goethe

Oder sind sie das doch?

DER CHEFREDAKTEUR: Ja, schreiben Sie was über die Zersetzung der Politik durch die Mediokratie ... Die Allgegenwart der Medien, Abstumpfung, das leere Lächeln der Macht. So was. Sie wissen schon, was ich meine, Sie kennen das ja. Bißchen kritisch, insgesamt aber: Na ja, was soll's. Den Tenor. Kriegen Sie das in 5000 Zeichen hin?

DER JUNGDRAMATIKER: Die Theorie ist oftmals so interessant, so anregend. Irre. Das ist der Wahnsinn, anbetungswürdig. Aber die Ästhetik, die dabei herausspringt? Die ist dann meist eher fade.

DIE ZUSCHAUERIN: Ich habe gerade eine Inszenierung von Thomas Ostermeier gesehen, "Vor Sonnenaufgang". Da fragt man sich natürlich. Das sieht ja alles sehr clever aus, sehr geistreich, geistig. Aber. Wieviel von den klugen Sachen, von den hochgeistigen Fragen, die während den Proben erörtert worden sind, wird denn im Endergebnis greifbar, wird für den Betrachter erlebbar?

DER CHOR (212 Leute, die synchron reden, der Raum bebt): Wir sehen bloß Plastik und Plüsch, hören bloß Industrielärm, melodisch zubereitet. Danke, oh ihr Programme! Danke, oh ihr Programmierer der Programme! Danke auch euch, oh ihr Kritiker der Kritiker, dahingleitend auf dem Möbiusfließband der Textproduktion! Farben, Pfeile, ein Blinken und Leuchten, wie im Flipperautomaten. Ohne jetzt wie Peter Handke am Felsfenster klingen zu wollen, natürlich, morgens, den Bleistift hinterm Ohr. Eh klar.

DER JUNGDRAMATIKER: Wenn Heiner Müller etwa Wort und Bild entkoppelt in einer Inszenierung. Jetzt mal als Beispiel. Mir werden die Gedanken, die dahinterstehen, in aller Regel nicht anschaulich. Nicht anhand der Produkte. Kann ich nicht sagen. Wenn ich die theoretischen Reflexionen dazu lese, dann, ja, klar, dann ist alles klar. Aber die Produkte dieser Überlegungen? Lassen von den Überlegungen nicht viel durch. Da gibt's keine Evidenz, sondern nur Verkopftheit.

MIT EINEM WORT:
Verkopfung.

TYP IM FLUGZEUG: Der amerikanische Autor. Ein Star. Er erzählt, bei einer Lesung - irgendwo, den Ort wird er morgen schon vergessen haben, es sind da viele Studenten, die immer an den falschen Stellen klatschen - er erzählt, wie er im Flieger von Boston nach San Diego die "Entertainment Weekly" gelesen habe. Das sei so eine Schundzeitschrift, erzählt er, Britney Spears' nächste Hochzeit, Angelina Jolies nächster Brad Pitt, Hollywoods nächstes großes Ding. Jeden einzelnen beschissenen Artikel habe er gelesen, erzählt er, von vorn bis hinten. Wort für Wort. Britney Spears, Angelina Jolie, Glanzmasken im Scheinwerferlicht. Wort für Wort. Und dann, beim Landeanflug, mit vier Bloody Mary im Blut, stößt er ganz hinten, auf der letzten Seite der Zeitschrift, als er schon denkt, jetzt hat er's endlich geschafft, Landeanflug, keine Britneys mehr, keine Angelinas, kein Waschbrettbauchgrinsen, es ist vorbei, ah, Mann, und ich dachte schon, ich müßte - da stößt er auf der letzten Seite auf eine Kolumne von Stephen King. Stephen King. Der Horrorkönig. Stephen King schreibt über seinen neuen Roman. Er lobt in seiner Kolumne den neuen Roman des amerikanischen Starautors, und dem amerikanischen Starautor kommen, als er das liest, die Tränen. Er weint. Ein amerikanischer Starautor im Landeanflug, der weint, weil Stephen King in der "Entertainment Weekly" seinen Roman gelobt hat.

EIN AUTOR, DER SICH DAFÜR BEGEISTERT, FIGUREN DER ZEITGESCHICHTE IN SEINEN TEXTEN AUFTRETEN ZU LASSEN: Moment. Was soll die Kritik? Ich verstehe das nicht. Warum denn diese allgegenwärtige vorwandhafte, fade Fiktionalisierung? Wenn ich Marcel Reich-Ranicki meine - warum soll ich dann den Erlkönig bemühen? Wenn eh jeder weiß, was gemeint ist? Ist nicht sogar die Wahrscheinlichkeit größer, daß niemand an Marcel Reich-Ranicki denkt beim Tod eines Kritikers, wenn ich diesen Kritiker Marcel Reich-Ranicki nenne? Ich meine, gibt es etwas Abstrakteres als den Namen eines berühmten Menschen? Was ist abstrakter als ein Prominentenname? Wenn ich sage: "Philip Roth" - woran denkt man denn dann? Doch nicht an einen Menschen. Vielleicht an den Verfasser von ziemlich vielen, ziemlich guten Büchern. Aber an einen Menschen? Denkt man denn wirklich, man kenne einen Menschen, nur weil man weiß, wie sein Grinsen in einem Magazin aussieht? Ist jemand, irgend jemand, so blöd? Kann etwas abstrakter sein als ein Mensch, dessen Namen jeder kennt? Anders gefragt - gibt es eine bessere Tarnkappe als Berühmtheit?

EIN MÄRCHEN SPRICHT: Die Theorie wollte es noch einmal wissen. Das war klar. Man hätte es sich denken können. Sie wollte sich nicht für dumm verkaufen lassen. Sie war die große alte Dame. Jetzt lief ihr die Poesie einfach davon. Die Poesie war noch sehr viel älter als die Theorie, eigentlich unvorstellbar alt. Aber ihre Leichtfüßigkeit! Das war zum Haareraufen, wie sie herumsprang. Hatte sie denn gar kein Schamgefühl? Die Theorie schleuderte wütend eine ihrer Krücken nach ihr. Vergebens. Die Poesie bemerkte die Attacke noch nicht einmal. Die Krücke schlitterte über den Bürgersteig und fiel dann in einen U-Bahn-Schacht. An der Dietlindenstraße war das.

BRITNEY SPEARS: "In diesem Japsenfilm hing ein Typ von der Decke. Sie hatten ihn an Haken aufgehängt. Die Haken waren durch seine Haut gespießt worden, am Rücken und an den Gliedmaßen. Tätowierte Haut."
ANGELINA JOLIE: "Mann. Was schaust du dir denn für ein Zeug an?"
BRITNEY SPEARS: "Dazu hat mir mein Produzent geraten. Ich solle meinen Horizont erweitern. Ha! Aber jetzt hör mal zu. Erst wurde diesem Aufgespießten mit einer Stahlnadel im Kiefer herumgebohrt. Das knackte ziemlich schmerzhaft. Mir hätte das schon gereicht. Dann nahm aber der Folterer noch einen Topf mit kochendem Fett. Den schüttete er dem Gepeinigten über den Rücken."
ANGELINA JOLIE: "Du meine Güte."
BRITNEY SPEARS: "Ja. Perverser Bullshit. Aber filmtechnisch aufwendig gemacht. Der Film soll angeblich von einem Kultregisseur sein. Was weiß ich. Ein Japse, halt."
ANGELINA JOLIE: "Körper und Gewalt."
BRITNEY SPEARS: "Das scheint das Programm zu sein, ja."
ANGELINA JOLIE: "Eine Ästhetik, die mithalten kann. Mit der Brutalität des Großstadtalltags. Meinetwegen in Tokio. Eine Mithalterästhetik."
BRITNEY SPEARS: "Die Ästhetik nicht so sehr als Kritik, denn als Magd des Kapitalismus? Ein Anhängsel? Meinst du das?"
ANGELINA JOLIE: "Ja, das mein ich, genau das, Süße."
BRITNEY SPEARS: "Nenn mich nicht dauernd ‚Süße', bitte."
ANGELINA JOLIE: "Entschuldige."
BRITNEY SPEARS: "Okay. Sollen wir noch so einen Kaffee trinken? Mit Limettengeschmack?"

BARREBELL: Das ewige Gejammer über den Kapitalismus. Ich kann's nicht mehr hören. Das war doch nur die Masche einer Generation, sich zu profilieren. Der Kapitalismus ist doch auch sehr geil. Ich meine. Hey. Hier auf meinem Arm. Sehen Sie dieses Tattoo? Das ist chinesisch. Ein Schriftzeichen. So nennen Chinesen das. Das ist so eine Art ... Buchstabe. Ein Buchstabe, der aber mehr bedeutet, als bei uns ein Buchstabe. Ja. Dieses Zeichen hier bedeutet: "Derjenige, der Liebe in Macht verwandelt." Das hat mir der Tätowierer gesagt. Ein Asiate. Dieser Drachenschwanz, der an dem Ding dranhängt, der unterstreicht die Bedeutung noch. Der macht die ganze Sache ... härter. Klarer. Schärfer. Verstehst du? Ich meine. Eines ist klar. Man muß aufpassen. Logisch. Daß man sich nicht so ein Tattoo machen läßt, und der Typ, der es Ihnen macht, sagt: "Ja, das heißt ewiger Frieden", und dann heißt es in Wahrheit: "Ruhe in Frieden." Ich meine. Der Kapitalismus hat auch etwas Verbindendes. Er umspannt die Welt. Er führt die Extreme zusammen, und das finde ich kraß. Das gefällt mir.

DAS TAGEBUCH DES PSYCHIATERS:
Besuch beim Jungdramatiker. Beinahe liegt bei ihm eine Wahrnehmungsstörung vor. Würde ich sagen. Es ist, als stürmte er möglichst forsch, möglichst schroff durch sein Leben. Wie einer, der sich in das Kostüm eines American-Football-Spielers gesteckt hat. Und nun stößt er alle Möbel im Wohnzimmer um, wenn er aufs Klo gehen will. Überall liegen Zettel herum, Notizbücher. Er kritzelt die ganze Zeit, während ich da bin. Eine Desensibilisierungsübung. Er hört nicht zu, wenn man mit ihm spricht, er sieht nicht hin, dafür nickt er. Er nickt und kritzelt. Und der Fernseher läuft die ganze Zeit. Kein Wort von ihm. Der Fernseher läuft, eine CD wird abgespielt, irgendwo quasselt ein Radio vor sich hin. Der Jungdramatiker bemüht sich, das Leben auf die Bedeutung von etwas zu reduzieren, das in der Luft liegt. Aber ob es so funktioniert?

 

Sechs Personen, die einen Autor suchen, München 2006

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