goethe

Das Vergnügen verbraucht uns

Das Einnehmende an Mozarts Genie, belehrt uns Theodor W. Adorno, habe darin bestanden, „daß er noch in der Balance das qualitative Sosein der Details nicht verkümmern läßt“. So sei weniger bewundernswert seine „für ihn selbstverständliche Meisterschaft im Umgang mit den Formen“ als „seine Fähigkeit, diese ohne herrschaftliches Moment zu verwenden.“

Eine Art aufgeklärter Absolutismus im Reiche der Ästhetik also.

Diese Vorstellung erfüllte Wilhelm Friedrich, der gerade dabei war, sein Hemd zu wechseln – er tauschte sein getragenes anthrazitfarbenes gegen ein frisches aus –, mit einem leisen Ekel. Der Gedanke, den Dingen, und sei es den ästhetischen, ihren Lauf zu lassen, versetzte ihn in Panik. Ihm war zutiefst bewußt, daß seine ganze Existenz auf einem mit der offiziellen (oder sagen wir besser: offiziösen) Doktrin seines Zeitalters im Krieg liegenden Willen zur Macht beruhte. Dabei konnte er durchaus großzügig sein. Gütig gar. Seine Spenden für Menschen in Not bewiesen es.

Er schenkte sich ein Glas stilles Wasser ein und trank es langsam, in bedächtigen Schlücken.

Sicherlich stellte sein neuestes Werk keinen Höhepunkt seines Schaffens dar. Eine Auftragsarbeit; den Auftrag sah man ihr an. Der siebentorige Pavillon, fand er, blieb unerreicht, sein Lebenswerk. Und doch war er zufrieden. Er hatte seine Vorstellungen so konsequent wie möglich umgesetzt. Nicht umsonst nannten seine Freunde ihn entweder „Rex“ oder „Der Hegelianer“.

„Der Hegelianer? Wieso das denn?“

„Das ist eine alte Gesichte. Einem seiner Klassenkameraden war, bei einem Besuch auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, als sie noch halbe Kinder waren, aufgefallen, daß sein Name immerhin die Hälfte des Namens von Georg Wilhelm Friedrich Hegel ausmachte. Genau die Mitte. Das war so eine Blitzlichteingebung, am Grab des Philosophen.“

„Ach, ich verstehe.“

„Ja, ja. Der Klassenkamerad zeigte auf den Grabstein und rief: Schau mal, Willi, da steht dein Name!“

„Haha!“

„Und als dann noch herauskam, daß sein Vater mit Vornamen Georg hieß ...“

„Hahaha!“

Friedrich war 55 Jahre alt, und wenn es ihm gelänge, noch weitere 100 Jahre bei guter geistiger Gesundheit zu leben (und da er weder Alkohol trank noch rauchte, standen die Chancen nicht so schlecht), würde er so viele Jahre auf dem Buckel haben, wie sein IQ in Punkten maß.

Er lehnte sich zurück. Sein großer schwarzer Schwingsessel gab ein behaglich surrendes Geräusch von sich.

Äußerlich war er eine passable Erscheinung. Er hielt sich in Form. Graue Bartstoppeln über den Ohren, die Wangen herab und am Kinn. Eine Brille mit dickem schwarzen Rand, runde Gläser. Ein faltiges Lächeln.

Er hatte immer schon essen können, was er wollte, ohne zuzunehmen.

Allerdings aß er auch nicht allzu viel. Vor allem Salat. Wenig Fleisch. Wenig Kohlenhydrate.

Sein Blick wirkte bei aller Kühle nicht restlos unsympathisch.

„Die machen uns fertig ... dabei ... wenn wir diese Stadt nicht aufgebaut hätten ...“ Friedrich stand jetzt am Fenster seines Büros, hoch über der Stadt, und blickte hinüber auf den Potsdamer Platz, ließ den Blick über den Buckel der Stadt, seiner Stadt, wie er sie meist nannte, schweifen. Er telefonierte. „Ich meine, was haben wir denn getan, was nicht alle tun?“

Zuhause in seiner Wohnung stand ein Modell des World Trade Center. Auf einer eigens dafür geschaffenen Plattform. Direkt nach den terroristischen Anschlägen, die die Welt erschütterten, hatte er mit der Rekonstruktion en miniature begonnen. Mit seinen Mitteln löschte er den Ground Zero aus. Die Gäste belächelten diesen Tick, manche hielten es für krankhaft und schauten ihren Gastgeber skeptisch an. Die Türme waren etwa einen Meter hoch. Man sah kleine Figuren, die in das Bauwerk hineinströmten. So würde es weitergehen. Das war die Ewigkeit. Die Welt würde sich drehen, die Twin Towers würden stehen.

 

Sein Leben war perfekt. Wie nach Plan war es abgelaufen. Nur eine kleine Lücke gab es in diesem idealen Ablauf ... eine Art Programmfehler ... ein Moment der Schwäche, der sexuellen Unbeherrschtheit ... eigentlich war er verführt worden – ja, er war verführt worden; auch wenn sie, kalendarisch, jünger gewesen war, so war er doch ideell sehr viel jünger noch gewesen, irritabel durch und durch; er hatte eine junge Frau gefickt, eigentlich fast noch ein Mädchen, eine Nymphe; und sie hatte einen Sohn von ihm bekommen. Er hatte diesen Sohn dann zu sich genommen. Sofort nach jener fatalen Nacht, der Nacht zum 2. Mai des Jahres 1969, hatte er sich sterilisieren lassen. Er hatte nicht noch mehr Kinder in eine Welt vögeln wollen, die in absehbarer Zeit – „Im Ernst“, pflegte er zu seinen Kommilitonen zu sagen, „es geht hier doch nur um Dekaden! Das Ende ist doch zum Greifen nahe!“ – in die Luft gesprengt werden würde.

Aber der Betriebsunfall war geschehen, damit mußte er sich arrangieren. Das war ihm auch, wie er fand, ganz gut gelungen. Der Junge hatte in Salem eine ausgezeichnete Erziehung genossen.

Er war gut zu Malthe gewesen.

 

Der Himmel war von einem Blau, zu dem Malthe nicht viel mehr einfiel als dieses eine Wort: ZERBRECHLICH.

HANDLE WITH CARE.

Marokko. Das Innere eines Teppichgeschäfts. Man hatte Malthe und seinen Begleitern – einem englischen Kunststudenten und zwei Deutschen, die gerade ihren Militärdienst ableisteten – grünen süßen Pfefferminztee aufgetischt. Jetzt plauderten die Inhaber des Teppichgeschäfts mit ihnen. Was an Themen so möglich war. Small talk. Das deutsche Bier, die deutschen Frauen, die wirtschaftliche Prosperität Deutschlands ... Unversehens war über das Thema der wirtschaftlichen Prosperität ein bedrohlicher Ton ins Gespräch gekommen.

Das habe es schon gegeben, erzählten die Marokkaner, daß Touristen Haschisch in den Rucksack geschmuggelt wurde; als die Polizei dann das Gepäck kontrollierte, waren sie dran ... Oder ein junger Mann wurde mit Drogen außer Gefecht gesetzt, und als er dann da lag, kichernd, vergewaltigte man vor seinen Augen seine Freundin ...

„Wir sind Berber“, sagte einer, dessen Augen Malthe an die Augen einer Leiche erinnerten, die man gerade aus dem Ewigen Eis gezogen hatte. Er sagte es mit bösem Stolz. „Wir sind Berber, wir haben keine Kultur; unsere Kultur ist eat, piss and shit!“

Sie sollten sich lieber wie Marokkaner anziehen, Malthe und seine Freunde, rieten die Teppichgeschäftsbetreiber, dann seien sie sicherer.

Ja, zieht euch wie Marokkaner an. Dschellabas. Sandalen.

Dann seid ihr sicher.

Malthe schluckte.

Auf dem Dach fand er sich wieder. Ein Kleidungsberatungsgespräch. Man hatte die Reisegefährten getrennt, um sie besser bearbeiten, sie besser einschüchtern zu können. Wieviel er denn wolle für so einen Dschellaba, fragte Malthe den Araber, der ihn hinauf begleitet hatte. Der Araber schrieb „90 Euro“ auf ein Stück Papier.

Malthe schüttelte den Kopf.

„It’s too much.“

Seinerseits schüttelte daraufhin der Araber den Kopf.

„We want to help you“, sagt er – nicht einmal unfreundlich, wie Malthe fand, eher klang es fürsorglich-enttäuscht –, „and you say it’s too much? Do you think this is kind? Do you think this is friendly?”

Der Araber stand auf. Er trug eine Miene gekränkter Würde zur Schau. Er werde Malthes Freunde holen, sagte er. Dann könnten sie gemeinsam beraten. Abdul, ließ er Malthe noch wissen, bevor er im Schatten des Treppeneingangs verschwand, sei drogensüchtig, „a drug addict“. Mit dem sei nicht zu spaßen.

Ebenso wenig, denkt Malthe, ist wohl mit dem Berber zu spaßen. Er steht auf. Vor seinem geistigen Auge rotieren die Bilder des Tages. Tangiers Suk; Ahmed, der Guide, eine freundliche Verräterfigur; die Fliegen auf dem Gemüse; das nackte, ausgesetzte Fleisch; betäubende, niederschmetternde Gerüche. Im klapprigen Mercedes waren sie nach Asilah gekommen.

Abdul. Eine mehrfach gebrochene Nase. Eine Schurkenstimme. Ein Typ wie aus einem Groschenroman. Mit dem Berber zusammen ein durchaus eindrucksvolles Gespann menschlicher Verderbtheit.

Malthe taumelte zur Brüstung.

Der Blick in die Straße hinab. Über ihm flirrte die Hitze. Er spürte, wie sein Herz aussetzte. Da – ein Schrei, der von unten kam, aus einem tieferliegenden Geschoß. Will? War das Will? Was sollte er tun? Was tun sie ihm an? Er muß fort, denkt er, Hilfe holen. Es gibt jedoch nur den einen Ausgang, die Treppe hinab. Dort lauerten sie auf ihn. Mit Krummsäbeln. Mit Drogensüchtigen, mit Berbern war nicht zu spaßen! In seiner Phantasie sah er das tödliche Blinken der Klingen. Wieder schaute er in die Gasse hinab, die sich neben dem Haus hinzog. Tausend und eine Nächte waren vorbei. Jetzt mußte er handeln, oder er war tot – er meinte, er höre Schritte die Treppe heraufkommen. Er sprang über die Brüstung. Fiel und fiel. Wie durch ein Wunder (ein Wunder Hollywoods) fuhr unten ein Karren mit Obst vorbei. Malthe klatschte hinein. Geschrei, orientalischer Auflauf. Man schaffte ihn zur Polizei.

Keine Spur von Abdul, keine Spur vom Berber. Auch die beiden Wehrdienstleistenden waren wie vom Erdboden verschluckt.

„Where is the British art student?“, fragte einer der Polizisten harsch.

Der Araber, der mit ihm auf dem Dach war, schaute Malthe bekümmert an. Do you think this is kind? Do you think this is friendly? Er zuckte mit den Achseln, erklärte, er habe keine Ahnung, wovon die Rede sei. Was denn für ein britischer Kunststudent? Sei hier nie gewesen! Hier sei den ganzen Tag keiner gewesen.

 

Malthe hält sein Notizbuch in der Hand. Er hat es in seiner roten Regenjacke entdeckt. Ein schöner Tag. Das spanische Leben setzt sich langsam in Gang, um ihn herum, das hat etwas Vitalisierendes. Nicht für Malthe. Er steht da, mitten auf der Straße, und starrt auf die linierte Seite, die er aufgeschlagen hat. Dort steht, in einer Handschrift, die Malthe nicht kennt:

„WILLIAM WILSON

102 ALRIC AVENUE

NEW MALDEN

SURREY

KT3 4JW

ENGLAND“

William Wilson? denkt er. Wer, zum Henker, ist denn William Wilson?

Er wird jetzt mal ins Hotel gehen. Hotel Real.

 

Georgs Freund. „Schizo“ Kerouac.

Wie der Dichter?

Ja.

Seine Stirn – bandagiert. Unter dem Verband ein blutiger Matsch.

„Ich bin wieder in der Klapse ... tja, traurig. Ich schaff’s einfach nicht. Eine Zeitlang sah’s so aus, als käme ich diesmal dagegen an ... Ich war wochenlang ganz ruhig ... kaum ein Zittern ...“

Die Anstalt. Die Geräusche wie aus Blech; die Wände undurchdringlich. Weiße Gurte. Weiße Türen.

Ein Kampf zwischen den Giganten und den griechischen Göttern hatte Schizo, wie er sagte, inspiriert. Er war mit einer Freundin, in die er sehr verliebt war, im Pergamonmuseum gewesen. Die Plastiken des weltberühmten Altars waren dem Sieg der Römer und Pergamenen über die Galater geweiht. Antiochos III. hatte sich bei diesem Krieg überraschend stümperhaft aufgeführt. Militärisch war er überlegen, trotzdem verlor er. Die Historiker können sich sein Totalversagen nicht erklären. Immerhin blickte er auf eine dreißigjährige Herrschaft zurück. Der siegreiche Bundesgenosse Eumenes II. wurde von der angehenden Weltmacht mit Kleinasien belohnt, bis zum Taurus. „Athene hat einen der Giganten an seinen Haaren ergriffen“, hört Schizo über die Kopfhörer, und er lächelt Anja an, weil er denkt, sie höre jetzt den gleichen Text, sie fühle das Gleiche wie er. Anja aber runzelt die Brauen und betrachtet skeptisch die steinernen Figuren. Ihr ist das alles zu weit weg. „Sie zerrt ihn von der Brust der schützenden und stützenden Mutter, der Gaia, los“, sagt die Sprecherstimme mit ungerührter Freundlichkeit. „Ein allgemeines Gebrüll hebt an, ein Gezeter, die Mutter fleht, der Gigant kreischt. Er will nicht, daß kommt, was jetzt kommen muß: seine Demontage. Zeus läßt mitten im Getümmel Blitze zucken. Der Gigant gibt den Geist auf.“ Später hatte Anja ihm bei einem Latte macchiato in den Hackeschen Höfen erklärt, daß sie ihn, leider, nicht lieben könne.

„Tut mir leid“, hatte sie gesagt. Sie hatte ihn lange angesehen, skeptisch, fremd, wie den Fries vorhin.

„Da ist es mit mir durchgegangen“, erzählt Schizo. „Ich lief heim. An den Weg habe ich keinerlei Erinnerung. Ich war ziemlich ... na ja. Kannst du dir ja denken. Ich meine, ich hatte Anja wirklich sehr ... Plötzlich stand ich vor einer Häuserecke, und da kam mir der Gedanke, ich müßte aus dem Stein, dem rauhen, gelben, fleckigen Stein dieses vergammelten alten Hauses eine Kopie des Götterkampfes herausmeißeln ...“ Er stockt. „Diesmal war’s nah dran, Georg. Diesmal hätte es mich fast hinübergezogen, auf die andere Seite. Mitten in dem Blut und dem Schmerz spürte ich etwas unendlich Sanftes, Gütiges. Eine Lockung.“

Georg schluckt. Er wagt die Frage nur zu flüstern:

„Wieder mit der Stirn?“

Schizo nickt.

Georg legt sich die Finger auf die Augen, ganz langsam und einzeln. „Oh, mein Gott ...“ stöhnt er.

Eine Weile geschieht gar nichts. Dann sagt Georg, stockend:

„Schreib doch ... schreib das nächste Mal doch einfach was drauf, auf die Wand.“

Er sieht nicht auf dabei von seinen aneinander gelehnten Daumen.

 

Er schaut hoch. „Hotel Real.“ Seine Pension. Er schluckt. Was erwartet ihn dort? Was wird er finden? Die Antwort auf die Frage nach seiner wahren Existenz? Oder den Tod?

 

„Er ist WAS? Sie haben ihn in der Klinik gelassen? Sind Sie denn verrückt? Die werden ihm da eine Hirnwäsche verabreichen, und das war’s dann, ist Ihnen das nicht klar? Sie müssen ihn da rausholen! Die zermalmen da seine ganze Individualität!“

Georg kam diese paroxystische Entrüstung etwas unangemessen vor, zumal Schizos bandagierter Kopf ihm keinen Zweifel daran bestehen zu lassen schien, wer drauf und dran war, seine Individualität zu zermalmen, und er erwiderte darum gallig:

„Na ja, aber was sind Sie anderes als eine total Hirngewaschene? Sie mit Ihren Diskursen und Diskursdiskursen? Haben Sie denn auch nur einen einzigen Gedanken in Ihrem Kopf, den Sie als Ihren eigenen identifizieren könnten?“

 

Die junge Frau, die bezaubernd aussah, sagte: „Sollen wir noch ins ‚Pépé’ gehen?“

Vor der Vorstellung, den Abend in einem Nachtclub zu verbringen, grauste es den Schriftsteller; aber er wußte, daß auch die Jugend der Frau Rechte hatte, nicht nur der misanthropische Gram seines Alters. Ihre Augen funkelten, auf ihren Wangenknochen lag ein heißer Glanz.

Er nickte und murmelte auf Deutsch: „Na, das kann ja heiter werden ...“

Malthe, der diese akzentfrei artikulierte Wendung aufgeschnappt hatte, wandte sich an den alten Mann neben ihm: „Entschuldigen Sie ... ich höre, Sie sind Deutscher?“

„Ja?“

„Hallo“, Malthe streckte dem Schriftsteller die Hand hin und lächelte die junge Frau, die hinter dem Schriftsteller saß, an, „ich bin Malthe Friedrich. Ich ...“

Der Schriftsteller blickte Malthe entgeistert an, beinahe erschrocken, fassungslos.

Starr.

„... ich habe mein Gedächtnis verloren“, sagte Malthe und wunderte sich.

„Ihr Gedächtnis ... verloren?“ murmelte der Schriftsteller. „Sie meinen ... Sie wissen nicht, wer Sie sind? Sie sind ... aber Sie kennen doch Ihren Namen?“

„Mein Personalausweis.“ Malthe tippte sich an die Brust. Er lächelte, beinahe strahlend. „Daher kenne ich meinen Namen. Aber alles andere – ist mir abhanden gekommen.“

„Entschuldigen Sie mich ... bin gleich wieder da.“

Der Schriftsteller ließ sich vom Hocker gleiten und verschwand in dem Treppenaufgang, der zu den Toiletten hinunter führte. Er wankte die Stufen hinab und wäre in der Tür beinahe gegen einen jungen schmächtigen Spanier geprallt, der ihm mit forschem Schritt entgegenkam.

Das kann doch nicht wahr sein!, dachte er. Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, aber er wachte nicht auf, er spürte nicht, wie die vertrauten Gitter der Realität wieder einrasteten; das da oben war tatsächlich sein Neffe, der Sohn seines Bruders. Malthe. Und der Junge hatte ihn nicht erkannt! (Nun ja, wie sollte er auch; als er seinen Onkel das letzte Mal gesehen hatte, war er vielleicht dreizehn Jahre alt gewesen.) Georg Friedrich stand der Mund offen. Was war das nur für ein irrsinniger Zufall? Oder war das gar kein Zufall? Was sollte das? War das eine Falle, ein Trick? Oder ein Fingerzeig des Schicksals?

Als er wieder an den Tresen kam, nickte der Junge heftig und sagte:

„Oh, yes, yes, it’s wonderful!“

Der Schriftsteller setzte sich dazwischen und unterbrach das offensichtlich belanglose Gespräch über Land, Leute oder Wetter. Er sagte:

„Sie haben die Wahl, wissen Sie das? Sie haben eine einmalige Chance, um die Sie jeder denkende Mensch beneiden würde.“

„Was meinen Sie?“

„Schauen Sie, Junge, das ist doch nun wirklich nicht schwer. Es geht Ihnen wie Herkules am Scheideweg. Sie können entweder den Weg grauenhafter, sinnloser Mühen einschlagen, oder Sie wandern einen Weg voll Rosen und Glückseligkeit hinab. So sieht’s aus. Sie können nach Deutschland zurückreisen. Sie können zu Ihrer Wohnung in Marburg gehen oder in Berlin nach Ihrer Familie suchen. Damit träten Sie wieder in den Kreislauf des Verhängnisses ein. Aber soll ich Ihnen was sagen? Ich würd’s sein lassen!“

„Wieso? Ich begreife nicht ganz ... ?“

Der Schriftsteller war froh, daß die junge Frau, die immer fleißig lächelte, kein Wort verstand von dem, was er sagte.

„Hören Sie, ich ... es gibt da etwas ... Ich weiß, ich sollte das nicht sagen. Es klingt für Sie sicher reichlich geheimnisvoll. Nebulös. Geistesgestört. Ich kann es ja auch nicht erklären. Glauben Sie mir, ich bin weit davon entfernt, irgend etwas erklären zu können. Aber Sie sollten die Dinge besser akzeptieren, wie Sie sind. Ich meine, Sie sind nun einmal verschollen. Sie sind der Welt abhanden gekommen. Ich an Ihrer Stelle würde es dabei belassen!“

„Wie?“ Malthe zeigte ein Lächeln hemmungsloser Bestürzung. „Wer sind Sie denn? Wie kommen Sie dazu ...“

„Ich bin nur irgend jemand ... ein Schriftsteller. Eine völlig unbedeutende Person. Eine groteske Mißbildung des Schicksals ... Aber ich ... ich kenne Ihren Vater. Ich kenne ihn sogar sehr genau. Kurz und gut – ich rate Ihnen, als ein Freund: Hauen Sie ab! Ergreifen Sie die Flucht. Kehren Sie nicht zurück.“

„Na ja ... ich weiß nicht ... aber danke jedenfalls für den Tip!“

„Nein, nein, bitte ...“ Georg Friedrich reckte Malthe beschwörend die Hände entgegen; Malthe sah, daß seine Finger zitterten. Oh mein Gott!, dachte er.

„Glauben Sie mir! Bitte!“

Malthe schaute auf die junge Frau, die immer noch lächelte, als wäre nichts.

Sie verstand ja auch kein Wort.

Malthe beugte sich zu dem alten Mann hinüber.

„Wer sind Sie?“ Fast flüsterte er die Frage.

 

„Na ja ... ich male das Zeug und so weiter ... und ich finde immer jemanden, der es kauft. Ich will mich ja auch nicht beklagen. Ich verdiene ganz gut. Ich bin ganz gut im Geschäft. Ich habe keinen Grund, mich zu beklagen. Und doch ... und doch bleibt da das Gefühl tief in mir drinnen ...“

Georg schaute auf.

„Was für ein Gefühl denn?“

„Daß die Kunst eigentlich tot ist. Jetzt amüsieren sich alle noch ein bißchen mit dem PhotoShop und mit Popjournalismus, aber in Wahrheit ...“

„Moment, Moment, Moment! Du? Du sagst, die Kunst sei tot?“

„Je tiefer man da eindringt ... desto klarer wird einem, daß es keine wirkliche Substanz mehr gibt ...“

Ein Gemisch aus historischen Tatsachen, formalen Entscheidungen, kritischen Erwägungen. Undurchschaubar. Ein ständiger Spießrutenlauf zwischen den Wahrscheinlichkeiten des Scheiterns. Den Irrtum als Realität immer vor Augen.

Das einzige Fundament: der Zweifel.

Georg war nicht überzeugt.

„Ich weiß nicht – sitzt denn in deiner Gestalt nicht der Gegenbeweis zu deiner These vor mir?“

„Okay, okay.“ Martin fuchtelte mit den Händen herum. „Nehmen wir aber mal an, die Kunst sei tot, Georg – machen wir das Gedankenspiel mal mit – dann ergibt alles einen Sinn!“

„Es könnte auch andere Lösungen geben ... Gab es denn nicht immer Krisenzeiten der Kunst? Nehmen wir den Alexandrinismus, nehmen wir den Barock ...“

„Ja, natürlich. Man kann auch sagen: Das wird schon wieder, es ist im Augenblick nur alles etwas schwierig! Es ist eben eine Stauung. Aber wozu eine komplizierte, eigentlich unnachvollziehbare Erklärung wählen, die aus einer schier unendlichen Reihe von Sekundär- und Umwegserklärungen besteht, wenn doch eine schlanke, elegante, einleuchtende auf der Hand liegt? Erinnerst du dich? Pluralitas non est ponenda sine necessitate!“

„Du meinst, es gibt noch Künstler, aber keine Kunst mehr?“

„Wie unser Staat sich ja auch noch eine Armee hält, aber keine Kriege mehr führt.“

„Und doch ist das Zeitalter der Kriege noch nicht vorbei! Siehe Afghanistan. Siehe Irak!“

„Kriege? Das nennst du Kriege? Das ist doch wohl eher Supermachtterror ... Weltpolizeimaßnahmen ...“

„Aber wo soll denn der Tod der Kunst jetzt plötzlich herkommen?“

„Darüber zerbreche ich mir auch den Kopf. Es ist ja nur eine Intuition, ein Gefühl, Georg! Es ist mir ja nicht geoffenbart worden! Nur nehme ich da einen Schatten wahr, wenn ich male. Da ist ein Schatten zwischen mir und dem Dargestellten. Und auch in jedem Buch, das ich lese, begegnet mir dieser Schatten.“

Georg legte den Kopf schief.

„Vielleicht kommt das auch nur daher, weil die Literaturrezensionen inzwischen eigentlich in den Wirtschaftsteil der Zeitungen gehören?“

„Die Kommerzialisierung spielt sicher ihre Rolle ... der Schatten der Kulturindustrie, ja, ja ... das Unbehagen an der Kultur ... Und doch – das ist es nicht allein ...“

 

Jerzy Malkowicz, ÖDIPUS PROJEKT für/For/à

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit