Er suchte in den Büchern, was er bei den Menschen nicht finden konnte. Zwölf Jahre lang. Dann brachte er sich um.
Es war der Revolver seines Urgroßvaters, eines alten Haudegens und Obristen (Erster Weltkrieg, in Verdun schwer verwundet, Granatenexplosion, entstellt geradezu), den seine Urgroßmutter in ihrem Schreibtisch aufbewahrt hatte.
Eine tragische Geschichte. Aber nicht wahr. Und zudem abgegriffen.
Und wieso sollte die Großmutter einen Revolver aufbewahren? Ein mörderisches altes verrostetes Ding?
Um deutlicher zu werden:
„Ach, nun nehmen Sie doch den Revolver herunter! Das ist doch einfach albern!“
„Eben. Hat’s doch bei den Surrealisten schon alles gegeben.“
„Nur besser“, schob das Kind nach, bevor es an seinem Melone-Pistazien-Eis leckte und sich in der Menge umsah.
Auch der Urgroßvater, der ein prima Leben gehabt hatte – von Entstellung keine Spur, war bei den Damen immer groß angekommen – auch der Urgroßvater schüttelte ein bißchen unwirsch den Kopf. Er hatte ja auch oft gelogen, sonst wäre das mit den Damen ja auch gar nicht gegangen – aber doch etwas subtiler, bitte. Mit ein bißchen Verstand.
Dann legte er sich wieder in die Kiste.
Der Schriftsteller kam in die Stadt. Es regnete. Es wurde dunkel. Lichtreklamen spiegelten sich im Rinnstein. Lustig-grell. Durch seine durchgelaufenen Sohlen spürte der Schriftsteller die Nässe. Er hustete.
Eine schäbige Pension. Wenig Licht, die schmutzigroten Läufer abgewetzt. Man sieht durch die Lücken den Beton. An den Wänden des Treppenhauses die Spuren von Händen und Körpern, die nicht genug Abstand hielten, Erinnerungen an betrunkenes Taumeln, an die Übermacht der Liebe.
Der Schriftsteller schreibt seinen Namen in ein Buch, ein einziger eleganter Schwung, und reicht seinen Personalausweis dem Rezeptionisten hinüber. Als Beruf gibt er „Schriftsteller“ an. Der Rezeptionist bedenkt ihn mit einem prüfenden Blick, schreibt die Nummer aus dem Personalausweis ab. Sind Schriftsteller nicht repräsentative, gepflegte Gestalten? Nein, wir sind verlorene Seelen, denkt der Schriftsteller und greift nach seinem Koffer. Alles, was er braucht, sind sein Füllfederhalter, Tinte und Papier. Ein ganz altmodisches Gewerbe. Wie Bestattungsunternehmer. Nichts Neues unter der Sonne.
Ich werde einen Roman schreiben, sagt der Schriftsteller zu sich selbst, nachdem er die Tür seines Zimmers hinter sich geschlossen hat. Er zieht den Mantel aus, langsam, als hätte er heute nichts anderes mehr zu tun. Ich werde ihn so gut schreiben, wie ich kann. Der Tod wird darin vorkommen und die Liebe. Er tritt ans Fenster, und der unendlich triste, in seiner Tristesse der Unendlichkeit die Hand reichende Ausblick der regennassen, glitschig grell erleuchteten Straße tröstet ihn und besänftigt sein Herz. Ich werde naiv schreiben, denkt er. So naiv, wie möglich, und so gerissen, wie nötig. Und dann werde ich schlafen.
Das Problem, das unweigerlich auftaucht, sobald ein Mann versucht, eine weibliche Protagonistin ... einen weiblichen Protagonisten ... eine Heldin einzuführen, ist, daß er, um ihrem Auftritt Glaubwürdigkeit zu verleihen, dazu tendieren wird, sie ihre Tage haben zu lassen. Da er nicht wissen kann, wie es ist, eine Frau zu sein – oder sagen wir: da er besessen ist von der Vorstellung, es müsse sich ganz anders anfühlen, eine Frau zu sein, als ein Mann zu sein – da also alles heillos verworren und durcheinander in seinem Kopf ist, da er auch ein bißchen Angst hat vor den Reaktionen seiner weiblichen Kritiker, die so oder so den Kopf schütteln werden, wie er weiß, allein schon, weil Frauen nie einverstanden sein können mit der Art und Weise, wie sie dargestellt werden, da sie sich für mystische Ereignisse halten – da also alles, wenn man nur lange genug nachdenkt, wieder auf das Simpelste hinausläuft, führt er seine Heldin in dem Augenblick ein, da sie auf der Toilette sitzt – oder da sie an der Badewanne steht – gesetzt den Fall, sie hat eine Badewanne –, ein Bein auf den Rand der Badewanne gestützt, und sich – komm, sagen wir’s endlich – und sich einen Tampon einschiebt.
So schreiben, dachte er später, finster geworden, so schreiben, als sei alles schon tot, worüber man schreibt; am besten sogar so schreiben, als sei man selbst auch schon tot, längst tot, dem Vergessen anheim gefallen. Eine posthume Perspektive. Nur so schafft man es, sich die Dinge vom Leibe zu halten.
Valerie Paul, Geheimagentin. Ein toughes Biest. Allerdings hatte sie noch nie ein Kind getötet. Oder jedenfalls erinnerte sie sich nicht daran, jetzt, da sie den rostigen, unbeholfen kantig geformten Armeerevolver ihres Urgroßvaters, der in Verdun von einer französischen Kugel getötet worden war, in ihrem Koffer verstaute. Ein Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. Oder nein: Kein Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. Wozu auch? Weswegen hätte sie lächeln sollen? Sie ließ die Schlösser des Koffers zuschnappen und rülpste leise. Der Geschmack des vorzüglichen und sündhaft teuren schottischen Whiskys, den sie nach dem Essen in sich hineingeschüttet hatte, füllte ihre Mundhöhle, aber sie befahl sich: Jetzt keine Sentimentalitäten!
Mit dem Erreichen einer gewissen Höhe der ästhetischen Reflexion wurde es unwahrscheinlich, daß es je wieder einen Roman geben sollte. Handlung schien passé. Statt dessen stand „Reflexion“ auf der Agenda, von manchen übersetzt mit „Selbstbespiegelung“. Kurz und gut: narrativer Herzstillstand. Oder doch zumindest nicht mehr als Kammerflimmern. So unkten manche Diagnostiker. Manche freilich sahen auch das Ende der westlichen Zivilisation voraus. Woran keiner dachte, war, daß es einfach so weitergehen würde wie bisher. Daß alles beim alten bliebe, ganz gleich, was die Wechselwilligen schwätzten. Die einen schrieben Romane, die anderen lasen sie, und wem das zu blöd war, der konnte sich ja selbst bespiegeln.
GENREGRENZENBESTIMMUNG
„Und? Was schreiben Sie? Romane?“
„Ja, aber sehr kurze. Aphorismen.“
Dann gibt es auch diese Tage, durch die man einfach hindurch muß, wie ein Kamel durch eine Wüste.
Ein Schriftsteller in einer Pension in Bahnhofsnähe. Er hat seit einigen Tagen nicht geduscht; wozu? Sitze eh nur hier an meiner Schreibmaschine, hacke Lügen aufs Papier, Lügen, schäbige, kleine, selbstsüchtige Lügen, türme Lügen aufeinander, in der einen schwankenden Hoffnung, daß auf dem Meer von Scheiße, das gegen meinen Lügenturm anbrandet, eines Tages ein Schiffchen auftauchen möge, sich auswachsend im Näherkommen zu einem Dreimaster, Kriegsschiff, volle Takelage, dreht bei, Kanonenrohre richten sich auf mich, auf meinen Turm, ich winke, winke. Dann knallt es, Rauch, es sirrt und zischt. Irgendwo ein Rumpeln. Mauerwerk kracht herab, eine Lawine von Schutt. Jene, die mich gefangen halten, schreien auf, rennen um ihr Leben, Hilfe, Hilfe. Doch es gibt kein Pardon. Ich winke, winke. Das Schiff schießt und schießt. Pang, pang, pang. Das Farbband ist schon ganz dünn geklopft, hängt in Fetzen, eine Fahne im räuberischen Wind. Pang, pang. Morsezeichen. SOS. Holt mich hier raus. Ist doch kein Spaß, man selbst zu sein, Scheiße noch mal!
München, den 08.10.2004
Robert Mattheis