goethe

Ein Leben als Mann

Feinolf von Glocz saß hinter seinem Schreibtisch, als hätte er schon immer da gesessen. Als wäre er so geschaffen worden, hinter diesem Schreibtisch sitzend. Seine Hände streichelten sacht die Schreibunterlage.
"Zugger machte ziemlich viel Geld damals", erzählte er mit versonnenem Blick. "Damals, zu der Zeit, als es schon eine Kunst war, nicht reich zu werden. New Economy, Sie erinnern sich. Die große Hysterie. Eine Art Tsunami kapitalistischer Begeisterung. Vollkommen irre. Zugger war einer der ersten, die die Chancen des Internetjournalismus erkannt haben."
"Er gründete diese Nachrichtenagentur ... ich habe davon gelesen ..."
Arnold Stockhausen schlug die Beine übereinander, und von Glocz nickte und sagte: "Sehr windig. Äußerst unseriös, natürlich. Aber wen interessierten damals schon seriöse News? Er lieferte den Leuten, was sie hören wollten. Daß es immer weiter hinaufgehen werde. Daß nicht einmal der Himmel das Limit sei, sondern allenfalls der Neptun ..."
"Pluto", sagte Stockhausen. "Der äußerste Planet."
"Oder Pluto. Wie Sie meinen."
"Die Aktienkurse schnellten seinerzeit hinauf wie ..."
"Genau. Wie eine Weltraumfähre der NASA. Aber Zugger war auch einer der wenigen, die intelligent - oder skrupellos - genug waren, um die Hinfälligkeit des ganzen Spektakels zu erkennen. Er verkaufte, bevor die 'Challenger' in Rauch aufging - um im Bild zu bleiben."
"Sie, äh, spielen an auf diese NASA-Katastrophe? Vor zwanzig Jahren? Als eine Raumfähre explodierte?"
Stockhausen fuchtelte mit den Händen aufgeregt in der Luft herum, und Tessa Tannenberg warf ihm einen enervierten Seitenblick zu.
"Ein Spaceshuttle", bestätigte von Glocz. "Genau. Ging beim Start in die Luft. Die Leute standen unten und starrten hinauf, schwenkten immer noch ihre Fähnchen und konnten es nicht fassen. Zugger verkaufte die Firma zum nahezu optimalen Zeitpunkt, und dazu waren damals die wenigsten in der Lage. Die meisten saßen ihren eigenen Märchen auf. Sie saßen auf ihren Märchen und stürzten in die Tiefe."
Jetzt schaltete sich Tessa Tannenberg ein. "Und über Nacht war Zugger Millionär", sagte sie.
Von Glocz nickte bedächtig. "Über Nacht war er Millionär. Mit dem Geld gründete er dann AISTHESIS MEDIA."
"Gemeinsam mit Koolhasser?"
"Nein. Attila Koolhasser kam erst später hinzu. Zuerst hieß AISTHESIS MEDIA auch nicht AISTHESIS MEDIA."
"Sondern?" Das von Stockhausen.
"NEWS NATIONAL."
"Beknackter Name."
"Nun ja. Koolhasser aber war klassisch gebildet. Darauf legte er Wert. Das humanistische Element. Wenn man schon nicht human ist ..."
Tessa Tannenberg war wieder am Drücker: "Darum die Umbenennung?"
"Attila Koolhasser war Zugger nicht unähnlich. Auch er war der geborene Profiteur. Er war ein typisches Produkt der 68er-Kultur. Er hatte bei Adorno studiert, war Adorno dann in den Rücken gefallen, hatte das Kommunardenleben ausgekostet und das als 'radikale Gesellschaftskritik' oder als 'radikalen gesellschaftlichen Gegenentwurf' bezeichnet. Das Übliche. Er war dann jahrelang Redakteur beim SPIEGEL, ging von dort zum WDR, um mal richtig Meinung zu machen, wie er sagte, Meinung im Massenmaßstab. Dann aber hatte er ausgezaubert. Ein neuer Geist, ein neokonservativer Geist übernahm das Ruder. Koolhasser mischte auch unter diesem eine Weile noch mit - oder er versuchte es zumindest, als Chef vom Dienst beim TAGESSPIEGEL. Aber die internen Angriffe gegen ihn wurden zu massiv. Man sah in ihm hauptsächlich den Altlinken, ein Hindernis für den Fortschritt, einen Schlechtredner. Und man sah in ihm einen Wendehals - der er ja auch war. Wendehalsigkeit hatte er gelernt. Negativität um jeden Preis, Machterschleichung mit den Mitteln anarchistischer Kritik. Das waren seine Waffen, und sie paßten nicht mehr in die Zeit. Die Zeiten verlangten nicht mehr nach Schlichen und Umwegen, nach List und Tücke. Sie verlangten nach direkter, unvermittelter Brutalität. Egoismus war das neue Leitbild der Persönlichkeitsformung."
Stockhausen sagte: "Und Attila Koolhasser mußte seinen Hut nehmen."
Tessa Tannenberg fügte hinzu: "Und lernte Zugger kennen?"
"Auf einer Vernissage", sagte von Glocz. "Sie verstanden sich auf Anhieb. Der Wolf erkennt den Wolf, oder besser gesagt: das Schwein das Schwein. Charakterlich - nun, ich hoffe, ich belaste mich nicht, wenn ich das sage? Aber charakterlich waren sie beide durchaus nicht unanfechtbar. Was natürlich auch auf mich ein gewisses Licht wirft." Der zierliche Mann hinter seinem Schreibtisch lacht. "Kein vorteilhaftes Licht", fügt er hinzu.
Stockhausen nickt. "Natürlich."

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit