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Vom Brechen einer Lanze

Schon 1967 erschien in Frankreich ein Buch von einem gewissen Guy Debord (einer Mischung aus Dichter, Philosoph und Bohemien), dessen Titel zum Schlagwort wurde: "Die Gesellschaft des Spektakels". Für die Veranstalter der Mai-Aufstände im Frankreich des Jahres 1968 war das Werk ein Schlüsseltext; in Deutschland hingegen ist Debord, der seinem Leben durch einen Schuß ins Herz 1994 ein Ende setzte, weitestgehend unbekannt geblieben. Allmählich jedoch dürfte auch der Gutgläubigste oder Fehlsichtigste bemerken, daß die Verwandlung unserer Alltagswelt in ein Spektakel unaufhörlich voranschreitet. Keine Geschäftseröffnung ohne lächerliche Show, keine Hochzeit von Prominenten ohne bombastische multimediale Inszenierung mit Exklusivfotos. Aber auch die einstmals - vermeintlich - seriösen Bereiche der Gesellschaft sind infiziert vom Virus des Spektakels: Sind Politiker nicht inzwischen sehr viel mehr Entertainer denn verantwortungsvolle und -fähige Lenker der öffentlichen Geschicke? Unser jüngst abgewählter Kanzler hat diesen Funktionswandel ja in aller Offenheit und mit schwindelerregender Seelenruhe zelebriert.

Es ist also an der Zeit, jenes Buch neu zu entdecken, das all diese Entwicklungen vorausschauend beschreibt und zu erklären versucht. Debord hat sein Hauptwerk 1988 noch einmal um "Kommentare zur Gesellschaft des Spektakels" erweitert, und er mußte, wie er 1992, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, bestätigte, von seinen ursprünglichen Diagnosen nichts zurücknehmen. Das Einzige, was die Zeit seinen Thesen anhaben konnte, war: sie bestätigte sie.

Debord war eine sperrige, exzentrische Figur. Er lehnte es ab, sich einen Theoretikersuperstarstatus verpassen, sich, wie es so schön heißt, vereinnahmen zu lassen. Bis zuletzt bleib er wachsam und kämpferisch, ein verzweifelter Solitär, der jede Versöhnung von sich wies. Die Hellsichtigkeit der Verzweiflung prägt auch sein Hauptwerk. "Die Gesellschaft des Spektakels" ist in Traktatform abgefaßt, neun Kapitel, aufgeteilt in insgesamt 221 meist kurze Absätze. Hier finden sich Formulierungen, die zum Teil überraschende Parallelen aufweisen zu Aussagen von Theodor W. Adorno, dem Begründer der Kritischen Theorie. Beider Befunde, von Marx und Hegel beeinflußt, decken sich in wesentlichen Punkten: Das Ansehen und der Wert des Menschen sind in Mitleidenschaft gezogen worden durch die Allgegenwart des Tauschwertprinzips. Wie weit ist der Mensch überhaupt noch Mensch, wo beginnt er, zur Ware zu werden? Beide, Debord wie Adorno, sind sehr skeptisch, was die Menschenfreundlichkeit der modernen Welt anbelangt. Bei Debord klingt das so: "In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen." Wem dabei nicht sofort Adornos berühmtes Wort: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" einfällt, der hat in den letzten zwanzig Jahren kein Feuilleton gelesen. Der Schwindel, will das wohl sagen, die Verachtung und Manipulation des Menschen sind allgegenwärtig, auch dort noch, wo der Mensch anscheinend wertgeschätzt und sein Wohlbefinden in den Mittelpunkt gestellt wird, etwa in der Wellness-Industrie oder im Massentourismus. Längst ist der Erholungsbedürftige zum Wirtschaftsfaktor heruntergerechnet. Daraus leitet Debord den Schluß ab: "Der wirkliche Konsument wird zu einem Konsumenten von Illusionen." Diese Illusionen materialisieren sich nach Debords Ansicht in der Ware. Und gegen diesen Prozeß gibt es kein anderes Mittel als die Verweigerung: "Allein die wirkliche Negation der Kultur bewahrt deren Sinn."

Stellenweise ist Debords Versuch, den Triumph des Kapitalismus als konsequenten Verlust der Wirklichkeit unseres Lebens zu beschreiben, dunkel, vertrackt, und man tastet sich durch seine Formulierungen; doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Denn jäh tut sich dann wieder eine Lichtung auf, wenn Debord konkret beschreibt, wie die kapitalistische Derealisierung des Einzelnen sich auswirkt: "Je mehr er zuschaut, desto weniger lebt er ..." Das leuchtet unmittelbar ein, das ist mit den Sinnen gedacht. Eine in jedem Fall lohnende, inspirierende Lektüre.

Max Mau

Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin (Edition Tiamat), 1996, 304 Seiten, 20 Euro.

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