Ich bin der Sohn einer reichen Schweizer Industriellenfamilie. Uhren. Na klar. Kuckucksuhren. Wir haben ein Vermögen damit gemacht. Kuckuck, Kuckuck. Von früh bis spät. Das hat seinen Preis. Ein Onkel wohnt bei uns in einem Türmchen, das mein Vater extra für ihn bauen ließ. Dort schreibt er Gedichte. Oder etwas in der Art.
Charles war schon immer ein Idiot, sagte mein alter Herr oft. Er sagte es grimmig, doch in seine Verachtung mischte sich wirkliche Zärtlichkeit.
Ich habe es niemandem leicht gemacht, nie. Schon früh brach ich aus aus dem Goldenen Käfig. Ich rannte davon, aus der Schule weg, am hellichten Tage. Ich nahm Drogen. Ich trieb mich in zweifelhaften Etablissements herum. Und stürzte ab. Der freie Fall. Abfall. Für alle. Endlich fand man mich, ein freundlicher Müllmann brachte mich zurück nach Hause. Mein Vater war besorgt. Meine Tanten nicht minder.
Ich schockte mit meinem ersten Film über den Kosovo-Krieg all die Spießer Europas. Wie viele es gibt! Meine Güte! Ich zwang sie zum Nachdenken. Ich drückte ihr Gesicht in ihre eigene Scheiße, wie man es mit Hunden macht. Ich zeigte ihnen Bilder von Exhumierungen, von Massengräbern. Skelette von wehrlos Erschlagenen, Geschundenen.
Ein bekannter Schauspieler war ganz heiß darauf, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich sagte: Okay, na gut. Aber ich leiste dem Kapital keine Knechtdienste. - Ich doch auch nicht! sagte jener. - Gut. Dann ist das ja geklärt, sagte ich.
Man muß einen Grund finden zu glauben, daß man das Richtige tut, sagt der Erzähler in meinem Kosovo-Film.
Der Held ist ein bärtiger, grauhaariger Fotoreporter. Er jagt herum, in der Welt, in ganz Europa, hinter einer jungen Frau her, für die ich mehrere hundert Seiten Dialoge schrieb, aus denen sie nach Belieben auswählen konnte.
Wie soll ich das machen, Jean-Jacques! rief sie. Wie soll ich das entscheiden? Ich bin Schauspielerin! Ich meine!
Ich raufte mir die Haare, ich warf mich auf die Knie. Marie! rief ich. Bitte nicht! Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und wälzte mich in meinen Gedanken wie in Schmutz.
Ja, so war's.
Daß der Film überhaupt zustande kam, war ein Wunder. Ein reines Wunder. Was sonst? Scheiße noch eins.
Meine Ästhetik war so radikal, wie meine Ansichten es vielleicht sein könnten, wenn ich nicht so ein Idiot wäre.