"Sie sollten es mit Kontaktlinsen versuchen, Arnold. Sie haben so schöne Augen. Warum wollen Sie die verstecken?"
Tessa Tannenberg, Kommissarin der Kripo Berlin, eine verblühende Schönheit - verblühend, ja, aber doch immer noch schön, dachte sie jeden Morgen, wenn sie sich im Spiegel betrachtete -, Tessa Tannenberg sah ihrem jungen Kollegen Arnold Stockhausen frontal in die Augen. Der enge Aufzug rumpelte hinauf und gab dann und wann ein asthmatisches Jaulen von sich. Stockhausen senkte den Blick, tippte sich mit dem rechten Zeigefinger an den Mittelbügel seiner Brille und sagte hastig:
"Ich verstecke meine Augen nicht. Ich versuche lediglich, etwas zu sehen. Darum die Brille."
"Aha. Haben Sie Feuer?"
"Sie wissen, daß ich nicht rauche."
Tessa Tannenberg lächelte anzüglich und klappte ihre Handtasche zu. Auch das leise Klacken des Schnappverschlusses hatte etwas Anzügliches. Die Zigarette hielt sie vor ihre Lippen, wie eine Aufforderung an ihren Kollegen, sie nun doch endlich anzuzünden. "Mein erster Mann hat auch nicht geraucht", sagte sie. "Trotzdem hatte er immer Feuer dabei."
"Ich nicht."
"Schade", sagt sie mit einem Achselzucken. "Dann ähneln Sie eher meinem dritten Mann. Der hatte auch nie Feuer dabei. Obwohl er sogar geraucht hat."
"Ich rauche nicht."
"Das sagten Sie soeben. Aber manchmal ändern Menschen sich, wissen Sie, Arnold."
"Aber nur in den seltensten Fällen während einer Fahrstuhlfahrt von fünf Stockwerken."
Sie zuckt die Achseln. "Nun ja."
Der Aufzug kommt ruckend, ruckelnd zum Stehen.
"Wir sind da", sagt Stockhausen. Es klingt erleichtert.
"Ja", sagt sie.
Touristen hatten die Tote entdeckt. Eine Künstlerin aus dem SCHIBBOLETH, einem bekannten städtischen Künstlerhaus. Sie lag neben einem Rotkreuzwagen, das Genick gebrochen, der Schädel eingeschlagen. Blondes Haar, Marie, der Mund wie rot hingewischt mit derbem Pinsel. Die Augen starrten blind hinauf in den grauen Himmel über Berlin, aus dem heute keine Engel kamen, wohl aber ein kühler Nieselregen. Kleine, dünne Finger. Es würgte Arnold Stockhausen. Er dachte an seine Jugendliebe. Wie es ihr wohl ging?
"Und erst mal haben die die Tote fotografiert, oder wie?" wandte er sich an seinen Kollegen in Uniform. Er blickte dabei zu dem Pulk von Touristen hinüber, der in gespannter Unruhe auf dem splitterigen Kies scharrte, der das Brachgelände hinter dem SCHIBBOLETH hier und da bedeckte; ein Flimmern von Kameras, Regenschirmen und bunten Regenjacken, im Zaum gehalten von ein paar Polizisten in Uniform.
"Genau. Wie die da neben dem Rotkreuzwagen gelegen hat. Das fanden die offenbar fotogen."
"Die haben im Ernst nicht gemerkt, daß sie tot war?"
"Nö."
"Aber das merkt man doch! Das Blut usw."
"Die haben das für ein Kunstwerk gehalten. Da ist man nicht so kritisch. So eine Art Installation."
Tessa Tannenberg trat hinzu.
"Ihr Freund ist da oben?"
"Was man so Freund nennt", meinte der Beamte in Uniform kühl.
Dieter, 27. Ein schlanker, unrasierter Mann mit abgetragener Lederjacke und blonden, filzigen Haaren. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen. Dabei wirkte er ganz ruhig. Er gibt Tessa Tannenberg Feuer. Sie haben sich auf einem grünen Sperrmüllsofa niedergelassen. Stockhausen sitzt auf einem Stuhl, der kippelt. Manchmal gibt er auch ein leises, kleines Krachen von sich.
"Na ja", sagt Dieter, 27, "ich bin dann erst mal in den Nebenraum mit ihr. Dachte, ich beruhig sie mal."
Tessa Tannenberg verströmt Rauch. "Worüber hat sie sich eigentlich so aufgeregt?" fragt sie.
Dieters Blick wird wolkig, er ascht heftig ab.
"Weiß nicht. Nur so. Allgemein. Hat ihr alles nicht mehr gepaßt, auf einmal. Das kam vor."
"Drogen?"
Mitten in dem Gewölk in Dieters Augen zuckt ein Blitz von Panik auf.
"Drogen? Weiß nicht. Nö. Glaub ich nicht. Hab nie Drogen bei ihr bemerkt."
"Klar", sagt Arnold Stockhausen. Er sagt das Wort sehr laut, ätzt es geradezu in die kalte Luft, und es hallt nach in dem weitläufigen Raum. Dieter blinzelt Stockhausen an. Er zwingt die alte Coolness in sich herauf. Jetzt nicht die Nerven verlieren. Er schlägt die Beine übereinander. Wie in Zeitlupe nimmt er einen Zug von seiner Zigarette. Man hört ein schmatzendes Geräusch, so heftig zieht er am Filter.
"Tschuldigung", sagt er.
"Wär ja möglich, daß sie etwas genommen hat", sagt Tessa Tannenberg sanft.
"Das werden wir durch den toxikologischen Bericht erfahren." Stockhausens Worte haben einen drohenden Unterton.
Dieter sieht ihn an. "Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Kann natürlich sein, daß sie was geschluckt hat."
"Ach? Sie hat ab und an etwas geschluckt?"
Tessa Tannenberg wirft ihrem jungen Kollegen einen Blick zu, der soviel besagt wie: Nun mal langsam. Eins nach dem anderen. Mach hier nicht soviel Dampf. Sie sagt, noch sanfter als zuvor: "Sie nahmen sie also in den Nebenraum mit, Dieter."
"Ja."
"Was passierte da?"
"Ich hab sie ... na ja, wir haben miteinander geschlafen."
Arnold Stockhausen schnauft. Er verschränkt die Arme vor seiner Brust. Er macht sich steif auf seinem Stuhl. Auch Tessa Tannenberg ist überrascht: "Sie haben mit ihr geschlafen? Aber warum denn das, Dieter? Hier? Ich dachte, das Atelier war voller Leute?"
"Es hat sie runtergeholt, wenn man ... Sex, meine ich. Sex hatte eine beruhigende Wirkung auf sie."
Arnold Stockhausen sieht sich um. Überall monströse Konstruktionen aus grellgefärbtem, skurril verschraubtem Metall. Spraydosen, Schneidbrenner. Futuristische Ungeheuer. Klauen und verdrehte Augen. Hämmer und Sägen. Kunst mit toten Augen.
"So. Ja, das gibt's", sagt Tessa Tannenberg.
Der Uniformierte von vorhin betritt den Raum. Er kommt herüber, beugt sich vor und sagt gedämpft: "Frau Tannenberg? Wilhelm Meister hat gerade angerufen."
Ihr Vorgesetzter.
"So? Was will der denn?"
Sie verzieht keine Miene. Ich bin nicht 45 Jahre alt geworden, denkt sie, und habe all das Leben mitgemacht, das ich mitgemacht habe, um meine Miene zu verziehen, sobald einer meinen Vorgesetzten erwähnt!
"Ein Mordfall", sagt der Uniformierte. "Da hat einer seinen Geschäftspartner umgebracht."