goethe

ZOOM BOOM BANG

Ein Hubschrauber knattert durch die Luft. An Bord ein Kamerateam, voll in action, hochkonzentriert.
"Da unten. Da laufen sie."
Man sieht ein paar Marathonläufer als bunte Schnur zwischen den Häusermassen. Die Führungsgruppe.
"Geh mal runter."
Der Berliner Stadtlauf. Die Läufer nähern sich dem Ziel.
Der Hubschrauber geht tiefer, schwebt seinem Schatten entgegen. Der Pilot trägt einen gelben Helm, vor dem Mund hat er ein Mikro. So hält er Kontakt zu den Fernsehleuten im Transportraum. Er hat eine riesige Narbe im Gesicht. Früher war er beim Militär. Rote Armee. Er hat im Kaukasus Einsätze geflogen. Nachdem sein bester Kumpel von Freischärlern massakriert worden war, ist er desertiert. Laut dröhnt Musik durch ihn hindurch. Die Band heißt TIN SOLDIERS, glaubt er. Er fliegt immer in Turnschuhen. Billige Dinger, im Supermarkt gekauft, aber sie geben ihm ein Gefühl von Unbeschwertheit. Nie wieder Stiefel, hat er für sich beschlossen. Der Sänger von TIN SOLDIERS lacht über die Gefühle, die er einst für ein Mädchen hatte. Das ist gut so. Sie war eine blöde Kuh. Sie war dem Sänger nicht treu. Sie hat sein Herz gebrochen usw. Eigentlich müßte der Pilot Stiefel tragen, das ist Vorschrift. Aber drauf geschissen, denkt der Pilot. Eine gute Band? Hauptsache, sie ist laut. Laut ist gut. Laut ist sogar mehr als gut.
Derweil, an einem anderen Ort ...

... sitzt Attila Koolhasser vor dem Fernseher, auf der Kante seines Hotelbetts. Er trinkt ein Dosenbier. Zu beschreiben, wie elend er sich fühlt, ist kaum möglich. Er tröstet sich damit, daß es vergehen wird, wie alles andere auch.
"Willst du auch ein Bier?" ruft er zum Bad hinüber.
"Spinnst du? Um diese Zeit?"
"Ich trinke eins."
Leiser sagt er das. Eine Frauenstimme hat ihm geantwortet. Eine hübsche Frauenstimme. Koolhasser wendet sich wieder dem Fernseher zu. Die Häuser von Berlin. Lauter Einzelschicksale, die sich in ihnen verbergen, eine Addition von Trivialitäten, denkt er, herzzerreißend und lachmuskelzerfetzend. Er denkt an seine Frau und an seine Kinder. Seine Frau ist zwanzig Jahre jünger als er. Beim WDR war sie seine Praktikantin. Sie hatte sich in ihn verliebt, und später dann hatte er sich in sie verliebt. Oder zumindest dachten sie das damals. Liebe. Dann war sie schwanger, mit Sören, dann war sie wieder schwanger. Lisa. Attila Koolhasser ist 61 Jahre alt. Ich bin viel zu alt für eine zwölfjährige Tochter, denkt er. Galfred, die fleischgewordene Erinnerung an seine Ehe mit Monika, ist jetzt bald 30. Es wäre ihm lieber, es gäbe Galfred nicht.
Er sieht, wie die Kamera zu einem Hausdach schwenkt, das in der Frühlingssonne liegt. Sag mal. Ist das nicht das Dach seines Hauses? Oder jedenfalls ist es ein Haus, das seinem verdammt ähnlich sieht. Die Dachterrasse, die Blumenkübel da am rechten Bildrand. Die Kamera zoomt jetzt heran. Die Frau, die das Fernsehen in aller Pracht präsentiert, nur mit einer Sonnenbrille bekleidet, könnte seine Frau sein. Das könnte Petra sein. Ja. Das ist sie. Tatsächlich. Die roten Haare, der feurige Tupfer des Schamhaars. Die Kamera geht noch näher heran. Koolhasser wüßte gern, was der Regisseur sich dabei denkt, seine Frau nackt beim Sonnenbaden zu filmen. Er schmisse diesen verantwortungslosen, geilen Idioten jetzt gern hinaus. Aber es geht nicht. Statt dessen hat man ihn rausgeschmissen, schon vor Jahren.
Er findet, daß seine Frau wunderschön aussieht, und ein bißchen tröstet ihn das sogar. Ein Superkörper, denkt er, für eine Frau, die bald 40 wird. Zwei Kinder. Trotzdem makellos. Dann erstarrt er. Das Bier in seinem Magen wird zu Eis.
Er sieht einen Mann von links ins Bild kommen. Es handelt sich dabei um seinen alten Freund Zugger. Siegfried Zugger. Dieser Lockenkopf ist unverkennbar. Diese unverwüstliche Jugendlichkeit. Und die geschmacklosen Hemden. Zugger hat zwei Cocktails in den Händen. Man kann sogar die lustigen bunten kleinen Pappschirmchen erkennen, die er auf die Drinks gesteckt hat, so nah ist die Kamera jetzt. Geradezu intim. Hörst du denn den Hubschrauber nicht, Siggi? Zugger nähert sich Petra, bleibt neben ihr stehen und reicht ihr einen Cocktail. Sie nimmt die Sonnenbrille ab. Sie lächelt Zugger an. Er beugt sich vor und senkt seinen Kopf zu ihrer rechten Brust hinab, und Attila Koolhasser meint, daß sie dabei ihren Blick zur Kamera hebt.
In diesem Moment, endlich, schneidet der Regisseur, dieser Blödmann, dem man ordentlich in den Arsch treten sollte, auf ein anderes Bild. Die Läufer biegen um eine Häuserecke, ein menschliches Getröpfel, sinnlos und zäh. Ein Reporter redet in das Dröhnen des Helikopters hinein.

"War das nicht Petra? Das da eben?"
Simone. Attila Koolhassers Sekretärin beim LOBOTOM. Sie ist gerade aus dem Bad gekommen. Völlig entgeistert starrt sie auf den Fernseher.
"Ja, schien mir auch so", sagt Koolhasser.
"Und Siggi, oder? Das war doch Siggi, der Mann?"
"Ja. Das war Siggi. Siggi, der offensichtlich meine Frau bumst. Der war das."
Simone sieht ihren Chef verdattert an.
"Es tut mir leid."
"Warum?" Koolhasser grinst schief. Eine ziemlich dämliche Reaktion, findet Simone. Unheimlich. Er sagt: "Warum tut dir das denn leid? Geschieht mir doch ganz recht. Ich bumse meine Sekretärin, warum soll meine Frau dann nicht meinen Geschäftspartner bumsen? Etwa, weil er mein bester Freund ist? Das ist doch kein Grund, aufs Bumsen zu verzichten. Wo sind wir denn?"
Koolhasser springt auf. Er ist dabei, in einen seiner berühmten Monologe hineinzurutschen. Früher waren diese Monologe der Schrecken jeder Redaktionskonferenz. Einmal hat er ein Telefon genommen, das herumstand, und auf dem Konferenztisch zerdeppert. Immer noch erzählt man sich gelegentlich davon. Damals hat er seinem Namen alle Ehre gemacht. Attila. Allerdings stand er auch unter dem Einfluß von Kokain.
Sein Magen wütet. Er knallt die Bierbüchse auf einen Tisch.
"Man soll eben nie einer Rothaarigen trauen, Simone", sagt er beängstigend laut und stopft die Hände in die Hosentaschen. Er ringt um Fassung. "Und vor allem soll man sich nicht MIT einer Rothaarigen trauen!" Sein Gesicht verzerrt sich. Er fängt an zu heulen. Er kann nicht mehr. So eine Scheiße. Was ist denn hier los? Was ist nur aus seinem Leben geworden? Tränen rinnen über sein Gesicht. "Diese Fotze", preßt er hervor. "Was soll denn das. Meine ganze Ehe ist im Arsch. Mein ganzes Leben."
"Attila", sagt Simone, und wie er da seinen Vornamen hört, hört er ihn wie zum ersten Mal, und in diesem Augenblick erst begreift er, wie lächerlich dieser Vorname ist. Attila. Der Hunnenkönig. Der Telefone zerdeppert. Er fängt an zu lachen. Unbändig, homerisch.
Irreal.
"Ist ja auch egal", bringt er endlich mühsam hervor.

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