goethe

... nee, nicht mit Tina. Da war so ein Typ, der

stand auf der Herrentoilette neben mir. Die Herrentoilette war groß und hell genug, daß sie auf strahlende Vergleiche getrost verzichten konnte. Ich wusch mir darum nur die Hände und klatschte mir etwas Wasser ins Gesicht, um mich für die nächsten zwanzig Minuten fit zu machen. Als ich mich abtrocknete, hörte ich, wie der Typ neben mir leise murmelte: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus.“ Ich schaute im Spiegel nach ihm. Es war ein Texter aus der Immobilienabteilung. Ein stiller Bursche. Immer dunkel angezogen. Wenn man über den Flur und an seinem Zimmer entlang ging, sah man ihn immer hinter seinem Flachbildschirm sitzen, die Finger auf der Tastatur, wie er konzentriert vor sich hin tippte. Das war zwar auffällig, aber eigentlich ja ein idealtypisches Texterverhalten. Darum sagte nie jemand etwas dazu.

Er wiederholte, etwas lauter und energischer: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus.“ Er trug eine dicke schwarze Werberbrille und hatte dunkles Haar, das sich über seiner hohen Stirn langsam lichtete. Sein Gesicht war leicht gedunsen, und auf der rechten Wange prangte ein Pickel, den man auch ablösen und für einen Ring hätte verwenden können. Ein richtiges gelbes Juwel von einem Pickel. Er schwankte. Ich sah, daß Tränen über sein Gesicht liefen, leise und unheimlich, wie Tränen, die gar nicht er selbst, sondern jemand in ihm drin weinte. Inzwischen kam ein Singsang aus seinem Mund, immer der gleiche Satz, immer lauter, dringlicher. Bedrohlich. Ich richtete mich auf. Ich erlebte so etwas nicht zum ersten Mal. Einer, der die Fassung verlor, weil er gerade endgültig den Verstand verloren hatte. Dem einfach die Sicherungen durchbrannten. Vielleicht nennt man so etwas „Nervenzusammenbruch“, vielleicht ist es auch bloß der Einbruch des Realitätsprinzips.

Für mich bestand keinerlei Gefahr. Nicht, daß Sie das denken. Er nahm mich überhaupt nicht wahr. Er starrte stur sich selbst ins Gesicht, und mittlerweile brüllte er, brüllte sich an: „DEUTSCHLAND DEN DEUTSCHEN, AUSLÄNDER RAUS!“ Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Ausländer war, aber wenn er hier auftauchen sollte, würde er sein blaues Wunder erleben, das stand mal fest. Und dann warf der Rasende seinen Kopf zurück, wild, und ließ ihn nach vorne sausen, rammte ihn mit voller Wucht gegen den breiten, makellos reinen Spiegel. Glas und Blut und schwarze Brillensplitter flogen herum. Der Typ gab keinen Laut von sich, sackte nur einfach in sich zusammen, wobei er sich nach Kräften bemühte, das Waschbecken abzureißen. Das gelang ihm aber nicht. Wertarbeit. Ich sah nicht hin, wie er sich auf dem Boden zusammenkrümmte. Ich zerknüllte das Papierhandtuch in meiner Hand und warf es in die Mülltonne, und dann trat ich hinaus auf den Gang.

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