goethe

Ein Drama

Akt 1, Szene 1. Oder, wenn das Publikum keine Akte mag: Szene 1. Oder, wenn auch Szenen nicht mehr en vogue sind: Bild 1. (In der Fachliteratur - "Theater heute" - bekannt als: "Das Cliffhanger-Intro.")

Eine 4-Zimmer-Wohnung. Schön ruhig, grün, dabei ganz zentral. Knarzendes Parkett. Prenzlauer Berg. Vor den Fenstern sieht man Kirschblüten frühlingshaft rosig in lauen Lüften schaukeln. In strengem Gegensatz hierzu, welcher, ganz klar, auf eine grundlegende Paradoxie des Lebens verweist, ist es arschkalt im Zimmer.

Magnus geht auf und ab und reibt sich die Hände, die in Handschuhen stecken und gleichwohl blau sind (das sieht man nicht; darum sag ich's Ihnen ja), und bläst von Zeit zu Zeit hinein.

 

Magnus: Scheiße, Katja, ist das kalt!

Katja: Oh, Magnus. Sorry. Ich muß jetzt echt arbeiten. Ich muß das hier fertig kriegen. Das ist echt dringend. Ich kann jetzt echt gerade nicht auf dein Genöle achten.

Magnus: Auf mein Geheule.

Katja: Was denn?

Magnus: Ach. Nichts. Schon gut.

Katja: Was willst du denn schon wieder? Ich finde dich heute, ehrlich gesagt, ein bißchen lästig.

Magnus (aufgeregt): Lässig? Ja?

Katja: Lästig, Magnus. Lästig. Setz dich doch hin. In deinen Sessel. Da sitzt du doch eh den ganzen Tag drin. Oder du holst dir eine DVD und ...

Magnus: Ich wollte eigentlich über das Kind reden. Mit dir. UNSER Kind.

Katja: Ich muß diesen Film, dieses Skript, diesen Zeitungsartikel hier fertig kriegen. Ich hab jetzt echt keine Zeit, mit dir ...

Magnus: Es ist auch MEIN Kind.

Katja: Können wir darüber reden, wenn ich nicht gerade diese wahnsinnig wichtige Anzeige für den Lidl zusammenbasteln muß, die uns für die nächsten drei Monate die Miete sichern wird? Da muß ich mich ein bißchen konzentrieren, sorry.

Magnus: Du denkst nur an dich. Ist dir das schon mal aufgefallen?

Katja: Ich? Was? Sorry, Magnus, das stimmt ja nun ÜBERHAUPT nicht ...

Magnus: Doch. Und mich behandelst du wie ... wie ... wie einen Putzlappen. Einen alten. Wie einen Putzlumpen, wie meine Oma gesagt hätte.

Katjas Handy klingelt.

Katja: Oh, Cora, Caro, sorry, aber ich kann jetzt gerade ÜBERHAUPT nicht. Da ist noch dieses Bewerbungsvideo für Constantin Film, das ich ... ja ... was? Aus dem Fenster, sagst du?

Magnus hört auf, auf und ab zu gehen, und starrt gebannt zu Katja hinüber, die schockstarr ist und ihn ansieht. Seine Nase ist blau. Die Kälte. Oder doch nur der Schreck?

Katja: Aber warum denn nur, Caro? Cora? Ich meine - Bob war doch so ...

Magnus (schlägt vor): Lebenslustig?

Katja (senkt genervt das Handy und fuchtelt mit der freien Hand herum): Magnus, bitte, ich telefoniere gerade! Siehst du das nicht? Könntest du vielleicht ... äh, sorry, Cora, Caro, nein, du warst nicht, ich hab gerade mit Magnus, der labert mir hier wieder ... ja. Wie grauenvoll.

Magnus: Was ist denn passiert?

 

Wir sehen, wie Magnus an einer Klippe hängt. Vorhang.

 

 

Steve Gonzales, Paris, April 2007

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