goethe

Aber dafür war es ruhig

Ich saß in einer Spelunke in Giesing, einem Münchner Stadtteil. Das Glas war gefüllt. Schäumen tat nichts, aber dafür war es ruhig. Die Bedienung, eine Frau, klein und dunkel und wie aus Holz, riß im Vorbeigehen den Stuhl neben mir um, eine leichtfüßige Blech-Konstruktion, und in dem entstehenden Geschepper stellte sie mir einen Rotwein hin. Sie sagte leise: Entschuldigung. Danke, sagte ich, und las. Und zwar hatte ich mir gerade in einem Buchladenantiquariat ein Interviewbuch mit/von/über Marshall McLuhan gekauft. Es war mein erster Rotwein an diesem Tag, einem schneeseligen, milde verdunkelnden Freitag, und es sollte mein letzter sein. Ich würde sterben, in wenigen Minuten, aber natürlich wußte ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht; mag sein, daß ich ansonsten meine Lektüre unterbrochen hätte. McLuhan schwadronierte sehr beschwingt – Rotwein? – über die Geburt des Platonischen Dialogs aus dem Geiste des athenischen Straßentheaters. Mir gefiel das. Mir gefällt alles, was das hohle Getön der Diskurspriester desavouiert. Heidegger. Für mich die absolute Reizfigur. Auch Adorno – wenn jemand das Clowneske seiner Existenz nicht wahrzunehmen vermag, treibt es mir die Tränen in die Augen. Hat nicht Adorno selbst gesagt, Philosophie sei sehr ernst, aber so ernst denn doch wieder nicht? Aber manchen kann es nicht ernst, nicht weihevoll genug zugehen. McLuhan, stellte ich mit innerem Händereiben fest, gehörte nicht dazu.

Draußen breitete sacht der Schnee ein Laken über die Welt.

Diese Spelunke in Giesing also ... ich erinnere mich, ja. Tatsächlich, es war Abend. Allerdings ist mir jetzt doch so, als wäre das mit dem umkippenden Stuhl ... nein, das war eine andere Szene. Eine dramatische. Tränen, Verlust. Ich habe da etwas durcheinander gebracht. Jemand springt auf, eine junge Frau. Ich habe ihr mein Herz ausgeschüttet, oder, besser: Ich habe ihr mein Herz auf den Tisch gekotzt. Manchmal kann man das ja, man trägt dann sein Herz im Magen. Kennen Sie das? Zu anderen Zeiten trägt man sein Herz ja auch auf der Zunge. Und redet dann unerträglichen, peinlichen Blödsinn zusammen. Die junge Frau jedenfalls, eine Halbindianerin, springt auf. In ihren dunklen Augen flackert Zorn. Mit hohlem Geschepper prallt der Stuhl, eine leichtgewichtige Holz-Blech-Konstruktion, auf den Steinboden. Sie sieht mich an, die Arme wild auf den Tisch gestemmt. Etwas spuckt sie mir entgegen – Haß? Verachtung? Enttäuschung? Ach, irgend etwas haben wir immer in uns, das wir gegen jemanden richten können. Ist es nicht so? Ich sehe, wie ihr Mund sich bewegt, wütend und weit. Schon erwarte ich, sie werde mir das Messer, das sie, wie ich weiß, stets unter ihrem Poncho trägt, zwischen die Augen rammen, damit ich besser sehen kann. Damit ich endlich sehen kann, was ich ihr antue, was ich ihr angetan habe. Caramba. Da aber sehe ich ihren schönen schmalen Rücken im Hintergrund des Lokals verschwinden; schwungvoll wirft sie sich den Mantel über, wie der Verführer bei Kierkegaard in die Nacht sich hüllt, und die Tür tut sich auf.

Das hohle Getön ... Worte, die vom Grund eines Glases resonieren. Auf der Oberfläche werfen kleine Wellen sich auf, verzittern zum Rande hin. Billige Tricks kleiner Leute. Nein, ich war kein Verführer. Nie. Keine Tränen hingen mir an. Und glauben Sie nicht, daß der Wein gut gewesen wäre. Ein Landwein, fast staubig, aber ich konnte ihn mir leisten. Meine Finger an der kühlen Röte des Glases. Auf der Mattscheibe eines Fernsehers, oben, hoch, rechts, quatscht ein Kopf. Ein Moment, der sich in mich einzugraben versucht; doch ich lasse ihn nicht. Ich lasse nicht zu, daß etwas sich in mich hineinbohrt. Ich bin aus Titanstahl. Die Schneeflocken prallen ab von der Glaswand neben mir. Xanadu. Ich will keine Momente mehr. Genug davon. Wenn jemand käme und mir einen Sinn ausbreitete, über den Tisch, in die Lache billigen Landweins hinein, wie eine rissige, alte Landkarte. Hier, da gibt’s Löwen, und dort auch, und dort. Das akzeptierte ich. Aber noch einen Moment mehr? Was soll ich denn damit, bitteschön? Meine Taschen sind doch voll.

Und da sehe ich denn diesen Mann in die Spelunke kommen. Giesing. Gerade hat die Bedienung den Stuhl mir gegenüber wieder hingestellt; noch die Ahnung eines halbindianischen Parfüms liegt in der Luft, im Ohr hab ich das Sausen eines Messerwurfs. Ich sage: Danke, und die Bedienung, halb Holz, halb Mensch, die Fäden unsichtbar, aber zweifellos vorhanden, lächelt mich entschuldigend an. Das könne doch passieren, sage ich, ohne den Mann aus den Augen zu lassen. Er hat mich erspäht. Ich weiß, warum er hier ist. Ein Muschellokal in New York, ein Säulengang in Rom oder eine Spelunke in Giesing – der Tod arbeitet überall. Vielleicht sollte sie jetzt lieber ein bißchen zur Seite gehen, sage ich der Bedienung. Hinter den Tresen vielleicht. Ihre Holzaugen gleiten zur Seite. Ich sorge mich um die menschlichen Anteile in ihr. Ihre Drähte. Das mag meine heideggerianische Seite sein. Ich sorge mich so gern.

Der Typ kommt auf mich zu. Quer durch den Raum kommt sein breites Lächeln auf mich zu. Breit, brutal. So sind diese Burschen. Ich weiß, daß ich einen Fehler gemacht habe, als ich beschloß, meine Smith & Wesson zuhause zu lassen. Ich hätte selbst zuhause bleiben und meinen Revolver zum Weintrinken schicken sollen. Nun ist es zu spät.

„Na, Gringo?“

„Servus. Wie geht’s, compañero?“

„Ganz gut.“

„Freut mich zu hören.“

„Sollen wir’s gleich erledigen?“

Ich zwinkere ihm listig zu. Lustig.

„Oder lieber noch ein bißchen plaudern?“

Er schaut mir in die Augen; dann zuckt er die Achseln. „Wie du meinst“, sagt er.

 

Philipp Rothermund

Zürich, 14.2.2006

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