Der Raubzug lief brutal, schnell, amerikanisch effizient ab. Bei aller Gewalttätigkeit umgab ihn doch ein Air von Leichtigkeit - von Heiterkeit beinahe, von verträumter Rauchigkeit, wie die Nummer einer musikalischen Revue. Man konnte sich gut vorstellen, wie im Hintergrund eine Jazz-Combo aufspielte; ein farbiger Sänger gab mit knarzender Stimme im Bar-Sound zum besten:
As I walk down the street
Seems everyone I meet
Gives me a friendly hello.
Hart klatschten die Sohlen der Männer auf den polierten Boden, als sie durch den Glasbau der Neuen Nationalgalerie rannten. In lässiger Slow Motion preschten sie vorwärts, die Schußwaffen gezückt, vor den Gesichtern zottige Affenmasken. Stumme Schreie stießen sie aus, um die Bahn vor sich frei zu räumen. Das Publikum brüllt stumm zurück, weicht aus, fällt zur Seite, stolpert übereinander.
And the birds in the tree
Are all so neighbourly
They sing wherever I go,
heißt es auf der Tonspur. Einer der affenmaskierten Räuber trägt unter seinem Arm die kostbare Beute. Eine aquarellierte Ölfarbenumdruckzeichnung, 31,8 mal 24,2 cm, entstanden im Jahre 1920. Name des Künstlers: Paul Klee. Name des Kunstwerks: "Angelus Novus".
Die Räuber treiben die Ausstellungsbesucher auseinander, eine Herde von Schafen, durch die ein Geländewagen fährt auf dem Weg zum Meer. Man hört die Möwen schreien. Wer den Räubern in den Weg gerät, den drängen sie rüde zur Seite. Eine alte Dame will gerade mit ihrem Gatten den Martin-Gropius-Bau betreten. Ein Räuber rammt ihr seinen Ellbogen ins Gesicht -
- I'd have to confess that I'm slippin' -,
springt über die Fallende. Deren Nase bricht, Blut spritzt heraus, die Frau hat einen Schock.
Ihr Mann, der sie aufzufangen versucht, kann den bestürzten Gedanken nicht unterdrücken, daß es ihr recht geschehe.
Eigentlich im Israel Museum von Jerusalem daheim, hatte der Angelus Novus einen Zwischenstop in Berlin eingelegt auf seiner Wanderung durch die großen internationalen Museen. Er reiste mit seinen Kollegen, allesamt ausgewiesene Meisterwerke, unter dem Motto: EXIL UND APOKALYPSE. Nun, gefangen im räuberischen Tumult, fragt er sich natürlich, ob die Reise wirklich so eine gute Idee gewesen sei. Oder hätte er nicht wenigstens direkt Kopenhagen ansteuern sollen?
Das Vorgehen der Verbrecher nannte die Berliner Zeitung später "unvorstellbar kaltblütig". Zuerst nämlich ließen sie mitten im Glasbau eine Bombe explodieren. Die Panik unter den Besuchern nutzten die Kriminellen, um sich der Kleeschen aquarellierten Ölfarbenumdruckzeichnung zu bemächtigen. Obwohl es sich nach Einschätzung eines Experten um einen "insgesamt eher harmlosen Sprengsatz" handelte, wurden doch einige der kostbaren Gemälde beschädigt, darunter Breugels "Der Triumph des Todes" und Picassos "Guernica". Eine Tragödie, natürlich. Auch die Glasfassade des von Martin Gropius entworfenen Museumbaus erlitt Schaden. Doch damit nicht genug. Ein Besucher verlor ein Auge, einer Frau wurde die linke Hand abgerissen; insgesamt gab es zwölf Verletzte.
Die Räuber stürzen ins Freie. Dort wartet ein Wagen, ein schwarzer Mercedes. Am Steuer sitzt eine weitere Affenmaske.
"Macht schon. Nun macht schon!"
Ein Wärter, übereifrig, ein junger Mann noch, stürmt heran. Er ist den Flüchtenden gefolgt, vermutlich hat er zu viele Filme gesehen, in denen die Guten den patentierten Schutz universeller Unverletzlichkeit genießen. Den letzten Räuber packt er, reißt ihn zu Boden. Der Wärter greift nach der Maske. Ein Kopfschuß streckt ihn nieder.
"Bingo. Volltreffer."
"Warte. Ich verpaß ihm auch noch eine. Die Sau."
"Was macht ihr da? Kommt schon, steigt ein. Los!"
Der Motor des Mercedes heult auf. Die Affenmasken werfen sich hinein. Das Gesicht nach unten, rotumflort, ruht der Wärter in seiner nachtblauen Uniform. Noch vor einigen Tagen hat er, ein Student der Kunstgeschichte, gegenüber seinen Freunden Galfred und Dylan angegeben, dieser Aufseherjob sei eine "einfache und schmerzlose Art, sein Geld zu verdienen".
Blut läuft über das Pflaster vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Der schwarze Mercedes schleudert davon, rechts ab, mit quietschenden Reifen. Seine Arme hat der Wärter linkisch zur Seite verdreht. Noch schlägt sein Herz. Eine Melodie verweht.
I guess I'm just a lucky so and so.