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Mord in Nippes

Das TST, das "Tief Seh Theater". Auf der Zülpicher Straße, mitten in Köln. Man steigt eine Treppe hinab, nachdem man an einer schäbigen, schwarzfilzigen Kassenbox sein Ticket gelöst hat. Es ist eine enge, steile, berüchtigte Treppe; mehrfach schon sind Zuschauer hier heruntergestürzt, was nie ohne gravierende Verletzungen abging, zweimal sogar regelrechte Massenstürze zur Folge hatte. Seitdem läßt man die Zuschauer nur noch einzeln hinab. Der Theaterraum ist dunkel und niedrig. Gelegentlich hört man die Straßenbahn unsichtbar über der Szene dahinrattern, ein sanftes Beben, das an die Realität hinter bzw. oderhalb der Bühnenwirklichkeit gemahnt. Allerdings ist dieser Effekt nicht beabsichtigt. Er ist nur unvermeidbar. Die Luft ist stickig, die brandheißen Scheinwerfer rauben die letzte Luft. Die Straßenbahnen schicken sanfte Staubwölkchen aus Putz herab. Die wenigen Zuschauer sehen sich schon bald mißmutig an. Man hält die Inszenierungen kurz; nach den Pausen hatten sich früher die Sitzreihen ohnehin immer bedenklich gelichtet.

Tom Bauer hat vor anderthalb Wochen beim TST als Regiehospitant angefangen. Er ist Student der Theaterwissenschaft und will jetzt "mal Praxisluft schnuppern", wie er im Vorstellungsgespräch erklärt hat. Das Vorstellungsgespräch hat er mit Domenico Agamben geführt, Mastermind des TST, Intendant und zuständig für alle Inszenierungen, mit bürgerlichem Namen Marius Sonntag. Eine mütterliche Freundin seiner Freundin, Alexandra, war vor Jahren mit Domenico Agamben liiert. Daher der Kontakt. Tom hat sich die Arbeit am Theater anders vorgestellt; nicht so zeitraubend, nicht so stressig, nicht so unprofessionell. Oft, wenn die Darsteller ihrem Regisseur eine Variante ihres Spiels anbieten, erkennt er beim besten Willen keinen Unterschied zum vorherigen Mal. Er schweigt natürlich darüber; er führt das Fehlen von darstellerischen Nuancen auf seine unentwickelte Beobachtungsgabe zurück.

Agamben wird heftig von der ehrgeizigen, aber allenfalls mittelmäßig begabten Schauspielerin Viola Hölzer umgarnt. Daß die beiden eine Affäre haben, ist ein offenes Geheimnis, allerdings so offen, daß von einem Geheimnis eigentlich nicht die Rede sein kann. Viola ist eine junge Frau mit roten, langen Haaren, blauen Augen mit langen, stacheligen Wimpern, einem etwas konturlosen Gesicht und großen Brüsten. Ihr Verhalten den Kollegen gegenüber ist nicht sonderlich subtil; den einen schmeichelt sie, daß es dem Betrachter die Schamröte ins Gesicht treibt, den anderen begegnet sie mit unerträglicher Arroganz. Für Tom hat sie nur Verachtung übrig, sie nennt ihn immer "den Kleinen", dabei ist er schon 25 und also zwei Jahre älter als sie. Mit einem Lächeln, dessen Infamie sie auf der Bühne nicht produzieren könnte, bittet sie ihn dann und wann, ob er ihr nicht einen Kaffee holen könne, bitte, "aber einen richtigen". Daß der Kaffee, den Tom kocht, ihr nicht stark genug ist, hat sie nicht unerwähnt gelassen. Tom muß dann zum Bäcker am Zülpicher Platz vorlaufen und einen Coffee to go holen.

Tom findet Unterstützung bei der Bühnenbildnerin, Cordula Patschke, einer müden, dicken Frau. Sie macht keinen Hehl daraus, daß sie die Hölzer schrecklich findet. Sie erhöbe auch gegen das Wort "Haß" keinen Einspruch. Patschkes Bühnenbild ist dem Theaterraum und den schauspielerischen Leistungen angemessen; die Kostüme, die sie nebenbei entwirft, sind arg phantasielos. Auch daraus macht sie keinen Hehl. "Weißt du, Tom, wenn wir alle ehrlich sind, Agamben, die Hölzerhexe, die Kliet, ich - wir haben es nicht besser verdient. Wir bekommen hier, was uns gebührt. Die Unterweltränge künstlerischer Tätigkeit - mehr ist für Gestalten wie uns nicht drin. Der einzige, der hier Format hat, ist Frank Wedekind." Und mit einem Seitenblick auf Tom fügt sie hinzu: "Und du." Es berührt Tom seltsam, daß die Matrone an ihn glaubt; er spürt dunkel etwas verboten Sexuelles in dieser Zuneigung, ein uneingestandenes Verlangen; aber was weiß er, er ist jung, denkt er, und da ist Alexandra, die zuhause auf ihn wartet.

Immerhin hat es die Hölzer ("Hi, ich bin die Viola!"), Subtilität hin oder her, mit ihren Mitteln geschafft, die Hauptrolle in der neuen Inszenierung des TST, "Lulu", zu ergattern. Und das, obwohl eigentlich Agambens Ehefrau, Hera Kliet, auf die Hauptrollen der TST-Inszenierungen abonniert ist. Agamben jedoch macht ihr schonungslos klar, daß ihre Zeit als leidenschaftliche Liebhaberin und verlockende junge Histrione abgelaufen sei. "Jetzt mal im Ernst, Schatz, und ohne alle Polemik: Wer will dich denn noch besteigen? Wer nimmt uns das ab, daß du die Männer reihenweise umwirfst?" Denn die leidenschaftliche Liebende und glutäugige Histrione - das ist nun mal exakt das, was Agamben sich unter einer weiblichen Bühnenfigur vorzustellen vermag. Alles andere entzieht sich ihm eigentlich. Alles andere ist "die Alte, frustriert und bitter". Die Kliet muß sich mit der Rolle der abgelebten, ausgelaugten Gräfin Geschwitz zufrieden geben - mit der "Alten, frustriert und bitter". Um sich zu rächen - oder um doch zumindest nicht kampflos abzutreten - macht die Kliet ihrem Mann wütende Vorhaltungen über die Qualität der tatsächlich drastischen Strichfassung, die er von Wedekinds Drama angefertigt hat. "Dat is doch alles völlig bekloppt", brüllt sie über die Bühne, und Agamben im Zuschauerraum zuckt zusammen, Tom sieht es. "Da dreht sich ja sogar noch Wedekinds Frau im Grab herum!"

Dann ist da noch Michi. Michi - eigentlich Michael Weber - war vor fünfundzwanzig Jahren mal ein knackiger junger Darsteller. Eine Augenweide, vielleicht sogar mit Talent. Jetzt spielt er Hausmeisterrollen im WDR-"Tatort". Trotz seiner zunehmenden Unansehnlichkeit hatte Viola Hölzer sich mit ihm eingelassen. Er, einst immerhin am Kölner Schauspielhaus engagiert, einst Darsteller des "Woyzeck", hatte sie mit Agamben bekannt gemacht. Daß dieser sie einstellte, war vor allem auf Michis flehentliche Fürsprache zurückzuführen. "Na ja", so Agamben, "sie sieht ja wenigstens gut aus." Bald darauf hatte Agamben Violas versteckte Potentiale entdeckt; für Michi war das das Ticket in die Einsamkeit, ohne Rückfahrschein. Er schluckte es. Was sollte er tun? Er schwelgte in Vorstellungen, wie er die Hölzer als "Lulu" quälen würde - er sollte den lüsternen Medizinalrat Dr. Goll spielen - da würde er sie ein paarmal tüchtig zwicken - während der Vorstellung, vor dem Publikum, so daß sie sich nicht wehren könnte -

Doch dazu kam es nicht mehr.

Man findet sie tot. Eines Morgens. Am Fuße der Treppe, die in den Theaterraum führt. Fahl fällt von oben das Licht auf das Blut, das noch an der Stufe klebt, die sie umgebracht hat. Umgebracht zu haben scheint, wie es richtiger heißen müßte.

"Wenn sie sich ein Bein gebrochen hätte", sagte der Gerichtsmediziner Dr. Federmann, seine ägyptischen Zigaretten rauchend, eine Angewohnheit, die aus frühen Thomas-Mann-Novellen an ihm haften geblieben ist. "Das wäre plausibel. Meinetwegen auch eine Verletzung am Rücken. Aber so? Sie müßte, um sich so den Schädel einzuschlagen, einen Salto durch die Luft gemacht haben. Einen Salto mortale. Und dann wumm."
"Kein Unfall also?"
Lara Kraft ist eine drahtige Frau in der Mitte ihrer Dreißiger. Nach dem Dienst geht sie regelmäßig ins Fitneßstudio. Auf den Bauch ihres Kollegen Hennes Ohnemuß wirft sie abschätzige Blicke. Das verdirbt ihm den Geschmack an seinem Kölsch, denn er liebt heimlich die stählerne, kalte Lara; gleichwohl kann er auf sein Feierabendbier nicht verzichten. Zehn Kölschstangen werden es leicht mal, die er zischt, während Lara ihren Körper stählt.
"Ich kann mir das kaum vorstellen", sagt Dr. Federmann mit einem vielsagenden Blick auf die Glut seiner Zigarette.

Hera Kliet erweist sich während des Verhörs durch die beiden Kommissare als verdächtig kooperativ. Sie führt Kraft und Ohnemus auf eine heiße Spur: Ihr Mann, Domenico Agamben, sei ein eifriger Kokainkonsument gewesen. Wie auch seine Geliebte. Die sowieso. Soweit sie wisse, sagt die Kliet, habe die Hölzer ihren Mann mit dem Teufelszeug bekannt gemacht. Sie habe auch den Dealerkontakt hergestellt. Daß Agamben pleite gewesen sei, läßt sie noch durchblicken. Hochverschuldet, zumal das Theater ja seit Jahren keinen Cent eingebracht habe. Der Dealer sei ein Italiener ... Moment ... ein seltsamer Name ... schwer auszusprechen ... ach ja, Ignazio Carlomagni. Lara Kraft schaut der Frau fest in die Augen. Ein Blick wie ein Bad in einem sibirischen See. Im Winter. Nachdem man das Eis aufgehackt hat. "Waren Sie eifersüchtig, Frau Kliet?" Die Kliet zuckt die Schultern; sie zieht an ihrer Zigarette. Eifersüchtig? Nun ja. Das sei auch so ein Wort. "Nein, ich war nicht eifersüchtig. Nicht im Ernst. Nicht eifersüchtig genug, um so etwas zu tun, jedenfalls."

Carlomagni ist natürlich für die Polizei nicht schwer aufzutreiben. Mit aasigem, überheblichem Lächeln antwortet er auf die Fragen, die Kraft und Ohnemus ihm stellen. Dabei beißt er auf einem Zahnstocher herum. Kokain? Was das heißen solle, bitte? Er habe mit illegalen Drogen nichts zu tun ... "Ach nein?" Ohnemus' große Stunde; er hofft, daß es Eindruck machen möge auf Lara Kraft. "Und was ist das hier?" Er hält ein Plastikbeutelchen in die Luft, darin weißes Pulver. "Das haben wir im Reserverad deines Ferraris gefunden, mein Freund. Schätz mal, was das ist?" Carlomagnis Grinsen erbleicht, zittert, fällt ab vom Stamm. Er wolle seinen Anwalt sprechen ... Aber, aber, das könnten sie sich doch alles ersparen, schlägt Ohnemus vor. Er und Frau Kraft seien ja nicht von der Drogenfahndung. Sie wollten nur ein paar Fragen beantwortet haben. Beispielsweise die, ob Viola Hölzer und Agamben seine Kunden gewesen seien? Ja, gibt er zu. Das seien sie gewesen. Dann aber sei Agamben das Geld ausgegangen ...
Die Polizisten hängen sich an diese Fährte. Der einzige Freund Agambens, früher Schauspieldirektor der Bühnen der Stadt Köln, heute eine heruntergekommene, miserable Figur. Torsten Kremer. Falsche Zähne, schütteres Haar; eine magere Gestalt. Er empfängt Kraft und Ohnemus in einer Wohnung, deren Geruch die beiden Kommissare beinahe wieder hinaustreibt. Bierdosen auf dem Couchtisch, von Zigaretten überquellende Aschenbecher. Die Vorhänge zugezogen. Er faselt etwas von einem "Megaprojekt", an dem er zusammen mit Agamben gearbeitet habe ... ein Fernsehfilm ... BERGS WERK ... "Aber Agamben war doch pleite?" Wieder versenkt Lara Kraft ihren stahlharten Blick in die Augen eines Verdächtigen. Wieder mit dem bekannten Erfolg: Ja, das sei wohl richtig ... lenkt Kremer ein. Im Moment habe es da wohl einen kleinen finanziellen Engpaß gegeben; aber nach der "Lulu" ... er murmelt noch etwas von einem gigantischen Erfolg.

"Wenn man so will", sagt Ohnemus später, im Auto, zu seiner Kollegin, "hat sie Agambens geschäftlichen Ruin verschuldet. Jahrelang schrammte das TST am Konkurs entlang. Und hat es immer geschafft. Bis sie dann kam mit ihren Drogen ..."

Alle sind also verdächtig. Agamben - Viola Hölzer hat ihn ruiniert. Hera Kliet - sie wurde in die zweite Reihe gedrängt durch die junge, sexy Konkurrenz. Michi Weber - als sie erreicht hatte, was sie wollte, ein festes Engagement als Schauspielerin, ließ die Hölzer ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. Cordula Patschke, die das Weib haßte wie die Pest. Und Tom?

Lara Kraft und Hennes Ohnemus finden natürlich heraus, was tatsächlich passiert ist am Tatabend. Cordula Patschke war damit beschäftigt, das Bühnenbild zu verändern. Plötzlich kam jemand. Tom Bauer und Viola Hölzer. Sie waren auf der Bühne; sie, Cordula Patschke, befand sich dahinter. Sie linste durch einen Spalt im Bühnenbild. Die Hölzer neckte den jungen Mann, provozierte ihn. Dann machte sie sich an ihn heran, unumwunden. Tom Bauer leistete nicht lange Widerstand. In ihrer Verborgenheit mußte die Patschke mitansehen, wie die jungen Leute zu Zärtlichkeiten übergingen. Sie gönnte dieser Hexe ihren Triumph nicht. Sie wartete ab, bis das Liebesspiel beendet und Tom gegangen war; dann trat sie vor. In ihrer Hand eine schwere Eisenstange. Die Hölzer zog sich gerade an. Sie bemerkte die Bühnenbildnerin. "Ach, Cordula. Was machst du denn hier? Ein bißchen spannern, wie?" - "Du, du ... laß die Finger von dem Jungen ..." - "Eifersüchtig? Hm, Cordula? Na ja, wenn du vierzig Pfund weniger auf die Waage brächtest, wäre da ja vielleicht sogar was möglich ..." Die Hölzer läßt ein gemeines Lachen hören. "Der ist ziemlich begabt, der Junge. Ich meine - als Sexspielzeug." - "Laß ihn in Ruhe, ich warne dich!" - "Ich tu, was ich will!" Mit herausforderndem Hüftschwung macht die Hölzer kehrt; das hätte sie nicht tun sollen, nicht in dieser provozierenden Art und Weise, jedenfalls, denn Cordula Patschke holt aus mit ihrer Eisenstange und schlägt zu. Sie schafft den Leichnam dann zur Treppe und rammt den Kopf auf die Treppenstufe, um einen Unfall zu simulieren ...

Cordula Patschke hat ihr Geständnis beendet. Aber sie muß noch etwas los werden: "Wissen Sie - die Liebe ist ein seltsames Ding. Sie kann wie eine Krankheit sein, wie eine Pest, eine Seuche. Sie quält uns und macht uns unglücklich - und doch möchten wir um nichts auf der Welt auf sie verzichen ..."
Lara Kraft wendet sich ennuyiert ab; Ohnemus' Augen füllen sich mit Tränen. "Ja, ich weiß", sagt er.

ENDE

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