Ein Text verändert im allgemeinen nicht. Im Gegenteil. Ein Text, Werkzeug des Historikers, schreibt fest. Er meißelt ein. Die Urgeste des Schreibens ist das Meißeln. Das zu Meißelnde ist im Stein schon enthalten. Die Frage ist nur, auf welche Seite man den Stein wälzt. Die meisten Texte sind geschichtswissenschaftliche Texte. Sie beschreiben eine Welt. Sie wollen - wenn auch unbewußt, so doch sehr bestimmt - Veränderung, Metamorphose vermeiden, egal, wie radikal der Gestus ist. je mehr Details, je genauer die Untersuchung, desto geringer die Aussicht, daß aus ihr etwas hervorgeht. Schrift ist konservativ.
Das gilt allerdings nicht für Software. Software ist Text in progress, mehr noch: Text als Prozeß. Eines Tages wird man abgeholt. Man liegt noch im Bett. In der Tür aber stehen traurige Herren; traurige, finstere Herren. Sie haben die Hüte tief ins Gesicht gezogen. Ehemalige Ringer. Man möge aufstehen, bitten sie, man sei verhaftet. Da gebe es eine Anklage, in undurchsichtigen, abseitigen, weltfernen Archiven. Man steht auf, zieht sich an, folgt stumm den Männern an der Tür. Das ist Software. Gesetzestexte sind Software. Sie lesend, springt unser Verhalten in die gestanzten Rillen. Wir sind die Unterhaltungsmedien des Verhängnisses, wenn man so will.
Langsam fließt die Software an uns herab. Träge, zählebig.
Es geht also darum, eine Schrift zu finden, eine Schrift zu entwickeln, die in der Lage ist, zu aktivieren. Die im Leser etwas freisetzt. Ein Vermögen. Oder einen Willen. Eine Sehnsucht. Nietzsche, hört man, sei das zu Beginn des letzten Jahrhunderts gelungen. Seine Aphorismen und verbalen Selbstentladungen, Selbstsprengungen hätten wie Dynamit gewirkt. So Gottfried Benn. Nietzsche, ein Hammer, mit dem man sich ein Gedankentheater zusammenzimmern konnte.
Heute hingegen? Die Luhmannisten ziehen beharrlich und umsichtig das Netz zu, in dem die Welt, zappelnd, gefangen werden soll. Ein System, ein Kerker der Gedanken. Der Fahrplan der Seele. Um 8.15 Uhr von Paddington. Schön. Nur - was ist das Ziel der Reise? In der Frankfurter Schule tanzen die Schüler auf den Tischen. Eine leere, fröhliche Fahrt. Munter hüpfen die Brüste in Charlottenburger Bordellen.
Der Text unterdessen schreibt, was er schon einmal festgeschrieben hat, noch einmal ein ins weiche Fleisch der Zeit. Immer tiefer ritzt er, mit spitzer Spitze. Das Blut rinnt. Namenlose, ausdruckslose Qual vergeht in den Äonen, die das Schweigen stets parat hält. Eimerweise Blut, PHAIDRAS LIEBE, Sarah Kane, ein Theatertext; Software, nach der die Schauspieler, Agenten der Sichtbarkeit, zappeln werden.
Dylan Beck
(Dieser Text stellt eine Vorstufe von MAGISCHER SCHLEIM dar.)