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Antiromananfang

Ich verstehe wirklich nichts von Opern, und noch weniger verstehe ich von Kreuzfahrtschiffen. Wenn Leute eine Kreuzfahrt machen wollen - meinetwegen. Sollen sie. Aber muß ich dabei sein? In diesem Fall mußte ich. Aus beruflichen Gründen. Unsere Agentur hatte einen großen Auftrag an Land gezogen. Wir sollten das Kultkreuzfahrtschiff AIDABlu mit einem neuen Werbeprogramm versehen. Neue Bilder, neue Töne, neue Sprüche. Für die Sprüche sollte ich zuständig sein. Ich war Texter. Mehr kann ich dazu gar nicht sagen. Ich wurde ganz anständig bezahlt. Ein anständiger Job war es trotzdem nicht.

Aber nun ja. Ich bin nicht allzu heikel. In unserer Agentur nannten wir die AIDA nur „die Bumsbarke“, und wenn ich mich an Bord so umsah, war dieser Name in jeder Hinsicht absolut treffend. Den Ausdruck „Kultkreuzfahrtschiff“ hatte ich auf einer Internet-Seite von AIDABlu-Fans gefunden. Vermutlich waren das Typen wie die, die jetzt laut johlten und mit Prosecco spritzten, weil der Triumphmarsch erklang und das Zeichen gab, daß die Show eröffnet sei. Die AIDA-Betreiber hatten den Abend unter das Motto „Goodbye, Welcome“ gestellt – so vieldeutig wie dämlich und damit genau auf der Linie unserer Agentur. Als Höhepunkt der Show war vorgesehen, daß Bert B. Bruder, der legendäre König der Werbewelt, auf der Bühne auftauchte und unsere Ideen für die Neugestaltung vorstellte.

Bruder war mein Boß. Er hatte als Catcher gearbeitet und als Pornofilmer, als Pizzalieferant und als Drogenhändler, und irgendwann war er auch Journalist mit dem Fachschwerpunkt Parkettböden gewesen. Was er sonst noch so alles getrieben hatte, wollte ich gar nicht wissen. Jedenfalls hatte die Schnittmenge all seiner Jobs exakt die Gestalt des Chefsessels einer ziemlich angesagten Werbeagentur. In einem solchen saß er heute und grinste breit. Im Grunde war das so ziemlich das einzige, was er wirklich konnte, wenn man davon absah, daß er ein untrügliches Gespür für den falschen Zeitpunkt für markige Sprüche hatte. Im Grunde hatte er ein Herz aus Gold - jedenfalls war ich irgendwann zu diesem Schluß gekommen. Vielleicht wollte ich auch nur originell sein. Wir saßen zusammen bei einem Italiener, es war spät und ich war betrunken, und ich meinte irgendwann, unter so einer rauhen Schale wie der unseres Bosses müsse einfach ein weicher Kern stecken. Meine Kollegen waren nicht dieser Ansicht. Ich kann von Glück sagen, daß sie sich nicht alle an einen anderen Tisch setzten. Für sie war Bruders rauhe Schale so dick, daß darunter für so etwas wie einen menschlichen Kern gar kein Platz sein konnte. Für sie war Bruder schlicht und einfach kein Mensch, sondern ein Untier. Genau das war auch die Meinung seiner Feinde. Von denen hatte Bruder sich mit seinem notorischen Drang nach Kameras und Nackenschlägen auf dem Weg nach oben einige gemacht. Trotzdem hätte ich, wie ich da unter lauter wild klatschenden Fans auf der Bumsbarke saß und einer völlig verfremdeten Verdi-Komposition lauschte, nie und nimmer damit gerechnet, daß er in fünf Minuten tot sein würde.

Ich beugte mich zu Georg hinüber und sagte: „Georg, du solltest die Hand aus Connys Schoß nehmen.“

Georg guckte mich an. Glasig.

„Was?“

„Ich halte es für keine gute Idee, daß du an Bruders Affäre herumfummelst. Schon gar nicht in aller Öffentlichkeit. Auch wenn sie völlig hinüber ist. Ein falsches Wort von ihr, und der böse alte Mann hängt sich deinen Kopf über den Kamin.“

Georg linste schief vor sich hin, dann grinste er.

„Aber ... das ist doch unlogisch, Bob. ER trägt doch das Geweih, in diesem Fall! Hahaha.“

 

Später.

 

Ich stützte ihn an die Wand. Eine weiße Wand. Sein Gesicht war nicht wesentlich bunter. Wenn man von dem rot klaffenden Loch seines Mundes einmal absah. Er japste nach Luft.

„Scheiße, Bob. Ich krepiere.“

„Blödsinn. Du hast ein bißchen viel getrunken. Und es mit dem Koks ein bißchen übertrieben. Dazu die Aufregung. Du solltest dich mal eine Weile aufs Ohr hauen, dann ...“

„Bruder haben sie schon umgelegt.“

„Irgendjemand hat ihn umgelegt. Jemand, der ihn nicht mochte. Der ihn ganz und gar nicht mochte. Dieser Jemand mochte Bruder so ganz und gar nicht, wie's bei dir gar nicht möglich ist. Dir würde kein Mensch der Welt den Kopf absäbeln und ...“

Ich brabbelte noch eine Weile weiter; zum einen, weil ich dachte, es würde Georg beruhigen, und zum anderen, weil es meinen eigenen Nerven gut tat. Es war, als würde das Radio irgendwo murmeln, ein fernes, tröstliches Geriesel von Geräuschen, von Lebenszeichen. Fieberhaft überlegte ich, wie wir aus dieser Nummer wieder raus kämen.

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