goethe

Eine Bar ... nein, keine Bar, ein Café. Nicht in Berlin, nicht in Hamburg, auch nicht in Köln - nö, in München. Abgefahren. Hier war ich noch nie, obwohl meine Eltern bei Füssen wohnen. "Ringl&Matz" heißt der Laden. Hier bin ich mit Robert Mattheis, dem Chefredakteur des Goethezeitportals, für ein Interview verabredet. Nach allem, was ich über ihn gelesen habe, stelle ich mir Robert Mattheis groß vor, blond, breitschultrig und braungebrannt. In Wahrheit ist er eher klein, ruhig, ein stiller, systematischer Typ, der mich immer wieder irritiert anschaut, während ich meine Fragen formuliere, und nicht selten auch seine Schuhspitzen fixiert. Meine erste Frage ist, ob der Name des Cafés nicht an den Namen von so einem Schriftsteller angelehnt sei, von so einem, ja, von so einem Dichters? Mattheis lächelt milde. Ja, sagt er, Joachim Ringelnatz. Der habe eigentlich Bötticher geheißen. Er sei Dichter gewesen und Seemann. Ah, sage ich. Ich käme aus Berlin, da könne ich das nicht wissen, in Berlin gebe es keine Schiffe. Das sei klar, sagt Robert Mattheis. Nicht jede Stadt könne eine Seefahrernation sein wie Troja. Ich sage: Ja, ja, und dann geht das Gespräch auch schon los. Aber halt, Moment - vorher bestellen wir noch einen Latte macchiato. Vielmehr, ich bestelle einen Latte macchiato, Robert Mattheis ordert einen Rotwein. Er macht das ziemlich lässig, ohne aufzustehen, so aus dem halben Liegen heraus. "Alles klar", sagt die Bedienung mit einem Lächeln, das man nicht zu Unrecht als "umwerfend" beschreiben könnte, und kritzelt umständlich etwas auf ihren Block. "Ja, danke, Gabi", sagt Robert Mattheis, mit einer tiefen, samtigen Stimme, die unversehens hochrutscht in einen schmerzhaft schrillen Diskant, woraufhin Mattheis sich die flache Hand auf den Mund klatscht und die Augen aufreißt. Oh weh!, denke ich. Was ist denn das für eine Nummer? Die Bedienung lächelt unsicher. "Ich bin doch die Iris", sagt sie, aber Robert Mattheis hat auch darauf eine Erwiderung parat, nachdem er sich ein paarmal geräuspert hat: "Alles klar, Mädel. Nichts für ungut. Das nächste Mal dann wieder."

Die Unterhaltung wurde mit einem digitalen Aufnahmegerät aufgezeichnet. Eventueller Blödsinn ist also der Technik anzulasten, ganz klar.


Julia Deppardt: Robert Mattheis, Sie haben mal gesagt, das einzige, was in Ihren Augen Sinn ergebe, sei das Herumirren. Wie steht's damit? Bei Ihnen alles locker, so?

Robert Mattheis: Manchmal, wenn ich herumspaziere, ist mir alles ganz klar. Die Welt scheint mir dann transparent zu sein. Ihre Mechanismen, die Gründe dafür, daß ich mich dauernd an ihr stoße und reibe, daß ich einfach keine bequeme Lage in ihr finde. Dieses Fremdkörpergefühl. Das vermag ich dann alles zu begreifen. Ich glaube, das liegt daran, daß ich mich in solchen Momenten frei fühle. Am Schreibtisch hingegen fühle ich mich wie in einer Zwangsjacke. Gefangen. Ich möchte sofort weg, möchte ausbrechen. Da sind dann nur Fluchtimpulse in mir. Das ist ganz schlimm. Es ist unerträglich.

JD: Warum haben Sie dann das Kleine Feuilleton übernommen? Das erfordert doch eine gewisse Art von schreiberischer Disziplin, scheint mir? So eine redaktionelle Tätigkeit?

RM: Weil es eben ein kleines Feuilleton sein sollte. Deshalb hab ich's gemacht. Um's Geld ging es nicht. Es sollte eine Petitesse sein, nicht nur winzig, sondern auch witzig. So ein bißchen etwas in Richtung adornitischer Dadaismus. Adorno meets Dada. Das war ja schon mein Leitgedanke, meine Vision, wenn Sie so wollen, als ich den LOBOTOM konzipierte ...

JD: Vielleicht werden wir später darüber reden? Das gehört jetzt hier nicht her, scheint mir.

RM: Ja, da haben Sie sicherlich recht. Wo gehört der LOBOTOM überhaupt hin? Nirgends, oder? Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen - oder hat es Ihnen jemand gesagt -, daß Sie dieselben Initialen haben wie Jacques Derrida?

JD: Nein. Aber Sie haben recht, ja! Das ist ja ein Ding!

RM: Aber wir waren beim Goethezeitportal, bei Ihrer Frage, warum ich das Kleine Feuilleton übernommen habe. Nun, ein weiterer Grund war, daß man mir sagte, es werde viele willige Mitarbeiter geben. Ich hegte die Hoffnung, offengestanden, daß eine Art von Dialog zustande kommen könnte. Eine Art von gegenseitiger Inspiration. Martin Schneider würde etwas schreiben, daraufhin würde ich wieder etwas schreiben. Daß das Spaß machen würde, hoffte ich. Später sollten noch viele andere Autoren hinzukommen. So sah der Plan aus.

JD: Das erfüllte sich nicht?

RM: Nein. Wen auch immer ich gefragt habe, jeder machte einen Rückzieher. Auch Martin Schneider sprang bald ab. Er ging ins Ausland. Erst war er ja unser Korrespondent in Paris. Dann war er wohl in Spanien, in Madrid. Aber ich weiß es nicht. Ich habe nur so was gehört. Ich selber habe keinen Kontakt mehr zu ihm.

JD: Und Sie machen das Kleine Feuilleton seitdem allein?

RM: Weitestgehend im Alleingang, ja. Oder eher im Alleinamoklauf.

JD: Und was ist mit Martin C. Schmidt? Den gibt's gar nicht?

RM: Doch, den gibt's. Natürlich. Aber er hat nie eine Zeile geschrieben für das Kleine Feuilleton. Allerdings hat er mich mächtig inspiriert. Insofern ist er schon ein Mitarbeiter, da haben Sie recht. Das gilt ja auch für andere. Georg Baur z. B., mit dem wir dieses herrliche Mem-Interview machen durften. Das ist wirklich eine Koproduktion, ein reales Duett. Aber sonst mußte ich alle Stimmen immer selbst sprechen. Inzwischen fühle ich mich heiser. Ein bißchen leergequatscht.

JD: Sie haben von der Form her eine Erweiterung hin zum Literarischen vollzogen. Sie haben das Journalistische literarisiert. Kann man das so sagen?

RM: Sie schmeicheln mir, Frau Deppardt. Literarisiert, nun ja. Ich würde sagen, daß ich die Unzurechnungsfähigkeit hoffähig gemacht habe. Aber das ist ja auch schon was. Ich finde es ganz gut, wenn hier und da auch mal ein Hofnarr auftaucht und nicht alles immer nur mit Königen und anderen hohen Würdenträgern vollgeramscht ist. Tatsächlich aber scheint mir das Große Feuilleton, um es mal so zu nennen, das etablierte, das gedruckte Feuilleton, das sich permanent gegenseitig zitiert - es scheint mir daran zu kranken, daß der journalistische Anteil den literarischen aufgesogen hat. Daß die Ansprüche - oder Zwänge - des Journalismus die literarischen Möglichkeiten ausgemerzt haben. Diese Tendenz nimmt sogar noch immer zu, scheint mir. Denken Sie an Alfred Polgar, Karl Kraus oder Robert Walser. Mittlerweile finden Sie den lebendigsten, witzigsten Stil auf den Sportseiten, vor allem natürlich beim Fußball, wo es ums Herzblut geht. Mir tut es in der Seele weh, wenn ich sehe, wie die Literatur sich in Literaturzeitschriften zurückziehen muß, die dann leider auch eher Zeitschriften sind denn Literatur. Das ist ja alles Papier. Und es ist alles sehr apparatschikhaft, scheint mir. Sehr so geschrieben, daß man dafür einen Preis bekommt oder ein Stipendium. Sehr zahm und blöd, letztlich. Literatur braucht etwas Unberechenbares, in meinen Augen. Etwas Rebellisches, aber im sanften Sinne. Nicht, daß man den Leuten die Tür eintritt. Eher, daß man sie fragt: Schön, und wie geht es Ihnen WIRKLICH? Meinetwegen nennen Sie das auch psychopathisch. Aber in die Richtung muß es gehen, scheint mir.

JD: Wo wir bei dem Thema sind. Wenn Sie an die gegenwärtige Lage der Literatur in Deutschland denken. Was fällt Ihnen dazu ein?

RM: Es gibt da so einen Ton des Mißvergnügens, der Übellaunigkeit. Ich habe den Eindruck, daß viele Rezensenten sich dadurch gekränkt fühlen, daß sie über die Werke schreiben müssen, über die sie schreiben müssen. Sie würden lieber über Musils MANN OHNE EIGENSCHAFTEN schreiben oder über den ULYSSES von James Joyce. Aber das neueste Produkt von Moritz von Uslar? Selbst wenn sie es gut mit dem Autor meinen, weil er mit ihnen verwandt ist oder im selben Verlagshaus sitzt oder was auch immer, ist da so ein mokanter, herablassender, leicht scheeläugiger Ton bei den Rezensenten. Scheeläugiger Ton? Kann man das sagen?

JD: Das weiß ich auch nicht. Ich finde aber, daß es seltsam klingt. Gewöhnungsbedürftig. Das auf jeden Fall.

RM: Aha. Wie auch immer. Lebende, womöglich noch deutsche Autoren - die werden immer mit spitzen Fingern angefaßt. Je abgelegener hingegen die zu beurteilenden Texte sind, je exotischer und bedeutungsloser - ich meine bedeutungslos im politischen, kulturellen Sinne, nicht im literarischen -, desto großzügiger sind die Rezensenten gestimmt.

JD: Wie erklären Sie sich das?

RM: Am liebsten sind den Rezensenten südamerikanische Autoren, von denen noch kein Mensch je gehört hat, blinde Frauen vom Amazonas, oder polnische oder ungarische Schriftsteller, die schon eine ganze Weile tot sind. Irgendwelche längst vergessenen Texte aus den 30er Jahren. Das ist ein Ideal der Kritik. Ein Roman, in den 30er Jahren erschienen, dann vergessen, jetzt wieder ausgegraben. Gut abgehangen. Da kann man dann kulant sein. Tote haben eine beruhigende Wirkung auf Rezensenten. Sie beißen nicht. Man kann darum das, was sie geschrieben haben, ruhiger beurteilen. Der Rezensent fühlt sich sicherer. Er muß sich das Gekläff der Lebenden nicht vom Halse halten. Ich kann das schon verstehen, aber es ist doch auch merkwürdig.

JD: Schreiben Sie eigentlich an einem Roman? Die meisten Leute in einer Position wie der Ihrigen haben doch den Beginn eines großen Romans in der Schublade liegen.

RM: Nein. Das ist bei mir anders. Das Schreiben hat eine einschüchternde Wirkung auf mich. Furchtbar. Mich setzt das immer unter einen ungeheuren Druck. Ich habe es ja versucht. Mit einem Projekt mit dem Titel SCHANGHAI BERLIN. Der Titel ist grandios, finde ich, und auch ein paar Ideen waren vielversprechend. Aber es ist eskaliert, explodiert. Es wuchs mir über den Kopf. Ich habe für solch ein Unternehmen absolut die Kraft nicht - im Augenblick nicht, und ich bin skeptisch, ob ich sie je haben werde.

JD: Ach, kommen Sie.

RM: Nein, nein. Ich habe eine irre Hochachtung vor Leuten, die es schaffen, einen Roman zu schreiben. Ganz seriös, von Anfang bis Ende, mit Personal und Story. Da erkenne ich schon eine Ernsthaftigkeit, eine Entschlossenheit, einen Willen, denen ich meine Anerkennung nicht versagen kann. Andererseits finde ich es auch unheimlich. Wie kann man heutzutage denn einen Roman schreiben? Das frage ich mich. 200 Seiten Dialoge und Befindlichkeiten. Sind diese Leute denn verrückt? Die Megalomanie, die dazu gehört. Das völlige Verkennen der menschlichen, aber auch politischen Lage. Aber auch die ziemlich haltlose Situation der Literatur. Das ist doch inzwischen alles ziemlich hochstaplerisch, nicht?

JD: Nun ja, hochstaplerisch ...

RM: Natürlich, Frau Deppardt, noch ist die Medienindustrie mächtig genug, um einem Buch wie THE CORRECTIONS Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aber im Ernst. Wie viele Leute interessieren sich denn WIRKLICH für Literatur? Wie viele Leute würden dieses Buch lesen, wenn das Fernsehen ihnen nicht ins Gesicht schrie: "Dieses Buch müßt ihr gelesen haben, ihr Affen!"? Ich möchte da meine Hand nicht ins Feuer legen müssen. Es sind nicht allzu viele, fürchte ich. Und diejenigen, die solche Bücher tatsächlich aus eigenem Antrieb lesen, das sind dann diejenigen, die nach einem Vorwand suchen, den Leuten ins Gesicht brüllen und sie mit ihren Empfehlungen malträtieren zu können. Kurz und gut, man muß schon ziemlich krank sein, um Romane zu schreiben oder Kurzgeschichten. Wobei, Kurzgeschichten, das kann ich mir schon eher vorstellen. Das geschieht so anfallsweise, nehme ich an. Der Irrsinn ist weniger systematisch, weniger methodisch. Es überkommt einen, und dann schreibt man etwas hin, und das nennt man dann Kurzgeschichte. Aber einen Roman? Da muß man schon wirklich irre sein.

JD: Ach, irre, ich weiß nicht. Ich schreibe einfach gern. Ich versetze mich gerne in andere Leute hinein, sehe durch deren Augen, höre durch deren Ohren. Das liebe ich.

RM: Reden wir hier über Sie oder über mich?

JD: Entschuldigung ...

RM: Ich habe auch einmal einen Roman geschrieben. Nicht, daß Sie denken ... Ich habe sogar vier Romane geschrieben. Für einen, den ersten, habe ich nie einen Titel gefunden. Das war ein ganz merkwürdiges Ding. Ich glaube, es ist schon ziemlich entsetzlich gewesen; eine Art Entwicklungsroman oder Bildungsroman. Ich dachte, es wäre zynisch, das war's aber wohl nicht. Eher so tränenverschmiertes, klebriges Zeug. Ich fühlte mich sehr verloren, im Stich gelassen, als ich das schrieb. Es war eine Abrechnung mit meinem Herkommen ... und dann auch wieder nicht. Dann war es auch eine mißlungene Hommage an Nabokov und Joyce und Thomas Mann, an Joseph Roth und Philip Roth. Schriftsteller, die ich sehr, sehr verehrte. Es war ein wirklich hybrides, verwachsenes Ding, ein Krüppel von einem Kunstwerk. Du meine Güte!

JD: Worum ging es?

RM: Ich sage das ganz kurz, auch, um mich selbst zu schonen. Es ging um die Werdejahre von Arthur Winkelmann, und dann ging es um den Verfall und das glanzlose Ende von Arthur Winkelmann. Fragen Sie mich bitte nicht nach weiteren Einzelheiten. Es ist zu peinlich, zu peinigend. Pubertär. Das ist genau das Wort. Das treffende Wort. Vermutlich hatte sogar Flaubert bei der Abfassung einen gewissen Einfluß auf mich, auf mein Selbstverständnis. Auf mein artistisches Selbstverständnis, meine ich. Ein Typ, der durch den Garten stapft und seine Sätze hinausbrüllt.

JD: Das haben Sie getan?

RM: Nein. Nicht wirklich. Aber ähnliche Dinge habe ich wohl schon getan, ja. Exzentrische, skurrile Dinge. Mir ging es damals psychisch nicht sehr gut. Das waren harte, betonharte Zeiten. Innerlich, meine ich. Ich hielt mich für herzkrank.

JD: Das waren Sie aber nicht?

RM: Kaum etwas weniger als das. Ich war kopfkrank. Übrigens war das Motto, unter dem mein erstes Romanprojekt stand, ein ganz realistisches. Es sagte da nämlich eine Figur irgendwann, so en passant, daß man, wenn man das Leben bewußt lebe, immer schon gescheitert sei. Dieser Satz hat sich in mir festgesetzt, oder sagen wir: er kam aus mir heraus. Ich habe ihn nicht gesucht, ihn nicht erfunden. Er war einfach da, wie Ihr Name da ist.

JD: Das ist grandios.

RM: Es ist wohl eher resignativ. Und ein bißchen schaumschlägerisch. Aber für einen 25jährigen war es nicht übel, finde ich auch. Es zeigt doch einen gewissen Willen zur Selbststilisierung, ohne den man auf dem Feld der Kultur nichts werden kann.

JD: Sie erwähnten weitere Romanprojekte.

RM: Auch von dem nächsten könnte ich Ihnen den Titel nicht sagen. Das klingt jetzt alles sehr kokett, aber so ist es gar nicht gemeint. Es ist eher bizarr. Auch diesen Roman schrieb ich wieder in einer merkwürdigen Stimmung. Immer noch sehr verloren, aber vielleicht ein kleines bißchen gefaßter. Es gab gewisse Szenen, die eine relative Wahrscheinlichkeit für sich reklamieren konnten. Ich wurde, erinnere ich mich, von einem Leser sogar gefragt, ob gewisse Einzelheiten autobiographisch seien. Es ging um eine Verführungsszene ...

JD: Worum ging es in dem Roman?

RM: Die Idee war ganz pfiffig, und ich griff sie im nächsten Projekt auch wieder auf. Es ging um einen berühmten Musiker, einen Sänger, einen Weltstar, der seine Memoiren schreiben will. Aber er ist, wie gesagt, ein Musiker. Mit Wörtern kann er nicht so gut umgehen. Daher braucht er jemanden, der ihm beim Abfassen seiner Erinnerungen hilft. Ein Germanist wäre geeignet. Der Musiker macht also einen Aushang in einem Antiquariat in einer Studentenstadt, und der Held liest das zufällig, als er in den engen Gassen spazierengeht. Daraufhin wird der Held samt seiner Freundin an die Côte d'azur eingeladen, wo er als Ghostwriter für den Musiker fungieren soll.

JD: Wissen Sie was? Das erinnert mich an Hans-Ulrich Treichels TRISTANAKKORD! Kennen Sie das Buch?

RM: Das las ich zehn Jahre später. Aber Sie haben vollkommen recht. Ich war auch verblüfft. Und, das muß ich gestehen, ich war auch gerührt. Geschmeichelt.

JD: Was passiert dann, in Ihrem Roman?

RM: Es gibt eine Affäre zwischen der Frau des Musikers und dem Helden. Dann endet alles tragisch. Meine ich. Die Frau des Musikers ertrinkt, und das Haus, diese prachtvolle Villa am Meer, geht in Flammen auf. Allerdings erinnere ich mich nicht genau. Ich habe den Roman damals einem Mitbewohner geschenkt. Soweit ich weiß, war es das einzige Exemplar. Ob er es noch hat? Es gibt keinen Kontakt mehr. Ich würde aber auch nicht mehr hineinschauen wollen. Wissen Sie, ich geizte auch in diesem Fall nicht mit plumpen, albernen Anspielungen auf die antike Mythologie. Das hielt ich damals für sehr vornehm, ebenso wie literarische Querverweise. Je unauffälliger und unbemerkbarer, desto besser. Nein, stimmt nicht. Stimmt gar nicht. Ich hielt es auch damals schon für plump und albern. Aber ich war noch verzweifelt genug, um es trotzdem zu machen.

Julia Depphardt, München, Ende Mai 2006.

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