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Brief an Kleist 

Von Ingeborg Arlt


Sehr verehrter Herr von Kleist, 

mein Brief an Sie kommt zweihundert Jahre zu spät. Ich schreibe ihn trotzdem, weil ich weiß, dass Menschen wie Sie über Jahrhunderte und Nationen verstreut sind. Vielleicht erreicht er ja Ihresgleichen. 

Wobei das der springende Punkt ist: Wer ist Ihresgleichen? Eine schon mehrfach für den Nobelpreis nominierte Schriftstellerin unserer Zeit – der Nobelpreis, Herr von Kleist, ist eine Auszeichnung, mit der einem eine größere Geldsumme, eine größere Aufmerksamkeit und ein Händedruck des schwedischen Königs zu Teil werden, -wurde wegen eines ihrer Werke, das sich mit Ihnen beschäftigt, dafür gerügt, dass sie schrieb: „Vorgänger ihr…“ 

Denn es scheint eine stillschweigende Übereinkunft zu geben: Es ist kein Ort, nirgends, für die Äußerungen jenes Selbstbewusstseins, das ein Dichter braucht, um Großes zu schaffen. Große Dichter sind tot. Lebende haben sich klein zu machen. Wer gegen diese Übereinkunft verstößt, fordert seine nächste Umgebung heraus. 

Und wehe dem, der dann nur seine nächste, der dann keine hilfreiche weitere hat! Sie waren doch von Ihrer nächsten Umgebung abhängig, Herr von Kleist? Und wie hieß doch gleich jener Vorgesetzte, der Sie missbilligend wissen ließ, ihm sei zu Ohren gekommen, Sie machten Verse? Sie haben das Weite gesucht. Sie haben sich lebenslang um die Weitung Ihres Horizontes bemüht. Sie haben nach einer Lebensmöglichkeit gesucht, die Ihnen, Ihren Fähigkeiten, Ihrem Wissen entsprach. Und Sie haben immer dasselbe gefunden: An wechselnden Schauplätzen die gleiche Situation. 

Ungeachtet dessen heißt es noch heute -heute, Herr von Kleist, zweihundert Jahre später, da doch noch ganz andere biografische Bewegungen üblich sind! -Sie seien unstet gewesen. Unstet und unangepasst. 

Ja, w e m hätten Sie sich denn damals anpassen sollen! Der Mathematiker Karl Friedrich Gauß – nebenbei bemerkt: Ihr Altersgenosse, er wurde im selben Jahre geboren wie Sie -, hat von dem abstrahiert, worunter Sie litten. Die so genannte Gaußsche Normalverteilung dient der rechnerischen Erfassung von Abweichungen, wie Sie vom mittleren Maß eine waren. Das Mittelmaß, zeigt sie, kommt am häufigsten vor. Abweichungen davon werden seltener in dem Maße, in dem sie es unterschreiten oder, wie in Ihrem Fall, überragen. Und das heißt, dass, da die Intelligenz des Mittelmaßes hundert ist, Sie, Herr von Kleist, bei einem Intelligenzquotienten von 115 nur in 16 % der Bevölkerung adäquate Gesprächspartner gefunden hätten, bei einem von 129 gar nur noch 6 %. Und die sollten in Ihrer Familie, unter Ihren Regimentskameraden, unter Ihren Vorgesetzten gewesen sein? 

Und wenn man dazu noch die besondere Disposition bedenkt, die einen Menschen zum Dichter macht, dieses merkwürdige Gemisch aus Sensibilität, Naivität, Wissbegier und Problembewusstsein; wenn man dazu noch in Betracht zieht, dass unter Kindern nicht der anders Beschaffene sich von der Gruppe trennt, sondern die Gruppe sich meistens von ihm; wenn man berücksichtigt, als wie irritierend, wie schmerzlich man als Kind diesen Vorgang erlebt; auch bedenkt, wie früh Sie Vater und Mutter verloren und dass eine Uniform keine Nestwärme gibt -dann kann man Ihre Integrationsleistung nur noch bewundern. Von wegen: Sie und unangepasst! 

Sie, sich anpassend wo Sie nur konnten, störten durch etwas Anderes, durch denselben Drang, von dem schon Goethe beseelt war: Sich zu entfalten, zu wachsen, sich ganz auszubilden. Nur hatten Sie es noch schwerer als Goethe, der damit auch schon auf wenig Verständnis stieß. Es ist halt ein Unterschied, Minister oder auf Arbeitssuche zu sein. Übrigens: Was wäre denn zu Ihrem Vorgehen die Alternative gewesen! Sich zurückzunehmen? Hätten Sie statt der Studienfächer, Lebenspläne und Aufenthaltsorte lieber sich selbst ändern sollen? Wären Sie etwas zurückhaltender gewesen – was man heute „sich nicht so weit aus dem Fenster lehnen“ nennt -, hätten Sie sich nicht immer so weit aus dem Fenster gelehnt und wären Sie etwas bescheidener gewesen, etwas pragmatischer, das vor allem: etwas pragmatischer, Herr von Kleist, denn nur wer keine Ideale hat, lebt auch heut ideal, -Sie hätten damals ruhiger und besser gelebt. 

E.T.A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff, ähnlich in die Enge getrieben wie Sie, wählten als Ausweg, sich in zwei Hälften zu spalten. Sie opferten eine Hälfte der Geistlosigkeit, um durch das Opfer die andere schützen und nähren zu können. Hoffmann litt als Jurist unter der Doppelzüngigkeit und den Automatismen einer Bürokratie und schrieb als Dichter Geschichten von Doppelgängern und Automaten. Eichendorff, einsam, so einsam unter seinen Kollegen in den Kanzleien, ließ sich von Tälern weit und Höhen erheben und den niederdrückenden Büroalltag verachtete er in Versen wie diesen: „Aktenstöße nachts verschlingen / schwatzen nach der Welt Gebrauch / Und das große Tretrad schwingen / wie ein Ochs, das kann ich auch. // Aber glauben, dass der Plunder / eben nicht der Plunder wär, / sondern ein hochwichtig Wunder / das gelang mir nimmermehr.“ 

Ihnen, Herr von Kleist, gelang nimmermehr, auch so zu leben. Sie hatten es ja versucht! Aber zu sehr, zu leidenschaftlich, zu ernsthaft waren Sie vorher aufs Ganze gerichtet gewesen, um sich noch dauerhaft halbieren zu können. Sie haben sich schließlich gehen lassen -nach so vielen Zwängen. Sie sind, vierunddreißigjährig, gegangen, haben sich das Leben genommen und uns Ihre weiteren Werke, und wer hätte das Recht gehabt, Sie zu hindern. 

Und doch – Und doch, Herr von Kleist, ich wünschte, dieser Brief aus der Zukunft hätte Sie damals erreicht. Hätte Ihnen vor jenem Schuss, den Sie auf sich abzugeben beschlossen hatten, noch einmal vor Augen gehalten, dass die Kraft, die ein Dichter in seinem Leben aufbringt, in sein Werk eingeht und sich überträgt. Dass Ihresgleichen diese Kraftübertragung doch braucht! 

Dass sich Sprach-und Umgangsstil der Deutschen in zweihundert Jahren zwar geändert haben würden, doch Dummheit Dummheit, Dünkel Dünkel, und Enge Enge geblieben sein würde und die Gaußsche Normalverteilung zeigt auch heute noch des Mittelmaßes mengenmäßige Vorherrschaft an. Auch, ich sag‘s Ihnen nur, damit Sie Ihresgleichen zunicken können, - auch auf dem Buchmarkt. 

Wo den besten Stand nämlich die Leute haben, die der Literatur schon gestorben sind. Oder ihr nie gelebt haben. Und wo man am erfolgreichsten ist nicht mit Originalen, sondern mit Kopien von dem, was sich gerade am besten verkauft. Das heißt, Ihresgleichen, Herr von Kleist, kann sich auch heut nicht verkaufen. Und muss sich spalten wie Hoffmann und Eichendorff und hat dann Kollegen und hat dann Vorgesetzte und zwar, ich weiß, wovon ich rede, auch solche wie Eichendorff sie beschrieb, Leute, „so wohlbehaglich schauend / froh dem eignen Nichts vertrauend“. 

Ich wünschte, Sie hätten damals, Sie wissen schon: ein paar Tage noch v o r jenem Novembertag am Kleinen Wannsee, ich wünschte, Sie hätten dies lesen können und hätten erfahren, dass Ihresgleichen auch heut einsam ist. Und Sie braucht. Das braucht, zum Beispiel, was nun als Kleistscher Prosastil berühmt ist, diese wunderbar gegliederten Sätze, die beweisen, um wie viel mehr Sie an dem interessiert waren, was die Gegenstände ordnet, als an den Gegenständen selber. Denn das ist ein Interesse, das auch Ihresgleichen hat und das in engerer Umgebung ja niemand sonst teilt. 

Nicht die besseren Texte, lieber Herr von Kleist, sondern die besseren Beziehungen helfen bei der Verlagssuche und dagegen bietet nicht der Kollege am benachbarten Schreibtisch Hilfe, sondern jener, der sich vor zweihundert Jahren erschoss. Auch mir hat Ihre berühmte Wendung von der „gebrechlichen Einrichtung der Welt“ schon oft geholfen, sie auszuhalten. Und wenn es mir schon so geht -um wie viel mehr dann erst Ihresgleichen! 

Ich weiß, ich darf Ihnen nichts vorhalten. Meine Trauer aber doch. Und meinen Gruß. 

Es darf Sie grüßen Ihre Ingeborg Arlt 

Brandenburg an der Havel, im Jahr 2011 

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