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Walkürenritt der Hoffnung

Zum Jahreswechsel packt einen oft die Besinnlichkeit. Das heißt, es ist so kalt draußen, so neblig und unfreundlich, dass man leicht ins Nachdenken gerät. Es ist mehr wie ein mentales Ausrutschen, ein Schlittern über das glatte Eis der kalten, leeren Stunden, die sich um den Weihnachtsbaum herum ausbreiten. Es ist ein Schlingern und, gegebenenfalls, Schluchzen. Ein Schluchzen in Schluchten – in den Schluchten der Ausweglosigkeit, in denen man ... Nun ja, oft hat es mit der Familie zu tun. Man hält inne, schaut an sich hinunter und denkt: Ja, was hast du dir denn dabei gedacht, sag mal? (Am ehesten wird man so etwas denken, wenn man feststellt, dass man zwar seine Hose zu Hause vergessen, sich aber vorher nicht die Beine rasiert hat. Und nun steht man im sauteuren Einkaufszentrum „Lafayette“ auf der Friedrichstraße in Berlin, hält vielleicht sogar noch so eine Plastiktüte mit einer hysterischen Aufschrift in der Hand, und ... und weiß dann doch kurzfristig ganz einfach nicht so recht weiter!) Oder man macht ein Fläschchen Schampus auf und lässt den Korken an die Decke böllern und klopft sich auf die Schulter. Kurz und gut: Man findet sich entweder ganz prima, oder man kommt zu dem Schluss, dass man doch ein ziemlicher Idiot ist, so alles in allem. Beides sind Formen der Selbstwahrnehmung, die über die Runden helfen – dem einen ermöglicht seine Selbstbeschau, auch weiterhin den manischen Macherpopanz zu geben, der sich für keine Agenturgründung zu schade ist, für den anderen ist der Blick in den Spiegel Anlass, auf die Bremse zu treten, Einkehr zu halten, vielleicht sogar umzukehren. Denn wer im Rückwärtsgang fährt, weiß wenigstens, wohin es geht.

 

Aber jetzt lieber zu etwas anderem, obige Reflexionen führen ja zu nichts; das wissen Sie ja eh alles selbst, und vermutlich wissen Sie’s sogar besser. Sie sind ja auch ein Leidgeprüfter, oder, wie es heute in der Zeitung hieß, ein „Leidensgeprüfter“. Am geeignetsten ist für die Ingangsetzung der Besinnlichkeit bekanntlich das aktuell Gegebene. Wenn irgendwo ein Diktator aus einem Erdloch gezerrt wird, fällt immerhin allen etwas ein, die federführend sind (also eine Feder führen). In der F. A. Z. neulich ging etwa Andreas Platthaus ganz ernsthaft Erwägungen nach, was der Comicheldenmutant oder (um den „Michel“ aus dem „Comichelden“ zu verbannen) Comicmutantenheld Wolverine und Saddam Hussein gemeinsam haben könnten. Wer der Ansicht war, dass das ja doch einigermaßen abwegige Reflexionen seien, durfte sich durch den Artikel aufs schönste bestätigt fühlen! Daneben ließ sich Jürgen Kaube sehr gepflegt „Zur Ikonographie des Tyrannen im Souterrain“ vernehmen. Er kam, mit Hans Blumenberg und seinen epochalen „Höhlenausgängen“, zu dem Schluss: „Die genaue Kenntnis der politischen Geschichte bindet den Menschen an seine Sichtbarkeit.“ Das ist ein Satz, so rätselhaft-verschlüsselt, dass ich ihn noch einmal zitieren wollte, für all jene, die es seinerzeit versäumt haben, Kaubes Ausführungen bis zum Ende zu lesen. (Die Versuchung, Kaube Kaube sein zu lassen, war tatsächlich nicht klein.)

Aber wir haben uns jetzt („Jetzt“! Das Pop-Wort schlechthin!) unversehens von der Gegenwärtigkeit schon wieder entfernt. Wer schreibt, hat es mit dem Heute zu tun, so radikal, dass sogar das Morgen, da es übermorgen das Gestern sein wird, veraltet erscheint. Heute also las ich in der „Süddeutschen Zeitung“ eine längere Abhandlung über die Frage der Generation der 30-Jährigen. Gibt es da Solidaritäten? Sind wir wer? Wollten wir was? Vereint uns Einiges? Ich muss nun sagen, dass ich mich nie einer besonderen Generation zugehörig gefühlt habe. Weder schien mir die „Generation Golf“ mit ihrer Vorliebe für das Ausschlecken von Nutellagläsern noch die „Generation X“ mit ihrem Faible für Gammelglamour das Richtige zu sein. Ich fühlte mich ziemlich allein. (Was nicht unbedingt immer das Schlechteste ist.) Natürlich war mir klar, dass es viele gab, die im selben Jahr das Licht der Welt erblickt hatten wie ich; dass es sogar noch mehr gab, die etwa in meinem Alter waren, wenn man „etwa in seinem Alter sein“ definiert als „so drei Jahre jünger oder älter“ – und je weiter man sich von seinem persönlichen Big Bang entfernt, desto kleiner wird ja auch die Rolle, die ein Jahrzehntchen mehr oder weniger spielt. Aber dass ich mich als Angehöriger einer so oder so gearteten „Generation“ betrachtet hätte – „das ist mir nicht erinnerlich“, um eine der Lieblingsphrasen des Schuldbewussten, der sich unschuldig geben will, zu zitieren. (Ich glaube, ich habe sie von Markus Wolf gelernt. „Verhaftungen? Folterungen? In der DDR? Das ist mir nicht erinnerlich.“ So in der Art.)

 

Nun, um diese Betrachtungen eines Unpolitischen abzuschließen, möchte ich noch einmal auf den Anfang zurückkommen – und wenn ich sage „Anfang“, dann meine ich ausnahmsweise auch den Anfang. Ich meine nämlich die Worte „Walkürenritt der Hoffnung“, die die Headline bilden. Sie flogen mir zu. Ich hatte vor ein paar Wochen „Apocalypse Now Redux“ gesehen, die von Francis Ford Coppola noch einmal eigens aufgemotzte, gestreckte Version des Vietnamkriegsfilmklassikers, und dabei hatte sich die von Wagnerdröhnen begleitete Hubschrauberattacke der GIs in den Irrgärten meiner Erinnerung verirrt. Und saß nun fest. Und daraus machte ich also: „Walkürenritt der Hoffnung“. Das ist jetzt einige Wochen her, und immer dachte ich, dass das doch ein schöner Titel sei, da müsste man doch auch einen Text zu schreiben können? Es ist mir aber nie gelungen.

 

München, den 01.01.2004

Robert Mattheis

 

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