Handverlesene Journalisten bekamen schon vorab die zehn Titel des neuen Bob-Dylan-Albums zu hören. Das vertraute ein Kritiker vom "Rolling Stone", der ungenannt bleiben möchte, Reportern des Goethezeitportals an. Zweimal durften die Auserwählten an exklusivem Ort die CD durchhören. Danach mußten sie die Texte, die man ihnen vorlegt hatte, zurückgeben. Wenn das schon keine hausgemachte Paranoia ist, dann ist es zumindest eine kauzige Form von Vorsicht. Als wollte jemand die schönsten Abenteuer der CIA nachspielen. Und es schimmert auch eine merkwürdige Auffassung von Kunst hindurch. Vielleicht sieht so die Rückkehr der Aura in unserer Zeit unbegrenzter technischer Reproduzierbarkeit aus? Man kann sich, ohne seinen iPod, nicht mehr so recht erinnern. Die Aura als Verfolgungswahn? Aber am Ende ist die Erklärung wohl ganz einfach. Pop produziert soviel Freiheitsgefühl - irgendwann muß da einer durchdrehen. Oder auch mal zwei. Oder ein ganzes Unternehmen.
Das Cover des neuen Dylan-Albums fanden andere Musikkritiker abstoßend. Die Schriftzüge - "Bob Dylan" in fettem Weiß, "Modern Times" in schlankerem, eckigem Gelb - laufen von links oben nach rechts unten. Ich meine, ich will hier nicht allzu sehr nach theaterwissenschaftlichem Seminar klingen. Aber wenn das keine Talfahrt, keinen Abwärtstrend symbolisieren soll? Dann weiß ich auch nicht. Vielleicht weiß die NSA mehr. Das Foto zeigt die verwaschene Fotografie eines New Yorker Taxis. Der Fotograf heißt Ted Croner und ist im letzten Jahr hochbetagt verstorben. Die Aufnahme entstand 1947, und Dylan singt so, als hätte er seine Songs im gleichen Jahr geschrieben.
Man kann nicht anders, als Dylan zu lieben. Das steht außer Frage. Dem Sozialismus darf man nur bis 30 zugetan sein, heißt es, bei späterer Zuneigung sei man verstandesschwach. Dylan taugt bis ins biblische Alter als Liebesobjekt. Denn er ist ein leidenschaftlicher Amateur. Er ist Amateur-Dichter, Amateur-Musiker, Amateur-Philosoph, Amateur-Soziologe, Amateur-Historiker. Er sagt über einen Song auch schon mal, es gehe darin um die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, während wörtlich die Rede ist von einem Maultier in einem Stall und von feuchten Klamotten. Und er inspiriert auf diese Art und Weise natürlich jede Menge Amateure - von den soziologischen über die philosophischen und dichterischen bis zu den musikalischen. Allen entlockt er das Beste, das die Welt in ihnen übriggelassen hat. Liebe, Hingabe, Schöpferwahnsinn. François Truffaut hat einmal über Orson Welles gesagt, dieser habe mehr junge Regisseure zum Filmemachen inspiriert als jeder andere seiner Kollegen. Man muß nur mal ins Internet schauen, um zu wissen, welche enorme Inspirationsquelle Dylan darstellt. Da werden 60-, 70-Jährige wieder zu Teenagern. Sie lallen, sie stammeln. Sie sind haltlos. Sie sind hilflos. Sie brechen in Tränen der Dankbarkeit aus.
Eigentlich, das ist klar, müßte eine Rezension über Bob Dylan die Form eines Gedichts haben. Über ihn oder seine Werke diskursiv zu sprechen - und genau das verlangen die Gepflogenheiten des Journalismus -, bedeutet, mit einem Tanz von Martha Graham Ezra Pounds faschistophile Radioreden zu erklären. Das Problem, das Bob Dylan jedem, der sich mit ihm beschäftigen will, bereitet, könnte man so umschreiben: Von ihm gehen Straßen in alle Richtungen aus. Und von dort aus dann führen auch wieder Straßen in alle Richtungen. D. h. alle Straßen führen bei Dylan von Rom weg. Man kommt nie irgendwo an. Man findet kein Ende. Um, beispielsweise, von Dylan zum Papst zu kommen, braucht man nur ein Foto - Johannes Paul II. gewährt dem Mann mit der Mundharmonika nach oder vor einem Konzert in Bologna, das einen eucharistischen Kongreß abschloß, eine Audienz. Berühmt ist das Foto, auf dem sie sich voreinander verneigen (zumindest verneigt sich Dylan, aber beide wirken sie sehr zugeneigt). Und sogar den Weg nach Kuba kann man vom Planeten Dylan aus mit Lichtgeschwindigkeit zurücklegen. "I like Fidel Castro and his beard", sang der Sozialrevoluzzer 1964, als er noch der Klampfenjunge war und Fidel Castro ein ziemlich großer Lider. Um nur mal die gegenwärtigen journalistischen Top-Themen aneinanderzureihen.
Doch eine Einschränkung muß gemacht werden. Es gibt etwas, das Bob Dylan definitiv nicht ist, weder professionell noch dilettantisch - ein Schauspieler. Dylan kann nicht schauspielern. Nein, er hat niemandem je etwas vorgemacht, und das macht seinen Status aus. Er hat nicht gespielt. Er war immer der, der er war, ein Idiot ebenso wie ein Genie. Ein Dadaist. Ein Komödiant. Das wollte man ihm so aber nicht durchgehen lassen. Das war einfach zu einfach. Wo war das Mysterium? Man suchte unablässig nach einer Rolle, die man ihm geben konnte - leider war die Auswahl beschränkt auf Prophet, Verräter ("Judas") und Messias. Das ist auf die Dauer ein bißchen anstrengend, für alle Seiten. So kam es, daß Bob Dylan zur Nervensäge wurde. Diese Rolle spielte er von der Mitte der 70er bis zur Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Das ist die Zeit, da er wirklich versuchte, modern, also auf der Höhe der Zeit, zu sein. Es waren seine wirklichen "Modern Times", und sie nehmen sich im Rückblick aus wie ein Tango, den Charlie Chaplin tanzt - groteske Verrenkungen, schmieriges Geflattere, das Publikum johlt. Dann, so will es die Geschichtsschreibung des Pop - die so dubios ist wie jede Geschichtsschreibung -, dann wurde die Welt jedoch Zeuge einer Auferstehung. Dylan war wieder da. Jemand hatte ihn in die Dreißiger zurückkatapultiert. Endlich fühlte er sich wieder daheim. Und machte ein Fläschchen auf. Zu sehen ist das im Video zum Song "Blood In My Eyes". Was auch immer das ist, was auf diesem Video zu sehen - ein Mann mit Zylinder, der Whisky oder das Blut aus seinen Augäpfeln trinkt - es ist sehr speziell.
Es ist ein merkwürdiges Land, in dem sich Bob Dylan heute befindet. Er ist ein Reisender durch einen Kontinent, den es nur in der Erinnerung gibt, und vermutlich sogar nur in seiner - und vielleicht in der von Greil Marcus. Es handelt sich um das große, alte, echte, beängstigende, brutale und gefährliche Amerika. Ein Land, in dem ein gutes Argument nicht viel wiegt im Vergleich zu einem gut geölten Schießeisen. Ich nehme an, so kann man es sehen. Man kann auch sagen, daß er es zu seiner Aufgabe gemacht hat, gewisse lyrische, poetische Werte zu bewahren und zu verteidigen. In den Wirrnissen unserer Gegenwart hält Dylan ein paar unumstößliche Wahrheiten über die menschliche Natur fest. So, wenn er in "Ain't Talkin'", der Schlußnummer von "Modern Times", singt: "Wenn ich meine Gegner je schlafend antreffe, werde ich sie gleich an Ort und Stelle abschlachten." Man stelle sich vor, Justin Timberlake sänge so etwas!
Oder hat man bei seiner Plattenfirma - Columbia - Dylan gar mit Justin Timberlake verwechselt? Eine reibungslos laufende Popmaschinerie - das ist das genaue Gegenbild dessen, wofür Dylan immer stand. Bob Dylan ist nichts für Leute, die verführt werden wollen. Um von Dylan verführt zu werden, muß man sich schon ziemlich zusammenreißen. Es gibt eine Anekdote, wonach ein Toningenieur Dylan mal im Anschluß an einen Take gebeten habe, etwas, das er gerade gemacht hatte, zu wiederholen. His Bobness raunzte daraufhin zurück: "Ich wiederhole mich nie!" Das ist eine etwas seltsame Aussage für jemandem, der Abend für Abend seine Greatest Hits unters Volk bringt, eingespannt in eine Neverending Tour quer über den Globus. Aber es bringt auch ein gewisses Konzept zum Ausdruck. Früher nannte man das Rock'n'Roll. Spontaneität, Ungebundenheit, Verantwortungslosigkeit.
Kauzig ist Mr. Dylan. Und paranoid? Die Bush-Administration setze ihm gewaltig zu, unken seine Fans. Diese Gauner im Weißen Haus, die alle Errungenschaften der Zivilisation und Demokratie aufs Spiel setzen für ein bißchen Macht ... Die Wahrheit dürfte allerdings eher sein, daß das Leben Dylan zusetzt. Denn wann hat man je den lebensbejahenden Bob Dylan gesehen? Ach ja, da gab es eine Zeit, am Ende der 60er ... man redet nicht gerne davon. Denn im Grunde lieben seine Fans die Schauer der Apokalypse, die Dylan, je oller, je doller, umwehen. Das Publikum ist fasziniert von einem Typen, der die Dinge noch schwerer nimmt, als sie ohnehin schon sind.
Seit Dylan sich die zu diesem Rollenfach passende Stimme zugelegt hat - ein kehliges, wölfisches Grollen, ein scharfes Knurren, metallische Modulation - ein Register, bei dem die Frage nach gesanglichen Qualitäten gar nicht erst aufkommt, da hier von Gesang keine Rede mehr sein kann - seitdem erweckt seine Kunst allerorten Entzücken. Nicht nur ein paar großkopferte, lyriksüchtige Kritiker tragen ihn seitdem im Herzen, sondern auch die breite Masse. Oder zumindest deren einflußreichste Agenten, deren beflissenste Claqueure - wie sonst wäre es zu erklären, daß man Dylan einen Oscar für einen Filmsong - "Wonderboys" - verliehen hat?
Dylan ist längst ein Museum seiner selbst. Man bedenke, daß er 65 Jahre alt ist - auch wenn er immer noch eine verblüffende Jugendlichkeit ausstrahlt - dieselbe Alters- oder Zeitlosigkeit, die schon den jungen Mann umwitterte ... der sich wünschte, man möge acht geben, daß sein Grab immer schön gepflegt sei. Der junge Dylan war ein Unzeitgemäßer, und der alte ist es auch. Er ist einer, der noch in den "Modern Times" festhängt.
"Modern Times" heißt auch der berühmte Film von Charlie Chaplin, in dem der Tramp den mechanistischen, menschenfeindlichen Geist des Industriezeitalters anklagte. Chaplin fand darum nicht nur den Beifall von strengen Kunst- und Weltrichtern wie Theodor W. Adorno, er war mit seiner kontrolliert stolpernden Art auch Vorbild des jungen Dylan, der von sich sagte: "I have my Bob Dylan mask on" - woraufhin er, es geschah während eines Konzerts in der Philharmonic Hall in New York, in glucksendes Lachen ausbrach. Heute trägt Dylan nur noch die Maske des Apokalyptikers, der gerade aus einer Jukebox auf dem Speicher eines Bordells in Chicago geklettert ist und jetzt die jungen Frauen mit James-Cagney-Imitationen zu erschrecken versucht. Erfolg hat er damit leider hauptsächlich bei ältlichen Populärkultursachverständigen.
Denn die modernen Zeiten sind heute lange her; damals starben noch Automotoren ab an der Kreuzung, und die Musiker musizierten auch schon mal dann, wenn sie nicht im Tonstudio saßen.
Andererseits soll man Albumtitel semantisch auch nicht überfordern. Das neue Album von "Motörhead" beispielsweise heißt "Kiss of Death". Hat auch Lemmy Kilmister, mittlerweile über 60, etwa erkannt, daß er den letzten Mister nicht wird killen können? Den alten Gevatter Tod? Man könnte das konstruieren. Wir lassen es spaßeshalber mal sein.
Bob Dylan wäre gerne Robert Johnson. Oder er hätte gern mit Skip James - was auch immer. Poker gespielt. Ouzo getrunken. Aber eigentlich ist Bob Dylan ein Gnostiker. Er ist prinzipiell unzufrieden, ob mit den modernen Zeiten oder den prämodernen, den postmodernen oder den postpostmodernen. Egal. Bob Dylan wird nie am Ziel sein, denn für ihn gibt es kein Zuhause außer dem Augenblick. Der mystische Garten, nach dem er sich sehnt, ist genau dieser Augenblick, das Nunc Stans der mittelalterlichen Mystiker. Dylan verkörpert einen tiefen, einen existentiellen menschlichen Impuls. Einen geistigen Impuls. Er will heim. Und er weiß, daß er hier, in der Fremde, in diesem beispiellos Wüsten Land - um es mit T. S. Eliot zu sagen - sterben wird. In seinen Worten: "I was born here and I'll die here against my will."
Wir wünschen Bob Dylan für seinen weiteren beruflichen Werdegang alles Gute, und wir danken ihm für dieses Album.