goethe

Er reibt sich das Kinn

Für Rico Wolf

Nein. Nun warte doch mal.
Die wollen meine Geschichten nicht drucken, kreischt Boris. Wo ist mein Telefon? Die wollen wirklich und wahrhaftig meine Geschichten nicht drucken.
Sie waren nicht so recht davon zu überzeugen, daß es sich um Geschichten handelt, sage ich. Du kannst Anne jetzt nicht anrufen. Sie ist im OP. Gib das Telefon her, Boris!
Dann hole ich sie eben da raus! Ich muß jetzt mit Anne reden. Die weigern sich, meine Geschichten zu veröffentlichen. Ja, sag mal. Wozu schreibe ich denn? Zu meinem Privatvergnügen, oder was?
Vielleicht ist es alles ein bißchen sehr komplex, Boris. Oder? Deine Geschichten. Die haben ja auch nicht soviel Zeit, das zu prüfen.
Es handelt sich um Variationen auf der Basis, fängt Boris an, bricht dann ab. Robert. Jetzt mal im Ernst. Was ich unternehme, ist nichts geringeres als eine Rehabilitierung des Mythos.
Das Nibelungenlied. Ich habe darauf hingewiesen.
Variationen, Robert. Erzählerische Variationen auf der Basis des Nibelungenliedes. Was glaubst du, warum mein Held Goldberg heißt?
Goldbergvariationen. Du hast es mir gesagt.
Und? Ist das nicht brillant? Boris springt auf und rennt in der Küche auf und ab. Er sucht Zigaretten. Wo stecken denn aber auch schon wieder seine verdammten Zigaretten?
Hast du meine Zigaretten gesehen? fragt er mich.
Ist das auch eine literarische Anspielung?
Witzbild.
Du müßtest vielleicht den Storycharakter stärker herausarbeiten, sage ich.
Ja, sag mal. Wenn die das nicht als Geschichten erkannt haben. Was haben die denn gedacht, was das ist? Was haben die gedacht?
Der Lektor hat immer von "Texten" gesprochen, sage ich.
Texte? Boris runzelt die Stirn. Er stützt sich schwer auf den Packen Papier, der auf dem Küchentisch liegt. Texte. Aha. Warum nicht gleich "Roman"? Ein moderner Roman. Die sind doch nicht ganz dicht, diese Verlagstypen. Oder was meinst du? Gedichte. Das wär's gewesen. Postmoderne Gedichte. Haha. So hätten sie's nennen sollen.
Na ja, Boris ...
Was? Er sieht mich mit einem Blick an, mit dem man sich auch rasieren könnte.
Ich sage: Du mußt zugeben, daß es kein ganz einfaches. Es ist keine leichte Kost, Boris. Deine Variationen.
Nein. Meine Variationen sind keine ganz leichte Kost. Zufällig handelt es sich bei ihnen um Weltliteratur.
Ja, das ist klar, sage ich.
Boris schaut mich traurig an.
Du glaubst auch nicht an meine Geschichten, stimmt's?
Doch. Natürlich. Nur.
Nur?
Du mußt noch ein bißchen Arbeit reinstecken. Die Dinge klarer machen.
Noch klarer? Das mit Gunther und Brinnie. Nur mal als Beispiel. Damit wir wissen, wovon wir reden. Brünnhilde und Gunther. Ist doch klar? Das ist doch brillant! Daß er sie im Nachtclub kennenlernt, und sein Kumpel Siggi vernascht sie dort schon mal. Die Stripteasetänzerin. Er vögelt sie auf dem Schminktisch. Siegfried, der deutsche Recke. Ist das nicht brillant?
Doch.
Man muß natürlich drauf kommen, klar. Man muß ein bißchen mit der abendländischen Kultur vertraut sein. Das schon.
Ja, sicher.
Meine Geschichten sind nichts für Leser, die sagen, fürs Denken hat man seine Leute.
Nein.
Man muß schon selber denken wollen.
Man muß selber denken, ja.
Jeder muß für sich selbst denken. So läuft's. Ich meine. Wo kommen wir denn da hin, wenn. Boris hat sich das oberste Blatt seines Stapels vorgenommen und liest. Er wird still. Seine Stirn legt sich in Falten.
Hm, macht er.
Er nimmt einen anderen ... nein, entschuldige. Entschuldige, Boris. Ich weiß. Nicht "Texte". Das ist das falsche Wort. Du nimmst dir also eine andere deiner Geschichten vor und liest. Und läßt nach ein paar Zeilen das Papier sinken.
Also, sagst du.
Was? frage ich.
Das ist ja richtig beschissen, sagst du, und dabei schaust du mich auf eine Art an, daß ich denke: Was hat der denn jetzt schon wieder?
Na. Komm. Nun.
Nein. Nein, im Ernst. Das ist ja das Allerletzte. Boris muß lachen. Purer Blödsinn. Quatsch mit Soße.
Er reibt sich das Kinn.
Au wei. Das haben wir dem Verlagstypen gegeben?
Mark Deeh, sage ich. Ich hab's ihm gegeben. Ja. Was ist denn auf einmal? Was ist denn mit deinen Geschichten?
Oh, oh. Wir haben dessen Karriere aufs Spiel gesetzt, Robert. Das haben wir getan.
Ach, komm. Übertreib nicht.
Nein. Das haben wir getan. Seine Karriere aufs Spiel gesetzt. Wie heißt der Typ, sagst du?
Mark Deeh.
Ich werd dem gleich einen Brief schreiben. Werd mich entschuldigen. Mei. Ist mir das peinlich. Wo ich das jetzt lese. Was war denn da mit mir los, sag mal?
Vielleicht solltest du Essays schreiben? meine ich.
Erst mal werde ich einen Brief schreiben. Und mich entschuldigen. So geht's ja nicht. Himmel.
Boris lächelt in sich hinein. Er macht wieder einen ganz gefaßten Eindruck. Von der kämpferischen Bestürzung ist nichts übriggeblieben. Er steckt sich eine Zigarette an, nimmt sich noch einmal das oberste Blatt vor. Er liest. Dann lacht er leise und schüttelt den Kopf.
Mann, Mann, Mann, sagt er. Man hat ja offenbar doch zuviel Zeit, hin und wieder.

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