"Heute kann jeder Prophet sein, der die Nerven hat, bis drei zu zählen."
Peter Sloterdijk
Eine junge Frau. Sie tanzt. Das sieht ganz gut aus, so, wie sie tanzt, wenn vielleicht auch ein bißchen autistisch. Sinnlich, groovy. Hey, Pop. Adam Green, logo. Oben die nächtliche Stadt, voll Versprechen und Verbrechen. Dann fängt sie an, sich auszuziehen. Sie ist blond. Vielleicht schwedischer Abstammung? Sie läßt ihre nackenlangen Haare wirbeln. Jemand geht auf sie zu, über die Tanzfläche hinweg, mit langen Schritten.
Man kann nicht fliehen, wenn man die Welt als Gefängnis empfindet. Die Realität ist der Schlangenbiß in die Ferse, an dem wir sterben werden. Kommen Schriftsteller, Dichter heraus aus dem Raum-Zeit-Käfig Wirklichkeit? Künstler? Männer wie Don DeLillo, Alexander Kluge, William Gaddis? Oder orakeln sie sich lediglich einen Pflaumenbaum von Alternative herbei? Sprengen sich nach innen? Explosive Regression? Gottfried Benn: "Ein Gedicht ist immer die Frage nach dem Ich." Das Ich ist nicht männlich oder weiblich, es ist verzweifelt. Das Ich also als ewig letzte Versuchung?
"Könnten Sie wohl endlich mal still sein, bitte? Kurz mal? Daß man was versteht?"
Zum Glück befand sich die Präsidentin des Goethe-Instituts, Prof. Jutta Limbach, gerade in New York, wo sie dinierte mit Lily Brett, ihrer Lieblingsschriftstellerin. Das Gespräch drehte sich um Weine und Geschichte, als Prof. Limbachs persönlicher Referent, Dr. Kunzel, hereinkam. Seine Gesichtsfarbe gab der Chefin zu denken, noch ehe er etwas sagen konnte. "Sie sind blaß, Kunzel", sagte sie. Sie sagte es beinahe streng, weil der Abend bisher doch so schön verlaufen war; nur natürlich, daß sie diese Stimmung nicht gefährdet sehen wollte.
"Präsidentin", sagte der persönliche Referent atemlos, sich hinabbeugend zum präsidentialen Ohr, "die sprengen unser Goethe-Institut."
Sie schaut auf. Der Blick ihrer Augen ist ungetrübt, aber leicht verwirrt. "Wo? Im Irak?"
"Nein. In München."
"Unser Institut?"
"Unser Institut."
"Aber warum denn bloß, um Himmels willen?"
Das sei ihm auch nicht ganz klar, antwortet Dr. Kunzel. Offenbar gebe es da eine ziemlich dunkle Verbindung zu einem Artikel, den ein Journalist in der "Süddeutschen Zeitung" über die Anmaßung des Hauses geschrieben habe, über arrogantes Verhalten ... ein ehemaliger Praktikant bekenne sich dazu, eine Bombe im Forum, im Veranstaltungssaal der Münchner Zentrale des Goethe-Instituts, deponiert zu haben.
Ein ehemaliger Praktikant.
Prof. Limbach sitzt, ihr Mund steht offen. Jemand, der nun auch hereingeeilt ist, dolmetscht für Lily Brett. Die US-amerikanische Autorin ist gleichfalls fassungslos. Sie springt auf und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.
"My dear", ruft sie aus. Sie vermutet, daß der Anschlag gegen sie gerichtet sein könnte. Weil sie doch. Eine Amerikanerin. Da sähen die Terroristen immer Rot, natürlich. Fundamentalisten, Praktikanten, ein Gesocks. Die Twin Towers. Tragisch, daß jetzt auch die Zentrale des Goethe-Instituts in München ... doch schließlich weise auch die Frauenkirche Zwillingstürme auf, da mag das eine Motiv sich unheilvoll mit dem anderen verschwistert ...
"Nein, aber nein", beschwichtigt die Präsidentin die fast schon delirierende Autorin schnell. "Meine Liebe, ich versichere Ihnen, daß hat mit Ihnen gar nichts zu tun, aber auch gar nichts."
"Terrible", murmelt Lily Brett. Sie hat ihr Gesicht in den Händen geborgen. "That's horrible. I'm so sorry, Jutta! I never ..."
"Wirklich, nein, Lily, es hat überhaupt, bestimmt hat es nichts mit Ihnen zu tun und unserem gemütlichen Beisammensein hier ..."
Prof. Limbachs Augen ruhen auf dem persönlichen Referenten.
"Keine Ahnung", sagt der achselzuckend.
Weitere Folgen (in Vorbereitung):
TOD
MUSEUM
MONSTRUM
ZYKLUS
EKSTASE
MEDIUM
FUNDAMENT
ICH
Wissenschaftliche Anmerkungen:
GOETHE WIRD GESPRENGT beruht in seiner Gesamtheit auf Motiven und Überlegungen, die Boris Groys und Jean Baudrillard entwickelten in ihrem Gespräch vom 14. Mai 1995 im Café Schloßmuseum in Karlsruhe, anläßlich der Multimediale 4 des ZKM/Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe. Dokumentiert wird die Unterhaltung auf der supposé-CD "Die Illusion des Endes - Das Ende der Illusion". Es gab Kaffee und Zigaretten für Baudrillard und Kaffee und Zigarettenrauch für Boris Groys. Ist der Rauch einer Zigarette deren Simulation? Jedenfalls ist er, was von einer Zigarette übrigbleibt nach dem Verdampfen ihres Bestehenden. Wenn es denn das Bestehende tatsächlich je gegeben haben sollte, außerhalb des Zeitalters der stimulierten Simulation, des "age of simulacra" (Frederic J. Fox).
Irgendeine Ähnlichkeit der auftretenden Personen mit wirklichen Menschen zu unterstellen, wäre absurd, selbst wenn sie beabsichtigt gewesen sein sollte. Personen, die sich selbst nicht mehr ähneln, können auch nicht imitiert werden. Und am schlechtesten kann man jene kopieren, die jeder zu kennen glaubt. Sie existieren nicht, nicht einmal mehr in ihrer eigenen Vorstellung. Unbeeinträchtigt von dieser Tatsache bleibt natürlich der Wille. Der Wille zur Macht ist die letzte Realität.
Karlheinz Verbiestert