Er unterschrieb sein Todesurteil, als er. Nein. Anders. Ich saß in diesem Plenum, eine Kreatur unter anderen, draußen rieselte Schnee. Weihnachten war noch nicht da, leuchtete aber schon hinter dem Horizont hervor. Früher war Weihnachten ein Fest gewesen. Heute war es etwas, das kam und ging. Bleiben taten nur die Bullen. Und die Steuerbeamten. Jedenfalls. Ich saß da, im Forum des Goethe-Instituts, und hörte, wie dieses Arschgesicht von Journalist erzählte, seines Erachtens bliebe dem Goethe-Institut nur eine Chance: radikale Akademisierung. Wenn ich mutiger oder wenigstens verrückter wäre, hätte ich losgeprustet. So aber saß ich nur da mit offenem Mund. Es war so, als hätte gerade jemand zu mir gesagt, seiner Ansicht nach gebe es nur eine Möglichkeit, meinem Leben Sinn zu verleihen: Fallschirmspringen! - Oder nein. Bei Licht betrachtet, wäre das sogar weniger schwachsinnig gewesen.
"Es ist doch so, daß wir heute den Körper als eine Collage aus unterschiedlichen Organen betrachten. So gibt es keinen Tod mehr, bloß die Rekombination dieser Collage."
Boris Groys
In mir gab es zwei verschiedene Personen. Es war wie auf dieser Schallplatte, die bei uns daheim herumlag. Da ist ein wahnsinnig begeisterter Dilettant, der wie Harry Belafonte zu singen versucht: "Day-oh, day-ay-ay-oh." Und dann ist da so eine Art Aufnahmeleiter, ein Produzent. Der erträgt das Gesinge des falschen Belafonte - des Malafonte - nicht und schickt ihn immer weiter weg vom Mikro, bis er aus dem Studio raus ist - die Tür fällt zu. Ruhe.
Ich war Dilettant und Aufnahmeleiter in einem. Auf der einen Seite war in mir eine ungeheure, eine irre Lust, etwas zu machen. Auf der anderen Seite aber schickte ich mich immer in die Ecke zurück. Wenn ich so darüber nachdenke, beschleicht mich doch der Verdacht, daß ich mich nicht besonders gemocht habe.
"Marcus Weill ... will uns glauben machen, daß wir Logik und Ordnung scheuen, weil sie uns an unsere Sterblichkeit erinnern, während uns Unlogik und Unordnung trösten, weil sie beweisen, daß nichts von Sinn erfüllt, daß nichts sicher ist, nicht einmal der Tod."
Harold Brodkey
Er war groß, weil er ein absolutes Durchschnittsformat hatte. Er gab geradezu an mit seiner Durchschnittlichkeit. Diese Typen stellten sich die Welt so vor wie die Settings in einem Werbefilm, kühl und geleckt, perfekt. Sie waren innerlich Faschisten, und vor diesem monströsen Hintergrund nahm seine Banalität sich ausgesprochen menschlich aus.
"Deshalb wußte ich also genau, was mein Vater von mir denken mußte, doch konnte ich meine Gedanken nicht von meiner gegenwärtigen Arbeit losreißen, die zwar ekelhaft war, aber für meine Phantasie doch eine unwiderstehliche Anziehungskraft besaß."
Mary Shelley
Prof. Venatorius bat mich, einen Text zu schreiben. MONSTRUM.
- Können Sie das nicht tun, Victor? Fürs Goethezeitportal?
- Lieber Professor, sagte ich, ich schätze Sie sehr. Aber in letzter Zeit ist nicht allzu viel glatt gelaufen in meinem Leben. Ich will mich nicht beklagen. Absolut nicht. Aber ...
- Sie kommen mir vor wie Theseus, sagte der Professor. Oder wie eines dieser Arschlöcher.
Ich schüttelte langsam den Kopf, weil die Figuren in Houellebecqs Romanen das auch immer taten, und aus demselben Grunde sprach ich zu mir:
- Michel ...
Aber das hätte ich mir sparen können, denn Prof. Venatorius war schon wieder am Drücker. Er sagte:
- Wie Perseus oder Andromeda oder der Minotaurus.
- Himmel, Scheiße, sagte ich, wer hat eigentlich diesen Stierkopf getötet? Diese Mißgeburt?
- Wie reden Sie denn, Mann?
- Das Leben lehrt uns etwas. Es erteilt uns Lektionen. Und Lachen ist nicht in jedem Fall die angemessene Reaktion. Manchmal sollten wir auch Bomben werfen oder jemandem die Gurgel umdrehen.
"Die Skulptur ist angelegt auf Dauer, auf Präsenz, und die Fotografie macht sichtbar, was zu einem bestimmten Augenblick vor der Linse geschah. Meine Skulpturen sind ja nur Nachahmungen, Attrappen von Dingen, die gerade so viele Zeichen in sich tragen, daß man sie wiedererkennt. Ich spiele diese beiden Formen gegeneinander aus. Die Skulptur kann man umrunden, im Foto ist ein Moment eingefroren, mein einziger Blickwinkel. Das ist meine Herrscherallüre: daß ich den Blickwinkel vorschreibe."
Thomas Demand
Manchmal schlich ich um mich selbst herum wie Jago, und dann gab ich mir einen Tritt. Oft sind es ja ganz seltsam zusammenhanglose Sätze, die einen am tiefsten beeinflussen. Und dann wieder stellt man fest, daß die Großen Sätze oft völlig mißverstanden sind. Mich hat es immer erschüttert, wenn ich einen Satz, der tausendmal über den Ladentisch gegangen ist, im Nachlaß der Kultur wiederfand. Er hatte einst Sinn und Zweck und einen festen Ort! Diese Erkenntnis hat mich immer verblüfft. Vielleicht bin ich von der Verlogenheit der Zeit so durchdrungen, daß ich nicht im Ernst glauben kann, Adorno habe geschrieben, es gebe kein richtiges Leben im falschen. Aber er hat es geschrieben. Ich bin neulich auf den Satz gestoßen, am Ende eines intrikaten und ein wenig überflüssigen Gedankens. Aber was will man machen? Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Dafür gibt es eine Menge Werbeslogans, und die besten sind eigentlich immer fürs Nichts geschrieben worden.
"To me, Monk seemed to approach his music more like a sculptor with hammer and chisel, rather than like a painter who uses brushes and paints to get shadings of color."
Dick Katz
Kurz und gut. Ich hielt es mit Alec Guinness in ADEL VERPFLICHTET. Ich beschloß, mich für eine hirnlose Kanzelpredigt zu rächen.