goethe

Der Copytest

ERSTER AKT

 

RM: (tritt ein, schließt schüchtern die Tür hinter sich).

CD: So, hallo. Nehmen Sie doch Platz. Wie heißen Sie?

RM: Robert Mattheis ist mein Name.

CD: Herr Mattheis. Schön. Wollen wir anfangen? Prima. Stellen Sie sich doch bitte mal vor, Sie sollten ein Produkt oder eine Dienstleistung erfinden und verkaufen. Was fällt Ihnen da spontan ein?

RM: Ja ... da bin ich jetzt blockiert. Da ist mein Gehirn wie ein weißes Blatt. Horror vacui. Sorry.

CD: Sorry, wieso sorry? Hauen Sie mal einen raus. Reden Sie frisch von der Leber weg. Na?

RM: Tja, ich ...

CD (springt auf): Sehen Sie mich an. Hier. Schauen Sie auf mich. Ich bin der Kunde. So. Was haben Sie für mich? Eine Idee, eine Copy, die sich gewaschen hat?

RM: Gewaschen?

CD: Ach, kommen Sie! KOMMEN SIE! Seien Sie kreativ. He? Wenn Sie mich so anschauen. Was brauche ich? Vielleicht ja einen neuen Stuhl. Dieses olle Ding hier. Das ist doch ein Scheiß. Viel zu ... massiv. Zu wichtigtuerisch. Warum nicht was Schlankes, Blattartiges?

RM: Ja ... warum nicht?

CD: Oder der Gürtel. Immer diese Scheiße hier mit dem Einfädeln, dann reißt wieder ein Loch aus, nur weil man mal richtig zu Mittag gegessen hat. Das ist doch nichts!

RM: Das könnte man sicher optimieren, sicher.

CD: Oder das Telefon. Hören Sie mal. (Hebt den Hörer ab, hält ihn kurz in der Luft, knallt ihn dann mit Wucht auf den Apparat.) Wie das scheppert! Man kann nicht mal richtig mit Verve seinen Job machen, weil immer dieses verkackte Telefon kaputt geht davon.

RM: Das ist ... da könnte man vielleicht so ein Kissen ... ?

CD: Ein Kissen, genau. Ein Stopper-Kissen. Da haben wir doch schon was! Der Spot dazu dreht sich doch von allein! Schauen Sie. So ein dicker alter Sack wie ich. Schnappt sich das Telefon, brüllt seinen Automechaniker an und knallt den Hörer auf die Gabel. Hörer zerspringt in tausend Teile, die Brille ist auch noch im Arsch.

RM (kichert unsicher): Das würde sicher lustig werden, ja.

CD: Die Leute daheim vorm Fernseher sagen: Hey, schau mal, Schatz. So geht’s mir auch immer im Büro. Und dir beim Bügeln!

RM: Beim Bügeln?

CD (setzt sich langsam wieder in seinen Sessel): Ist doch scheißegal. Werbung ist Gefühlssache, Herr Mattheis. Lassen Sie Ihr Herz sprechen. Machen Sie keine Mördergrube draus. Okay?

RM: Ja. Einverstanden.

 

ZWEITER AKT

 

CD: Hm. Okay, Herr Mattheis. Mal was anderes. Eine einfache Frage. Warum würden Sie lieber bei einem privaten Wettanbieter wetten als bei einem staatlichen?

RM: Ja ... und wenn ich nun weder das eine noch das andere tun will?

CD: Glauben Sie mir – Sie wollen. Ich will, darum wollen Sie auch. Also?

RM (blickt listig): Ich soll frisch von der Leber weg reden? Ja?

CD: Das hab ich Ihnen doch gerade gesagt. Oder hör ich hier nur mein Schwein pfeifen?

RM: Okay. Was ich mich frage, ist: Worauf wollen Sie mit Ihrer Frage hinaus? Auf die alte „Nur noch kurze Zeit“-Nummer? Oder meinen Sie, dass nur Wettbewerb der Werbung Futter gibt? Das staatliche Glücksspielmonopol wird nach Schätzungen 15.000 Arbeitsplätze kosten – und den Fiskus einen Haufen Geld. Laut FAZ vom 13.12.2006 immerhin 1,7 Mrd. Euro. Ein schöner Batzen. Und auch die Sportförderung soll betroffen sein ... Daraus lassen sich doch Kampagnen stricken? Oder möchten Sie nur hören, DASS ich wette? Weil das meine Bereitschaft zeigt, Herausforderungen durch die gesellschaftliche Realität anzunehmen?

CD (pfeift durch die Zähne): Jetzt gehen Sie aber ran! Herr Mattheis, jetzt zeigen Sie auch noch Biss! Wir sind auf einem guten Weg. Nehmen Sie mal diese FAZ hier, die zufällig auf meinem Schreibtisch liegt. Welche Anzeige gefällt Ihnen besonders gut?

 

DRITTER AKT

 

RM: Hm, finde ich alle nicht so besonders. Da prickelt nichts in meinem Rückgrat. Nein, das ist eigentlich alles ... wie finden Sie das denn? Macht Sie das an?

CD: Hab’s mir noch gar nicht angeschaut. Aber was gedruckt wird, ist ja in der Regel alles scheiße.

RM: Neulich habe ich aber eine gesehen. Die war großartig. Die hätte Ihnen auch gefallen.

CD (springt auf, stopft die Hände in die Hosentaschen. Mit finster zu Boden gerichtetem Blick läuft er auf und ab. Ein zufälliger Beobachter müsste denken: „Hoppla, DER kann sich aber konzentrieren!“).

RM: Eine Anzeige von BMW. In der „GEO“. Eine Jubiläumsausgabe. 30-jähriges. Ich hab das Heft im Wartezimmer meines HNO-Arztes entdeckt.

CD (misstrauisch): Stimmt mit Ihnen was nicht? Gesundheitlich, meine ich?

RM (schnell): Nein, nein, war alles in Ordnung. Nur eine schiefe Nasenscheidewand.

CD (verzieht das Gesicht): Damit sollte man nicht spaßen. Lassen Sie’s am besten gleich richten. Wenn Sie erst mal in meinem Alter sind ... na ja. Lassen wir das. Ich komm aus diesem Büro ja eh nicht mehr raus. Was soll’s.

RM (irritiert): Ja ... wie auch immer. Die Headline war: „Wir danken für 30 Jahre aufregender Entdeckungen.“

CD: Sehr gut!

RM: Als Abbildung haben Sie einen dieser Osterinselköpfe gesehen. Die kennen Sie doch?

CD: Na, machen Sie Witze? Ich war da! Letztes Frühjahr.

RM: Ehrlich? Meinen Glückwunsch.

CD: Danke schön.

RM: Die Abbildung zeigte – das war ein bisschen wie in einem Lehrbuch, in einem Erdkundebuch, wo sie die Bodenschätze zeigen oder so. Sie konnten jedenfalls sehen, wie die Figur unter der Erde weitergeht. So, als wäre sie irgendwann verschüttet worden – vielleicht durch einen Vulkanausbruch, oder durch einen Tsunami...

CD: Das ist ja großartig! Sehen Sie? Das meine ich! Das ist eine Idee! Und? Erzählen Sie. Wie setzte sich die Figur im Erdreich fort?

RM: Man sah – wie in einem Buch von Erich von Däniken –, dass die Osterinselfigur die Haltung ...

CD (unterbricht): Nein! Lassen Sie mich raten. Es war die ... die Haltung eines Autofahrers, oder? Eines Rennfahrers?

RM: Da bin ich baff.

CD: Intuition! Wenn Sie erst mal so lange im Geschäft sind wie ich ...

RM: Ich weiß nicht. Erfahrung ist ja nicht alles. Man braucht auch ein Riesentalent dafür, könnte ich mir vorstellen.

CD (lacht): Haha! Allerdings, ja!

RM (ermutigt): Ich glaube, Sie würden das auch viel lieber öfter mal tun. Ihre Phantasie sprechen lassen. Ihr Bauchgefühl. All das in Ihnen, was die Welt versteht, weil es die Menschen da draußen versteht, aber leider nicht zum Zuge kommt, weil die Kunden solche Idioten sind. Kleinhirnige, von Karriereängsten blockierte Krampfgestalten.

CD (entzückt): Mann. Ich küss Ihnen gleich die Hand. Seien Sie bloß still. Sie sprechen mir aus dem Herzen ...

RM: Aus der Leber!

CD: Haha! Ja! Aus der Leber! Genau!

 

VIERTER AKT

 

CD (hat die Brille abgenommen und reinigt die Gläser. Er scheint gerührt, nimmt einen Zettel zur Hand, wirft einen flüchtigen Blick darauf): Ach, das macht mich ganz melancholisch, was Sie da sagen. Meine nächste Frage. Für welche karitative Organisation würden Sie gerne werben? Und warum? Und hätten Sie schon eine Idee?

RM: Eine karitative Organisation? Warten Sie mal ...

CD (setzt sich auf die Ecke seines Schreibtisches): Tja. Knifflige Frage. Denken Sie scharf nach. Das ist jetzt wichtig.

RM: Wie wär’s denn mit, äh, „Globe for Darfur“? Darüber hab ich neulich etwas gelesen ...

CD: Ah. Okay. Was ist denn da unten so los, dass man für die Werbung machen muss?

RM: Da gibt’s doch diese arabischen Banditen, die plündern, vergewaltigen und morden. So Typen auf Kamelen. Oder auf Pferden. In der Wüste. Nomaden. Haben Sie nicht davon gehört?

CD: Politik – das ist nicht gerade mein Steckenpferd, wissen Sie.

RM: Diese Verbrecher überfallen wahllos Dörfer. Und das Schlimmste ist, dass es niemanden gibt, den man um Hilfe rufen könnte! Alle, alle plündern, vergewaltigen und morden.

CD: Das sind Sitten. Mein lieber Mann. Dagegen haben wir’s doch schön ruhig hier.

RM: Es ist zum Verzweifeln. Ein heilloses Durcheinander. Ein Krieg aller gegen alle. Oder sagen wir, ein Krieg aller gegen ein paar arme wehrlose Schweine, die einfach zerquetscht werden. Wie Fliegen. Wie Ameisen. Hobbes hätte seine Freude daran.

CD: Ja, sicher ... Wer?

RM: Thomas Hobbes.

CD: Ah. Klar ... (Schaut auf die Uhr.) Mann, dieses Thema macht einen ja wirklich ganz fertig. Finden Sie nicht? Das zieht einen runter. Wir sollten einen Kaffee trinken. Vorschlag zur Güte. Ein Tässchen? Das bringt uns auf neue Gedanken.

RM: Gern!

CD (drückt auf seine Gegensprechanlage): Alice? Wir brauchen hier zwei Tassen Kaffee. Und zieh dir was Nettes an, Hase, wenn du hier das Serviermädchen machst, immerhin sitzen hier zwei Kreative, denen das Testosteron gleich durch die Schädeldecke spritzt ... (Er lauscht in den Hörer. Sein Blick verfinstert sich.) Nun mach mal halblang. Immer mit der Ruhe, Schätzchen. Komm mal wieder von der Palme runter und lutsch ein bisschen an der Kokosnuss. War doch nur ein Scherz. Ein harmloser kleiner Scherz. Himmel! Soll ich hier noch eine Frauenbeauftragte einsetzen, oder was? Nun bring einfach den Kaffee. (Legt auf. Zu RM:) So eine Kuh. Die spinnt doch total. Hab ich was gesagt, was nicht okay war? Was nicht witzig war? Was ist nur mit den Weibern los heutzutage? Ich seh doch auch nicht gleich rot, wenn mir mal eine in den Schritt fasst – im Gegenteil. Hahaha.

RM: Hahaha.

CD: Um noch ein abschließendes Wort zu dieser karitativen Geschichte zu sagen, Herr ... wie heißen Sie mit Vornamen, sagten Sie?

RM: Robert.

CD: Ich bin Jean-Claude. Jedenfalls: Machen wir uns nichts vor. Als Kreativer hat man’s oft mit Drecksäcken zu tun. Wirklich. Das allerletzte Gesindel. Korrupte Verwaltungsbeamte, die Spendengelder in die eigene Tasche abzweigen. Um mal auf dem karitativen Sektor zu bleiben. Oder man muss sich in den Dienst von irgendwelchen brutalen Schlächtern stellen und ihnen die Messer schleifen. Zum Kotzen. Typen, die über Leichen gehen, wenn nur die Bilanzen stimmen. Darum stelle ich immer diese Frage mit dem ...

(Die Tür geht auf, und ALICE kommt herein. Sie trägt ein Tablett mit zwei Tassen Kaffee und Milch und Zucker.)

CD: Ah, Alice. Darf ich dir Robert Mattheis vorstellen? Das ist Alice Standleitner, meine rechte Hand. Mein besseres Ich, sozusagen, hahaha. Ich sagte gerade zu Robert, dass ist so eine Zwickmühle, ob man wirklich das Gute tut mit der Kampagne, an der man gerade herumkonzipiert, oder ob man einem Haufen Schurken in die Hände arbeitet ... übrigens, hier in Franken sagen wir ja nicht Zwick-, sondern Fickmühle. Stimmt’s nicht, Alice?

ALICE: Bitte. Fang nicht schon wieder damit an.

CD: Fickmühle. Genau, Robert. Das ist derselbe Wortstamm wie bei Zwickmühle. Wusstest du das? Beides heißt reiben. Übrigens hatte ich in Paris eine Office-Tante, das glaubst du nicht. Marokkanischer Hintergrund. Ein Schoko-Häschen, das nicht nur zu Ostern lecker war. Aber das nur nebenbei. Das waren andere Zeiten. So eine Fickmühle kann sich ziemlich lähmend auf die Phantasie auswirken, oder, Alice? Da verliert man doch völlig seinen Sinn für Humor? Alice?

ALICE: Hör auf, Jean-Claude. Hör einfach auf.

CD: Nun warte doch mal ne Sekunde. Mach dich mal flauschig. Warum ich diese Frage in meinen Copytest aufgenommen habe, Robert. Viele finden sie etwas seltsam, und das ist sie auch. Aber es ist eine aufschlussreiche Frage. Viele Kandidaten fangen bei dieser Frage nämlich an, Blödsinn zu quatschen. So wie du eben, Robert. Es ist gewissermaßen mein Alice-Test. Mein Heulsusen-Test. Mein Frigiditäts-Test.

ALICE: Du bist so ein widerliches Schwein, Jean-Claude. Bah. Wie halt ich dich bloß aus!

CD: Ich meine – dass wir uns richtig verstehen. Robert. Krieg ist etwas Furchtbares. Auch Not, Hunger – alles. Jedes Menschenleben, das gerettet werden kann – wir müssen nicht darüber sprechen. Das ist absolut wichtig, durchaus. Aber was wir hier machen, ist nun mal Werbung. Dafür braucht man gute Nerven. Verstehst du? Ich kann nicht einfach einem Kunden den Kahn untergehen lassen, nur weil ich weiß, dass der Kahn randvoll mit Sklaven ist und der Kunde sich von Menschenfleisch ernährt. Wenn du mich als Mensch fragst, Robert, ganz klar – das lehne ich ab. Es macht mich krank. Als Profi aber sage ich dir: Jeder Kunde, der hier ins Büro kommt, hat einen Anspruch darauf, dass wir für ihn das Beste geben. Und wenn du dazu nicht bereit bist ...

ALICE: Okay. Ich werde hier offensichtlich nicht mehr gebraucht. Ihr könnt mich ja rufen, wenn was ist.

(ALICE geht ab. Die Tür schließt sich still. In der Ferne dunkelt die Skyline Erlangens sich in den fränkischen Feierabend hinab.)

 

FÜNFTER AKT

 

CD: Okay, Robert. Jetzt musst du nur noch zeigen, dass du auch schlagfertig bist. (Er holt einen Geldschein aus seinem Portemonnaie.) Siehst du, Robert, wenn du keine Schlagfertigkeit besitzt als Werber, dann taugst du in deinem Job nicht mehr als Axel Schulz in seinem. Du kannst dir dann ein paar Runden lang was auf die Nuss klopfen lassen, aber dann solltest du schleunigst Land gewinnen und nach Hause gehen, bevor deine Gesundheit und die Laune der Zuschauer vollständig ruiniert sind ...

(Die Tür öffnet sich, und BIG JIM tritt ein.)

BIG JIM: Sag mal, Jean-Claude, was hast du denn mit Alice gemacht ... holla. Ihr seid ja immer noch im Gange. (Quetscht RM die Hand.) Hallo. Ich bin Jim.

RM: Äh, Robert.

BIG JIM: Findet er wieder kein Ende, was, der alte Jean-Claude? (Sieht den Geldschein in der Hand des CD.) Wollt ihr eine Line ziehen, oder was?

CD: Nein, nein, äh ... Wir reden gerade über Schlagfertigkeit.

BIG JIM: Ah. Dein Lieblingstext. An welcher Stelle bist du?

CD: Beim harten Punch.

BIG JIM: Okay, dann übernehme ich mal. Darf ich? Was Jean-Claude als nächstes erzählt hätte, ist, dass du als Texter einen harten Punch brauchst.

CD: Du musst dein Gegenüber umhauen können. Ausknocken. Mit einem präzisen, harten Schlag.

BIG JIM: Das ist Jean-Claudes Lieblingsthese.

CD: Also. Bring mich in wenigen ausgewählten Worten dazu, dass ich dir diese 100 Euro hier schenke.

RM (schnappt sich den Geldschein): Ich will von dir nichts geschenkt, Jean-Claude. Betrachte das Geld einfach als Anzahlung.

BIG JIM (lacht): Nicht schlecht.

CD: Jedenfalls waren es weniger als 150 Wörter.

BIG JIM (klatscht aufmunternd in die Hände): Also, Freunde. Was machen wir mit dem angebrochenen Abend?

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