Das Gespräch der beiden Männer hat sich schon eine ganze Weile einem gemeinsamen Freund zugewandt. Auf dem Tisch zwischen ihnen läuft ein digitales Aufzeichnungsgerät, ein Mikrophon ist aufgestellt. Draußen ist es längst dunkel, der Frühling hat begonnen, vielleicht ist es auch schon der Sommer. Die Männer haben ihre Jacketts abgelegt und rauchen. Sie haben noch eine Flasche Wein bestellt, obwohl sie beide wissen, daß sie schon genug haben. Der eine ist Philosoph, der andere gibt sich Medienexperimenten hin. Sehnsucht hat sich breit gemacht, auch Wehmut. Sie waren zusammengekommen, um über das Theater zu sprechen; das haben sie erledigt. Sie haben sich echauffiert, aber nicht zu einer wirklichen Hoffnung gefunden. Mittendrin tauchte ihr gemeinsamer Freund auf. Ganz automatisch behalten sie im Folgenden die Rollen von Fragesteller und Befragtem bei, auch wenn diese Rollenverteilung nicht mehr angemessen sein mag.
MEINOLF REUL: Es gab dieses Zeitschriftenprojekt, DER LOBOTOM, das er eine Zeitlang verfolgt hat. Er nannte es ja „eine Fortsetzung der Frankfurter Schule mit anderen Mitteln“. Kannst du das mal erläutern? Was steckte denn für eine Grundidee dahinter?
MARTIN C. SCHMIDT: Ich glaube, das mit der Frankfurter Schule solltest du nicht zu ernst nehmen; das solltest du nicht überbewerten. Er war ja kein Philosoph. Er wußte von all diesen Dingen nicht sehr viel. Er folgte da bedingungslos seiner Intuition. Vor allem steckte hinter dem Projekt LOBOTOM Verzweiflung. Ein antiautistischer Affekt.
MR: Er fühlte sich von einer autistischen Welt umgeben? Von einer gefühllosen Welt?
MCS: Er sah das alles sehr klar. Er war nicht paranoid. Manche meinten, er habe an Verfolgungswahn gelitten, und manchmal gab es sicher auch Momente ... manchmal schlägt das über einem zusammen. Das kennst du ja auch. Er hatte ja z. B. diese Haßanfälle, und die waren unerträglich. Das war krank. Aber insgesamt war er doch sehr klar. Klar und vernünftig. Wir leben ja tatsächlich in einer Welt, in der Verständigung sehr, sehr problematisch, wo nicht unmöglich geworden ist. Das beginnt bei der Frage: Wem kann ich trauen?
MR: Was war seine Grundbeobachtung? Mir scheint, er glaubte: Das, was geredet wird, hat sich von der Realität längst verabschiedet. Das hat sich verselbständigt. Die Realität ist ganz anders als die Vorstellungen, die wir uns von ihr machen. Wir sind gar nicht mehr in der Lage, wirklich von der Wirklichkeit zu reden.
MCS: Wir leben mit einem verdoppelten Bewußtsein. Auf der einen Seite glauben wir natürlich den Quatsch, der in den Zeitungen steht, den wir im Fernsehen sehen, obwohl unsere Sinne uns dazu nichts Primäres mitteilen, uns keine Gewißheit schaffen. Denn der Mensch muß zunächst einmal alles glauben, was ihm begegnet. Das ist sein Urvertrauen. Ohne dieses Urvertrauen wäre er verloren; er verlöre den Verstand, sofort, wenn er auf sein Urvertrauen verzichtete. Der Mensch nimmt also sofort alles an, weil er seinen Sinnen ausgeliefert ist. Er ist gläubig, er glaubt. Auf der anderen Seite wissen wir natürlich, daß das, was uns da präsentiert wird, Quatsch ist, daß wir mit großer Wahrscheinlichkeit manipuliert werden. Daß man uns für blöd verkauft. Das ist uns deutlich bewußt. Es ist eine Art Spiel. Wir beobachten die Medien, um uns darüber ärgern zu können, daß sie versuchen, uns zu manipulieren.
MR: Wo ist da der Sinn?
MCS: Ich nehme an, die eigentliche Funktion des offensichtlichen und ohne Unterlaß fortgesetzten Betrugs der Massenmedien ist es, uns das Gefühl zu geben, wir lebten in einer Welt, die wir durchschauen – und also beherrschen können. Die wir im Griff haben. Es ist eine Anti-Orwellsche Fiktion, die die Massenmedien entwerfen. Nicht: Big Brother is watching you, sondern: You are watching Big Brother!
MR: Wenn jemand sagt: Werbung, das ist für mich eine Form von Kunst – hat das damit zu tun? Wo ist da der Big Brother?
MCS: Definitiv hat das damit zu tun. Es ist eine Umwertung, wenn ich sage: Werbung ist Kunst. Ich bringe mich dadurch in eine Position der Stärke, ich definiere mich als den Überlegenen. Während ich von der Werbung manipuliert werde, verhält es sich bei der Kunst umgekehrt: Die Kunst liefert sich uns aus. Sie ist offenherzig.
MR: Sie ist naiv.
MCS: Ja. So raffiniert sie auch sein mag – sie ist naiv. Das macht ihren Wert, ihre Größe aus, aber auch ihre Schwäche. Ihre ontologische Position, wenn ich dieses Wort auf Artefakte anwenden darf, ist ausgesprochen schwach in einer Gesellschaft, die dermaßen auf Durchtriebenheit setzt wie die unsere. Die Kunst macht sich schutzlos. Sie macht sich lächerlich, weil sie nicht zynisch ist. Es liegt also ein Selbstbetrug vor, wenn du Werbung als Kunst auffaßt – denn die kleinen durchtriebenen Aesthetica der Werbung haben mit Kunst nicht das Geringste gemein. Werbung verkleidet sich nur als Kunst, um in uns den Eindruck zu erwecken, wir würden nicht manipuliert. Das soll uns Vertrauen schenken. Zugleich wird durch diese Angleichung die Kunst entwertet, werden ihre Formen in Mitleidenschaft gezogen. So funktioniert etwa das abgeschlossene Kunstwerk nicht mehr, wenn jede Werbejingle sich als abgeschlossenes Kunstwerk präsentiert. Der Reim funktioniert als Mittel der Kunst nicht mehr, wenn Kaffee mit Reimereien beworben wird. Die Künstler spüren das. Es macht ihnen Angst. Und sie weichen ins Prozeßhafte aus, ins Offene. Sie sabotieren die vertrauten Formen, sie zerstören den Appell ans Urvertrauen. Sie gehen dahin, wo die Werbung verloren wäre, da ihre Hintergedanken sofort offensichtlich würden, wo im Bruch der Formen die Intention sichtbar wird.
MR: Das ist eine sehr moderne artistische Haltung, die du da beschreibst, oder? Ist das nicht z. B. Musil? „Der Mann ohne Eigenschaften“ – das war doch der Beweis, daß nicht mehr das Resultat, nicht mehr das Werk zählt oder auch nur Sinn ergibt, sondern nur noch der künstlerische Prozeß. In der Postmoderne gibt es dagegen die Rückkehr zur traditionellen Form, zum abgeschlossenen Kunst-Kosmos, zum Werkcharakter der Kunst.
MCS: Was im Grunde genommen absurd ist. Das menschliche Leben ist zu einer sehr offenen, nach vorn gerichteten, aber leider auch trostlosen und ephemeren Angelegenheit geworden. U. a. weist das Richard Sennett in „Der flexible Mensch“ nach. Der Originaltitel ist ja „Die Korrosion des Charakters“. Wir nehmen durch unsere Lebensweise wirklich Schaden an unserem Charakter, an unserer Seele! Überleg doch nur – eine Gesellschaft, in der du zusammenzuckst, wenn du das Wort „Seele“ hörst – oder „Herz“! Du kannst das auch beim Soziologen Zygmunt Bauman nachlesen. Bauman sagt: Die Welt, in der wir leben, hat etwas Flüssiges, Flüchtiges. Aber der Mensch sehnt sich natürlich nach Beständigkeit, nach Festigkeit. Er weiß nie, wohin es geht, aber er will doch wissen, wer er ist, woher er kommt. Aber unter den bestehenden Verhältnissen wäre es tödlich, sich auf eine solche Selbstdefinition einzulassen. Man muß flexibel bleiben, sowohl nach vorne als auch nach hinten. Der Befund ist eindeutig: Der Mensch ist ein Wesen, das sich permanent selbst entwerfen muß, in jeder Hinsicht. Er hat eine Geschichte, aber er darf aus dieser Geschichte nichts lernen. Es hätte keinen Sinn, aus einer Geschichte etwas zu lernen, denn es wird keine Wiederholung geben. Für solche Sicherheiten ist die Welt der Moderne zu unsicher. Der Mensch hat keinen Ort mehr. Er ist, in einem ganz universellen, aber auch intimen Sinne, ein Nomade.
MR: Er kann und darf sich nicht mehr festlegen?
MCS: Im Unterschied zur Moderne hat er allerdings das deutliche Bewußtsein der Prozeßhaftigkeit seines Lebens verloren. Es gibt nicht mehr die großen Geschichten, die ihm Angst machen, die sein Bewußtsein für die Unermeßlichkeit der Experimente, für die Ernsthaftigkeit seiner Existenzversuche wecken. Der Postmoderne floatet. Der Bürger treibt auf den Wellen des Geschehens darin, trinkt noch einen Cocktail, streichelt eine Schulter. Und schaut fern. Er wartet, wenn man so will, darauf, daß es vorbei ist. Er ist ein Kind, das die Geschichte auf dem Arm trägt.
MR: Auch das ist ein Trost, oder?
MCS: Ja. Aber, man muß das immer wieder sagen, auch wenn es ermüdet: ein ausgesprochen trostloser.
Berlin, den 01.06.2004
Robert Mattheis