goethe

Goethe wird gesprengt. Zyklus

"Doch jetzt bin ich endlich am Ziel, dachte ich. Und betrachtete aufmerksam das luftige Nichts, das geblieben war."
Sándor Márai

"Das Wagnis des Denkens, meine Damen und Herren, erscheint uns heute unzeitgemäßer als ein Dinosaurier. Die Vorstellung ... ah, verflucht. Kann mal einer diesen JAZZ ausmachen? Oder was das ist? Dabei kann man ja wirklich keinen vernünftigen ..."
Und das stimmte auch. Das konnte man nicht, dabei einen vernünftigen, denn irgend jemand - keine Ahnung, wer, vielleicht auch bloß der Zufall - hatte Herbie Hancock tatsächlich EINE SPUR zu laut gestellt. Diese Platte, entschuldigen Sie, die kennen Sie doch? "Empyrean Isles"? Blue Note? Noten, die aneinander vorbei stolpern, Tonleiter hoch, runter, dann wieder ganz wild durcheinander, uh, was ist da los? Als wären sie blau. Jo. Ein Platzen von Akkorden. Ein Ausgleiten, gerade noch abgefangen, ein melodischer Spagat. Jazz. Champagnerartig? Meinetwegen, aber doch auch seltsam. Und dann bläst Freddie Hubbard los. Wischt sein Geblase so durch unser Ohr wie einen Mop, Mob, Moab. Ah! Scheiße! Wieder so eine dieser Vernichtungswaffen. Leitartikelgefahr.

Manchem wird ganz komisch davon. Jazz. Man ist ja doch eher auf etwas Zielgerichtetes eingestellt, wenn man ins Forum des Goethe-Instituts geht, auf ein bißchen was Angespannteres. Aber das Angespanntsein, das übernimmt jetzt mal der Zuschauerraum. Da unten sterben immerhin ein paar Leute fast vor Aufregung. Hektisch fummelt ein Techniker im Hintergrund herum, armes Schwein, schwitzend, eine ektoplasmatische Manifestation in den ungeduldigen Augenwinkeln der Zuhörer, ganz in Blau. Kabel werden ...

He? Moment mal. Ein Dicker stapft ins Bild. "Ektoplasmatische Manifestation?", murmelt er. "Ungeduldige Augenwinkel? Bitte? Was ist denn das für ein Quatsch? Was soll -"

Zum Glück nimmt der Dicke - wohl so eine Art Hausmeister -, den "A" Train, und damit kann's weitergehen.

"Danke", fährt der Vortragende fort, als das Geräusch endlich zum Erliegen gekommen ist bzw. abrupt abgestellt wurde. Ein Kabel wurde aus der Wand gerupft, ein anderes neu hineingestopft in eine Wand. Off. Stille. Das Ektoplasma wird wieder eins mit seiner Unauffälligkeit. Schweigen und Bereitstellung.
"Die Vorstellung", so der Referent in seinem Referat, ennuyiert die Nase mit dem Zeigefinger streifend, über den Brillenrand linsend, ,,die Vorstellung, man könne sich dadurch vor der Vernichtung retten, daß man sich in ein Buch verwandelt. Was ist das nur für ein Schwachsinn? Und hier, ‚Genozid der Zeit' - wer verzapft so einen Käse?"
"Käse?", fragt einer im Publikum, der Herbie Hancock gar nicht so schlecht gefunden, der sich sogar schon ein bißchen auf "Cantaloupe Island" gefreut hatte. Ein älterer Herr. Käse wäre natürlich auch eine Alternative.
"Ist auch egal", winkt der Vortragende schnell ab, funky, funky. Am Ende ist das noch Arno Schmidt, der Nörgler mit seinem Zettelkasten, und dann wird's eng. "Hier geht's um die Vernichtung. Ausschließlich. Die These. Daß man der entgehen könne. Könnte. Der Vernichtung. Das ist doch Quatsch. Man muß doch bloß mal an eine ganz normale Familie denken. Zum Beispiel an die eigene Familie. Wie soll man aus diesem fortgesetzten Zerfallsgeschehen denn herauskommen? Wie soll das möglich sein? Wir selbst, meine Damen und Herren, sind hier das Problem! Wir sind Achill UND die Schildkröte, die sich gegenseitig über das Möbiusband jagen."

"Ja, aber wer glaubt denn das, Bob? Ich meine."
Georg war ein bißchen verlegen. Nein, verlegen war er nicht; verzweifelt war er. Daß Bob jetzt wieder mit dieser alten Leier anfing. Mit diesem Schwachsinn, an den auch wirklich nur er glaubte, er allein, Bob. Bob fing damit an, schon wieder, dachte Georg entsetzt. Kaum zu glauben. Und dann hatte Bob sich auch noch so eine elende Schwuchteltasche über die Schulter gehängt, bevor er aufs Podium gestiegen war, um sein Referat über "Das Wagnis des Denkens" zu halten. Er, Georg, stand derweil mit der Herbie-Hancock-CD herum, die ihm jemand in die Hand gedrückt hatte, und wurde leicht schnippisch, ja fast feindselig angestaunt von den ältlichen Damen. One Finger Snap. Wie die sich wohl in Bobs Vortrag verirrt hatten?
Bob kniff die Augenbrauen zusammen. "Jeder glaubt das", sagte er mit jenem düsteren Ernst, der den ältlichen Damen wohlig durchs Gebein rieselte und Autoren jeglicher Couleur so ausnehmend gut gefällt. "In irgendwas wird unser alltägliches Leben verwandelt", sagte Bob schnell, dem all diese Kommentare zuviel wurden. "Zeit wird in Materie transformiert. Und das nennt man dann Kultur! So eine Scheiße!"

Schnitt, Rom. Äh, Rum. Filmriß. Ja.

Grimmig setzte Bob sich an seine Schreibmaschine. Das muß man schon verstehen, daß er grimmig war, auch wenn die ältlichen Damen natürlich irritiert guckten, weil sie doch eher mit einem rhetorischen Ereignis, mit etwas Erbauungskost gerechnet hatten und nicht mit solch einer Typisten-Performance, deren Unterhaltungswert ja doch eher, ich meine, machen wir uns nichts vor, besonders interessant ist das eigentlich ... aber darum geht's ja auch gar nicht. Worum es geht, das steckt in Bobs Kopf. So ist es nämlich. Auch Einwände der Art: "Ja, aber eben stand er doch noch auf einem Podium, wieso sitzt er jetzt an einer Schreibmaschine?" So einen Schwachsinn nehmen wir einfach nicht zur Kenntnis. Hallo? Mal einen Blick in Lyotards Schriften geworfen? François Lyotard? Der hat doch schon längst festgestellt, daß Erzählungen, die mehr als einen Absatz umfassen, nichts mehr taugen!

Song Without (Good) Words. By Charles Ives.

Es beginnt wie ein Krimi. Ort: Berlin. Zeit: Die Gegenwart, heute oder morgen.
Die üblichen Tagesereignisse finden statt, ein Menschenfresser wird gefangen genommen, eine junge Künstlerin stürzt sich aus einem Künstlerhaus in den Tod, beide Ereignisse werden auf Video festgehalten. Junge Leute werfen Steine in Busse, keiner weiß, warum.
Das ist der Hintergrund.
Karl Gutzkow von der Mordkommission und sein junger, attraktiver Kollege Max Loser erhalten den Auftrag, eine rätselhafte Mordserie aufzuklären. Sie beginnt mit dem Tod eines Schriftstellers, Bernhard Kellermann, dessen Roman "Das Gesicht der Gene" der Überraschungserfolg des Jahres war. Das Ende von Kellermann ist bizarr. Sein Kopf wird so lange auf seinen Schreibtisch geschlagen, bis er tot ist. Eine unglaubliche Wut muß dahinter gesteckt haben. Doch wer ist so wütend auf einen Schriftsteller?
Dann werden nach und nach eine Schauspielerin, ein Regisseur und sein Ausstatter umgebracht, ebenfalls auf brutale, brachiale Art und Weise. Auf einen Filmproduzenten wird ein Anschlag verübt. Mit seinem Wagen in ein Schaufenster rasend, verliert er sein Augenlicht.
Sie alle haben eines gemeinsam: sie sind beteiligt an der Verfilmung des Romans "Das Gesicht der Gene".
Dann erleidet Gutzkow einen Herzinfarkt, es ist alles zu viel für ihn, der Schnaps und die Zigaretten, die Stadt, der Müll und der Tod. Sein Assistent Loser verliebt sich in die junge Journalistin Valerie Paul, die ebenfalls an der Mordserie interessiert ist. Gemeinsam suchen sie nach einem Schlüssel für das Unerklärliche.
Doch es kommt alles anders, als man denkt, als man denken kann. Das wird spätestens in dem Augenblick klar, als nur das beherzte Eingreifen des kleinwüchsigen Matze Rath verhindert, daß Valerie und Max einem wütenden Zyklopen zum Opfer fallen.
Der Roman mit dem Arbeitstitel "Die einäugigen Könige" beruht auf Motiven der "Odyssee" und steht in der Tradition pikaresken, grotesken Erzählens. Deftig-lebensnah wird das Weiterleben und -wirken der antiken Mythologie vorgeführt, und dabei werden Zweifel laut, ob die "großen Erzählungen" tatsächlich zu Ende sind ...

Jetzt mußte Bob wieder etwas aufschreiben, hinschreiben; Bob mußte so tun, als gäbe es etwas zu erzählen, und dabei war doch offenkundig, daß das, was man über sie hätte erzählen können, aus der Welt gefallen war, längst schon. Die Welt war keine Erzählung mehr. Sie hatte nicht mehr die Gestalt einer Erzählung, die von der Großmutter an den Enkel weitergereicht wurde in einer pfeifenden Winternacht, ein dunkler, aber doch greifbarer Sinn, dunkles, weiches Geraune. Das alles war längst in die Säure der Absurdität getaucht worden, ein Skelett, das friedlich und perfide grinsend in der Ecke hing, mit Draht zusammengeflickt.

"Bob", sagte Georg kreischend, "so ein bißchen, weißt du, gehst du uns schon auf die Nerven mit deinem ewigen Lamentieren über das Ende der Geschichten, die man erzählen könnte. Und ich glaube, ich spreche hier jetzt auch im Namen der ältlichen Damen."
Bob schaute auf. Man sah, daß Georgs Worte ihn tief verletzt hatten, auch wenn die ältlichen Damen mit keiner Regung zu erkennen gaben, ob dessen Selbsternennung zu ihrem Anwalt ihren Interessen entsprach oder nicht.
"Was meinst du", fragte Bob. "Auf die Nerven gehen? Lamentieren?"
"Ja", sagte Georg, der nicht gewillt war, jetzt einen Rückzieher zu machen. "Es ist doch einfach so, Bob. Hör doch mal. Ich will dir nichts Böses, das weißt du. Das weißt du doch?"
"Das weiß ich, ja", sagte Bob. Aber Tränen standen in seinen Augen. Er wußte, was jetzt kommen würde. Tausendmal hatte er es sich ausgemalt, in jenen Stunden der Nacht, da der Schlaf, der lindernde, lösende, löschende, einfach nicht kommen wollte. Eines Tages hatte es kommen müssen, ihm war das immer klar gewesen, seit seiner Geburt, und heute war eben dieser Tag. Keine große Sache. Nur das Ende von allem. Er räusperte sich und sagte: "Ich weiß es genau, ja, alter Freund ..."
"Ich meine nämlich", fuhr Georg mit einer gewissen Erbarmungslosigkeit fort, "daß du im Grunde nur einfach keine Geschichten erzählen kannst. Das ist das ganze Problem. Und weißt du, was der Grund ist, Bob? Der Grund, weshalb dir einfach keine Geschichte glückt?"
"Ich ... nein", sagte Bob und schluckte.
"Der Grund ist, Bob, daß du dich einen Scheißdreck für Menschen interessierst. Für das Leben, das sie führen. Für das Material, aus dem ihre Lebenszeit gemacht ist. Wohnungen einrichten, Traktoren reparieren und Kinder säugen. So was ist dir einfach schnurzpiepegal."
"Und ... das glaubst du wirklich?", wisperte Bob.

An dieser Stelle, scheint uns, sollte alles wieder von vorn anfangen. Wenn Sie einfach wieder hochscrollen, bitte, zum Seitenanfang? Danke.


Wissenschaftliche Anmerkungen:
Soweit keine. Wenn Ihnen aber eine einfällt, tragen Sie sie ruhig hier ein.

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