Der Frühling brachte den Geruch der Hundescheiße zum Blühen. Altmodischer ausgedrückt: Es begann ein vielversprechender Tag in Berlin, warm und sonnig, tänzerisch.
Und war das nicht schön?
Georg Lichtenberg, Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, aufgrund eines ungeklärten seelischen Leidens, eines schier unausrottbaren Unbehagens an den gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten vorübergehend außer Dienst, hatte die Hälfte des Lebens erreicht, wie er glaubte, und zudem die Mitte der Straße, der Hoffmannstraße, als -
- er nicht nur bemerkte, daß da etwas an seinem Absatz war, nämlich tatsächlich Hundescheiße; darum also verfolgte ihn dieser penetrante Geruch -
- sondern auch jemand, der von hinten heranhastete, seine Schulter berührte und ausrief:
"Malthe! Malthe! Was machst du denn hier?"
Lichtenberg drehte sich um. Er blinzelte, und ein Auto, ein Taxi, kam quietschend zum Stehen. Gerade noch rechtzeitig. Es hätte nicht viel gefehlt, und ... (Man kennt diesen Laut ja aus dem Fernsehen: ein gedämpftes "WUMPF", gefolgt vom Quietschen der Bremsen.) Der Taxifahrer steckte seinen geröteten Kopf mit gesträubtem Schnauzbart aus dem Fenster und erkundigte sich, ob Georg und sein Freund (er kannte die Namen natürlich nicht, ebenso wenig, wie er wußte, daß Georg seinen angeblichen Freund noch nie gesehen hatte) wohl den Arsch offen hätten? Daraufhin ersuchte er sie, sich schleunigst zu verpissen, damit es ihm möglich wäre, seine Fahrt fortzusetzen - das sei nämlich seine scheiß ARBEIT, was er hier mache, verdammt noch mal, oder was sie glaubten?
(Auch das "verdammt noch mal" hätte man in Versalien hierher setzen können, denn der Fahrer sprach die Wörter laut und deutlich aus, so, als wäre es ihm sehr darum zu tun, sich verständlich zu machen.)
"Und macht das nächste Mal einen weniger gefährlichen Treffpunkt aus, ihr Bekloppten!"
Das Taxi dröhnte ungestüm davon und verwandelte sich in ein leises Brummen, das sich zur Ferne hin verjüngte.
Es war unterdessen ziemlich warm geworden.
Erwartungsvoll starrte der Fremde Georg ins Gesicht. Als ob nichts wäre. Als ob er ihn nicht eben beinahe in den Abgrund gerissen hätte, ins Verhängnis.
Und zu allem Überfluß hatte Georg auch noch Zahnschmerzen.
Er blinzelte noch einmal.
Der sieht aus wie jemand, der immer tut, wonach ihm der Sinn steht, dachte er, und der Gedanke setzte ihm nicht wenig zu, denn wie ein außergewöhnlicher Mensch sah jener nun wahrlich nicht aus!
"Kenne ich Sie?" fragte er den ihm vollkommen Unbekannten. "Kann ich Ihnen helfen?"
Beim Klang von Georgs Stimme veränderte sich der Gesichtsausdruck des Fremden.
"Hä? Sie sind ja gar nicht Malthe!"
"Hatte ich auch nicht behauptet."
Der Fremde war ein untersetzter Mann mit breitem Gesicht. Er trug einen knallroten Anzug und hatte ein Doppelkinn. Neben seinen ausgesprochen, beinahe beunruhigend kleinen Füßen waren vor allem seine Augen bemerkenswert. Sie fielen nicht nur durch ihre Größe, sondern auch durch die Dicke der Lider auf. Die Dicke der Lider verlieh ihnen etwas Künstliches. Vielleicht auch etwas Tierartiges? Oder Reptilienartiges? Das konnte Georg nicht sagen; er war Spezialist für Haut- und Geschlechtskrankheiten, kein Zoologe. Der Mann hatte eine dicke Haut, eine Haut, die viel Fett produzierte; wenn es noch wärmer würde, würde er viel schwitzen, dachte Georg.
Er dachte es mitleidlos, denn ein Schmerz bohrte in seinem Backenzahn unten links.
"Es ist wirklich verblüffend", sagte der Fremde, der Dickhäutige, "aber Sie sind Malthe wie aus dem Gesicht geschnitten. Wie eineiige Zwillinge! Die Stimme ist allerdings anders."
"Das tut mir leid."
"Quatsch." Der Fremde im roten Anzug schlug Georg gönnerhaft auf den Oberarm. "Nicht doch. Können Sie doch nichts dafür."
"Gut, daß Sie das auch so sehen."
"Kann man es anders sehen? Ich meine ..."
Georg hatte den Endruck, daß dieser Wortwechsel zu nichts führte; er wedelte darum mit dem Daumen und sagte:
"Tja, ich glaube, ich muß mal weiter, ich ..."
Georg mußte nämlich noch mit seiner Stirn eine Laokoongruppe aus einem Marmorblock heraushauen.
Der Marmorblock befand sich in der Tasche seines Jacketts.
Der Dickhäuter sah ihn aufmerksam an. Ohne zu blinzeln. In seinem Blick entdeckte Georg nicht die geringste menschliche Regung. Auch der Sonne, die auf die Landstraße herabbrennt, war es schließlich egal, ob der Regenwurm austrocknet, der sich gerade auf den Weg in eine bessere Welt gemacht hat.
"... ich habe einen Termin", ergänzte Georg seinen Satz, und der fetthäutige Mann sagte mit einer Betonung, als wäre er ein Lügendetektor:
"Ah, ja? Einen Termin?"
Im Hintergrund des Geschehens stand, still, aber keineswegs unauffällig, ein roter Blechkasten für Zeitungen. Ein deutschlandweit bekanntes Boulevardblatt verkündete darin mit der ihr eigenen Großspurigkeit: "BAUSKANDAL!" Neben den fettschwarzen Lettern sah man die Bilder des Regierenden Bürgermeisters, eines vermutlich auch seiner eigenen Frau fast unbekannten Bauverwalters und eines distinguierten Mannes - ein von grauen Bartstoppeln gesprenkeltes Gesicht, eine schwarze runde Brille, ein intelligenter, sachlicher Blick. Ein Blick, der bei aller Kühle nicht restlos unsympathisch war. Dazu trug der in der Bildunterschrift als "Stararchitekt" Ausgewiesene ein anthrazitfarbenes Hemd zu einem schwarzen Jackett.
Es war ja nun wirklich nicht so, daß sie ihn nicht liebte! Sie liebte Georg, und wie. (Nun ja, natürlich war sie manchmal etwas betrübt darüber, daß ihre Gespräche so vorhersehbare Wendungen nahmen ...) Nur war es ziemlich schwierig, jemanden zu lieben, der so offensichtlich und anhaltend außerstande war, sich selbst zu lieben. Und das sollte überhaupt jemand erst einmal selbst ausprobieren, bevor er sich anmaßte, darüber zu urteilen!
Claudia schniefte und betrat schnell eine Buchhandlung, weil sie es vermeiden wollte, mitten auf der Straße in Tränen auszubrechen, und das noch am Vormittag. Sie hatte schöne Beine, das ließ der kurze Rock sehen, und sie hatte auch sehr wohl bemerkt, daß die jungen Männer, die an ihr vorüberkamen, die Wahl ihrer Kleidung durchaus zu schätzen wußten. Diesen günstigen und ihr brüchiges Selbstbewußtsein stützenden Eindruck mußte sie nicht durch Zurschaustellung von Hysterie trüben, fand sie.
Sie griff also nach einer Klinke und öffnete eine Tür. Der Name der Buchhandlung hatte sie angezogen, beinahe magisch: LEOPOLD BLOOM. Es war kühl in dem Laden, kühler als auf der Straße. Claudia fröstelte. Die Verkäuferin, die gerade damit beschäftigt war, Neuerscheinungen unten in ein Regal einzuräumen, schaute auf und sagte mit einem bedeutungslosen Lächeln: "Ah, Sie kommen, um das Video abzuholen?"
Claudia blieb erst einmal stehen. Es mußte begriffsstutzig klingen, war jedoch gar nicht so gemeint, als sie fragte: "Das Video?"
Die Verkäuferin lächelte und nickte. Sie holte etwas. Eine schwarze Kassette. Ohne Beschriftung.
Was mag denn da drauf sein?
Claudia verspürte einen merkwürdigen Kitzel. Eigentlich hätte sie ja nicht ... aber wann hatte man schon Gelegenheit ... würde es denn jemandem schaden ... So überlegte sie hin und her, und dann steckte sie die Kassette eben ein.
"Was macht das?"
"Die hat der ältere Herr schon bezahlt. Er sagte, ich solle sie Ihnen mitgeben."
"Oh ... Danke."
"Die Leere breitet sich aus ... spüren Sie das auch? Tut das nicht gut? Es gibt so viele Geschichten, so viele Menschen ... man muß Raum schaffen. Das Wesentliche herausbekommen!"
Was ist los mit dem? Ist der betrunken? fragte sich der Fremde.
Behaglichkeitsliteratur, dachte Georg, der sich an einer Novelle versucht hatte, an deren Ende ein empfindsamer junger Mann nur noch der Weg in die Irrenanstalt offengestanden hatte; eine Fabel von skurrilem Humor und feinsinnigen Beobachtungen, eine grelle, japsende Sprache ... Weg damit! Überhaupt weg mit aller Literatur! Georg dachte an Schizo, seinen Freund, den gescheiterten Bildhauer, den sie gestern eingewiesen hatten.
Ich muß ihn besuchen, dachte er. Jetzt gleich!
Man mußte das Leben an sich heran lassen. Es in sich eindringen lassen.
Die Vergeblichkeit.
Georg streckte die Hände aus, spürte einen milden Luftzug an seinen Handgelenken. Das war das Leben.
"Man macht Kunst", sagte er, eine Spur zu laut, wie der Fremde fand, "und wozu? Wozu? Nur um im Wahnsinn zu enden! Ist es nicht so?"
"Das mag sein, ja", murmelte der Fremde betreten. Es hätte ihn keine Überwindung gekostet, zuzugeben, daß er mit Kunst nichts am Hut hatte. Er lächelte einer Vorübergehenden zu, die einen befremdeten Blick auf Georg warf, und breitete die Arme aus, so als wollte er sagen: Was kann man machen, nicht?
Georg blieb stehen. Er fühlte sich auf einmal so euphorisch. Wie Lenz im Gebirge.
Es gab eine Zukunft. Und schon diese Tatsache, daß da etwas war, das sich noch nicht erschöpft hatte, verbreitete ein Strahlen, von dem man guten Gewissens nicht mehr in irdischen Kategorien sprechen konnte.
Ach was! Ich dreh schon nicht durch!
Schizo.
"Gut gefällt mir auch die Stalinallee!"
Der Fremde, der noch ein paar Schritte gegangen war, in der Hoffnung, Georg werde ihm folgen, blieb nun auch stehen; er drehte sich halb herum. Die Hände hatte er auf dem Rücken gefaltet, und sein roter Anzug leuchtete in der Sonne. Er sah wirklich aus wie ein himmlischer Bote, allerdings nicht wie ein Engel. Er hätte jetzt ein Bier vertragen können, dachte er, und sagte:
"Stalinallee? Sie meinen die Karl-Marx-Allee?"
"Ah ja, ja", Georg schlug sich an die Stirn, was ihn wieder an Schizo erinnerte, an die Bildhauerei, an Laokoon, "Karl-Marx-Allee, natürlich ..." Mit sonderbarem Lächeln sagte er: "Diese Häuser, hoch und häßlich - sie stellen eine Leugnung des Menschen, gar des Menschlichen dar. Sie negieren - lassen Sie mich das vielleicht so sagen - ja, lassen Sie es mich so sagen - sie negieren durch ihre himmelstürmerische Stumpfsinnigkeit, durch ihre wolkenkratzerische Präsenz die Idee des Menschen!"
Der Fremde machte einen Schritt zur Seite; die Sonne blendete ihn.
"Ja? Finden Sie? Wieso das denn?"
"Sind Sie einmal die Karl-Marx-Allee hinabgelaufen? Links türmt sich eine erstarrte Woge Beton auf, rechts eine weitere? Diese Straße ist wie das Monument einer Sintflut, eine Überschwemmung der Welt in absoluter Zeitlupe, in vollkommener, endzeitlicher Verlangsamung, hinter der kein Zorn mehr steht, sondern nur noch das leise Bedauern über einen dummen Fehler, eine Art intergalaktischen Magenknurrens. So habe ich das immer empfunden. Kennen Sie den Turm vom Babel? Ich meine, die Geschichte dazu?"
Es fiel Georg ein, was ihm einmal in einem Café auf der Karl-Marx-Allee passiert war. Er hatte an einem großen Fenster gesessen, durch das man den Verkehr gesehen hatte - die vorbeifahrenden Autos, ab und an einen Fahrradfahrer. Hinten im Café saß einer, der trank dunkles Bier. Langsam. Drei Gläser. Schluck für Schluck. Jedes Bier brauchte etwa eine halbe Stunde, um in seinem Magen zu verschwinden; der Mann saß, die Beine nebeneinander, die Füße sauber auf dem Boden abgestellt, und schaute auf die Straße hinaus. Er stellte die vollendete Verkörperung stummer Trostlosigkeit dar. Seine Kleidung war von einem unauffälligen gelblichen Graubraun, und seine Hände hielt er vor seinem Schritt gefaltet, wenn er sie nicht zum Glas führte, um einen weiteren Schluck zu trinken.
Georg ging die Zeitungen durch, mit lautem Rascheln, überflog hier und da einen Artikel, der ihm interessant erschien; meist blätterte er bloß, machte Wind, verschaffte sich Bewegung, starrte die Fotos an.
Endlich stand der Biertrinker auf, legte das Geld abgezählt auf den Tisch und ging. Das schien er jeden Tag zu tun; lässig grüßte er den Wirt, nannte den Vornamen, etwas Kurzes, wie "Kurt" oder "Karl". Aus dem Augenwinkel beobachtete Georg, wie der Biertrinker in weitem Bogen an ihm vorbei zur Tür ging. Blickte der Biertrinker skeptisch zu ihm herüber? Georg ließ seinen Blick über seinen Körper schweifen; er trug ein Jackett, neue Schuhe, eine gebügelte Hose, machte insgesamt einen repräsentablen Eindruck - einen Eindruck, der natürlich täuschte - er war damals schon beurlaubt. Arbeitsunfähig. Die Welt rauschte an ihm vorbei. Dasselbe galt für den Biertrinker, aber bei ihm war es offensichtlich; es war nicht zu verkennen, daß er schon ein ganzes Stück die Straße des Scheiterns hinabgetrottet war. Jetzt stieß er die Tür auf; der Straßenlärm wurde lauter, verklang dann wieder. Georg war, nach der "Süddeutschen", der FAZ und FR jetzt bei der "Jungen Welt" angekommen. Plötzlich hörte er ein würgendes Geräusch in seinem Rücken; er drehte sich um. An der Scheibe hinter ihm lief ein gelbbreiiger Schwall Kotze hinab. Der Biertrinker draußen wischte sich den Mund. Er grinste Georg an und ging langsam davon.
"Ja, natürlich", sagte der Fremde. "Natürlich kenne ich die Geschichte. Sie stellen aber auch Fragen! Kommen Sie, gehen wir ein Bier trinken, oder, mein Freund?"
Georgs Mutter, wohnhaft seit Jahrzehnten in Charlottenburg ("Charlottesville", wie Georg zu sagen pflegte). Geräumig und lichtdurchflutet auch ihre Lebensumstände. Finanziell war sie gut abgesichert; danke, sie konnte nicht klagen.
In dieser Hinsicht.
Sie lief in ihrer Wohnung auf und ab, kam nicht zur Ruhe. Nach zwei Minuten des Sitzens sprang sie wieder auf, kochte sich einen Tee, ließ ihn kalt werden, entfernte den Beutel gar nicht, wanderte umher, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie hatte eine absolute Niederlage erlitten, weigerte sich aber, diese anzuerkennen. Noch schien ein Sieg ihr möglich. Aber diese Annahme war absurd, denn ihr Mann war tot, vor Jahren schon gestorben.
Bei Tempo 200 war er eins geworden mit seinem Mercedes, ein Amalgam von Blut und Blech, auf der Autobahn gen Süden. Seine Apotheose. Endgültig war er durch seinen Tod zur Menschmaschine geworden.
Nun konnten ihre gehässigen Bemerkungen ihn nicht mehr verletzen.
Sie schaute aus dem Fenster, lauschte auf die Geräusche auf der Straße unten. Vielleicht war er noch immer unterwegs, irgendwo. Für immer, uneinholbar. Und immer noch haßte sie ihn, und noch immer wollte sie ihm etwas beweisen.
Schlohweißes Haar, gletscherkalt flackernder Blick. Sie erinnerte an eine Geistererscheinung. Die Sehnen an ihrem Hals traten plastisch hervor, wenn sie sprach. Speichelblasen auf ihrer Lippe. Eine Furie, die selbst von Furien gehetzt wurde. Ein Opfer ihres Hasses.
"Ich möchte nicht, daß du mal so ein Schwein wirst wie dein Vater!" bleute sie dem Sohn ein. "Er hatte immer nur sein Geld im Kopf. Geld, Geld, Geld - damit endete sein Horizont. Was war er nur für ein Drecksschwein! Und ich habe ihn geheiratet!"
Der Vater war ein Unternehmensberater gewesen, ein erfolgreicher Mann, clever, geachtet. Man konnte sich auf ihn verlassen. Das galt noch über das Grab hinaus. Sein Geld war es, das heute die untätige Ruhelosigkeit seiner Witwe ermöglichte. Prall gefüllte Konten, Aktienfonds. Vorausschauende Investitionen. Ein wirkliches Händchen fürs Finanzen. Sie hatte ihn geliebt, anfangs, dann nicht mehr. Die Liebe war in ihr abgestorben. Warum, wußte sie selbst nicht. Oder doch, sie wußte es nur zu genau; tief in den Kellergewölben ihres Ichs ging die Antwort wie ein Mühlrad um. Je mehr abzusehen gewesen war, daß sie es nicht schaffen würde als Querflötistin, daß sie einfach zu untalentiert war, zu mittelmäßig, desto peinigender hatte sie die Unsummen von Geld empfunden, die er nach Hause brachte. Die gute Partie war schlecht geworden.
Er hingegen liebte sie immer. Von ganzem Herzen. Eine Liebe ohne einen Schatten. Er küßte sie auf die Stirn. Er roch gut, ein teures Rasierwasser. Sie empfand es als Vorwurf, als Demütigung. Sie kam sich schäbig vor daneben. Was war sie denn?
Wie glücklich war er gewesen, als sich ihr die große Chance bot! Ein Vorspiel in Mainz, beim Symphonieorchester. Er sagte, er wäre bereit, mit ihr nach Mainz zu ziehen. Natürlich. Alles würde er für sie aufgeben. Im Süden neu anfangen. Er liebte sie doch! Er zögerte, die Pfeife anzuzünden. Sie maß ihn mit kaltem Blick. Sie fuhr hin, nach Mainz, versagte. Vernichtet kehrte sie heim. Schloß sich in ihrem Zimmer ein.
Von da an schlief sie nicht mehr mit ihm. Ihre Liebe war tot; sie fühlte sie nicht mehr. Manchmal ohrfeigte sie sich selbst. Sie zertrümmerte ihre Querflöte an ihrer Kommode. Sie war besinnungslos, sie raste. Eine Elektra, gutbürgerlich. Mit den Fingernägeln riß sie sich Fleischklumpen aus dem Arm. Das beruhigte sie. Dann begann sie, ihren Mann mit Vorwürfen zu überhäufen. Er liebe sie nicht. Er denke nur an seine Arbeit. Er habe nur das Geld im Kopf. Das Geld, das Geld. Das verfluchte Geld.
Was meinte sie nur? Er wußte es nicht; er verstand sie nicht, da er nur sie im Kopf hatte. Er ermunterte sie, sie solle üben, weiter spielen. Sich nicht aufgeben. Insgeheim wußte er, es war vorbei. Es reichte nicht. Sie war zu schwach. Sie spürte, daß er sie durchschaut hatte. Sie betrank sich, es kam zu einem furchtbaren Krach. Sie war Alkohol nicht gewohnt. Dann warf sie sich ihm an den Hals, biß ihm in die Lippen. Unfaßliche Stunden der Lust, ein letztes Mal, als liebten sie sich oder als läge die Liebe noch vor ihnen. So hatte er seine Frau noch nie erlebt, sie war ein Luder, eine Lulu. Sie war ihm unheimlich, und doch war es auch berauschend. Sie schrie in ihrer Gier.
Neun Monate später war Georg da.
Aber Georg sollte, wollte nicht leben; er kam tot zur Welt.
Sie beschlossen, ein Kind zu adoptieren. Er hoffte, es würde ihre Ehe retten. Sie war mit allem einverstanden. Es war die Schuld ihres Mannes, daß ihr leiblicher Sohn gestorben war, daß er die Kraft nicht gehabt hatte, am Leben zu bleiben.
Ich wäre auch lieber gestorben, als mir so einen Vater anzutun! dachte sie.
Der Gedanke machte ihr keine Angst.
Ihr Sohn war ihre Waffe, ihr Instrument der Rache. Er sollte Georg heißen. Sie erzog ihn im Geiste des Ressentiments. Der Vater, was der für ein Schwein sei! Was für ein Egoist! Und schon wieder sei er nicht rechtzeitig zum Abendessen zuhause! Und so einem hätte sie ihre Jugend zum Opfer gebracht, ihre Unschuld geopfert.
Was ihn antreibe? Die Geldgier.
Georg fand den Vater eigentlich sehr sympathisch, schätzte seine Eleganz, seinen Humor. Doch allmählich wurde der Glanz stumpf. Der Vater fing an zu trinken, wurde nachlässig. Er ging sonderbar. Apathisch saß er abends am Tisch. Antwortete einsilbig, wenn der Sohn ihn ansprach. Nickte. Und Georg begriff. Die Mutter hatte recht. Natürlich, die Mutter hatte recht.
Er taugte nichts, der Vater.
Jerzy Malkowicz, das ÖDIPUS-PROJEKT