goethe

Stromfäden eines Wildwassers III

9
"Wundervoll komisch", sagte Frauke Bühler. Der Satz bezog sich auf eine von Jerzy Malkowiczs Kurzgeschichten, über die gerade noch einmal gesprochen worden war. Der Agent knurrte etwas. Vielleicht stimmte er zu, vielleicht meldete er auch leise Zweifel an - Frau Bühler vermochte das nicht zu entscheiden. Sie hätte sich gewünscht, daß der Agent sich allmählich zurückzöge. Nicht nur, daß Malkowicz ihr aufgrund seiner Jugend und Popularität ausgesprochen gut gefiel, nein, sie hatte auch feststellen dürfen, daß die Faszination durchaus gegenseitig war. Vermutlich war er der Vorstellung nicht abgeneigt, ihre Bekanntschaft zu vertiefen. In einem privateren Rahmen.
"Und das Tollste ist, daß mir das wirklich alles passiert ist", sagte der Autor, sich ein Stück von seinem medium gebratenen argentinischen Entrecôte in den Mund steckend. "Ich erfinde nichts. Nie."
"Das stimmt. Das kann er gar nicht", warf der Agent ein.
Jerzy Malkowiczs Augen funkelten. "Ich WILL es nicht!", sagte er.
"Wie Hemingway!", rief Frauke Bühler aus und klatschte in die Hände. Sie bemühte sich um einen enthusiastischen Ton, weil die Gehässigkeit des Agenten ihr unangebracht erschien. "Hemingway hat ja auch nie etwas erfunden."
Der Agent schaute verächtlich auf Malkowicz.
"Hemingway hat einen einigermaßen guten Absatz geschrieben, mit 23, und dann konnte er nicht aufhören, diesen Absatz zu wiederholen und zu wiederholen, bis auch der Letzte es nicht mehr aushielt."
Der Agent hatte die Nase von seinem Schützling gestrichen voll. Er empfand nur noch Ekel vor ihm. Diese Empfindung kam in Schüben, wie Malaria. Warum sah denn keiner, was für ein untalentierter kleiner Pinscher sein Jerzy war?
"Immerhin hat Hemingway den Nobelpreis bekommen!" Jerzys Zähne knirschten beinahe, als er diese Replik aus sich herauspreßte.
"Ja, als alter Mann, als er kaum mehr einen vernünftigen Satz zu Papier bringen konnte!", gab der Agent möglichst kalt zurück und ließ die Gabel klirrend auf seinen Teller fallen. "Es war ein Gnadenakt. Beinahe ein Gnadenstoß. Für einen verbrauchten alten Mann."
"Für einen alten Mann, der nicht Meer konnte", rief Frauke Bühler aus. "Verstehen Sie? Meer, mit Doppel-E."
Weder Jerzy noch der Agent reagierten auf Frauke Bühlers dämlichen Scherz. Der Agent nahm die Serviette vom Schoß und warf sie zerknüllt auf seinen Teller.
"Ich bin satt. Ich verabschiede mich, guten Abend."
Frauke Bühler nahm seinen Abgang mit Erleichterung auf.
"Der hat aber auch eine Laune!"
"Er ist ein Arschloch", sagte Jerzy Malkowicz und schob sein Entrecôte von sich fort. Auch ihm hatte es den Appetit verschlagen.
"Ach, er ist sicher nur überarbeitet. Sehen Sie, Jerzy, es ist ja auch so ein undankbarer Job, den er ..."
"Entschuldigung?"
Sie hatte sich gerade halb über den Tisch gebeugt, ihr Dekolleté präsentierend, während sie zu einer nach Strich und Faden geheuchelten Rechtfertigung dieses ihrer Ansicht nach unmöglichen, niveaulosen Menschen ansetzte. Jetzt schaute sie auf.
"Äh, ja?"
"Herr Malkowicz?"
"Ja?"
"Entschuldigen Sie vielmals ..." Der Mann hielt ein Exemplar von "Meine vertanen Jahre" in der Hand. "Ich war vorhin auf Ihrer Lesung, und da sah ich Sie jetzt ganz zufällig hier sitzen ..."
"Ja. Wie ist denn Ihr Name?"
Malkowicz hatte sich schon Friedemann Maars Buch geschnappt und es vorne aufgeklappt. Mit der Rechten nestelte er in seiner clownesken Jacke nach dem Filzstift, den er vorhin bei der Signierstunde verwendet hatte.
"Friedemann Maar."
"Oh?" Frau Bühler sah auf. "Sie sind aber nicht zufällig mit Willibald Maar verwandt?"
Willibald Maar war ebenfalls ein Litteron-Autor.
"Bedaure, nein. Aber mein Großvater kannte Vladimir Nabokov, als er in Berlin wohnte. In den Zwanzigern."
"Ah."
"Ja. Er war ein sehr großzügiger Mensch, obwohl er selbst nichts hatte. Seine Manieren waren vollendet. Er war ein echter Gentleman."
Jerzy Malkowicz gab die Suche nach dem Stift auf. Er klappte das Buch zu.
"Wirklich? Ihr Großvater kannte Nabokov? Den Autor von ‚Lolita'?"
"Ja."
"Das ist ja interessant! Wie war der denn so, der Nabokov? Hat der viel getrunken?"
"Ah ja, so zwei Flaschen Wein am Abend, glaube ich. Rotwein."
"Rotwein? Tatsache?" fragte Malkowicz mit großer Anteilnahme und langte über den Tisch, dorthin, wo der Agent bei seinem Aufbruch eine erst halb geleerte Flasche Bordeaux zurückgelassen hatte. "Rotwein, sagen Sie! Das ist ja ganz erstaunlich ... Nehmen Sie doch einen Augenblick Platz. Wir halten Sie doch nicht auf?"

10
"Es ist alles so würdelos", brummte Walter, der in seinem Sessel mehr lag als saß und offenkundig schon ganz schön betrunken war.
Magnus setzte ein nachdenkliches Gesicht auf, während er einen Schluck von seiner Cola nahm. Er wollte seinem Gesprächspartner nicht das Gefühl geben, daß er kein Verständnis für seine Probleme habe. Also plapperte er los.
"Ja, was wäre eine würdige Aufgabe für die Literatur ... was könnte das sein ... ? Man müßte gewissermaßen die Primärfarben entwickeln, die Atome, aus denen das Menschliche sich zusammensetzt. So etwas könnte ich mir vorstellen." Er blickte auf, mit einem versöhnlichen Lächeln im Gesicht. "Wäre das nicht eine reizvolle Aufgabe für einen Schriftsteller?"
Walter schüttelte müde den Kopf. "Ja, ja ..." Er versank in Schweigen. Dann sagte er: "Ich habe lange Jahre hindurch versucht, das Menschliche aufzufinden, in dem redlichen Bemühen, es darzustellen."
"Und?"
"Ich habe buchstäblich nur Narren gefunden! Keine Ahnung, woran es liegt, aber außerhalb der Bücher scheint es von Idioten nur so zu wimmeln. In den Büchern wirken immer alle klug und vornehm, wachsen über sich selbst hinaus und stellen etwas dar, und sogar noch die Würdelosen tragen wenigstens eine Auszeichnung - das Kainsmal ihrer Unbedeutendheit. Aber in der Wirklichkeit? Alles völlig indiskutabel! Nehmen Sie zum Beispiel mich - ich könnte jetzt ein glücklicher Mann sein, verheiratet, mit zwei Kindern, die bewundernd zu mir aufsehen. Und statt dessen? Statt dessen sitze ich hier in dieser vollkommen lächerlichen Bar und schütte Flaschenbier in mich hinein, umgeben von ..." - er ließ seinen Blick durch das "Oberstübl" schweifen - "... Unmündigen."
"Hm."
Magnus senkte den Blick. Was sollte er dazu sagen? Walter hatte ja nicht unrecht - aber ebenso wenig hatte er recht! Magnus runzelte die Augenbrauen. Unmündige? Im Grunde war Walter sogar ein bißchen frech geworden ...
"Es führt keine Brücke von der Welt der Kunst in die Werktagswelt ...", murmelte Walter. Dann sagte er übergangslos: "Kennen Sie den Bushido?"
"Bushido? Nein. Ist das nicht so eine Art ... Kampfsport?"
"Nein. Es ist der Weg des Samurai. Ein Verhaltenskodex, der es einem erlaubt ..."
In diesem Augenblick kamen Gonzo und Mark Deeh von der Toilette zurück. Sie lachten fröhlich, waren offenbar in aufgeräumter Stimmung, und Walter verstummte. Die Pissoirintimität, dachte Magnus. Darin ist Gonzo groß. Gonzo beugte sich zu Magnus herüber und wisperte ihm ins Ohr:
"Die Bedienung da an der Bar ist ganz schnuckelig."
Magnus sah auf, hauptsächlich aus Gründen der Höflichkeit. Bei der Frau, die Gonzo meinte, handelte es sich um eine schlanke Schwarzhaarige, die ein pinkfarbenes T-Shirt mit einer Aufschrift trug, die Magnus in dem Qualm - seine Augen tränten - nicht zu entziffern vermochte.
Wie auf ein Signal hin erhob sich jetzt Walter, und auch Rob stemmte sich mit unbehaglichem Gesichtsausdruck aus seinem cordbezogenen Sessel hoch. Walter schwankte, blieb jedoch stehen.
"Dann mal auf in die Schlacht", sagte er.
"Wir müssen langsam mal", sagte Mark Deeh zu Gonzo und Magnus. "Wir sehen uns dann nachher."
Die drei brachen auf, und Rob spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte. Es war ein Unterschied, ob man in Hildesheim einen Achtungserfolg erzielte oder sich vor dem kritischsten und verwöhntesten Publikum des Landes behaupten mußte. Dabei war seine Sorge ganz unbegründet. Nachdem der Regisseur die "Zitronen der Zeit" einer gründlichen "Dekonstruktion" unterzogen, das Stück also erst einmal Satz für Satz zertrümmert hatte, um es dann in gänzlich veränderter Gestalt wieder aufzubauen, konnte der Autor des Werks sich dem Abend mit derselben aus Irritation und Widerstreben gemischten Haltung überlassen, die sich auch auf den Gesichtern der übrigen Premierenbesucher spiegelte ...
Walter kämpfte unterdessen gegen ein tiefes Ekelgefühl an. Er schlug vor, sie sollten ein Taxi nehmen, anstatt den ganzen Weg zu Fuß zu laufen. Zumal jetzt unversehens die Zeit drängte. Zu viele Drinks, zu viel Gequatsche.
"Ja, das stimmt", sagte Mark Deeh und hob den Arm, um ein Taxi heranzuwinken, das gerade die Invalidenstraße heruntergebraust kam. "Nicht, daß wir noch zu spät kommen."

11
Friedemann erzählte von seiner kleinen Galerie in Köln, gab launige Anekdoten aus der Welt des Kunsthandels zum besten, an denen ja kein Mangel herrschte. Er wurde immer heiterer, obschon der Schatten des Todes nie ganz von ihm wich, wie er wohl merkte. Er sprach von seiner Ehe, nach dem vierten Glas, nach dem fünften oder sechsten Glas schwärmte er von jungen Männern, von "Jüngelchen", wie er sie nannte, und Jerzys verschwommenes Lächeln machte ihn selig. Der exilpolnische Autor schenkte ihm Rotwein nach.
"Noch einen Nabokov", sagte er.
Irgendwann im Verlaufe des Abends sagte Friedemann Maar dann die Sätze: "Ich habe mein Leben versäumt. Ich habe es so gelebt, als würde ich es für einen anderen aufbewahren."
In dem Augenblick war es um Frauke Bühler geschehen. Sie würde den armen Kerl heute Abend nicht allein in sein Hotel lassen, so viel stand mal fest. Seine Vorliebe für Jüngelchen hin oder her. Zumal Jerzy gerade die vierte Flasche Bordeaux geordert hatte. Dabei hatte der junge Schriftsteller längst genug. Er lallte nur noch.
Als Friedemann Maar später eine Bemerkung darüber machte, daß morgen ein neues Leben für ihn beginnen würde, fragte niemand nach.

12
"Laß uns mal rübergehen", zischte Gonzo Magnus ins Ohr, mit dem Kopf in Richtung der Bedienung nickend, die ihm so gefiel. Magnus erhob sich schwerfällig aus seinem bequemen Sessel und stolperte, sich die brennenden Augen reibend, hinter seinem Freund her zur Bar.
Gonzo ließ sich auf einen Barhocker plumpsen, den gerade eine junge Frau geräumt hatte. Der abgewetzte schwarze Ledersitz war noch ganz warm, und der Gedanke an den Ursprung dieser Erwärmung löste in Gonzo eine leichte Erregung aus. Er wandte sich an Magnus, der seine Brille abgenommen hatte und die Augen zusammenkniff. Magnus stand etwas von der Bar entfernt. Gonzo richtete seinen Zeigefinger auf ihn.
"Was trinkst du?"
"Ein Bier."
Magnus setzte die Brille wieder auf - und sah in ein strahlendes Paar dunkler Augen. Die Barfrau lächelte ihm von jenseits der Theke zu.
"Zwei Bier", orderte Gonzo mit einer Umkehrung des Victory-Zeichens, indem er die Handfläche seinem Gesicht zukehrte. Ein kräftiger, grimmiger Kerl mit abstehenden Ohren und Knollennase ließ sich jetzt von dem Barhocker neben ihm gleiten, und Magnus schnappte sich den Sitzplatz. Das Kraftpaket, das Magnus kaum bis zur Brust reichte, grinste ihn von unten her an. Magnus lächelte schüchtern zurück, die Hand auf der ledernen Sitzfläche.
"Der ist doch frei?", fragte er.
"Na, jetzt nicht mehr. Jetzt sitzt du ja drauf", gab das Kraftpaket gutgelaunt zurück und grinste noch einmal breit. Dann dampfte es ab, mit den Schultern rudernd.
"Und du hast vorhin Katja hier gesehen, meinst du, ja?", wandte sich Magnus an Gonzo, der sich umsah, ob er nicht irgendwo einen Bekannten entdeckte.
"Ja, ja, hab ich." Gonzo warf Magnus einen prüfenden Blick zu. "Du bist immer noch nicht über sie hinweg, wie?"
"Na ja ..."
Magnus errötete. Sie waren jetzt seit drei Monaten getrennt, und immer noch war die Erinnerung an diese Frau eine schwärende Wunde.
Gonzo grinste und hob sein Bier: "Ich hab nie so genau verstanden, was du an der gefunden hast. Ich meine, klar, sie sieht nicht schlecht aus ..."
"Wer sieht nicht schlecht aus?"
Die Barfrau lehnte sich mit einem kecken Lächeln über den Tresen und stützte ihr Kinn auf die gefalteten Arme.
"Du", kam es von Gonzo wie aus der Pistole geschossen. Magnus, der den Schriftzug auf den Brüsten der Barfrau studiert hatte - "HYSTERIC FOR SALE" -, senkte den Blick. Das "L" in "SALE" war leicht gekippt, so daß es aussah wie: "HYSTERIC FOR SAVE". Aber was hatten "sale" und "save", Verkaufen und Bewahren, miteinander zu tun? Einmal davon abgesehen, daß sie sich gegenseitig ausschlossen? Unter dem Schriftzug zeichneten die Brustwarzen sich sehr deutlich ab. Magnus nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche.
Die Barfrau, die etwa 26 oder 27 Jahre alt sein mochte, sagte zu Gonzo, dabei aber Magnus ansehend:
"Dein Freund ist aber auch nicht übel, finde ich."
Magnus nahm gleich noch einen Schluck von seinem Bier. Es kam wahrlich nicht oft vor, daß eine Frau ihm Komplimente machte, und noch dazu so eine Frau!
Gonzo lächelte unsicher und blickte zwischen seinem Freund und der Barfrau hin und her. "Ja, er ist ... äh ... ein hübsches Kerlchen."
Er richtete seinen Blick auf das Flaschenregal hinter der Bar.
"Und was macht das hübsche Kerlchen so?"
Diesmal wandte die Barfrau sich direkt an Magnus. Der sah erst ihr ins Gesicht, dann Gonzo (Gonzo blinzelte und gab sich den Anschein, als nehme etwas, das sich in unvorstellbar weiter Ferne abspielte, seine Aufmerksamkeit ganz in Anspruch), dann begutachtete er die Flasche in seinen Händen. Eine handelsübliche Bierflasche. Andererseits - was hatte das seit Andy Warhol schon noch zu sagen, "handelsüblich"? Gehörte das nicht alles längst zur ästhetischen Sphäre?
"Ich ... na ja, ich bin arbeitslos ..."
Gonzo nickte merkwürdigerweise zu Magnus' Worten.
"... aber ich bin auch dabei, einen Roman zu schreiben. Damit bin ich zur Zeit eigentlich sogar hauptsächlich beschäftigt. Ich meine, seit man mir heute früh den Stuhl vor die Tür gesetzt hat."
"Oh?" Die Barfrau runzelte die Stirn. "Man hat dich rausgeschmissen? Warum denn?"
"Na ja, das ist eine dämliche Geschichte, eigentlich ..." Magnus fummelte an dem Etikett seines Bieres herum. "Ich habe als Journalist gearbeitet, bei einer Zeitschrift, und ich habe ein paar Sachen geschrieben, die ein paar Leute nicht so witzig fanden."
"Was hast du denn geschrieben?"
"Die Wahrheit", sagte Magnus. "Das, was die Leute zu mir gesagt haben, während ich mich mit ihnen unterhielt. Aber ich hätte schreiben sollen, was die Leute im Nachhinein für richtig befanden."
Gonzo lächelte die Barfrau an, aber die Barfrau beachtete ihn nicht, und das Lächeln auf Gonzos Zügen erlosch. Seine Füße fingen an, im Takt der Musik gegen die Beine des Barhockers zu trommeln.
"Und jetzt schreibst du einen Roman?", wollte die Barfrau wissen.
"Ja."
"Um diesmal die Wahrheit ganz ungestraft schreiben zu können?"
Magnus lächelte, ohne aufzusehen, und riß eine Ecke vom Etikett ab.
"Ja. So kann man das wohl sagen ..."
"Ich glaub, der wird echt gut, der Roman", mischte sich Gonzo ein. Dabei sah er aus wie jemand, der statt in das erwartete Cremetörtchen in eine Zitrone gebissen hat. Sein Lächeln war grotesk verrutscht. "Magnus hat mir mal ein bißchen was daraus vorgelesen, und das ließ sich alles sehr gut an ..."
"Worum geht's denn in deinem Roman?"

13
In der Tür des Badezimmers erschien Friedemann Maar. Er trug nur noch seine Unterhose. Ein weißes Ding ohne Eingriff, das ihm seine Frau letztes Weihnachten geschenkt hatte.
Jerzy lag schon auf dem Bett. Nackt. Er hatte die Augen halb geschlossen. Zärtlich drückte er eine Rotweinflasche an sich. Er summte eine Melodie.
"Gut. Dann wollen wir mal", sagte Frauke Bühler, die halbversteifte Männlichkeit ihres jungen Autors skeptisch ins Auge fassend.
Das wird nicht viel werden, dachte sie. Nun ja. Es gab ja auch noch den anderen ...
Friedemann Maar fühlte ein Widerstreben. Hatte er sich bislang hinreißen lassen von der Lust aufs Neue, so baute sich jetzt in ihm die Ahnung dessen auf, was ihm bevorstand. Das neue Leben bedeutete auch neue Blamage. Was habe ich zu verlieren?, dachte er dann und zog seine Unterhose aus. Er hüpfte schnell zum Bett und ratschte, als er sich auf Jerzy Malkowiczs Brust sinken ließ, Frauke Bühler mit einem ungeschnittenen Zehennagel ein großes Stück Haut von der Ferse.
So erklärten sich die Blutspuren, die das Zimmermädchen am nächsten Morgen entdeckte.

14
Die Barfrau, die sich an Gonzos aufdringlich grinsender Art störte, fand, daß sein Kumpel sich schon ruhig etwas mehr hätte ins Zeug legen dürfen. Der war zwar niedlich, wirkte aber auch wie eine ziemliche Schlafmütze, dachte sie.
Magnus' Kopf war knallrot geworden, als hätte man ihm eine Glühbirne eingesetzt. Gonzo ärgerte sich darüber, daß sein Freund mit seiner unbeholfen-schüchternen Masche so gut ankam bei den Weibern. Ich müßte auch mal so ein bißchen linkischer rüberkommen, dachte er. Offenbar macht das auf die Frauen Eindruck. Aktiviert sicher deren mütterliche Instinkte! Magnus sagte zur Barfrau:
"Es ist ein Berlin-Roman ..."
"Aha."
Das klang bitter ironisch, stellten sowohl Magnus als auch Gonzo fest.
"Ich meine, Berlin, aber in der Zukunft", schob Magnus darum schnell nach. "Ein Thriller. Ein bißchen im Stil von BLADERUNNER. Kennst du den Film? Eine Stadt, die von Bandenkriegen verwüstet ist. Kriegsgebiet ... es geht um den Kampf einer ultraharten Eliteeinheit der Polizei gegen verschiedene Dealerbanden. Alles dreht sich um eine Wunderdroge - ein Zeug, das ‚Breath' genannt wird. Im Vergleich zu Breath ist Kokain so harmlos wie schwarzer Tee. Der Oberboß der Dealer heißt Chas Casino, und sein Gegenspieler, der harte Bulle, heißt Rex Granit."
"Echt sehr geil", sagte Gonzo und nickte.
"Auch sehr brutal", ergänzte Magnus und stellte sein Bier auf den Tresen.
"Ah, ja."
Die Barfrau schaute enttäuscht drein. Offensichtlich hatte sie sich doch etwas Poetischeres erhofft. Magnus brummte und schob sich die kreisrunde Brille auf der Nase zurecht.
Gonzo lachte sich insgeheim ins Fäustchen.
"Bis wann mußt du denn arbeiten?", fragte er die Barfrau. Er hatte wieder Oberwasser.
"Ich hab gleich Feierabend. Ich mach heut nur bis zehn."
"Hast du vielleicht Lust, nachher noch mit zur Volksbühne zu kommen? Wir gehen da auf eine Premierenfeier. Ein ziemliches seltsames Stück. Ziemlich abgefahren. Es geht um Mythen und ihre Bedeutung für die Gegenwart und so ..."
"Aha."
"... jedenfalls so Sachen", fuhr Gonzo fort. Ihm war klar, daß er keinen Volltreffer gelandet hat und auch keinen mehr würde landen können, aber jetzt einfach zu verstummen, hätte bedeutet, alles ganz und gar unerträglich zu machen, entschied er. "Ja, das ist alles ziemlich crazy und theoretisch", redete er also weiter. "Familie spielt auch eine Rolle. Deleuze, ‚Anti-Ödipus'. Dieses ganze Zeug. Ziemlich komplex."
Bei dem Wort "Anti-Ödipus" machte die Barfrau "Uh" und verzog angewidert das Gesicht.
Okay, schön, dachte Gonzo. Dann spiel ich mal meinen letzten Trumpf aus. Mal sehen, ob der sie auch so kalt läßt!
"Ich kenne den Autor des Stücks ganz gut", sagte er.
Dabei warf er Magnus, der Rob ja mindestens ebenso gut kannte, einen Blick zu, aber Magnus hatte gar nicht hingehört. Er war voll und ganz damit beschäftigt, die Barfrau anzustarren.
"Mein Ex-Freund hat auch Stücke geschrieben", sagte sie gleichmütig. "Er war Regisseur. Er hat mal was an der Schaubühne gemacht. Vielleicht habt ihr das gesehen? War ziemlich erfolgreich. ‚Warten auf Godot'. Jetzt arbeitet er als freier Regisseur in Köln."
"Schaubühne? Auch ein gutes Haus", befand Gonzo. Er blickte den Fellen nach, die, schon in weiter Ferne, davonschwammen. "Sehr gut", sagte er noch. Er sah dabei ziemlich zerdrückt aus.
"Ich zieh mich nur schnell um", wandte sich die Barfrau an Magnus, "dann können wir gehen." Sie lächelte. "Ich bin froh, endlich aus diesen hysterischen Klamotten heraus zu kommen. Man kommt sich ja ziemlich doof darin vor. Aber manche Gäste" - sie warf dabei einen Seitenblick auf Gonzo - "stehen drauf!"
Sie verschwand, und im selben Augenblick piepste Gonzos Handy los.
"Ja? Hallo? Wer? Ich verstehe kein Wort - Moment!"
Gonzo sprang vom Barhocker und rannte nach draußen. Er hätte sich vorher seinen Mantel anziehen sollen, dachte er, als er in der Kälte innerlich zusammenschnurrte.
"Dylan, ah, du bist's, ja. Hallo. Ich hab da drinnen gerade nichts ...Wir sind noch im ‚Oberstübl', wollten aber gerade aufbrechen ... Was? Was ist passiert? Und was hast du damit ... ? Ein Unfall? Was denn? Mit einer Axt? Wie schrecklich! Der arme Rob. - Ach, das ist eine lange Geschichte, erzähl ich dir nachher! Wir machen uns jetzt jedenfalls auf die Socken ... ja, bis dann."
Die Barfrau kehrte zurück. Sie trug einen braunen eleganten Mantel, einen schwarzen Rollkragenpullover und schwarze Jeans. Magnus musterte sie vom Scheitel bis zur Sohle, und sie, die seine Bewunderung genoß, verlangsamte ihre Bewegungen, damit er alles in Ruhe studieren konnte.
"Wo ist denn dein Freund hin?", fragte sie mit einem leisen Jubel in der Stimme.
"Gonzo? Oh, der ist draußen. Er telefoniert. Hat hier drinnen keinen Empfang gehabt, oder so was."
"Das ist aber ein Geschäftiger! Der läßt nichts anbrennen, was?"
Magnus mußte lächeln. Er war jetzt gar nicht mehr aufgeregt oder verwirrt.
"Gonzo ist ganz in Ordnung. Er wirkt nur manchmal ein bißchen aufdringlich."
"Das kann man sagen, ja."
Wie aufs Stichwort kam in diesem Augenblick Gonzo zurück ins "Oberstübl". Er riß theatralisch die Arme hoch, als er die Barfrau erblickte, das Handy in der linken Hand, und rief: "Hey, wow! Was für ein Anblick!"
Die Barfrau wandte sich Magnus zu:
"Apropos - ich heiße Sophia."
Sie streckte ihm die Hand hin, und er schloß behutsam seine Finger um die ihren. Ihre Hand war ganz kalt.
"Freut mich. Ich bin Magnus."
"Und ich bin Gonzo. - Es hat da anscheinend einen Unfall im Theater gegeben. Sie mußten die Vorstellung abbrechen, weil ein Schauspieler sich auf der Bühne mit einer Axt verletzt hat. Aber Dylan weiß auch noch nichts Genaues, die Polizei will ihn gleich verhören."
Magnus sah besorgt erst Gonzo, dann Sophia an. "Na, dann laßt uns mal aufbrechen."

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