Siegfried Zugger sitzt in der Badewanne. Er hat mit Badeschaum nicht gegeizt; die Blasen quellen über den Rand, durchsichtig und weiß sickern sie über den Boden des Badezimmers. Zugger grinst. Er trinkt Schampus aus einem Glas. Damit prostet er Attila Koolhasser zu, als er hereinkommt.
"Servus. Da bist du ja. Du willst mich töten", sagt Zugger fröhlich.
"Will ich das?"
Koolhasser nimmt auf dem Korb für die Schmutzwäsche Platz. Der Korb knistert dunkel unter seinem Gewicht.
"Ich habe deine Frau gefickt", sagt Zugger. "Ich hab versucht, den LOBOTOM zu vernichten und dich mit BABEL TV übers Ohr zu hauen. Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der dir im Weg steht. Und - wenn du mich beseitigst, gehört dir das da."
Attila Koolhasser dreht sich um, wirft einen halben Blick darauf.
"Was ist das?"
"Das ist ein Bild von Paul Klee."
"Der Angelus Novus."
"Ich wußte nicht, daß du ein Kunstkenner bist."
"Ich höre Radio."
"Ja, ziemlich vulgär. Ich weiß. Ein Spektakel ... entsprechend grell das Geschrei, das die Medien jetzt machen. Vielleicht hätte man das auch ein klein wenig dezenter machen können?"
"Mehr die Gentleman-Tour? Nicht gleich alles über den Haufen schießen, was sich bewegt?"
"Mir hätte das jedenfalls eher zugesagt. Wär mehr mein Stil, nicht?"
Attila Koolhasser nickt; er atmet aus. Dann fragt er: "Was willst du nun damit machen?"
"Ich verkaufe es. An einen Typen, den sie ‚Ölprinz von Baku' nennen. Ein Ölmillionär aus Armenien, der heute in Kansas lebt. Heute abend wird er hier in Berlin sein. In Charlottenburg. Er ist sehr an dem Bild interessiert. Fünf Millionen will er dafür hinblättern."
"Das Bild ist mehr wert."
"Das Bild ist so verdammt heiß, daß man's nicht mal mit einer Kneifzange anfassen sollte."
Wieder eine Pause. Attila Koolhasser nickt.
"Dollars?"
"Euro."
"Wie bist du auf den gekommen? Auf den ‚Ölprinzen von Baku'?"
"Hat alles Feinold eingefädelt, der Gute."
"Der Gute, ja. Feinold, der Gute. Feinold, der Stille."
"Die Stillen. Die sind die Schlimmsten. Vor allem, wenn sie auch noch gut sind."
"Er ist ein wandelndes Trauma, wenn du mich fragst."
"Was ist der Mensch, wenn nicht die Summe seiner Traumata? Die Wunden, die uns zugefügt werden, sind wie die Hiebe des Bildhauers, der eine Plastik formt."
"Der Mensch als Kunstwerk?"
"Ja."
"Und das Leben als Bildhauer."
"So ist es."
"Klingt idiotisch."
Siggi Zugger kichert, und Attila Koolhasser zündet sich eine Zigarette an. Mit der Schuhspitze dreht er ein Buch herum, das aufgeschlagen auf dem Boden liegt, die Schrift nach unten. VELAZQUEZ. SEINE BILDER, SEINE WELT.
"Wo in Charlottenburg triffst du ihn?" fragt Koolhasser, ohne aufzusehen.
"Im GOLDEN PHOENIX. Ein Chinarestaurant in der Kleiststraße."
"Kenn ich. Da war ich mal mit Petra öfter. Früher."
"Ja."
"Ich hab's nicht nostalgisch gemeint. Rein historisch."
"Verstehe schon. Der Bursche heißt Kropotkin. Der Ölprinz von Baku. Alexej Arkadjewitsch Kropotkin. Du kannst ihn gar nicht verfehlen. Er sieht aus wie Garri Kasparow, und er hat immer zwei Leibwächter dabei. Der eine sieht aus wie ein Massenmörder, der andere wie ein Gorilla. Stimmiges Trio."
Koolhasser wirft die Zigarette, halb aufgeraucht, ins Waschbecken.
"Okay, Siggi. Schätze, es wird Zeit, daß ich dich ein bißchen totschlage."
"Die Axt ist ... du sitzt drauf."
Koolhasser schaut überrascht.
"Im Wäschekorb? Eine Axt?"
"Auch nicht gerade unspektakulär, oder? Eine Axt im Wäschekorb? Auf was für Ideen die Leute kommen! Und das alles nur, um mich zu beseitigen. Man hätte mich auch einfach ... na ja. Lassen wir das."
Attila Koolhasser wirft ein Höschen in den Wäschekorb zurück, das sich um die Klinge der Axt gewickelt hatte.
"Die Gesellschaft des Spektakels", sagt er.
"Liegt gut in der Hand, oder?"
Koolhasser läßt die Axt durch die Luft schwingen, hin und zurück. "Hervorragend."
"Na, dann viel Vergnügen."
"Okay. Dann wollen wir mal. Gibt's noch was, das du sagen möchtest?"
"Nein. Wirklich nicht. Hau einfach zu."