- Zwei Konzerne regieren die Welt.
- Aha, sage ich.
- Das spielt alles in der Zukunft. In naher Zukunft, sagt Boris. BURGUNDERSTAHL. So heißt der eine Konzern. Er ist für die Hardware zuständig. Für die Software sorgt METRO MEDIA. Die liefern die Meinungen, die Ansichten, die Ideen. Sie liefern die Gründe, aus denen die Leute sich gegenseitig die Schädel einschlagen.
- Also, sie liefern die ... wie nennst du das?
- Meme, sagt Boris. Was dem Körper die Gene, sind dem Geiste die Meme. Das ist Wissenschaft.
- Okay. Und BURGUNDERSTAHL, Worms, wäre demzufolge Gen-Sache?
- Ja. Meme und Gene. Die Welt ist zweigeteilt.
- Verstehe.
- Ein gigantisches Medienimperium. METRO MEDIA. Alle Fernsehprogramme gehören ihnen. 104. Von MeMe 1 bis MeMe 104. Alles derselbe Sender.
- Und in Worms spucken die Hochöfen derweil Panzer aus?
- Ja. Und nun kommt's. Ein Konflikt. Der Erbe von BURGUNDERSTAHL. Gunther. Er wird lächerlich gemacht von der rechten Hand des Chefs von METRO MEDIA. Vom sagenhaften Siggi. Einem Jugendfreund Gunthers.
- Wie das?
Ich schenke uns allen noch einmal Wein nach. Selbst Anne hängt jetzt an Boris' Lippen.
- Gunther ist auf Brinnie scharf, erklärt Boris. Er hat sie in einem Stripteaselokal kennengelernt. Sie arbeitete da als Tänzerin. Er ist ihr sofort verfallen, als er ihr Brüste sah. Da war es um ihn geschehen. Liebe auf den ersten Blick, sozusagen. Weil er aber ziemlich schüchtern ist, hat er seinen Kumpel Siggi, einen Mann von Welt, gebeten, Brinnie an ihren Tisch einzuladen. Siggi aber hat nicht nur gleich Brinnie auf ihrem Schminktisch genagelt, als er bei ihr in der Garderobe war ...
Ich schaue zu Anne hinüber, aber sie läßt Boris den Ausdruck durchgehen.
- ... nein, später, in der Hochzeitsnacht, ruft Gunther Siggi ein weiteres Mal zu Hilfe. Brinnie hat ihn aus dem gemeinsamen Bett geschmissen. Sie hat ihn verhöhnt. Siggi soll ihm jetzt helfen, mit der Furie fertig zu werden. Und das tut Siggi auch. Und wie. Er tut's auf seine Art. Er fesselt Brinnie, und dann besteigt er sie gleich auch noch. Hinterher sagt er zu Gunther, lachend: "Ich hab sie dir zugeritten. Viel Spaß noch mit deiner heißen Stute!" Und geht ab.
Anne pfeift durch die Zähne.
- Und das hast du dir alles ausgedacht, Boris? fragt sie. Und aufgeschrieben?
Boris winkt ab. Es drängt ihn, weiterzuerzählen.
- Laß mal, Anne, sagt er. Als Gunthers alter Herr von den Vorgängen in der Hochzeitsnacht erfährt, steht für ihn fest: Dafür muß Siggi büßen! Siggi muß sterben. Er ruft einen seiner Schergen zu sich. Sonny Smith. Ein Hüne. Total loyal. Der Alte gibt ihm den Auftrag, Siggi zu beseitigen.
- Und an dieser Stelle kommt Des Hero ins Spiel? frage ich.
Boris nickt. Er zündet sich noch eine Zigarette an. Der Aschenbecher quillt schon über. Draußen hat die Nacht sich mit ihrem schwarzen Hintern auf die Nachbardächer gesetzt. In der Ecke hockt Boris' Nachbar. Er hat die Augen geschlossen. Vielleicht schläft er.
- Des Hero, ja, sagt Boris. Für mich steht er in der Mitte meines Geschichtenzyklus, obwohl er bloß eine Randfigur ist. Ein Briefkasten auf dem Weg. Man geht daran vorbei. Morgen für Morgen, während man sein Auto sucht. Die meisten bemerken ihn gar nicht. Mir aber hat sein Bild sich eingebrannt.
- Des Hero erschießt Siggi, sage ich, und Siggis Frau? Und entführt Siggis Sohn?
- Der Sohn, ja. Darauf hat Gunthers Vater bestanden. Der alte Herr. Er will eine Entschädigung. Er will Siggis Sohn. Vielleicht will er ihn auch als Nachfolger, weil er kein sonderliches Vertrauen in die Gene seines eigenen Sprößlings hat.
- Brutal, sage ich.
- Ein Krieg liegt in der Luft. Privatarmeen. In Boris' Gesicht arbeitet es. Ein unvorstellbares Gewaltpotential. Ehemalige Söldner. Ehemalige Gladiatoren. Sie stampfen und schnaufen. Sie brennen.
- Es gibt Gladiatorenkämpfe in der Zukunft? 2015?
- Ja.
Das Päckchen mit den Zigaretten ist leer, und Boris wirft es zurück auf den Küchentisch. Er wendet sich Anne zu, die ihn gebannt anschaut. Er hebt die Augenbraue. Er staunt. Schnell redet er weiter:
- Ja, Gladiatorenkämpfe, genau. Ich kam darauf, als ich in so einem "Geo Epoche"-Heft gelesen habe. Über das römische Imperium. Dieses bekannte Bild. Das Ende eines Gladiatorenduells. Ein Gepanzerter drückt seinen Fuß auf die Kehle des Besiegten. Er schaut hinauf zum Publikum, das Schwert einstichbereit. Frauen, in weißen Tüchern, direkt am Rande des Arena-Runds, senken den Daumen. Sie keifen wild. Eine aufgebrachte Weibermenge.
- "Pollice verso", sage ich. Von Jean-Léon Gérôme. Gemalt 1872. Glaube ich.
Ich sage das nicht, weil ich es weiß, sondern weil's halt dasteht.
- Und weiter? stößt Anne atemlos hervor. Sie kann immer noch ihren Blick nicht von Boris lösen.
- Äh, wie, weiter?
- Na, wie geht's weiter? In deinem Erzählungszyklus.
- Ich weiß noch nicht so genau, sagt Boris. Im Augenblick ist das der Stand der Dinge.
- Klingt aber schon mal wirklich gut, sage ich.
Der Mitbewohner knurrt aus seiner Ecke. Es klingt nach Zustimmung. Hat er also doch nicht geschlafen?
- Ich meine, ich bin kein Romancier, sagt Boris. Ich erzähle diese Geschehnisse alle sehr experimentell. Ich muß mich da ganz auf meine Muse verlassen.
- Ja, aber warum das denn? will Anne wissen.
- Weil ich's nur so erzählen kann. Auf meine Art. Boris' Stimme hebt sich. Anders geht's nicht.
- Schreib's doch lieber als Roman, sagt Anne.
- Ich sage doch. Ich bin kein Romancier. Ich kann keine Romane schreiben. Das liegt mir nicht.
- Liegt dir nicht.
- Nein, das liegt mir nicht.
- Das liegt dir nicht, weil man damit auch mal ein bißchen Geld verdienen könnte. Weil es nach Arbeit aussehen könnte, wenn du einen Roman schreibst. Nach niederem Broterwerb.
Anne ist schon wieder wütend. Sie ist schon wieder auf 180.
- Nein, verteidigt sich Boris. Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich habe nichts gegen Arbeit.
- Ach, du hast nichts gegen Arbeit!
- Du bist nur nicht dafür gemacht, oder wie? bemerke ich mit einem Augenzwinkern.
- Ja, genau, springt Anne auf den Zug auf, der, aus meinem Munde kommend, an ihr vorüberfährt. Du bist nur nicht dafür gemacht! sagt sie zu Boris und lacht.
- Ich bin ein Poet, sagt Boris. Er schaut sehr nachdenklich drein dabei. Beim Poeten kann man die Grenze zwischen Schöpfertum und Selbstzerstörung nur schwer bestimmen. Oder ist das Schöpferische gar identisch mit Selbstzerstörung? Sehenden Auges muß der Poet sich in den Abgrund stürzen, der sich in ihm auftut - nein. Der er ist. Er selbst ist ja dieser Abgrund, in den er sich wirft. Immer und immer wieder. Während andere ihr Haus bauen.
- Ach, komm, sagt Anne genervt und dreht sich weg.
- Aber vielleicht hat Boris recht? rufe ich aus. Vielleicht ist er wirklich eine zu noble Seele, um einen Roman zu schreiben?
- Ich kann dir sagen, was passieren würde, wenn ich schlichte Größe einen Roman schriebe, ruft Boris, an Anne gewandt. Ich würde versuchen, mich über eine Grenze zu pushen. Damit alles immer wilder wird, immer absurder, immer bedeutsamer und literarischer. Und? Was käme dabei heraus? Am Ende ist alles in einer Sauce ertränkt, in hysterischer Bedeutungslosigkeit. Abgesoffen ist es. Genau das würde passieren.
Boris blinzelt.
- Ich brauch jetzt Zigaretten.