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Der Große Deutsche Roman

„Objekte unserer Untersuchungen sind Rabelais, ‚Gargantua und Pantagruel’, ‚Tristram Shandy’ von Lawrence Sterne, die ‚Ilias’ von Homer.“
Hans Lekta blickt mich mit seinen strengen, kalten Augen hinter Glas an. Lekta ist der Leiter des Instituts für die Erzeugung des Großen Deutschen Romans, Auf Den Wir Alle Gewartet Haben (IEDERMANN), ein dünner, asketischer Mann, dessen dünnes graues Haar nur noch oberhalb der Ohren sprießt.
Über 100 junge Schriftsteller und Literaturwissenschaftler beiderlei Geschlechts sind unter seiner Ägide in dem Berliner Institut damit befaßt, die Meilensteine der epischen Kunst einer gründlichen Analyse zu unterziehen. Was zeichnet einen großen Roman aus? Welches sind die gemeinsamen Stilmerkmale? Gibt es Themen, die immer wiederkehren? Wie viel Gegenwart sollte sein, wie viel Gegenwart sollte man ausblenden? Das sind die leitenden Fragestellungen. Auf der Grundlage dieser Auswertung sollen die jungen Literaturexperten später in kollektiver Arbeit einen Roman verfassen, der allen, aber auch wirklich allen Lesern gefallen wird.
Wenn man aus dem Fenster von Lektas Büro schaut, fällt der Blick auf den Bahnhof Friedrichstraße. Der Himmel darüber ist klar und blau, strahlend und weit und kalt. Im Augenblick gibt es juristische Streitigkeiten um die Frage, welches Dach das Gebäude bekommen soll – die ursprünglich vorgesehene Form oder eine kostengünstige, rein praktische, ästhetisch eher minderwertige?
Ob es nicht unwahrscheinlich sei, daß ein Kunstwerk je allen, aber auch wirklich allen gefallen kann, frage ich Lekta.
Sein Blick wird womöglich noch eindringlicher; er lehnt sich mir leicht entgegen: „Denken Sie an Mozart“, sagt er. „‚Die Zauberflöte’. Warum sollte Vergleichbares nicht auf dem Gebiet der Literatur möglich sein? Zur Not – um auch die analphabetischen Idioten glücklich machen zu können, denen die Lektüre eines Buches zu anstrengend ist – müssen wir ein Hörbuch produzieren. Damit auch sie Zugang zu unserem Produkt finden. Aber es geht. Ich bin fest davon überzeugt. Felsenfest. Es geht. Glauben Sie mir.“
„Gut“, ich tippe mit der Spitze meines Bleistifts auf mein Notizheft, „Homer also. Die ‚Ilias’. Nicht die ‚Odyssee’?“
„Nein. Wozu? Außerdem nehmen wir uns Dostojewski vor, ‚Die Dämonen’, Tolstoi: ‚Anna Karenina’. F. Scott Fitzgerald, ‚Der große Gatsby’, ‚Ulysses’ von Joyce, das ist klar, Hemingways ‚Fiesta’, von Harold Brodkey ‚Die flüchtige Seele’.“
„Was? Aber in diesem Pandämonium der klassischen Werke scheint mir dieser letzte Roman seltsam unpassend?“
„Mag sein. Aber wir halten ihn für aufschlußreich. Und wenn auch nur in der Hinsicht, daß er unseren Autoren zeigt, wie leicht man auf Abwege geraten kann.“
„Thomas Mann?“
„‚Der Zauberberg’. Das muß genügen.“
„Milan Kundera ist der Ansicht, ‚Die Schlafwandler’ von Hermann Broch sei der größte Roman des zwanzigsten Jahrhunderts ...“
„Da keines von Kunderas Werken zu den wirklich großen gehört, halten wir diese Ansicht für unmaßgeblich. Pardon.“

Ein junges Mädchen kommt herein. Sie ist ein bißchen wie eine Krankenschwester gekleidet, im strengen weißen Kittel, mit nackten Beinen und weißen Latschen. Ihr blondes Haar ist straff in einem Zopf zurückgebunden. In der Hand hält sie einen dampfenden Becher Kaffee, den sie vor den Institutsleiter hinstellt. Für mich hat sie nur ein strahlendes Lächeln übrig – allerdings ist auch dieses nicht ohne. Ich fühle, wie meine Hände feucht werden, und rutsche auf der Sitzfläche meines Stuhles herum. Er ist orangefarben und aus Plastik. In der Ferne fährt ein Zug vorbei. Irgendwann wird er im Bahnhof Friedrichstraße einfahren, denke ich.
„Danke, Patrizia“, sagt Lekta, ohne eine Miene zu verziehen, und nimmt einen Schluck von seinem Kaffee. „Ah, gut.“ Er besinnt sich. „Was wir außerdem für unerläßlich halten, Herr Mattheis“, wendet er sich dann wieder an mich, „ist Sex. Und ich meine nicht Sex als Thema. Sondern Sex als Lebenspraxis. Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß ein Autor, der etwas Gutes leisten soll, jeden Tag mehrere Male Sex haben sollte. Kennen Sie Philip Roth?“
„Durchaus.“
„‚Portnoys Beschwerden’? ‚Sabbaths Theater’?“
„Kenne ich, ja.“
„Und worum geht es da?“
Ich schaue Patrizia an. Sie lächelt vielsagend – oder eigentlich eher nichtssagend. Stumme, warme Bereitschaft, mehr nicht. Blaue, freundliche Augen. Ein Moment des Glücks, wenn man so will. „Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen“, sage ich mit einem leisen Nicken.
„Es geht immer nur um das eine.“ Lektas Hände schließen sich um die Kaffeetasse. „Denken Sie mal nach. Die ‚Ilias’. Ein Haufen Griechen, die fuchsteufelswild werden, weil man ihnen die schönste Frau des Universums wegnimmt. Deswegen zerstören sie unter unvorstellbaren Mühen und Opfern Troja, eine Blüte der Mittelmeerkultur, ein Zentrum des Handels und des Geistes. Ein vollkommen irres, barbarisches Verhalten. Und der Grund? Eine Frau.“
„Würden Sie sagen“, frage ich, „das sei ein niederes Motiv?“
„Blödsinn. Es ist das einzige Motiv. Ich will mit Ihnen hier keine Moraldebatte anfangen. Aber wenn wir einen Roman schreiben wollten, der diese Grundbedingungen menschlichen Wollens außer acht läßt ... die einfachen, vollkommen unsubtilen Bedürfnisse des Menschen, der ja, aus der Sicht der Evolution betrachtet, in erster Linie eine Reproduktionsmaschine ist ...“
„Sie meinen, man muß die Grundmuster durchschauen? Man muß sie offenlegen und dann auf ihnen aufbauen? Sehen Sie in diesen menschlichen Urbedürfnissen gewissermaßen den Grundriß der menschlichen Kreativität?“
„Natürlich. Nur wenn Sie alles exakt analysiert haben, sind Sie in der Lage, etwas zu konstruieren, was sich mit den ganz großen, meist aus unbewußten Impulsen entstandenen Werken messen kann. Wir machen hier kein Trial-and-error-Verfahren, Herr Mattheis. Wir gehen planvoll vor. Was z. B. ist das Thema vom ‚Tristram Shandy’? Was würden Sie sagen?“
Patrizia steht nur da, die Hände auf dem Hintern gefaltet, an die Wand gelehnt. Sie lächelt immer noch, unbeirrbar. Ihr Lächeln ist von perfekter Freundlichkeit. Mich macht das langsam nervös.
„Verzögerung“, sage ich mit leicht fragender Betonung.
„Ja. Das Zögern vor der Geburt“, sagt Lekta. „Wenn Sie sich erinnern, geht es um den Zeugungsakt des Erzählers.“
„Okay.“
„Der Vater wird bei der Kopulation mit seiner Frau gestört in der Nacht, in der Tristram Shandy entsteht.“
„Ich verstehe ...“
„Und darauf kommt’s an. Oder Kafka. Diese Geschichte, wo einer vor einem Eingang steht und einfach nicht hineingeht, sein ganzes Leben lang nicht. ‚Vor dem Gesetz.’ Was, meinen Sie, stellt dieser Eingang dar? Diese Pforte. Hm?“
„Aber ist nicht vielleicht“, wende ich schüchtern ein, „die unbewußte Entstehungsgeschichte für den Erfolg sogar ausschlaggebend? Also, ich meine, daß der Autor nicht so ganz genau weiß, warum er eigentlich sein Buch schreibt? Ist das nicht vielleicht die Quelle des Erfolgs? Daß er sich vielleicht sogar täuscht über seine Absichten?“
„Das halte ich für unwissenschaftlichen Blödsinn, Herr Mattheis. Tut mir leid.“ Lekta lehnt sich zurück; plötzlich scheinen seine Gedanken abzuschweifen. „Der Roman ist ein hochentwickeltes Element des Diskurses ... Wir haben hier im Institut 20 Räume, in denen nichts anderes stattfindet als Gevögel. Im Augenblick erforschen wir gerade, welches die ideale Stellung ist, die ein Autor beim Vögeln einnehmen sollte. Was meinen Sie?“
„Ich, äh?“ Ich schaue zu Patrizia; sie steht ganz ungerührt; ich werde rot. „Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht, offengestanden.“
„Nun ja. Sie sind schließlich auch bloß ein Journalist, nicht wahr? Muß man als Journalist eigentlich auch vögeln, um gute Artikel schreiben zu können?“
„Hm. Ich nehme an, es schadet nicht.“
„Sie sollten dem mal nachgehen, Herr Mattheis. Da warten eventuell aufschlußreiche Beobachtungen auf Sie! Wollen Sie unsere Vögelräume mal sehen? Patrizia? Zeigen Sie Herrn Mattheis unsere Vögelräume?“
„Ist das die offizielle Bezeichnung?“ frage ich. „‚Vögelräume’?“
„Durchaus, ja.“ Lekta nimmt seine Brille ab und legt sie vor sich auf den Schreibtisch. Seine Augen wirken nun erstaunlicherweise noch größer; er runzelt die Augenbrauen. „Der Ausdruck geht auf einen Vorschlag der Kultusministerkonferenz zurück. Die Bildungsministerin war übrigens begeistert von unserem Institut und seinen Einrichtungen. Sie hat uns neulich mit ihrem Besuch beehrt.“
„Sie wollen damit doch wohl nicht andeuten ...“
„Durchaus nicht. Wo denken Sie hin? Eine Ministerin! Ich bitte Sie! Ein paar ihrer Staatssekretäre haben allerdings schon ... oder, Patrizia?“
„Oh ja“, sagt Patrizia.
„Nur damit Sie nicht die falschen Schlüsse ziehen, Herr Mattheis – Patrizia hat einen Doktortitel in Vergleichender Literaturwissenschaft. Im Augenblick ist sie mit ihrer Habilitationsschrift beschäftigt – übrigens stellt diese einen wesentlichen Beitrag zu unseren Untersuchungen hier im Institut dar. Außerdem liegt Patrizias IQ ungefähr bei 152. Damit ist sie in der Lage, die Relativitätstheorie zu verstehen. Sie könnte sich mit Albert Einstein unterhalten.“
„Und mit Sharon Stone“, sage ich.
„Und mit Sharon Stone“, bestätigt Patrizia nickend.

München, den 16.01.2006
Robert Mattheis

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