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The Mem Is The Message - Darwin holt zum Schuß aus, doch Platon spitzelt ihm in letzter Sekunde den Ball vom Fuß

I
Eine Vorbemerkung sei erlaubt, bevor es mit dem Interview mit Georg Baur losgeht. Eine Vielzahl von wütenden Leseranfragen erreichte im Laufe der letzten Tage die Redaktion des Goethezeitportals, und da unsere Sekretärin, Frau Hannah Huckebein, im Augenblick erkrankt ist, konnten wir nur auf einige wenige, ausgewählte reagieren - meist handelte es sich bei den Absendern um Universitätsdozenten und andere Würdenträger, die man sich warm halten muß, um auch morgen noch zu den Honigtöpfen Ägyptens Zugang zu haben, haha.

Im wesentlichen konzentrierten sich die Zuschriften - von den üblichen Unfreundlichkeiten abgesehen - darauf, daß wir den Titel unserer neuen verhaltensbiologischen Serie falsch gewählt hätten; Prof. Dr. Lutz M. Lüttsel aus Wuppertal verstieg sich gar zu der Behauptung, wir hätten "einen Bock geschossen", "auf gut Deutsch" handele es sich um "bullshit" (per E-Mail). Denn: Natürlich ist die englische Fassung des deutschen Wortes "Mem" nicht "mem", sondern, ganz klassisch, "meme". Soweit, so gut. Nun sagen wir zu unserer Verteidigung ganz klar folgendes. Erstens haben wir das nicht so genau gewußt. Und zweitens war es uns vor allem auch darum zu tun, daß unser - ja, kann man überhaupt "Wort" dazu sagen? - daß unser Satzteil "Mem" eine Zusammenraffung, gewissermaßen eine Strichfassung von "Medium" darstelle. Warum, das brauchen wir in einem geisteswissenschaftlichen Portal wohl kaum zu erklären, denn wie Peter Watson so treffend bemerkt: "Trotz all seiner faszinierenden Originalität irrte sich McLuhan in vieler Hinsicht" - daran ändert sich auch nichts, wenn Arnold Hauser in seiner vom Buchmarkt längst verschwundenen "Soziologie der Kunst" bündig feststellt: "Marshall McLuhans Lehren ... sind typische Beispiele für die Überspitzung und Simplifizierung, mit welcher die Medien der Massenkultur die Erscheinungen präsentieren."

Dem wiederum tut keinen Abbruch Theodor W. Adornos Befund, formuliert in seinen "Dialektischen Epilegomena", daß angesichts des "anthropologischen Phänomen[s] des gadgeteering, der jegliche Vernunft überschreitenden, über alle Lebensbereiche sich ausdehnenden affektiven Besetzung der Technik", man wohl sagen müsse: "Ironisch - Zivilisation in ihrer tiefsten Erniedrigung - behält McLuhan recht: the medium is the message." Aber warum denn das? Auch auf diese Frage hat Adorno natürlich eine Antwort parat (sonst wäre er ja wohl auch kaum Theodor W. Adorno): "Die Substitution der Zwecke durch Mittel ersetzt die Eigenschaften in den Menschen selbst." Fassen wir es also mit - noch einmal - Arnold Hauser salomonisch zusammen: "Bei aller Unzulänglichkeit seiner Denk- und Ausdrucksweise ist es dennoch McLuhans Verdienst, die Bedeutung von Erfindungen wie dem Rundfunk und dem Fernsehen und den Einfluß, den sie auf unser Weltbild und unsere Lebensführung ausüben, ins allgemeine Bewußtsein gebracht zu haben."

Derlei mehr oder weniger freundliche Skepsis gegenüber dem kanadischen Medienwissenschaftler verwundert nicht, wenn man McLuhan selbst hört: "In der alten ‚individualistischen' Gesellschaft des geschriebenen Wortes war das Individuum ‚frei', nur um entfremdet und dissoziiert zu werden, ein wurzelloser Außenseiter, aller stammeskulturellen Träume beraubt; unser neues elektronisches Umfeld nötigt zu Engagement und Teilnahme und erfüllt damit die grundlegenden psychischen und sozialen Bedürfnisse des Menschen." Ich glaube, damit ist die Sache klar. Wer hört schon gern, daß Bill Gates und die Beatles eine humanere Kultur hervorbrächten als man selbst? Zumal, wenn man einen gewissen geistesgeschichtlichen Rang mühsam genug erworben hat? Und wer läßt sich denn, nur weil er den Triumph des Alphabetismus für schwer berechtigt hält, gern als "wurzelloser Außenseiter" bezeichnen? Nicht einmal die Versicherung, sie seien "aller stammeskulturellen Träume beraubt", dürfte die Herren Adorno und Hauser angesichts solcher Äußerungen besonders erbaut haben ...

Soweit unsere Expertise. Wenn Sie jetzt noch den Schneid haben, uns zu schreiben - nur zu. Ab Montag ist Frau Huckebein auch wieder da.


II
Was bleibt, auf unserer Seite, ist gleichwohl das üble Gefühl, Mist gebaut zu haben. "Mem", "meme" - das ist schon blöd. So richtig sind wir von unseren Erklärungsversuchen nämlich - natürlich - nicht überzeugt. Aber es gibt immer Trost. Denn die Schlamperei ist allgegenwärtig, und nicht selten schreitet sie daher im akademischen Talar, den Doktorhut keck schief über der Stirn. Blättern wir mal ein bißchen in den Gründungsurkunden. Kalt investigativ. In bester "SPIEGEL"-Manier.

Bekanntlich wurde das Konzept des Mems entwickelt - oder in den Raum gestellt - oder wie man sagt - von Richard Dawkins, einem britischen Zoologen und Evolutionsbiologen. Das geschah in seinem Werk "Das egoistische Gen". Zwar geht es Dawkins in diesem Klassiker darum, die Evolutionstheorie aus der Perspektive des Replikators - hier: des Gens - zu beschreiben, also nachzuweisen, daß der Replikator lediglich an seiner eigenen Replikation interessiert sei und daher mit Fug und Recht als "egoistisch" bezeichnet werden könne. (Unappetitliche Details wie den Umstand, daß so ein Replikator - meinetwegen ein Gen, in jedem Fall ein elender Parasit, vereinfacht gesagt - den Körper seines Wirts lediglich als "Vermehrungsmaschine" benutzt, lasse ich hier mal unerläutert.) "Im selben Werk", um jetzt endlich auch den Memetiker Georg Baur zu Wort kommen zu lassen, "stellte Dawkins zum ersten Mal die Idee eines Replikators der kulturellen Evolution vor und prägte dafür den Begriff ‚Mem'." In Dawkins Worten: "Wir brauchen einen Namen für den neuen Replikator, ein Substantiv, das die Assoziation einer Einheit der kulturellen Vererbung vermittelt, oder einer Einheit der Imitation. Von einer entsprechenden griechischen Wurzel ließe sich das Wort ‚Mimem' ableiten, aber ich suche ein Wort, das ein wenig wie ‚Gen' klingt."

(In diesem unerfreulichen Zusammenhang - survival of the fittest, Irrwege der Evolution etc. - fällt einem natürlich sofort wieder Adorno ein; in seiner "Ästhetischen Theorie" definiert er unmißverständlich: "Moderne ist Kunst durch Mimesis ans Verhärtete und Entfremdete", und als wäre das noch nicht genug, fährt er fort: "dadurch, nicht durch Verleugnung des Stummen wird sie [die moderne Kunst] beredt; daß sie kein Harmloses mehr duldet, entspringt darin." Solche Strenge erscheint hier aber auch wirklich angemessen! Denn wir wollen nicht vergessen, was Georg Baur in seinem Traktat "Ein Mem flog übers Kuckucksnest" schreibt, unter Punkt 1.2.3: "Die Memetik basiert auf einer Übertragung des darwinistischen Prinzips auf Disziplinen jenseits der Biologie." Und was finden wir da, in diesem Jenseits der Biologie? Tatsächlich - die Kultur, die Kunst. Und, leider, das Verhärtete und Entfremdete auch.)

Jetzt aber - Sie können sich entspannen - kommen wir tatsächlich noch zu Dawkins Schlamperei: "Ich hoffe, meine klassisch gebildeten Freunde werden mir verzeihen, wenn ich ‚Mimem' zu ‚Mem' verkürze." Hier in der Redaktion hat Dawkins wenige Freunde, aber klassisch gebildet ist der eine oder andere allemal. Und wir stellen ganz klar fest: Nee, das verzeihen wir dir nicht, Richard. Da hast du wirklich Mist gebaut! Unseres Erachtens bewegt sich "Mem" eher auf einer Linie mit "IBM" oder "MfG" denn mit den unvergeßlichen Sentenzen eines Platon, Plutarch oder Pindar ... und schönen Gruß auch von Miss Mimesis - sie möchte auf keinen Fall zu "Miss Mess" zusammengekürzt werden!

Aber kommen wir noch einmal auf den Trost zurück. Im Lichte solchen Versagens ... oh. Jetzt haben wir uns wieder verquatscht. Ich fürchte fast, wir müssen den geneigten Leser (Zwischenruf des Lesers: "‚Geneigt'! Sehr gut! ‚Gebeugt' träfe es wohl besser!") auf die nächste Folge vertrösten von

THE MEM IS THE MESSAGE

- dann heißt es: PLATON SETZT SICH AN DARWINS KOPIERGERÄT.

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