goethe

Das ist leicht übertrieben

Ein Büro, das zu einem Fernsehproduktionskomplex gehört. Es ist gut, aber nicht verschwenderisch ausgestattet. Ein Mann sitzt an seinem Schreibtisch. Es ist spät, er sollte längst zu Hause sein. Die Fernsehshow, die er redaktionell betreut, läuft seit einer Viertelstunde. Er arbeitet noch an ein paar Texten, macht sich Notizen. Er hatte einige Einfälle, als er gerade seinen Aktenkoffer schloß. Das passiert ihm öfter. Manchmal führt er das auf das Entlastungsmoment des Aufbrechens zurück, manchmal auf bloßen Zufall. Sofort setzte er sich wieder hin, um die Einfälle zu Papier zu bringen. Das ist seine Arbeitsweise; er will nichts verschleppen. Mißtrauen gegenüber sich selbst spielt eine gewisse Rolle dabei. Dann klingelt das Telefon. Er hebt ab. Die Stimme, die sich meldet, ist ihm vollkommen unbekannt. Sie sagt:

"Ich schaue gerade Ihre Show."
"Meine Show? Wo ist die denn zu sehen?"
"Die Dirk-Meier-Show."
"Die Dirk-Meier-Show ist nicht meine Show. Es ist die Show von Dirk Meier."
"In den Zeitungen kann man lesen, es sei Ihre Show. Sie hätten ihr die Form gegeben. Sie schrieben die Gags."
"Das ist leicht übertrieben. Wenn ich da jeden Abend vor der Kamera stünde - dann wäre es meine Show. Ich stehe aber nicht jeden Abend vor der Kamera. Wie Sie gerade sehen. Oder sehen Sie mich auf Ihrem Bildschirm? Dann rate ich Ihnen, Ihr Bier unausgetrunken zu lassen und ins Bett zu gehen."
"Ach, kommen Sie. Sie wissen, was ich meine. Sie sind der Spiritus rector dieser Show. Oder wie sagt man? Der Gag-Schreiber. Der Ober-Gag-Schreiber. Sie sagen, wo's langgeht."
"Das ist leicht übertrieben."
"Dirk Meier ist nur eine Marionette."
"Er gibt der Show ihren Stil. Er sagt, was er will, wir machen es. Er ist der Boß. Er hält die Fäden in der Hand. Ich bin die Marionette."
"Heute zum Beispiel ... ich weiß nicht. Ein paar der Nummern haben beinahe eine literarische Qualität. Beinahe. Es ist nicht wirklich Literatur, aber es zeigt doch Talent. Einen gewissen Sinn für Formulierungen ... Aber dann sind da auch wieder Sachen dabei - das ist der reine Müll. Also wirklich. Da müssen Sie besser aufpassen."
"Ja, Sie haben sicher recht. So kann man das sehen. Es gibt Licht und Schatten. Wie immer im Leben. Aber ich fürchte fast, Sie sind bei mir an der falschen Adresse gelandet. Für Beschwerden ist eigentlich die Redaktionsassistenz zuständig ..."
"Nein. Ich bin nicht an der falschen Adresse gelandet. Ich will mich auch gar nicht beschweren. Wir kennen uns."
Der Mann hört auf zu schreiben.
"Wir kennen uns?"
"Ja. Ich war mal Ihr Lektor."
"Bedaure, aber da müssen Sie sich irren. Soweit ich weiß, habe ich nie einen Lektor gehabt."
"Sagt Ihnen der Titel SPIELE DER MACHT etwas?"
"Ja. Das ist der Titel einer Kurzgeschichte, die ich mal geschrieben habe. Als ich ... das ist einige Jahre her. Oder spielen Sie auf etwas anderes an? SPIELE DER MACHT dürfte schätzungsweise jedes fünfzehnte Produkt unserer sogenannten Kultur heißen. Einschließlich Reizwäsche."
"Nein, nein. Ich meine schon Ihre Geschichte. Sie haben sie mir mal zugeschickt. Dem Litteron Verlag."
"Ein Erzählungsband. GONDELN AUS BLEI."
"Genau. Eine dieser Erzählungen hieß SPIELE DER MACHT."
"Ja."
"Es geht um einen alten Schriftsteller. Oder - so alt ist der gar nicht. Aber er fühlt sich alt. Sehr alt. Er ist verbittert. Niemand fühlt sich älter als der Verbitterte. Er spürt, daß er seine Ideale verraten hat. Was wollte er damals, als er anfing zu schreiben? Viel Geld verdienen? War's das? Doch nicht, oder? Da war doch noch etwas anderes? Er hat's vergessen. Er hat sich korrumpieren lassen. Er schreibt Bestseller. Thriller, in denen die Welt gerettet wird. War es nicht so?"
"Ich glaube, ja. Ja."
"Oder läßt er sogar für sich schreiben? Beschäftigt er nicht sogar Ghostwriter?"
"Nein. Er schreibt selbst."
"Soviel Klasse muß sein, oder, Georg?"
"Warum erzählen Sie mir das alles? Meine alten Geschichten?"
"Dieser Schriftsteller wohnt in einer Villa. Am Bodensee. Er ist mit einer Frau zusammen, die ein Kulturjournal im Fernsehen moderiert. So eine Mediendiva. Die immerzu fremdgeht und eßgestört ist. Ich erinnere mich daran, daß sie eßgestört ist. Sie wird immer dünner, und er wird immer dicker. Daran erinnere ich mich. Er sitzt auf seiner Terrasse, im Sonnenlicht, das er nicht spürt, wird dicker und dicker und schreibt seine Romane, während er darüber nachdenkt, mit wem ihn seine Frau jetzt wohl gerade betrügt. Die Gefahr, die darin liegt, wenn man das Gleichgewicht verliert. Er kann eigentlich nicht mehr. Er ist innerlich tot. Er fühlt sich, als hätten sie ihn mit Beton ausgefüllt."
Der Mann ist aufgestanden und, mit dem Telefon in der Hand, an das Fenster getreten. Der Blick auf die Stadt. Eine nachtschwere Silhouette. Der Dom, der Rhein. Er lehnt seine Stirn an die Scheibe, um nicht die Reflexion seines eigenen Gesichts betrachten zu müssen.
"Worauf wollen Sie hinaus?"
"Seine Frau kommt mit ihrem Liebhaber vorbei. Ein junger Schauspieler vom Theater. Seine Frau geht ins Haus, um etwas zu holen, das sie für später, für das Fernsehen, braucht, und der Schriftsteller macht Smalltalk mit dem Schauspieler. Sie sprechen über die Schönheit des Bodensees. Seine Frau kommt zurück, der Schauspieler steht auf, sie verabschieden sich von dem Schriftsteller. Der Schriftsteller sieht im Gesicht des Schauspielers, daß dieser Mitleid mit ihm empfindet."
"Ja, und er sagt, sie sollten ihn bitte nicht allzu sehr darum beneiden, daß er hier sitzenbleiben und weiterhin die Schönheit des Bodensees genießen darf. Er lächelt dazu."
"Dann bekommt er einen Anruf. Irgendwelche Typen. Kennt er nicht. Diese Typen sagen, sie hätten eine Ex von ihm entführt. Seine Jugendliebe. Von der er sich getrennt hat. Weil sie nicht zu diesem ganzen Literatenbiz gepaßt hat. Weil sie ein bißchen zu ... na ja. Sie war sehr geradeheraus. Nahm kein Blatt vor den Mund. Hielt nichts von diesem ganzen Kulturgeschwätz. Ein Mädchen vom Lande. Auf eine Art sehr einfach. Stimmt's?"
"Sie wissen das besser als ich. Aber ich glaube, so im großen und ganzen haben Sie's ganz gut getroffen, ja."
"Diese Leute sagen ihm, sie würden seiner großen Liebe etwas antun. Wenn er nicht persönlich vorbeikäme, um sie abzuholen. Er soll kommen. Persönlich. Darauf bestehen sie. Er soll kommen. Aber er kommt nicht."
"Er kommt nicht."
"Nein, er kümmert sich nicht drum. Er denkt, diese Typen bluffen nur. Und selbst wenn nicht. Er legt auf und trinkt noch ein bißchen Sekt. Später geht er zu einem Empfang, den sein Verleger für ihn gibt, und vergißt die ganze Sache."
Der Mann löst sich von der Fensterscheibe und nimmt einen Golfschläger zur Hand. Ein Geburtstagsgeschenk. Ein Gag der Kollegen. Dem hatte er vorher noch nie Beachtung geschenkt. Golf im Büro.
"Was passiert mit dem Mädchen? Mit der Frau, meine ich?"
"Sie wissen es nicht mehr?"
"Ehrlich gesagt, nein. Wie geht es aus?"
"Sie haben sich für diese Frau nie interessiert, stimmt's? Genauso wenig, wie der alte Schriftsteller mit seinen Bestsellern, in denen die Welt gerettet wird. Ihm ist diese Frau auch scheißegal gewesen."
Der Mann klopft leise einen Golfball in Richtung Mülleimer. Der Ball trudelt auf krummer Bahn unter den Schreibtisch. Der Mann stellt den Schläger zurück an die Wand.
"Wie geht's aus? Sie wird umgebracht, oder?"
"Ja. Das ist das trübe Ende. Diese Typen wollen dem Schriftsteller einen Denkzettel verpassen. Ihm eine Lektion erteilen. Sie schlitzen der armen Frau die Kehle durch und lassen sie elend verbluten. Aber dem alten Schriftsteller wird der Denkzettel nie zugestellt. Das ist die Pointe. Die Polizei stellt keine Verbindung zu ihm her, und er fragt nie nach."
"Ein mieser Schluß."
"Ja. In jeder Hinsicht."
"Darum haben Sie die Geschichte auch abgelehnt."
"Nein. Das war nicht der Grund."
"So. Und was war der Grund?"
"Ich sehe Ihre Show."
"Das sagten Sie bereits. Sie sehen die Dirk-Meier-Show."
Der Mann hat sich wieder gesetzt.
"Die ist gekonnt gemacht. Das ist souveräne Mache."
"Ich weiß. Manches gefällt Ihnen, anderes nicht so. Sie waren bereits so freundlich, mir das mitzuteilen."
"Warum der ironische Ton?"
"Verzeihen Sie. Eine déformation professionelle. Manchmal führe ich sogar ironische Selbstgespräche. Stoße ironisch auf."
"Ich glaube, es gibt noch einen anderen Grund."
"Und der wäre?"
"Sie kapieren es nicht, oder?"
"Ich kapiere was nicht?"
"Sie kapieren nicht, warum ich Ihre Geschichten abgelehnt habe?"
"Sie fanden sie schlecht."
"Nein. Das war nicht der Grund. Durchaus nicht. Ich fand sie nicht schlecht. Sie waren nicht brillant. Das nicht. Aber was wir sonst so herausgebracht haben ... nein, das war nicht der Grund."
"Was war dann der Grund?"
"Sie hatten Talent. Das war der Grund. Es war nicht zu verkennen, daß Sie wirkliches Talent hatten."
"Vielen Dank. Sie haben mich also abgelehnt, weil ich Talent hatte? Arbeiten alle Verlage gemäß dieser Logik? Und gibt es da nicht diese Krise im Verlagsgewerbe?"
"Kein Grund, ironisch zu werden. Ich zum Beispiel habe kein Talent. Keinen Funken. Ich könnte nie etwas schreiben. Das wäre für niemanden eine Freude. Aber ich habe einen sehr gut entwickelten Sinn für wirkliche literarische Qualität. Ich meine, für Dinge, die wirklich Tiefe haben. Die wirklich etwas bedeuten. Für dieses gewisse Etwas, das Dinge leben läßt, obwohl sie nur aus Papier und Druckerschwärze bestehen."
"Sie sind Lektor."
"Ich war Lektor. Man hat mich entlassen."
"Das tut mir leid."
"Hat nichts mit Ihnen zu tun. Warum sollte es Ihnen leid tun? Wissen Sie, bei Ihnen hat mich etwas genervt. Ich habe mich über Sie geärgert. Ich dachte: Warum macht der es sich so einfach? Das ist alles so ... gefällig."
"Hm."
"Es war alles ... man konnte das gut lesen. Wirklich, Sie konnten damals schon gut schreiben. Gut mit Wörtern umgehen. Aber man merkte ... man spürte einfach, daß es da etwas gab, vor dem Sie sich drückten. Das Sie Ihren Lesern vorenthielten."
"Ich ging nicht aufs Ganze."
"Ja. Wie Sie vorhin sagten - Ihre Geschichten waren selbstironische Selbstgespräche. Man merkte, daß Sie sich selbst aus dem Weg gingen. Daß Sie sich nicht gern mit sich selbst in einem Raum aufhielten. Und das lag in Ihren Texten. Wenn man sie las. Es fehlte etwas. Wenn dieses Etwas dabei wäre, dachte ich, dann könnten diese Geschichten brillant sein. Dann könnte dieser Typ einer der ganz Großen werden."
"Aber es war nicht dabei."
"Doch, es war dabei. Das war ja das Verrückte. Deswegen habe ich mich so über Sie geärgert. Es war dabei, aber Sie haben es herausgestrichen. Da waren diese Leerstellen. Narben. Man fühlte, daß Sie etwas herausgeschnitten hatten. Das machte die Sache so ärgerlich. Wie Sie sagen - Sie gingen nicht aufs Ganze. Man sah, wie Sie auf die Bremse traten. Sie drosselten sich. Sowohl in ästhetischer als auch in menschlicher Hinsicht. Vor allem aber menschlich. Sie drückten sich. Sie hatten Angst."
"Ich war jung. Ich ..."
"Sie schämten sich. Sie schämten sich für sich selbst. Für Ihre Gefühle. Für diese spezielle Form von Menschsein, die Sie darstellten. Ich hatte den Eindruck, Sie wollten nicht Sie selbst sein. Sie wollten jemand sein, den es schon gab. Oder jemand, der jeder sein konnte. Jemand, den man mit jedem anderen verwechseln konnte. Nur nichts Besonderes. Niemand, der auffällt. Und zugleich sehnten Sie sich so ungeheuer danach, endlich einmal jemandem aufzufallen."
"Das haben Sie gespürt, als Sie meine Geschichten lasen? Daß ich auffallen wollte?"
"Warum hätten Sie mir sonst diese Geschichten geschickt? Man schickt nicht seine Geschichten an einen Verlag, damit der sie bequem entsorgt, oder? Sie durch den Reißwolf schickt? Man möchte veröffentlicht werden. Man möchte eine Stimme bekommen, einen Namen, ein Gesicht. Man möchte jemand werden."
"Eine öffentliche Person."
"Eine öffentliche Person, eine private Person. Was spielt das für eine Rolle? Sie wollten jemand werden."
"Und nun bin ich jemand geworden."
"Sie sind jemand geworden? Wirklich?"
"So kann man es sehen, ja."
"Es ist eine Schande. Sie haben soviel Talent, Georg. Selbst diese Fernsehshow. Nicht übel. Diese Gags. Nicht ganz und gar mißlungen. Das meiste, was die so zeigen, ist ja unerträglich, aber diese Show ist okay. Stellenweise ist sie okay. Ich schau sie ganz gerne."
"Gut. Das hatten wir schon. Hören Sie. Es wird spät. Also. Was kann ich für Sie tun?"
"Ich dachte: Wenn der Junge kapiert, daß es nicht darum geht, es geschafft zu haben, ein bekannter Schriftsteller zu sein und dann zu scheitern oder sich eine Kugel in den Kopf zu jagen. Dieser romantische Schwachsinn. Daß es nicht darum geht, für ein bißchen vergänglichen Ruhm seine Würde und seinen Charakter zu verschachern. Wenn er begriffen hat, daß man das Eigentliche nicht auslassen darf, daß man sich nicht drücken darf - dann kann er ein Großer werden."
"Das Eigentliche."
"Erinnern Sie sich noch an Amanda? Amanda Liebenzell?"
"Natürlich."
"Ihre Freundin. Früher."
"Ja. Wir waren einige Jahre zusammen ..."
"Bis Sie bei der Dirk-Meier-Show unterkamen."
"Ah. Okay. Ich verstehe. Jetzt verstehe ich."
"Was verstehen Sie, Georg?"
"Worauf Sie hinauswollen. Aber man sollte das nicht überstrapazieren. Ich schreibe keine Beststeller. Meine Freundin moderiert keine Show im Fernsehen."
"Nein. Sie ist Schriftstellerin."
"Ja."
"Grauenhaftes Zeug."
"Finden Sie?"
"Finden Sie doch auch."
"Finde ich auch?"
"Finden Sie auch, ja. Sie sind viel zu intelligent, um anderer Ansicht zu sein."
"Nein, ich bin nicht Ihrer Ansicht. Sie irren sich."
"Ach, kommen Sie. Sie sind immer noch auf der Flucht, das ist alles."
"Hören Sie. Was wollen Sie von mir?"
"Georg, ich will Sie etwas lehren."
"Bitte. Ich bin ganz Ohr."
"Das ist nichts, was ich Ihnen übers Telefon beibringen könnte. Sie werden sich schon hierher bequemen müssen. Zu mir. Persönlich."
"Warum sollte ich das tun?"
"Ich will Sie Demut lehren, Georg. Und Stolz."
"Warum sollte ich zu Ihnen kommen? Wie heißen Sie eigentlich? Sie haben mir nicht mal gesagt, wie Sie heißen."
"Demut - und Stolz."
"Sie haben den Litteron Verlag erwähnt. Ich kriege Ihren Namen raus. Ein ehemaliger Lektor. Der gefeuert wurde. Warum sagen Sie mir nicht einfach, wie Sie heißen?"
"Das müssen Sie kapieren. Dann könnte aus Ihnen noch was werden."
"Sagen Sie mir, warum ich zu Ihnen kommen sollte."
"Vielleicht sollte Ihnen das lieber Amanda sagen, hm? Was meinen Sie? Sie ist hier. Möchten Sie sie sprechen?"

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