz wieder in einen Seufzer der Liebe.“ (1. Akt, 1. Szene). Der Vorwurf, der daraus folgt: Der empfindsame Mann sei weibisch, da ihm die Charakteristika des Mannes fehlen. Deshalb existiert er gar nicht mehr als Mann, maximal als biologisch männliches Individuum. So ist auch die Beleidigung des Guido von Tarent, Julius‘ Bruder zu verstehen: „Glaube mir, wenn man dich wie ein liebeskrankes Mädchen im Pomeranzenwalde irren sieht, man sollte dich eh’r für den Preis als den Kämpfer halten!“ (1. Akt, 2. Szene).  

Und beschreitet nicht auch Nina Pauer diesen Weg? Beschreitet sie ihn nicht bereits lange bevor das abwertende Schlagwort der „Waschlappen-Metapher“ fällt? Fehlen nicht dem Mann, der unter die Kategorie „Schmerzensmänner“ (!) subsumiert wird, alle Merkmale, die ihn eigentlich definieren sollten? Ist er nicht der empfindsame Mann der Goethezeit, der sich nicht zurecht findet, der nicht bestehen kann, weil er auf der Ebene der Männlichkeit vollumfänglich scheitert?  

Er ist es. „Der junge Mann von heute“ ist die Resurrektion des männlichen Antitypus der Goethezeit, der auch in den nachfolgenden Epochen zu jeder Zeit als Negativbeispiel der Männlichkeit fungieren musste. Man denke nur an den homme fragile der vorletzten Jahrhundertwende, der unter anderem in Rilkes Figur Malte Laurids Brigge Niederschlag gefunden hat. Die geschlechtertheoretische Grundlage für Pauers Negativtypus wurde vor rund 230 Jahren geschaffen. Man kann Pauers Beschreibungen relativ leicht mit den Eigenschaften des empfindsamen Mannes parallel setzen: „die neue männliche Innerlichkeit“, „das subtile Nachhorchen in die tiefsten Windungen der Gefühlsregungen“, in seinem „moderne[n] Werthertum singt er mit Bon Iver, einem bärtigen Barden in Holzfällerhemd und Kastratenstimme zur Akustikgitarre hymnisch seine Gefühle hinaus, wie er zieht er sich innerlich in eine Hütte im Wald zurück, um seine Trauer zu verstehen und zu artikulieren“ (siehe da, Pauer selbst greift auf goethezeitliche Kategorien zurück).  

Die Ergebnisse zeigen uns, woher diese zeitgeistige, ausgesprochen weiche Form von Männlichkeit stammt. Die Binnendifferenz der Männlichkeit ist also kein neues Problem, sondern so alt wie der Diskurs über den ‚Mann‘ an sich. Die Goethezeit hat dieses geschlechtertheoretische Modell errichtet, die grundverschiedenen Männlichkeit konstituiert und gleichzeitig definiert, welche Männlichkeit wie wahrgenommen und bewertet wird. Denn wie bereits beschrieben wurde: Der empfindsame Mann ist zu keiner Zeit zu einem männlichen Ideal erhoben worden, ganz anders als der Mann, der nach den von Wolfgang Schmale gesammelten Eigenschaften ausgeprägt ist. Insofern lassen sich diese historischen Kategorien heute noch anwenden. Der Blick in die Goethezeit eröffnet uns neue Bewertungsperspektive für ganz aktuelle Probleme und Fragestellungen.   

 

 

Patrick Peters ------  Der Autor Patrick Peters lebt und arbeitet als Journalist, Publizist und Wissenschaftler in Mönchengladbach und promoviert über den Männlichkeitsdiskurs der Göttinger Hainbündler am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaften an der Universität Wuppertal, wo er als Lehrbeauftragter unterrichtet. Patrick Peters, der auch Pressesprecher und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Goethezeitportals ist, führt das Textbüro Patrick Peters (www.peters-textbuero.com) und ist unter pp@peters-textbuero.com erreichbar.

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