goethe

Goethe wird gesprengt. Medium

Ich dachte darüber nach, dann, daß ja, alles in allem, der Ausgang doch ein glimpflicher war. Oder nein. Wenn ich's recht bedenke. Ich. Stop, halt. Momentchen mal. Neuer Anlauf. Meine Gedanken galten einem ganz anderen Problem. Und zwar. In dieser Denkfabrik mit Zugzwang da auf meinen Schultern. Um es mal etwas ausholender, weiter ausholend, meine ich, zu sagen. Zu versuchen. Man versucht ja immer nur. Wer kann denn sagen? Sagen wie in "sagte er"? Goethe vielleicht. Aber soll ich Ihnen mal was sagen? Sein Institut kann's sicher nicht. Die können da vielleicht einen Fußball durchs Fenster schießen. Aber das war's auch schon. Wenn Sie mich fragen. Und wenn Sie mich nicht fragen, dann auch.
Mit Martin hatte ich besprochen, daß ich ja unbedingt diesen Text hatte schreiben wollen. Für diese ultracoole Intellektuellenzeitschrift. Pfifferling. Kein Debatten-, kein Freundschafts-, kein Gefälligkeitsjournalismus. Nichts von diesem halbschwulen Popsonderlingskram. Sondern Härte pur, Schreiben mit dem Meißel, direkt hineinhämmern in den Marmor der Gesellschaftsidiotien. "Potlatch"-Niveau, so Martin. Volksbühne. Dann aber war das Gespräch doch wieder auf die Schreiberszene gekommen. Dieser Typ da. In seinem orangefarbenen Eckcafé. Dieses blasse Arschloch. Das flammende blasse Arschloch. Tagaus, tagein. Fahlbäuchig und glupschäugig. Wie der in der Sauna seine Blicke sich an den Zitzen der Frauen festsaugen ließ. Martin lachte. Wir tranken Prosecco. Auch ich war ganz gut drauf. Nach Monaten tiefster Dumpfheit und stursten Trübsinns witterte ich wieder Morgenluft. Am Arsch die Räuber. So wollte ich meine neue Erzählung nennen. Früher hatte ich immer mit Kapores hantiert. Auch so ein Titel. Martin lachte. Martin schien dauernd zu lachen, aber vielleicht lag das auch bloß an meiner Schreibe?
Du mußt die Menschen, äh, ernstnehmen, so Martin, so ich, später, zu Dietmar. Dietmar werkelte schon wieder an einem Romandings herum, Intelligenz pur. 1000 Seiten, erst mal, davon strich der Lektor dann die Hälfte weg, damit auf dem Ladentisch dafür Platz war. Wenn man sich die Rezensionen vorzustellen versuchte, die Dietmars neues Geistesgeschoß einheimsen würde, war da ein Flirren und Knistern in der Luft. Der Kurzschluß sämtlicher Diskurse, die im Augenblick. Äh. Hierzulande. Gut, viel gibt's da ja nicht. Schlingensief, der durch eine Leinwand tritt. Bambi und Parzifal. Trotzdem. Hochachtung war da, in der präsumptiven Vorstellung in meinem Kopf. Dietmar hatte eine Fangemeinde, die ziemlich fanatisch war. Fans gehen zum Fußball, oder sie lesen Dietmars Schwarten. Zu Dietmars Fans gehörten einige der schreiblustigsten Köpfe der Republik. Oder - war das eigentlich immer noch eine Republik? Ja. Wohl schon, so Martin, ein bißchen Prosecco verschüttend. Kaum zu glauben, rief ich. Immer noch eine Republik?
Kann ich das mal als Zitat verwenden? Später? In dieser Erzählung von mir, die sich mit der Musik von Modern Talking befaßt, den Wurzeln im Blues, und wie dann alles. In Martins Augen lag ein stumpfer Glanz. Das war die Wirkung des Lotos. Im Vergleich zu Lotos war Heroin so etwas wie schwarzer Tee. Ein Süchtiger hatte das in einem Bekenntnis- und Enthüllungsbuch so beschrieben. Es hatte sich mir eingebrannt, das Bild. Ich selbst hatte keinerlei Erfahrungen mit Lotos. Ich bin doch nicht bekloppt, pflegte ich zu sagen. Ich gehöre nicht zu jenen Leuten, die glauben, man müsse mit 35 verbrannt sein, um ein Leben gehabt zu haben. Es geht doch auch ruhiger. Mal mit dem Auto übers Land fahren. Omi besuchen. Man braucht dazu einen Führerschein, schon klar.
Lotos? rief Martin aus. Was denn für ein?
Manche Autoren, meinte ich trocken, verfügten ja über exakt ein Stilmittel. So ich.
Und das wäre?
Und das ist der Konjunktiv. Präsens.
Martin meinte, die sei jetzt aber ziemlich dunkel, meine Bemerkung. Welchen Schriftsteller ich denn da so genau im Auge hätte? Habe? Haben würde?
Wen hast du denn da jetzt im Auge, bei deiner Bemerkung?

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit