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Ein Rhesusäffchen im Ferrari

von Richard Fischowicz (unser Sonderkorrespondent in Warschau)

In Italien versteht man sich auf Nachahmung, auf Imitation, auf, wie die alten Griechen sagten, Mimesis. Leonardo da Vinci hat der Mona Lisa ein Lächeln auf die Lippen gezaubert, für das noch heute japanische Touristen einen Nackenwirbelschaden in Kauf nehmen. Und das hunderte von Jahren nach der Entstehung! Oder die Oper. Das ist ja auch eine Art von Nachahmung - zwar von Dingen, die es nicht gibt und nie und nimmer geben könnte (echte Liebe, Selbstaufopferung, Selbstlosigkeit), aber doch - es ist Nachahmung, laut und bunt und größtenteils unverständlich. So nimmt es nicht Wunder, daß auch für die neuesten spektakulären Entwicklungen auf dem mimetischen Sektor die Entdecker von Spaghetti & Co. verantwortlich zeichnen. Forscher aus dem Mutterland der Pizza entdeckten, daß Rhesusäffchen, wenn man sie sich nur ausdauernd genug vors Gesicht hält, einem irgendwann die Zunge entgegenstrecken. Imitation! Bislang galt das als den Menschen - Ihnen und mir - vorbehaltenes Privileg. Haben die Affen also evolutionären Rückstand aufgeholt? Oder haben wir bislang nur nicht richtig hingesehen? Wie auch immer, die Aufregung ist groß. Auch bei unserem Chefredakteur, dessen Jacht in der Ägäis, so seine gegenwärtige Lebensgefährtin, "auf die Nachricht hin ganz schön gewackelt hat. Das war wie in dem Film 'Der Sturm', mit George Clooney, der übrigens WAHNSINNIG gut aussieht, wenn Sie meine ehrliche Meinung hören wollen. Aber wollen Sie die hören?"

Warum die Aufregung? Nun, immerhin haben wir monatelang ein Exklusiv-Interview mit dem Vorreiter der Memologie in Deutschland, Georg Baur, abgedruckt - und dafür den Grimme-Preis eingestrichen. Müssen wir den jetzt zurückgeben? Ist an den Memen, so die bange Frage in unserer Redaktion, nicht mehr dran als damals an Hitlers Tagebüchern? Haben wir uns unsterblich blamiert?

Lesen Sie selbst, was bei den Versuchen des Goethezeitportals, Recherchen beim Obermemologen, dem "kindlichen Weisen von Wolfratshausen", anzustellen, herauskam.

Auf den Bericht auf "Spiegel Online" angesprochen, sagt Georg Baur erst einmal gar nichts. Er macht ein komisches Geräusch und legt schnell auf. Wenig später ruft er dann zurück. "Wir sind unterbrochen worden. Entschuldigung. Was war die Frage?"
Ich erkläre es ihm noch einmal, ruhig und detailliert (Bio-Leistungskurs, 14 Punkte in der Abiturarbeit).
Er hört mich an, sagt ab und an: "Aha. Hm. Okay." Dann legt er los. "Macaca mulatta! Wenn ich das schon höre! Wie ... WISSENSCHAFTLICH! Meine Scheiße, so übersetzt man 'ma caca', oder? Ma caca, meine Scheiße. Muß ich dazu mehr überhaupt sagen?"
"Ja, aber in 'The Mem Is The Message' behaupten Sie, Herr B., kein Affe könne je imitieren, Affen seien zu solchen Verhalten per naturam ..."
"Dann habe ich mich eben geirrt! Na und?" Georg Baur schreit, beruhigt sich, besinnt sich. Er legt wieder auf, ruft aber gleich zurück. "Okay. Das ist zunächst mal ein Schock. Aber wenn wir genauer hinsehen. Wie heißt denn gleich dieser 'Wissenschaftler', dem wir das Zungerausstrecken eines Affenbabys ..."
"Rhesusaffe."
"Ja, schön. Rhesusaffe. Dieser angebliche Forscher heißt 'Pier', und jetzt kommt's: 'Ferrari'. Soll ich mich auch 'Porsche' nennen? 'Georg Porsche'? Kommen Sie. Das wäre idiotisch. Das ist einfach lächerlich."
"Aber darum geht's auch gar nicht, streng genommen, der Mann heißt nun mal ..."
"Natürlich. Streng genommen geht's darum nicht. Da haben Sie ganz recht. Wissen Sie - soll ich Ihnen mal sagen, worum es geht, bei dieser Sache, meiner Meinung nach?"
"Ja, bitte."
"Es geht um die Universität, an der diese sensationellen Entdeckungen gemacht wurden."
"Was ist damit?"
"Wissen Sie, welche Universität das ist?"
"Parma."
"Ja, Parma. PARMA! Ich bitte Sie. Richard. Parma. Parma ist für seinen Schinken bekannt. Schön und gut. Aber WISSENSCHAFT? SERIÖSE FORSCHUNG? In Parma? Kommen Sie, Richard. Kommen Sie. Das wollen Sie mir nicht im Ernst erzählen."
"Nun, ist das nicht ein wenig ... polemisch?"
"Polemisch? Ja, klar ist das polemisch. Aber anders verstehen Sie's ja nicht. Achten Sie auf die Wörter. Bitte. Richard. Achten Sie auf die Wörter. Einmal nur. Tun Sie's für mich. 'Trockennasenaffe', lese ich in diesem ... 'Bericht'. 'Trockennasenaffe' und 'Altweltaffe'. Was soll das sein? Ein europäischer Affe? Wo haben die diese Terminologie her? Das soll Wissenschaft sein? WISSENSCHAFT? Richard. Bitte. Für mich. Ich bitte Sie. Benutzen Sie Ihr ... 'Gehirn'."
Ich schnaufe vernehmlich, weil mir schon klar ist, daß ich hier beleidigt, womöglich fast ein bißchen als Idiot hingestellt werde. Oder ist das gar keine Beleidigung? Gibt es nicht sogar ein Buch von Tolstoj mit dem Titel "Ich Idiot"? Und ist das nicht - ich denke weiter - eine Autobiographie, für die der große Russe den Nobelpreis erhalten hätte, wenn es denn üblich wäre, auch gute Schriftsteller mit diesem Preis auszuzeichnen? Ja, das ist ein ganzer Haufen Fragen, der sich da, mir nichst, dir nichts, in meinem Kopf gebildet hat. Du meine Scheiße. Wie soll ich mir da je den Durchblick verschaffen? Was ich gelernt habe, ist: vereinfachen, runterbrechen, die Dinge mikroskopieren. Solange um sie herumschreiben, bis man vergessen hat - und bis sogar ich es vergessen habe -, daß ich keine Ahnung habe und eine solche auch gar nicht haben kann, rein zeittechnisch gesehen. Daß ich ja nicht viel mehr bin als ein Lohnschreiber, ein Journalist, ein Mann, der pro Zeile bezahlt wird, ganz egal, was in diesen Zeilen steht ... Ich denke noch über all das nach, da redet Georg Baur schon wieder:
"Nein, Richard. Im Ernst. Das ist doch ein Schwindel. Und dann noch. Videobeweise. DIE HABEN VIDEOS VORGELEGT, RICHARD! Jedes Kind weiß doch, daß Videobeweise unzulässig sind. Da kann man wer weiß wie manipulieren! Jeder Memetiker kann Ihnen das sagen. Richard. Machen Sie Ihre Hausaufgaben - ja, ehrlich. Im Ernst. Machen Sie das nächste Mal Ihre Hausaufgaben, bevor Sie mich anrufen. Okay? Und jetzt lege ich auf. Und ich bitte Sie, mich mit diesem Mist nicht mehr zu belästigen. Danke."

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