goethe

Ze(h)n(-)Perspektiven und ein Mord

EINE ALTE DAME

In meinem Alter. Es braucht seine Zeit, bis ich alles zusammen habe. Bis ich soweit bin. Bis ich mich organisiert habe, sozusagen. Einfach so aus der Wohnung stürmen - in meinem Alter geht das nicht mehr. Handtasche. Geld. Schlüssel. Hut. Nichts vergessen? Ich war aufgeregt. Emmy hatte Herzprobleme. So spät. Eigentlich mitten in der Nacht. Sonst schlafe ich um die Zeit schon. Aber Emmy hatte angerufen. Da war diese Enge in der Brust. Ein Druck. Sie wollte nicht allein sein mit dem Notarzt. Sie traute sich nicht, ihn anzurufen. Sie hatte Angst. Sie dachte, der Notarzt würde sie ins Krankenhaus bringen, und da müßte sie dann sterben. Ganz allein, das weiße dünne Laken an sich krallend. Sie sagte zu mir: "Der Tod hat einen langen Atem, Liese." Ich sagte: "Ach was, Tod, Emmy. Du mußt noch lange nicht sterben!" Aber ich spürte ihre Angst. Und ich hatte auch Angst. Mein Herz klopfte. Und meine Finger zitterten. Ich meine, in unserem Alter. Wir kennen uns seit über 45 Jahren. Wir haben viel zusammen erlebt. Ich hoffte wirklich, daß sie sich schnell erholen würde. Sie sagte: "Der Tod hat einen langen Atem, und ich spüre seinen Hauch an meinem Nacken." Mir lief ein Schauer den Rücken hinunter.

Es brauchte seine Zeit, bis ich alles beisammen hatte. Handtasche, Schlüssel, Hut, Geld. Dann fiel endlich die Haustür hinter mir zu, und ich dachte erschrocken: "Hoffentlich habe ich den Schlüssel dabei ..." Ich sah das Licht im Hausflur, als ich ins Taxi kletterte. Das erleuchtete Glas. Ein komisches Gefühl. Ich sagte zum Fahrer: "Tut mir Leid, daß ich Sie so lange habe warten lassen, aber ..."
Er winkte ab: "Schon gut. Lassen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Immerhin bezahlen Sie ja dafür. Nur keine Aufregung. Das muß ich Ihnen erzählen. Da drüben war gerade was Merkwürdiges. In dem Haus da, gegenüber. Sehen Sie? Das rosafarbene. Da ging einer mit einem Schwert rein. So was Fernöstliches. Sie wissen schon. Lang und schmal. Wie aus einem Kung-Fu-Film. Seltsam, oder?"
"Sicher ein Zimmermann", sagte ich. Ich sagte es, ohne nachzudenken. Ich kramte in meiner Handtasche, weil ich weder meinen Schlüssel noch mein Geld finden konnte. Dabei war ich sicher ... ich hatte doch ...
"Wie Zimmermannswerkzeug sah das eigentlich eher nicht aus, meine Dame." Der Taxifahrer schüttelte ärgerlich den Kopf. Eine Spur heftiger, vielleicht, als nötig. Er war ein Mann Mitte vierzig, mit Bauchansatz. Unauffällig gekleidet, ein kariertes Hemd, Jeans. Sein Haarschopf lichtete sich. Er ärgerte sich über den unbedachten Kommentar seines Fahrgasts. "Zimmermannswerkzeug ... Er kam ein paar Minuten später wieder raus. Ein großer, kräftiger Typ. Bullig. Guter Anzug. Diesmal hatte er kein Schwert mehr dabei. Aber es ging noch weiter. Kaum war er verschwunden, hielt ein Taxi vor dem Haus. Ich dachte noch: ‚Na, ist ja komisch. Ob das mal Zufall ist?' Eine Frau steigt aus. Sie wirkt hektisch. Ängstlich. Aufgescheucht, irgendwie. Verstehen Sie, was ich meine? So eine Blondine, ein zierliches Ding. Ein Püppchen im roten Kostüm. Sie zahlte und verschwand dann im Treppenhaus. Sie hatte einen Schlüssel. Der Typ vorher hatte geklingelt. Der hatte keinen Schlüssel. Dafür ein Schwert. Ist doch seltsam, oder?"
"Ich möchte bitte in die Sonnenstraße."
"Sonnenstraße, klar." Der Fahrer setzt den Blinker, fährt los. Die Straßen sind menschenleer. In Kneipen sieht man Leute am Tresen, lachend, Dart spielend, trinkend. "Ist doch aber schon komisch. Finden Sie nicht? Mit einem Schwert? So eine lange, dünne Klinge. Kung-Fu. Sah gefährlich aus. Was man so erlebt."
"Ach, hier ist es ja. Gott sei Dank. Ich dachte schon, ich hätte es vergessen."
"Was denn? Haben Sie auch ein Schwert dabei? Haha."
"Mein Geld."
"Irre gibt's, oder? Ich meine, was hat der Kerl mit einem Schwert zu schaffen? Mitten in der Nacht? Und dann kommt er wieder raus. Gruselig. Man darf gar nicht drüber nachdenken. Daß man sich überhaupt auf die Straße traut. Er ging einfach davon. Ein bißchen schwankend, schien mir. Kann mich aber auch täuschen. Hatte sicher in einer Seitenstraße geparkt. Sah eigentlich ziemlich ... ziemlich seriös aus. Mit Anzug. Ordentlich. Hätte keine Bedenken gehabt, ihn als Fahrgast mitzunehmen. Ich meine, ohne Schwert natürlich. Haha. Wo wollen Sie denn genau hin? Welche Hausnummer?"

 

PARDON WIRD NICHT GEGEBEN. EIN MALCOLM-HART-FALL

von G. F. Goode


Der Dunkle Rächer Malcolm Hart, der Bekämpfer allen Unrechts, schob den Vorhang ein wenig beiseite. Ein schwaches Licht fiel auf sein maskiertes Gesicht. Seine Augen glitzerten im Widerschein der Lampe, in deren Lichtkreis der Mann saß, den er seit Jahren jagte. Ein feines Zucken durchlief Harts Gesicht, eine Regung präzisen Abscheus, kalter Spannung. Seine Jagd näherte sich ihrem Ende.

An seinem Schreibtisch saß der Widerling, der Verräter, und konzipierte die nächste Schandtat. Tad Alexander. Das Mastermind des Grauens. Er raschelte mit Blaupausen, die die Grundrisse militärischer Anlagen in Oklahoma zeigten. Leise kicherte er vor sich hin. Die Vorstellung, bald ungehemmt das Böse tun zu können, verzückte ihn. Und niemand, niemand würde ihm auf die Schliche kommen! Niemand würde je erfahren, daß er es war, der Konrad Albi vor die einlaufende U-Bahn gestoßen hatte. Keiner von all den Menschen, die sich demnächst in Staub und Asche auflösen würden mit blöd glotzenden Augen, würde erfahren, daß sie ihre blitzartige Vernichtung Konrad Abli zu verdanken hatten - und ihm, dem Chefideologen der Niedertracht, dem rücksichtslosen Supermann mit dem Hirn aus Platin. Er hatte die CD-ROM mit Albis genialem Computerprogramm in seine Tasche gesteckt und dann den Freund kaltblütig beseitigt. Nur ein Schubser. Das Programm, mit dessen Hilfe er die Nuklearmacht der Vereinigten Staaten unter seine Kontrolle bringen, mit der er die Weltbevölkerung per Knopfdruck auslöschen konnte ...

Tad Alexander lehnte sich zurück in seinen Ledersessel und zündete sich eine Zigarre an. Eine Cohiba. Gedankenvoll drehte er die CD-ROM mit Albis Programm zwischen seinen Fingern. Es gab keine Zeugen, dachte er. Es gab nicht einmal eine Verbindung zwischen Albi und ihm. Dafür hatte er gesorgt. Wie ein Unfall hatte es ausgesehen; allenfalls würden die Bullen denken, der Programmierer, ein so brillanter wie labiler Kopf, habe Selbstmord begangen. Hatte Albi denn Freunde? Nein. Außer Tad Alexander nicht, und von Tad Alexander wußte niemand. Gab es einen Grund für Albi, nicht zu sterben, nicht seinem Leben ein Ende zu setzen? Auch hier lautete die Antwort: Nein. Gab es nicht.

Albi, ja. Eine graue Existenz. Ein Gescheiterter, dem nichts anderes übrig blieb, als seine überragende Intelligenz in Kaschemmen kaputt zu saufen, als sich mit Drogen ein bißchen billiges Glück zu ergattern. Früher aber, vor unvordenklich langer Zeit, da hatte ihm das Schicksal kurz zugelächelt. Albi dachte oft daran zurück, wenn er, vollkommen betrunken, in seinem Badezimmer stand, die Wanne gefüllt mit leeren Bierdosen, denen er täglich weitere hinzufügte, bis die Wanne überlief und das Bierdosenmeer sich ins Wohnzimmer ergoß, hinüber ins Schlafzimmer, endlich in den Flur, auf die Straße, bis Giesing überschwemmt war, bis München versank unter einer Bierdosensintflut, bis endlich die ganze Welt zur Ruhe kam unter einer meterdicken Schicht leerer Bierdosen. Ja, die Vergangenheit, sie ließ ihn nicht los. Sie machte sein Scheitern noch bitterer. Was alles möglich gewesen wäre ... Mit Bill Gates hatte er ein Programm entwickelt, das, anders konnte man es nicht sagen, dem später weltweit erfolgreichen Windows verblüffend ähnlich gewesen war. Leider war Albi zu dumm gewesen, den Vertrag genau zu lesen, den Gates ihm eines schönen Morgens - Albi war noch leicht verkatert - zur Unterzeichnung vorlegte. Albi, wie alle klugen Menschen, war ein Idealist, und er vertraute darum seinem Freund Bill. Freund! Er mußte lachen, wenn er heute diese Wörter kombinierte: "Freund" und "Bill". Er lachte sich ins Gesicht, lachte seinen Badezimmerspiegel an, der ganz verklebt war von bitteren Speichelspuren. Bill Gates hatte ihn einfach über den Tisch gezogen. Er hatte ihm seine Idee geklaut - und wie die Geschichte weitergegangen war, ist ja bekannt ...

Tad Alexander grinste, als er sich wieder seinen Unterlagen zuwandte. Albi, dieses Würstchen! Dieser kleine Furz hatte doch tatsächlich geglaubt, der beste Kopf des internationalen Verbrechens würde mit so einer Nullnummer wie ihm gemeinsame Sache machen! Mein Freund, dachte Alexander heiter, um in meiner Liga zu spielen, braucht es mehr als eine sprühende Phantasie und funkelnde Vorstellungsgabe! Um in dieser Liga zu spielen, brauchte man Charakter. Einen miesen Charakter. Und ein Herz aus Stein.
Und wieder ließ Tad Alexander sein trockenes, meckerndes Kichern hören.

Malcolm verspürte keinen Haß, als er aus seinem Versteck hervortrat. Haß hätte gegen seine Prinzipien verstoßen. Er ging mit der abstrakten Leidenschaft eines Neurochirurgen zu Werke. Er würde ein Geschwür aus dem Körper der Gesellschaft entfernen. Das sah er ganz sachlich. Mit beiden Händen hob er die Axt hoch über seinen Kopf. Seine gewaltigen Oberarme spannten sich, an dem schwarzen Stoff seines Trikots trat die Rückenmuskulatur mächtig hervor.

Malcolm fühlte sich stark, durchpulst von einem weißen Licht. Denn er tat es nicht nur um der Gerechtigkeit willen. Nein, der Fortbestand der ganzen Welt, die Menschheit selbst hing von seinem Schlag ab. Es war die Zukunft, die jetzt auf der Schneide des Beidhänders in seinen Fäusten glitzerte. Sicher, es war ein Schlag, geführt aus dem Dunkeln, heimtückisch und kalt. Und doch würde dieser Schlag die Eisschicht spalten, dachte Malcolm Hart grimmig, die diesen Planeten zu überziehen begann. Ein Hieb, und eine furchtbare Drohung würde von allem genommen sein, was Menschen zu lieben vermochten.

Tad Alexander hörte ein Geräusch und fuhr herum. Der Anblick, der sich ihm bot, lähmte sein Herz. Denn bei aller Schändlichkeit war er doch ein ausgemachter Feigling. Malcolm Hart, axtschwingend aufgetürmt vor ihm - das war mehr, als ein charakterloses Subjekt wie er zu ertragen vermochte! Er drückte sich fest in das dunkelbraune Lederpolster seines Sessels, das ein quietschendes Geräusch von sich gab.
"Malcolm ... Malcolm Hart!" stammelte er. "Sie? Was tun Sie hier? Wie haben Sie mich gefunden? Wie konnten Sie ..."
"Gib dir keine Mühe, Tad", sagte Hart, und seine Stimme knirschte vor klirrender Verachtung, "du bist verdammt nicht so clever, wie du glaubst. Meinst du, ich habe dein abgekartetes Spiel mit Albi nicht durchschaut? Die üblichen miesen kleinen Tricks? Leider kam ich zu spät, um das Leben dieses Mannes zu retten, das Leben dieses wundervollen Menschen, der sich, schwach, wie er war, bei aller Brillanz, die man ihm nicht wird absprechen können, von einer Ratte wie dir einspannen ließ für deine teuflischen Pläne!"

"Ach, was für ein jämmerliches Gewäsch." Tad Alexander machte eine wütende, wegwischende Handbewegung, in der allerdings schon Unsicherheit zum Ausdruck kam. Wenn es Malcolm Hart gelungen war, sein Hauptquartier zu finden - dann konnte er nicht ganz so unbesiegbar sein, wie er geglaubt hatte, dann war er womöglich gar kein Übermensch, sondern auch nur so ein ... Er sagte schnell: "Was ist das, Hart, die alte Opfer-Predigt? Die Bitte um christliches Mitleid? Ein solches kennt die Geschichte nicht! Es wird immer welche geben, die unter die Räder kommen, damit andere den Gang der Geschichte beschleunigen. Das weißt du doch. Wie oft haben wir das durchgekaut? Du kennst doch die Logik des Fortschritts. Erinnere dich. Unter den Borgias herrschte in Italien blutrünstige Gewalt, Mord und Totschlag. Aber jene Jahre haben uns die Renaissance eines da Vinci und eines Michelangelo geschenkt. In der Schweiz hingegen erfreuten sie sich fünfhundert Jahre lang tiefsten Friedens - und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!"

"Und Albi?" schrie Hart. "Den unterschlägst du in deiner Rechnung! Wie hat der sich gefühlt? Er hat an dich geglaubt! Er hat an deine Freundschaft geglaubt, hat deine schmeichlerischen Worte für bare Münze genommen! Und du ..."
Da blitzten Tad Alexanders Augen auf. Eine letzte Regung des Guten in dieser durch und durch verworfenen Kreatur. Ein Moment von Schwäche. Und wie Alexander diese Schwäche in sich spürte, verwandelte all sein luziferischer Stolz sich in siedenden, schäumenden Selbsthaß, und er sehnte sich nur noch nach Erlösung.
"Ja, ja, Hart, du hast recht", rief er also, "du hast ja so recht! Ich bin reine Niedertracht! Ich bin weniger wert als nichts. Nicht einmal Größe habe ich, ich bin nicht einmal hart, nicht einmal kalt, nicht einmal konsequent! Das macht: Ich habe den Tod mehr als verdient! Mich zu töten, heißt, der Menschheit einen Gefallen zu tun! Ich bin noch nicht einmal der, der zu sein ich geglaubt habe. Töte mich also! Nicht nur der Menschheit, auch mir wirst du damit einen Gefallen tun. Lösch all das namenlose Grauen, das sich in mir zur schändlichen Tat verdichtet hat, mit einem beherzten Streich aus!"

Malcolm Hart ließ den Beidhänder niedersausen. Tad Alexander gab keinen Laut von sich, als das scharfe Eisen seinen Kopf spaltete. Noch ein paar finstere Visionen tickten durch seinen verlöschenden bösen Geist, dann war auch das vorbei.

 

POLIZEIBERICHT


Bei der Leiche handelt es sich um den 38 Jahre alten Alexander Wittelsbach. Er wurde am Morgen von einem Nachbarn gefunden. Seine Leiche lag im Hof. Das Fenster seines Arbeitszimmers, das zum Hof geht, stand offen. Anscheinend hat man ihn hinunter geworfen. Bzw. hinunter gestoßen. In der Brust des Toten befand sich eine Stichwunde. Genauere Untersuchungen ergaben zweifelsfrei, daß sie durch ein Samuraischwert verursacht wurde. Die Tatwaffe fand sich am Tatort. Sie war blutbefleckt. Keine Fingerabdrücke. Die Verletzung war, nach Ansicht des Gerichtsmediziners Dr. Klaucke, nicht tödlich, jedenfalls nicht unmittelbar. Nähere Einzelheiten zu den wahrscheinlichen Vorgängen und zum Zustand des Leichnams s. den beigefügten Bericht von Dr. Klaucke (s. Anlage 3).

Das Opfer war ein landesweit bekannter Autor von Kriminalromanen. Schon vor geraumer Zeit haben seine Bücher den Popularitätssprung über die Grenzen der Stadt München hinaus geschafft. Eine Folge seiner Romanserie um den Privatdetektiv Rex Granit sollte demnächst verfilmt werden.

Die Gattin des Ermordeten, Lisa Wittelsbach, konnte uns einen Hinweis auf die Herkunft des Samuraischwertes geben. Sie meinte, ein entfernter Bekannter ihres Mannes, der Autor Sigbjörn Hansen, besitze ihres Wissens eine umfangreiche Sammlung von Samuraischwertern.


gez. Batik & Leithammel, Kommissare

 

DER POLIZEIPRÄSIDENT

Man traf sich am üblichen Ort. Dort, wo Giesing am schönsten ist - jedenfalls nach Ansicht derer, die in dieser Ecke zu Hause sind. Der Polizeichef hatte zwei Viertel Wein getrunken, ein weiteres geordert. Seine Gesichtsfarbe hatte sich spürbar vertieft. Er hatte den Krawattenknoten gelockert. Er dachte an die schummrigen Seitenstraßen, die zu dem Ort führten, an dem sie saßen, an die niedrigen Häuser. An die Ruhe. An den Frieden, der, wie er nur zu genau wußte, ein trügerischer Frieden war. Er war in der Laune, die anderen am Tisch zu unterhalten. Daß er sie mit seinen Erzählungen durchaus auch schockieren könnte, nahm er in Kauf. Mehr noch, es wurde von ihm erwartet.

Der Mord an Alexander Wittelsbach, diesem großen Sohn Giesings, war in aller Munde. Nicht unbedingt auch in aller Herzen. Aber man redete auf den Straßen seit gestern von nichts anderem. Immer komplexer stellte die Angelegenheit sich dar, immer mehr Verdächtige tauchten auf, immer mehr Zeugen traten aus den Schatten hervor. Wollte man diesen Fall lösen, brauchte man einen gewieften Ermittler. Gab es so jemanden in der Münchner Kripo überhaupt? So erkundigte sich ängstlich die Gattin des Oberbürgermeisters.

"Durchaus, meine Liebe", entgegnete der Polizeichef. "Es gibt einige von dem dafür erforderlichen Kaliber. Noch ist unsere Stadt ja nicht ganz pleite." Er wiegte sich dabei genüßlich auf seiner Sitzbank.
"Wen haben Sie auf die Sache angesetzt?" Eine weitere einflußreiche Persönlichkeit war es, die so fragte, ein Herr mit Glatze, Bart und Bauch, dessen Zigarrenrauch die anderen am Tisch belästigte. "Deistering und Schächelt?"
"Deistering und Schächelt sind im Augenblick nicht in München." Bedauernder Tonfall, eine leere Geste. Die Besten. "Wir haben sie nach Köln abkommandiert. Die dortige Polizei hat uns um Hilfe gebeten. Das konnten wir nicht abschlagen."
"Also Leithammel und Batik?"
Eine Dame hatte gefragt. Sie wagte ihre Frage nur zu hauchen. Sie besaß eine Boutique auf der Türkenstraße, hatte großen Hunger und hielt sich seit zwei Stunden an einem Glas Wein fest. Weißwein.
"Ja."
Die Antwort war knapp. Sie löste ein tiefes Schweigen aus. Batik und Leithammel konnte man seit den Vorgängen um die Holzskulptur "Peter der Beter", die vor etwa einem Jahr München in Atem gehalten hatten, als Legenden bezeichnen. Gleichwohl wollten die Stimmen nicht verstummen, die ihren spektakulären Erfolg eher auf die Intelligenz der Bürger Giesings zurückführten als auf die der Kommissare.

"Er war ein Genie. Ich habe seine Romane geliebt."
"Rex Granit. Ein großer Wurf."
"Vor allen Dingen den mit den Eispickelmorden fand ich gut."
"Oder den mit dem Typen, den plötzlich alle jagen. Ohne daß er begreift, warum. Ein unbescholtener Bürger."
"Ein Verlust, den wir noch gar nicht ermessen können."
"Vielleicht erst in fünfzehn Jahren."
"Sollte sein letztes Buch nicht verfilmt werden?"
"Eichinger habe sich die Rechte gesichert, hab ich gehört."
"Ja, aber das ist gar nicht Wittelsbachs letztes Buch. Sein letztes hat man jetzt gefunden. Als Manuskript. Abgeschlossen, aber unveröffentlicht."

Man gab der Sache Gewicht durch solche Betrachtungen. Man überlegte dabei weiter, ob Leithammel und Batik wohl die richtige Wahl waren. Waren sie der Sache gewachsen? Zweifel blieben.

"Nun", sagte der Polizeichef, "es gibt bereits eine Reihe von Hinweisen. Wir tappen durchaus nicht im Dunkeln. Da ist zum Beispiel Sigbjörn Hansen. Man kann ihn mit Fug und Recht als ‚heruntergekommene Existenz' bezeichnen. Hohe Spielschulden, die er mit dem Verfassen von Fantasy-Groschenheften - unter dem Pseudonym ‚G. F. Goode' - kaum wird begleichen können. Seine Wohnung" - der Polizeichef beugte sich vor, Anzeichen von Ekel im Gesicht - "befand sich in einem unbeschreiblichen Zustand, als Batik und Leithammel da auftauchten. Ich hab die Fotos gesehen. Meine Güte. Die Badewanne angefüllt mit leeren Bierdosen, in den Schränken leere Schnapsflaschen. Hygienisch war das Waterloo, wenn Sie verstehen."

Die Boutiquenbesitzerin gab ein hungriges Geräusch von sich.
 
"Ich habe", fuhr der Polizeichef mit einem irritierten Seitenblick fort, "den Eindruck, daß alle lügen. Man kann keinem glauben. Wenn nicht Agatha Christie Agatha Christie wäre, ich würde nicht zögern zu sagen, daß hier dasselbe Muster vorliegt wie bei MORD IM ORIENTEXPRESS. Sie kennen das? Da ist die Lösung: Die waren es alle. Eine Gemeinschaftstat. Die haben das Opfer alle zusammen aus der Welt geschafft."
"Ja, aber warum soll es denn nicht so gewesen sein?"
"Weil so etwas nur in Agatha-Christie-Romanen passiert, meine Liebe. Das ist doch völlig idiotisch. Im wirklichen Leben kommt so etwas nicht vor."
"Aha."
"Das wirkliche Leben hat mit Literatur nichts zu tun. Glauben Sie mir. Ich habe von der Wirklichkeit mehr zu sehen bekommen, als mir lieb ist. In der Wirklichkeit ist alles unsauber. Überall sind diese Mikroben, Bazillen, Viren. Es gibt nichts Reines. Keine Perfektion. Wenn Sie es anfassen, machen Sie sich die Finger schmutzig. Nein, Agatha Christie mag ja als Krimiautorin eine große Nummer gewesen sein - von der Realität des Verbrechens aber hat sie absolut nichts verstanden."
Betretenes Schweigen. Am Tisch herrschte die Ansicht vor, Krimis spiegelten die Realität wider. Das Gespräch wendete sich daraufhin anderen Themen zu. Verkehrspolitik. Wer mit wem. Die Boutiquenbesitzerin hatte das Gefühl, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen. Vor allem der Zigarrengestank quälte sie unsäglich.

Der Polizeichef versank in seinen Betrachtungen. Das mochte auch am dritten Viertel Wein liegen, das eben geleert war. Hansen, dieser Freak, hatte angegeben, am Tatabend noch Besuch von Robert Gern erhalten zu haben. Gern war der Verleger Alexander Wittelsbachs. Ebenfalls ein großer Sohn der Stadt, wenn auch nicht unbedingt ein unumstrittener. In der Verlagsbranche galt Gern als schwarzes Schaf. Ein Tyrann, ein Psychopath. Es habe ein Telefonat gegeben, hatte Sigbjörn Hansen ausgesagt. Er und Gern hätten geredet. Danach sei er, Hansen, ins Bett gegangen. Der Verleger sei zu sich nach Hause gefahren.
 
Was war davon zu halten? Die Untersuchungen dauerten an. Batik und Leithammel liefen in der Weltgeschichte herum und stellten Fragen. Sigbjörn Hansen war ein Wackelkandidat. Das stand fest. Ein Borderliner. Zu wiederholten Malen hatte er sich in der Vergangenheit in intensiver psychiatrischer Behandlung befunden. Zudem war er wegen Drogenkonsums vorbestraft. Seine Texte wiesen ihn als gewalttätig aus, schon bei flüchtiger Prüfung. Man gewann den Eindruck eines unsicheren, labilen Charakters, randvoll mit einem blutigen Rachebedürfnis. Aber wofür wollte er sich rächen? An der Welt? Oder doch an Alexander Wittelsbach?

 

SIGBJÖRN HANSEN

Als Sigbjörn Hansen an jenem Morgen die Tür seiner Wohnung öffnete, hatte er gerade die Polizei anrufen wollen, um einen Diebstahl zu melden. Er hatte blutunterlaufene Augen, in denen ein leicht irrer blauer Blick schwamm, einen grauen Stoppelbart und eine Glatze; nur um die Ohren herum sproß kümmerlich-drahtiges Haar. Er trug einen schmutzigen Trainingsanzug und Socken, von denen ein lähmender Geruch aufstieg. So präsentierte er sich den beiden Ermittlern der Kripo, Batik und Leithammel. Sie hielten ihm ihre Marken hin, unwillkürlich auf Abstand bedacht. "Gut, daß Sie kommen", sagte Hansen, "ich wollte gerade ..."

Man habe ihm ein Samuraischwert gestohlen, aus seiner Sammlung, sagte er. Sein ganzer Stolz, sagte er, die Polizisten in seine Wohnung führend, aber es klang nicht allzu stolz. In einer spezialgefertigten hölzernen Halterung im Wohnzimmer befanden sich 13 Samuraischwerter. Sie sahen echt aus, aber eine genauere Betrachtung ergab, daß sie schlecht verarbeitet waren, rostige Klingen mit marktschreierischen Gravuren. Eisen und rissiges Holz. "Das sind Schwerter aus der Zeit der Han-Dynastie", so Hansens Erklärung. "Beachten Sie die liebevollen Gravuren. Wenn man die Waffen benutzt, schreibt das Blut der Feinde Gedichte. Wenn das Blut durch die Rillen läuft. Verstehen Sie?" In ihrer Reihe klaffte eine Lücke.

"Genau. Da ist mir eines gestohlen worden", sagte Hansen. Um ein leichtes, feines Schwert  habe es sich gehandelt. Wert: an die 800 Euro. Die Kommissare nickten und bewegten sich behutsam durch das hygienische Fiasko von Hansens Wohnung. Sie bemühten sich, nichts anzufassen. Darin hatten sie ja glücklicherweise Übung.

Dabei hatte es einmal durchaus verheißungsvoll ausgesehen für Sigbjörn Hansen. Das war damals, als er zusammen mit einem Freund die Figur des Rex Granit entwickelt hatte. Rex, der superharte Ermittler. Ein Typ, den nichts aus der Ruhe bringt. Der nie die Stimme hebt. Dem nie die Zigarette aus dem Mundwinkel fällt. Der nicht einmal schwankt, wenn er durch ein Meer von Schnaps rudert. So hatte Hansen ihn sich erträumt, seinen Superhelden. Dann aber hatte sein Kompagnon ihn übers Ohr gehauen. Hinter Sigbjörns Rücken hatte er sich den Namen patentieren lassen, hatte die gemeinsam geschriebene Geschichte veröffentlicht. Rex Granit, der Steinerne. Bald darauf war dieser Name in aller Munde, allerdings ohne Verbindung zu Hansens Namen ...

Dieser Vertrauensbruch, dieser Verrat unter Freunden brach Sigbjörn das Rückgrat. Immer schon war er ein Freak gewesen, ein Nerd, auf der Kippe zur sozialen Ächtung; aber sein Freund hatte ihn stabilisiert, hatte ihm das Gefühl von Erfolgschance und Strahlkraft suggeriert. Ohne dies konnte Hansen sich nicht mehr halten. Er begann zu trinken, nahm Drogen, versank in einer Spielsucht, die ihn wirtschaftlich ruinierte. Zwar waren seine Groschenhefte um den Dunklen Rächer Malcolm Hart, den Bekämpfer des Unrechts, auf ihre Art sehr erfolgreich. Doch jeder Blick in das Feuilleton einer Zeitung, in dem der nächste Rex-Granit-Roman angepriesen wurde, riß Hansen erneut hinab in den Strudel aus kochendem Hass und Selbstauslöschungssehnsucht.

"Wo waren Sie gestern abend, Herr Hansen?"
Leithammel kam aus dem Badezimmer, und sein Gesicht zeigte noch Spuren eines schartigen Ekels. Sigbjörn Hansen schaute erstaunt auf.
"Ich? Ich war zuhause! Wieso?"
Leithammel warf Batik, der gerade die Schränke inspizierte, einen Blick zu. Die Frage, was Hansen getan hatte, erübrigte sich wohl.

 

BATIK UND LEITHAMMEL

"Tag", sagte Batik beim Reinkommen. Leithammel schaute kurz auf. Dann senkte er seinen Blick wieder ins Feierabendbier.
"Grüß dich, Sepp."
Ein ganz angenehmes Hintergrundbrummen erfüllte die Kneipe. Warum und tief. Leithammel hatte sich gerade so schön kraftlos gefühlt. Müde. Nur ein bißchen die Augen schließen ... Jetzt ging es schon wieder weiter. Batik nahm auf dem Hocker neben seinem Kollegen Platz. Er rieb seine Hände.
"Du, Pivo, ich war richtig erfolgreich heute."
"Aha."
"Die Lisa Wittelsbach, die Alte von unserem Opfer - ein scharfes Gerät. Eine Figur, ich sag dir. Da kommst du aus dem Glotzen nicht mehr raus. Da läuft dir der Geifer in Strömen aus dem Mund."
"Sehr gut. Das hast du herausgefunden, ja? Und nur einen Tag dafür gebraucht? Solide polizeiliche Ermittlungsarbeit, muß ich schon sagen."
"Nein, was ich eigentlich sagen wollte. - Ich nehme auch ein Helles, bitte. - Ich hab mich ein bißchen mit einer alten Freundin von unserer Lisa unterhalten. Sonja. Die war nicht gut auf Frau Wittelsbach zu sprechen."
"So? Und warum?"
Leithammel hob den Blick. Erwartungsvoll. Gab's da wohl Verdachtsmomente?
"So ein bißchen ist es die alte Geschichte. Lisa hat ihrer Freundin Sonja Alexander Wittelsbach weggeschnappt. Vor der Nase. Eine Eifersuchtsstory. Unter Frauen."
Leithammels Blick erlosch, seine Schultern sanken. Er trank einen Schluck.
"Und zwar hat Sonja ihre Freundin Lisa - sie haben damals zusammen gearbeitet - zu einer Lesung von Wittelsbach mitgeschleppt. Damals war der noch nicht so berühmt. Gerade der zweite Rex-Granit-Roman war erschienen. Sonja himmelte ihn trotzdem an. Hat wohl ein gutes Näschen. Oder versteht was von Literatur. Wittelsbach zeigte sich allerdings eher an Lisa interessiert als an ihr. Hat noch vor Ort mit seiner künftigen Gattin herumgemacht. Sonja behauptet zwar, im Nachhinein sei sie sogar froh, daß es so gekommen ist. Damals aber brach sie den Kontakt ab."
"Brandheiße Infos", murmelte Leithammel und wischte sich mit der Hand durchs Gesicht.
"Warte. Jetzt kommt's, Pivo, jetzt kommt's."
"So."
"Zigarette?"
"Danke, ich hab doch mit dem Rauchen aufgehört."
"Genau. Ich erinnere mich. Also hör zu. Es dauert nicht lange, und Lisa ist schwanger. Zwar heiratet Alexander sie anstandslos. Bald nach der Hochzeit aber hat Lisa eine Fehlgeburt."
Batik schwieg bedeutungsvoll. Leithammel ließ seinen Blick durch das Lokal schweifen. Endlich fuhr Batik mit leicht enttäuschter Miene fort:
"Sonja hat mir erzählt, damals habe es Gerüchte gegeben, diese Fehlgeburt könne unter Umständen mit der notorischen Untreue unseres Starautors zu tun gehabt haben. Es ist in der Branche bekannt, daß Wittelsbach nichts, was zwei Beine und lange Haare hat, ungeschoren davon kommen lassen konnte. Der hat sie alle flach gelegt."
Leithammel dachte eine Weile darüber nach.
"Und für seine Frau war das nicht so lustig?"
Batik streifte die Zigarettenasche ab.
"Sie litt wie ein Hund. Ich meine, so eine Frau. Denk doch nur mal. Ein Traum auf langen Beinen. Ein ziemlich feuchter Traum. Was die vom Leben erwarten kann. Und er rührt sie nicht an. Hält sich lieber an seine Sekretärinnen, an seine Verehrerinnen, oder was weiß ich an wen. Sie ist richtig depressiv geworden. Mußte so Zeug nehmen. Richtige Psychohämmer. Lisa hat oft gesagt, sie würde das Schwein umbringen. ‚Das Schwein', so nannte sie ihren Mann, wenn er nicht dabei war. Hat mir ein Vertrauter erzählt. Ein absolut glaubwürdiger Typ. Na ja, mit der Zeit hat sie sich abgeregt. Hat sich arrangiert. Sie fing ein Verhältnis mit Wittelsbachs Verleger an."
"Mit Robert Gern?"
Leithammel sah den Verleger vor sich. Groß. Kräftig. Breit. Dampfend viril. Eine Brustbehaarung wie von einem persischen Teppichknüpfer angebracht. Das brutale, aber strahlende Lächeln eines Mannes, der über Leichen geht, um seinen Willen durchzusetzen.
Batik nickte tief. "Exakt. Das lief jahrelang."
Leithammel schüttelte leise den Kopf.
"Was hat denn Wittelsbach dazu gesagt?"
"Dem ging das, auf gut Deutsch gesagt, am Arsch vorbei. Aber meilenweit. Der hat einfach munter weiter gevögelt, als ob nichts wäre."

 

ROBERT GERN

"Jetzt hör mir mal gut zu, mein Lieber. Mit Rex Granit bezahle ich Scheiße wie das, was du schreibst. Dein lahmes Zeug bringt mir keinen Cent ein. Ich kann ja schon froh sein, wenn deine Romane sich selbst tragen. Und das wird auch immer so sein, Georg. Mach dir nichts vor. Du wirst nie auf eigenen Beinen stehen. Du hast einfach das nötige Talent nicht. Das ist die Wahrheit. Und du weißt es. Mit dieser Demütigung mußt du leben. Sei froh, daß es Autoren wie Alexander Wittelsbach gibt, an deren Erfolg du dich anlehnen kannst. Ohne die gäb's Typen wie dich nämlich gar nicht. Die finanzieren dich mit."

Robert Gern. Mein Verleger. Ein Mann, dem alles zuzutrauen ist. Alles. Glauben Sie mir. Ich habe seine Faust auf meinen Lippen gespürt. Einmal hätte er mich beinahe erwürgt. Dann wieder sah ich ihn mich zärtlich in die Arme schließen, weil eines meiner Bücher eine sehr wohlwollende Rezension abgestaubt hatte. Es war dann trotzdem kein wirklicher Erfolg geworden. Insofern hat er nicht ganz unrecht mit dem, was er da sagt, so schwer ich natürlich auch daran zu schlucken habe.

Gern selbst zählt sich zu den Großen in der Branche; viele seiner Feinde und Rivalen sehen das anders. Sie sehen in ihm einen unberechenbaren Schweinehund. So ganz falsch liegen sie damit nicht. Trotzdem mag ich ihn. Er ist ehrlich.

Er schenkt mir nach, Bordeaux. Baron de Rothschild, 19,99 Euro die Flasche. Es ist die vierte. Er kann großzügig sein. Jetzt ist er wütend. Darum geht er mich so an. Er sagt: "Ich sehe in meinen Autoren Schutzbefohlene, Georg. So etwas wie meine Kinder. Auch in dir. Irgendwie nehme ich dich schon ernst. Auf meine Art. Ich habe immer gesagt: Ich verlege keine Bücher, ich verlege Autoren. Dazu stehe ich. Ich bin bereit, hundert Prozent Treue zu geben. Dafür verlange ich allerdings auch etwas. Hundert Prozent Treue. Wer versucht, mich zu bescheißen - da verstehe ich keinen Spaß, Georg. Absolut keinen Spaß. Niente. Beim Bescheißen ist für mich der Spaß vorbei."

Es ist klar, worauf er hinaus will. Wittelsbach hat hinter Gerns Rücken die Filmrechte an "Blutrache in Giesing" verkauft. Die Literaturkritiker sprachen von einem Meisterwerk - nun ja. Die Literaturkritiker. Ein Fall für sich. Aber das Buch hat seine Stärken, das muß ich zugeben. Allein die Figur des Rex Granit. Das ist der eine große Wurf, den jeder Autor landen möchte. Manche schreiben ein makelloses Buch. Andere, und das sind die wirklich erfolgreichen in unserer Branche, schaffen diese eine Figur, die dem Leser nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein unsterblicher Charakter. Das ist Alexander Wittelsbach gelungen. Das muß ich sagen, auch wenn ich Wittelsbach als Menschen verabscheue.

Gern ballt die Faust, und ich zucke zusammen. Unwillkürlich. Ich kenne all die Geschichten über Gerns Gewaltausbrüche, über seinen Jähzorn. Wie er einmal einem Autor die Nase gebrochen hat, weil er hinter seinem Rücken mit einem Lektor von Suhrkamp essen war. Oder der Drohbrief an Brenzinger, der für eine Anthologie von C. H. Beck eine Kurzgeschichte verfaßt hatte. Irrsinnig. Von Morddrohungen war die Rede. Haidegger hat er einmal durch halb Giesing gehetzt, als er mit einem Manuskript in Verzug war. Es kann jeden erwischen. Als er mich damals würgte, handelte es sich um ein reines Mißverständnis. Jemand hatte ihm erzählt, ich wolle den Verlag wechseln, sei nicht mehr zufrieden mit seiner Betreuung. Nur ein Gerücht, da war nichts dran. Nichts. Aber sobald ich sein Büro betrat, ging er auf mich los, brüllte und fauchte. Er packte mich am Hals, wir fielen zu Boden. Ich dachte, als der Griff seiner starken dicken Finger um meinen Hals sich nicht lockerte: "Jetzt bist du dran, Georg! Das war's. Dein letztes Stündlein hat geschlagen!" Ich sah in seine Augen, in dieses kalt funkelnde Blau, und ich würde noch heute beschwören - wenn seine Sekretärin nicht dazwischen gegangen wäre, wär's das für mich gewesen.

Das Telefon klingelt. Robert Gern springt sofort auf. Es könnte ja ein Geschäft sein. Die Bombe, die der deutschen Verlagslandschaft ein neues Gesicht geben wird. Er wirft seine Serviette auf den Tisch.

"Gern!" schreit er fast in den Hörer. Dann verfinstert sich sein Gesicht. Er schaut auf die Uhr, macht: "Hm" und "Hm". Dann sagt er: "Jetzt beruhig dich, Sigbjörn. Ruhig Blut. Natürlich ist das eine Schweinerei. Aber was erwartest du? Von einem Schwein?"
Er lacht. Mir läuft ein Schauer den Rücken hinunter. Das ist kein gutes Lachen. Später sagt er zu mir: "Der war so voll, ich verstehe nicht, wie der überhaupt noch meine Nummer wählen konnte!"
Er macht weiter mit seinen Beschwichtigungen; aus dem Hörer klingt ein hohes, jaulendes Keifen zu mir herüber.
"Ja, ja. Natürlich. Du hast ja recht", sagt Gern. "Das täte ich auch am liebsten. Aber das ist es nicht wert. Glaub mir. Das ist es einfach nicht wert. Wenn er meint, er müßte seinem alten Verleger, der immer zu ihm gehalten hat, mächtig in den Arsch treten ... Soll ihn der Teufel holen. Scheiß drauf."
Er lauscht wieder eine Weile. Er schaut verdrossen drein. Dann sagt er: "Ich weiß nun wirklich nicht, was diese ollen Kamellen damit zu tun haben. Du solltest dich vielleicht ein bißchen zurücknehmen, was meinst du? Dich zusammenreißen? Hier gibt's noch ein paar andere, die Grund haben, sich zu beklagen."

Bald darauf legt er auf. "Ich muß noch mal weg", sagt er. Er lächelt mich an, mit angestrengtem Gesichtsausdruck. "Die arme Sau. Sigbjörn Hansen, kennst du den? Klar, den kennt jeder. Ist völlig heruntergekommen. Hat vor Urzeiten mal ein paar Bücher für mich geschrieben. Wirklich nichts Sensationelles. Na ja, aber seitdem ruft er immer an, wenn er meint, er habe mir etwas zu sagen. Zum Glück ist das nicht allzu oft. Er wollte auch noch seinen Senf dazu geben zu Wittelsbachs Verrat. Eigentlich ja nett gemeint. War in einer entsetzlichen Verfassung. Ich glaube, ich fahr mal rüber und sehe nach dem Rechten. Nicht, daß er an seiner Kotze erstickt. Wäre ja nicht der erste Autor, mit dem es ein tragisches Ende nimmt."

Er senkt den Blick, sieht dann schnell wieder hoch, runzelt die Stirn. "Ist halt ein extremer Job, oder? Aber manchmal ..." Eine wegwerfende Handbewegung.

Wir gehen hinaus und verabreden uns noch für Mittwoch nächster Woche. Ich will ihm mein neues Manuskript vorbeibringen. Leider ohne Rex Granit. Überhaupt ein eher lasches Buch. Aber was soll's. Irgendwann muß man sich damit abfinden, daß man nur in der zweiten Liga spielt. Wenn überhaupt. So ist es. Auch wenn's wehtut. Gern hat ja recht. Es ist eine Demütigung. Mit ihr muß ich leben.

Mit einer ewigen Demütigung, die nie aufhört.
 
Gern steigt in seinen Jaguar und fährt davon. Der Motor heult auf. Gern hat fast zwei Flaschen Baron de Rothschild im Blut, 19,99 Euro die Flasche. "Verrückter Hund", murmele ich. "Mach bloß keinen Scheiß."

 

LISA WITTELSBACH

Ich komme in die Wohnung, und noch bevor ich sie sehe, höre ich Robert brüllen:
"Du? Geschädigt? Du bist doch nur ein psychopathischer Freak! Ich, ich bin hier der Geschädigte! Da geht es um Millionen, nicht um Hirngespinste!"
Robert hat Sigbjörn am Kragen gepackt und drückt ihn gegen die Couch. Der Fernseher läuft, der Ton ist ausgestellt. Ich denke: Mein Gott, er bringt ihn um! David gegen Goliath, denke ich, und David hat keine Schleuder dabei. Robert ist groß und kräftig. Ein Bär von einem Mann. Aber dann wendet sich das Blatt. Unversehens. Sigbjörn stößt Robert von sich. Mit einer Kraft, die mich erstaunt. Eine schnelle, genaue Bewegung, mit beiden Armen ausgeführt. Plötzlich ist da eine Stärke in ihm, eine Präsenz, die man dieser verwilderten Existenz niemals zugetraut hätte. Auf seinen schwankenden Beinen hat er einen festen Stand. Sein Blick flackert zornig. Ein Wille! Eine Glut, die einem Angst machen könnte.
"Was weißt du schon", brüllt Sigbjörn zurück, "was weißt du schon, du aufgeblasener Grobian, du, du brutaler Pavian, du! Was weißt du von dem, worum es wirklich geht? Was weißt du überhaupt?"
"Sigbjörn, nicht", rufe ich, denn ich sehe, wie sich in Roberts Gesicht etwas zusammenballt; man sollte ihn nicht reizen. Er kann von verstörender Brutalität sein, sowohl verbal als auch physisch. "Laß, Robert." Ich lege beschwichtigend meine Hand in seine Armbeuge. Er wendet sich mir zu.
"Was willst du denn hier?"
"Ich habe doch gesagt, ich komme."
"Das war nicht nötig. Es ist alles in Ordnung. Hab ich dir doch gesagt. Alles im Griff. Alles okay."

Ein Handygespräch. Ich hatte so ein Gefühl. Hatte mir Sorgen gemacht. Ich dachte, ich ruf ihn mal an. Kann ja nichts schaden. Er sagte mir, er sei auf dem Weg zu einem besoffenen Autor, der ein bißchen außer Rand und Band sei. Ein Spinner.
"Ich kenne ihn noch von früher", hat Robert gesagt. "Ich trink ein Bier mit ihm, und dann geh ich wieder. Hab's ihm versprochen." Er lacht. "Ein Gutes hat's ja. Immerhin bin ich Georg los geworden, die linke Ratte. Ich dachte schon, der bleibt für immer da sitzen und trinkt meinen guten Wein."
"Ich komme auch", hatte ich gesagt.
Das sei Quatsch, hatte Robert geantwortet. Wie oft habe er so was schon gemacht? Ausgeflippte Autoren zur Räson bringen? Reine Routine. Ich solle mal schön zuhause bleiben und fernsehen. Kein Grund zur Aufregung.

"Ich dachte, ich komme lieber", sage ich, bemüht, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen. "Ich dachte, du brauchst mich. Du schienst mir in Rage zu sein."
Robert hat sich auf der Couch niedergelassen. Sein Gesicht ist vor Anstrengung verzerrt.
Er sieht mich nicht an. Er starrt auf den Boden. Seine massigen Schultern beben. "Ich bin nicht in Rage. Keineswegs. Nur dieser Idiot hier versucht mir einzureden, daß er derjenige sei, den unser Freund, dein Mann, dein Arschloch von einem Mann, eigentlich über den Tisch gezogen hat."
"Das bin ich auch", sagte Sigbjörn leise und giftig.
"Hat man so was schon gehört!"
Robert ist brüllend aufgesprungen. Seine erhobene Faust zittert. An seiner Schläfe tritt eine Ader plastisch hervor. Ich sehe sie pochen. Ein wilder Rhythmus.
"Hältst du jetzt endlich dein Maul, Mann?"
Es ist beinahe rührend zu sehen, wie Sigbjörn sich diesem Ansturm entgegen stellt. Er ballt seine Fäustchen. Und blickt trotzig hoch zu Goliath, der ihn mit einem Prankenhieb, scheint es, zur Seite fegen könnte.
"Was wahr ist", sagt Sigbjörn bestimmt, "muß wahr bleiben."
"Millionen", brüllt Robert. "Millionen, du ungewaschene Witzfigur! Nicht irgendwelche Geschichten aus grauer Vorzeit! Freundschaft und Verrat, ja, aber aktuell, aber im großen Maßstab! Hier geht es um Millionen, begreif das doch endlich!"
Bevor ich noch realisiere, was geschieht, hat Robert sich ein Samuraischwert geschnappt. Es gibt eine ganze Batterie davon in Sigbjörns Wohnzimmer. Kultzeug. Angeblich von historischem Wert. Ich verstehe nichts davon. Teures, wertloses Zeug.
"Was hast du vor?" rufe ich.
"Na, was! Ich hack dem Schweinehund die rechte Hand ab! So machen die Moslems es mit Dieben. Das scheint mir gerade sehr einleuchtend!"
"Stop! Hiergeblieben! Es ist MEINE Rache!" grölt Sigbjörn und wirft sich Robert in den Arm. Sie kämpfen. Ächzend und wortlos. Ich bange, daß sich einer an der Schneide verletzen könnte. Endlich gelingt es Robert, sich zu befreien. Sigbjörn fällt auf den niedrigen Tisch, landet in einem Stapel Bierdosen. Ein hohles Poltern, das kein Ende zu nehmen scheint. Als er sich wieder aufgerappelt hat, ist Robert schon zur Tür hinaus. Das Samuraischwert hat er mitgenommen. Ich laufe hinterher.

 

EIN MANN, DER ZEITUNGEN VERKAUFT

Letztlich gibt es nur eine einzige Schlagzeile. Das findet man in meinem Job irgendwann heraus. Deren Message ist: "Dies hier ist die Schlagzeile des Tages, und etwas Heißeres werden Sie nicht finden!" Ob nun eine Flutwelle Hunderte von Unschuldigen verschlungen hat. Ob zwei Flugzeuge ineinander gerast sind. Ob eine Fähre gekentert ist oder ein Modemacher erwürgt wurde. Oder ob ein Politiker zurücktreten mußte. Im Grunde habe ich alle Schlagzeilen gelesen, die es überhaupt geben kann. Ich mache diesen Job seit fünfzehn Jahren. Fahre ein paar große Münchner Zeitungen aus. Nachts. Boulevard, aber auch Überregionales. Ich mache die Runde. Von Kneipe zu Kneipe. Je mehr Menschen es erwischt hat, desto besser verkaufen sich meine Blätter. In aller Regel ist das wirklich so. Leider habe ich noch nicht gearbeitet, als sie Kennedy erschossen haben. In Dallas. JFK. Ich schätze, das wäre ein Verkaufsrekord gewesen. Ich weiß gar nicht, ob es im Augenblick jemanden gibt, dessen Ermordung die Öffentlichkeit erschüttern würde. Unter unseren Politikern nicht, so viel steht mal fest.

Natürlich habe ich von dem Mord an Alexander Wittelsbach gelesen. Jede Zeitung hat ja am nächsten Tag darüber berichtet. Das Verrückte war: Ich bin in dem Augenblick, da Wittelsbach umgebracht wurde, an seiner Wohnung vorbeigefahren. Jedenfalls etwa zu der Zeit. Das Foto in der "tz". Das Haus kenne ich. Natürlich. Da hat er gearbeitet. Rosa. Hatte extra eine Wohnung zum Schreiben. Konnte sich das leisten. Feudal, muß ich sagen. Ich selbst habe auch ein paar Rex-Granit-Romane gelesen. Fand die ganz spannend. So gut wie die Artikel in meinen Zeitungen waren die allemal. Ich lese nicht gern, um die Wahrheit zu sagen. Bücher schon gar nicht. Ich lese ziemlich langsam. Für so ein 200-Seiten-Buch brauche ich gut und gerne drei Wochen. Das ist ziemlich jämmerlich, ich weiß. Ich lese eigentlich nur zum Einschlafen.

Jedenfalls hab ich mir natürlich so meine Gedanken gemacht, hinterher. Wenn ich auf meinem Moped herumfahre, nehme ich nicht allzu viel wahr. Ich registriere nicht bewußt, was auf der Straße geschieht. Ich versuche zu überleben. Bei dem Verkehr heutzutage ist das schon eine ganze Menge. Die fahren alle wie die Wilden. Ich habe nicht viel Zeit, Beobachtungen anzustellen, wer wohin geht usw. Aber dann fiel mir doch was ein. Da war eine junge Frau, die aus Wittelsbachs Haus kam. Meine ich. Eine Blondine. Sie wirkte aufgeregt. Nervös. Natürlich kann es auch sein, daß ich mir das einbilde. Vielleicht war das nur eine Anwohnerin auf dem Weg in die Disco. Sie trug ein rotes Kostüm. Blonde Haare und ein elegantes rotes Kostüm. Was fiel mir noch auf? Sie trug keinen Mantel. Sie hastete die Straße hinab. Warum trug sie keinen Mantel? Sicher war sie auf der Suche nach einem Taxi. Aber warum hatte sie keines gerufen? Von Zuhause aus? Die Frage schoß mir durch den Kopf. Deswegen ist die Szene mir sicher im Gedächtnis geblieben, weil ich mich wunderte, daß eine Frau bei dem Wetter ohne Mantel auf der Straße herumlief.

Und dann ist mir noch etwas eingefallen. Und zwar war da noch jemand. Eine Gestalt im Dunkeln. Ich weiß es ganz genau. Ich dachte noch: Hoffentlich hat der nicht der Frau aufgelauert! Er setzte sich in Bewegung, im Schatten, als sie gerade vorbei war. Schemenhafte Bewegungen. Ich nahm sie aus dem Augenwinkel wahr. Ich schaute in den Rückspiegel. Der Typ folgte aber nicht der Frau. Er ging in die andere Richtung. Er ging auf das Haus zu, eilig, aus dem die Frau gekommen war, das Haus, in dem Wittelsbach seine Schreiberwohnung hatte. Bevor die Tür zugefallen war, war er schon eingetreten. Verschwunden. Ich erinnere mich daran. Ich war erleichtert, daß er nicht hinter der Frau hergewesen ist, und ich staunte, daß er auch in das Haus wollte. Ich dachte: Was wollen die alle in dem Haus? Die Frau lief allein die Straße hinab. Das Stakkato ihrer hohen Absätze.

Ich habe nicht weiter darüber nachgedacht. Ich habe die Straße überquert und vor einer Kneipe geparkt. Ich bin abgestiegen und habe meinen Stapel Zeitungen auf dem Arm verteilt. Dann bin ich in die Wärme eingetreten. Ich habe die Frau im roten Kostüm vergessen und den Mann im Schatten. Es fiel mir erst wieder ein, als ich von dem Mord gelesen habe.

 

GESTÄNDNIS

Ich hatte schon Lithium in den Adern. Als ich in der Nervenheilanstalt war. Auch das hat mich nicht klein gekriegt. Genie kann man mit Chemikalien nicht außer Gefecht setzen. Verstehen Sie? Wieviel weniger dann mit Alkohol! Denken Sie nicht, daß jemand kein Genie sein kann, nur weil der kommerzielle Erfolg sich ihm versagt hat. Denken Sie das nicht. In wessen Hirn ist denn Rex Granit entstanden? Sicherlich nicht in dem schäbigen Durchschnittshirn von Alexander Wittelsbach. Der hatte gerade genug auf dem Kasten, um ein paar halbwegs anständige, todlangweilige, restlos phantasiearme Krimis runterzuschreiben. Vom wirklichen Flug der Gedanken hat er keine Ahnung gehabt. Da war kein Pegasus in ihm. Nur ein eiskalt kalkulierender Geschäftsmann. Und ein Schreibprogramm.

Natürlich war ich nicht mehr ganz nüchtern, als Robert Gern auftauchte in jener Nacht. In jener entscheidenden Nacht, wie man jetzt sagen kann. Ich bin nie ganz nüchtern. Nicht, wenn es draußen dunkel ist, jedenfalls. Es gab einen Streit. Lisa hat das halbwegs objektiv dargestellt, auch wenn sie meine Rolle etwas zu mickrig gemacht hat. Gern hatte Angst vor mir. Das habe ich genau gemerkt. Er hat den stählernen Willen in mir gespürt. Darum ist er auch abgehauen. Keine Ahnung, warum er das Samuraischwert mitgenommen hat. Vielleicht hatte er gerade "Kill Bill" gesehen. Oder einen Martial-Arts-Film. Das sieht ja heute jeder. Damals, als ich mir meine Sammlung zugelegt habe ... auch egal. Ich sage nur: Eingeweihte. Robert Gern ist alles. Aber ganz sicher kein Eingeweihter. Er paßte ganz gut zu Alexander, muß ich sagen. Genauso banal. Durchschnittlich. Raffgierig. Daß er seinen besten Hengst im Stall schlachten würde, habe ich nicht eine Sekunde geglaubt. Soviel Affekt gibt's in Robert Gern gar nicht.

Lisa ist sofort hinter ihm her. Vielleicht hat sie ihn wirklich geliebt? Oder sie wollte Alexander selbst kalt machen. Grund genug hatte sie ja. Immerhin hat er mich zu Grunde gerichtet. Und sie ist meine Schwester. Aber sie ist doch zu weichherzig für einen Mord. Sie ist sensibel. Sie hat mich immer geliebt. Sie war immer wie eine Mutter zu mir. Meine große Schwester. Sie hat mich beschützt. Vielleicht wollte sie diesmal Robert Gern beschützen? Das wäre allerdings ziemlich sentimental und jämmerlich gewesen. Mit Gern zu vögeln mag ja angehen. Aber ihn beschützen?

Ich bin ihnen hinterher. Mit dem Fahrrad. Ich wußte ja, wo sie hin wollten. Ich kenne die Schleichwege. Ich bin hier in Giesing aufgewachsen. Ich kenne jeden Schatten, in dem ich mich verbergen kann. Jedes Fenster, durch das Malcolm Hart je geklettert ist, ist mir bekannt. Es gab da so einen vagen Plan in meinem Kopf. Noch nichts Definitives, aber eine Ahnung. Ich habe bei Wittelsbach geklingelt. Er war hochmütig wie immer. Fuchtelte mit dem Samuraischwert vor meiner Nase herum. Riß Witze über meine Einstellung in diesen Dingen. Daß ich an den Weg des Samurai glaube. Daß ich die Reinkarnation eines Samurai bin. Ich sagte es ihm. Ich sprach ihm von Rache, von Gerechtigkeit. Er lachte nur. Und da kam es über mich. Endlich. Ich wußte, daß die Stunde gekommen war. Ich erlebte es als einen Dammbruch. Alles, was sich in mir aufgestaut hatte, drängte aus mir heraus. Die göttliche Wut. Der menschliche Schmerz. Ich entriß ihm das Schwert. Ursprünglich wollte ich ihm den Schädel spalten. Aber mein Hieb ging ins Leere. Er lachte. Ich stieß zu. Ich traf ihn an der Brust. Nicht so, wie ich wollte, denn er wich noch aus. Aber ich traf ihn. Er war geschockt, taumelte rückwärts, auf das offene Fenster zu. Der Anblick seines eigenen Blutes raubte ihm die Fassung. Vielleicht schwante ihm auch endlich, in welcher Gefahr er schwebte. Daß die Zeiten vorbei waren, da er mit mir nach Belieben umspringen konnte. Ich sprang vor und gab ihm einen Stoß. Er fiel nach hinten, in den Hof. Er war zu verblüfft, offenbar, um zu schreien. Er wollte bis zum Schluß nicht wahrhaben, daß ich gewonnen hatte. Ich hatte jede Schlacht verloren, und jetzt gewann ich den Krieg. Mit einem Stoß.

Verstehen Sie? Die Moral der Geschichte? Man kann die Wahrheit nicht aufhalten. Was geschehen muß, geschieht irgendwann. Ob in Tokio oder in Giesing. Die Wahrheit kennt keine Nationalitäten. Sie setzt sich durch. Und räumt alles aus dem Weg.

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