„Ehrlich, wenn mich noch so ein Penner auf Bob Dylan anspricht ...“
Die „taz“ hatte mokant getitelt: „Bob Dylan Jr. im Roten Salon“, und in der „Süddeutschen Zeitung“ hätte Adam Ryans, wäre er des Deutschen mächtig gewesen, die Bildunterschrift lesen können: „Er singt wie der junge Dylan, und er sieht auch ein bißchen so aus: Adam Ryans, dessen Deutschlandtournee aus kleinen, feinen Konzerten besteht, wie sie auch der Altmeister inzwischen bevorzugt.“
Ein Stapel Zeitungen lag auf einem niedrigen Garderobentischchen, und Ryans hatte sich auf einem roten Sofa ausgestreckt. Er rauchte die etwa dreißigste Zigarette an diesem Tag. Sein Manager, der aus den deutschen Schlagzeilen schlau zu werden versuchte, beschwichtige ihn:
„Nimm’s wie ein Profi, Adam. Da mußt du durch. Die Journalisten denken nun mal in Schubladen, was willst du da machen? Dylan selbst haben sie damals als jungen Woody Guthrie bezeichnet. Irgendwann wird jemand der neue Adam Ryans sein. Sieh’s gelassen.“
„Aber Bob Dylan! Ich hasse Bob Dylan!“
Der Manager, der selbst den Eindruck hatte, daß sein Schützling auf seinem letzten Album verdächtig nach dem Bob Dylan von „Blonde On Blonde“ geklungen hatte, nickte.
„Ich weiß. Um so entspannter kannst du’s doch angehen.“ Er schaute auf die Uhr. „Da will dich gleich noch einer interviewen vor dem Konzert. Einer vom ‚Rolling Stone’. Die sind seriös. Die begreifen, daß du ein vollwertiger, eigenständiger Künstler bist ...“
Es klopfte an der Tür, wie aufs Stichwort. Ein Mitarbeiter der Plattenfirma steckte seinen Kopf herein.
„Der Typ vom ‚Rolling Stone’ ist jetzt da. Er wartet in einem Nebenraum.“
Der Manager erhob sich. „Okay. Gehen wir’s an.“
Ryan Adams steckte sich eine neue Zigarette zwischen die Lippen. „Wenn der mich nach Bob Dylan fragt, breche ich die Scheiße ab!“
„Alles klar. Das ist dein gutes Recht.“
„Ich meine, wenn die über Bob Dylan reden wollen, sollen sie in einen Fanclub gehen!“
Der Manager lachte.
„Genau!“
„Oder sie sollen sich im Internet Gleichgesinnte suchen!“
Der Manager nickte.
„Ich bin doch nicht Bob Dylans beschissener Enkel!“
„Komm jetzt, gehen wir.“
„Oder sein Großneffe, oder was weiß ich. Oder sein Urenkel. Wie alt ist denn dieser Dylan überhaupt? Wie lange ist das her?“
„Jetzt komm, Adam.“
Der Manager schob den Popmusiker aus der Tür. Einen Augenblick stand er da, mit gesenktem Kopf. Dann folgte er Ryans auf den Gang der Volksbühne hinaus.
Der Musikjournalist, der in einem Nebenraum wartete, war ein großer, tapsig wirkender Bursche, der ganz in Schwarz gekleidet war. Dunkle Haare fielen ihm ins Gesicht. Nach kurzem Geplänkel – das Wetter, der bisherige Tourverlauf, deutsches Bier – kam der Journalist zu seinem eigentlichen Anliegen.
„Viele Kritiker vergleichen Ihre Arbeit mit Bob Dylan ...“
Adam Ryans schaute unwirsch, bemühte sich jedoch, wie sein Manager erkannte, nicht aus der Rolle zu fallen. „Hören Sie mir auf mit Bob Dylan!“ sagte er scharf. „Was soll das mit diesem Bob Dylan? Meine Mutter hatte ein paar Platten von ihm herumstehen, aber mir hat das Zeug nicht gefallen. Wirklich, diese Vergleiche haben keine Grundlage.“
„Und doch – verzeihen Sie, wenn ich da noch einmal nachfrage –“, sagte der Journalist mit einem Lächeln, das Adam Ryans noch mehr reizte, „gibt es ein paar Korrespondenzen, ganz unübersehbare Korrespondenzen, wie ich meine. So zum Beispiel, wenn Sie in SOME THINGS GOTTA CHANGE singen ...“
„Nein, wirklich, jetzt hören Sie auf! Da gibt’s nichts, sage ich Ihnen. Ich bin ich, und das ist alles!“
„Ja, aber wenn Sie singen“ – der Journalist fing an, eine Adam-Ryans-Melodie zu singen, ohne allerdings die Töne zu treffen – „‚My love speaks like thunder’ – wer müßte da nicht automatisch an“ – der Journalist sang noch einmal, nun eine andere, ebenfalls nicht zu erkennende Melodie – „‚My love, she speaks like silence’ denken?“
Adam Ryans schaute düster.
„Aha. Und was soll das sein?“
„Na ja, das kennen Sie doch wohl?“
„Ich würde kaum fragen, wenn mir das bekannt wäre, oder?“
„Sie kennen das wirklich nicht?“
„Okay, mir reicht’s!“ Adam Ryans quetschte seine Zigarette in den Aschenbecher und stand auf. „Ich habe die Schnauze voll! Suchen Sie sich jemand anderes, dem Sie vorsingen können. Ich muß mich jetzt auf mein Konzert vorbereiten.“
„Es ist Bob Dylan, ‚Love Minus Zero/No Limits’!“ rief der Journalist.
Adam Ryans aber winkte ab.
„Ich hab genug von Ihnen. Verschwinden Sie!“
„Aber ...“
„Nein, gehen Sie zu Ihrem Bob Dylan, singen Sie dem was vor! Raus!“ Und sehr viel lauter wiederholte er noch einmal: „RAUS!“
Der Journalist erhob sich. Zögernd nahm er das Diktaphon vom Tischchen. Adam Ryans schien kurz davor zu stehen, dem Journalisten die Faust ins Gesicht zu schlagen, und der Manager erhob sich nervös, um notfalls dazwischen gehen zu können.
„Gehen Sie zu Ihrem Dylan“, sagte Ryans heftig, „und fragen Sie ihn aus. Reden Sie mit ihm über seine Großartigkeit. Würden Sie Ihren Bob Dylan auch fragen, was ihn dazu gebracht hat, seine Texte bei mir zu klauen?“
„Ich wollte doch aber keineswegs ... es handelt sich doch lediglich um intertextuelle ...“
Adam Ryans war jedoch schon durch die Tür hinaus gestürmt.
München, den 16.10.2004
Robert Mattheis